Gottesglaube: Eine anthropologische Grundkonstante?

Lesezeit: ~ 2 Min.

Was könnte der Grund dafür sein, dass sich der Glaube an Götter bis heute gehalten hat? – Gastbeitrag von Marcus Müller

Ich denke, dass es eine natürliche Sehnsucht ist, z. B. nach der Geborgenheit in der familiären Sippe, was tief in uns steckt, und der Leere (als funktionales Zahnrad im gesellschaftlichen Produktivgetriebe) und Verlorenheit (in der Austauschbarkeit der Ware Mensch auch im sozialen Gefüge) gegenüber steht, die wir in uns haben, seit wir dies durch die Sesshaftwerdung und die „Vermassung“ der Gesellschaften verloren haben.

Nach dem Psychologen und Anthropologen Robin Dunbar ist im Neocortex von Menschen eine maximale Gruppengröße verwaltbarer sozialer Kontakte auf etwa 150 (Dunbar-Zahl (öffnet in neuem Tab)) begrenzt. Das erklärt, warum die Sesshaftigkeit mit den von ihr verursachten dies weit überschreitenden Gruppengrößen uns aus unseren phylogenetischen (öffnet in neuem Tab) Rahmenbedingen verdrängt hat.

Ich sehe drei Faktoren, die dazu beitragen, dass die Neigung zu Gottesglaube eine anthropologische Konstante ist:

  1. Neigung zu Fehlschlüssen / emotionalen Vorurteilen
  2. Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit
  3. Suche nach Transzendenz, Sinn und Streben nach Höherem

Gott ist also zugleich der hineininterpretierte Agent hinter unverstandenen dynamischen Phänomenen, die Projektionsfläche des vermissten strengen, aber liebend-fürsorglichen Stammesanführervater (anstatt des ausbeuterischen Herrschers) und der unterstellte höhere Sinn im Dasein. Das sind wie beim Überraschungsei gleich drei erfüllte Wünsche in einem…

(Gastbeitrag von Marcus Müller)

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Bleibt noch zu ergänzen, dass das gesellschaftliche Phänomen des Gottesglaubens noch keine Existenz von Göttern beweist, im Gegenteil. Hätten Götter tatsächlich einen Einfluss auf die reale Wirklichkeit, müsste niemand an sie glauben, so wie niemand an die Schwerkraft glauben muss.

Dass sich die Menschheit schon quasi seit Beginn ihrer Existenz übernatürliche Mächte ausgedacht hat, hängt in erster Linie damit zusammen, dass für diese Menschen aufgrund ihres damals noch vergleichsweise äußerst begrenzten Wissensstandes ein übernatürlicher Einfluss schlicht und ergreifend die wahrscheinlichste, logischste Erklärung für Unerklärliches war.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Blick auf die Vielzahl (öffnet in neuem Tab) so genannter Cargo-Kulte (öffnet in neuem Tab).

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