Das Wort zum Wort zum Sonntag: Demokratie strengt an

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Das Wort zum Wort zum Sonntag: Demokratie strengt an, gesprochen von Annette Behnken (ev.), veröffentlicht am 15.9.2016 von ARD/daserste.de

[…] Meine tiefe Überzeugung ist es, dass ich andere Meinungen achten will, zuhören. Versuchen zu verstehen. Mich auseinandersetzen, nachhaken, aber auch Position beziehen.*

Frau Behnken, einen solchen offenen Standpunkt öffentlich zu verkündigen ist eine Sache. Sich selbst auch so zu verhalten, eine andere. Während ich mich schon mit einigen Ihrer Verkündigungen (und denen Ihrer “Wort-zum-Sonntag-“Kollegen) eingehend auseinandergesetzt und nachgehakt, aber auch meine Position bezogen habe, haben Sie das bis jetzt jedenfalls trotz Ankündigung noch nicht getan.

Offenbar strengt Sie nicht nur Demokratie, sondern auch die Auseindersetzung mit der Realität an? Welche anderen Regierungsformen außer der Demokratie haben Sie denn schon am eigenen Leib erlebt? Vielleicht eine, die weniger anstrengend für Sie war?

Demokratie: Mühsam erkämpft. Aber von wem eigentlich?

So wie es mühsam mit der Demokratie erkämpft worden ist.

Welch erstaunliche Erkenntnis für eine Vertreterin der christlichen Lehre. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, gegen wen oder was die Demokratie so mühsam (wieder) erkämpft werden musste? Genauso wie die vielen weiteren Errungenschaften von Aufklärung und Humanismus, von denen Sie heute ebenfalls profitieren?

Evangelische Christen weisen gerne darauf hin, dass sich die Protestanten nach dem zweiten Weltkrieg ja für Demokratie eingesetzt hätten. Anders als die katholische Abteilung, die mit Demokratie bis heute nichts am Hut hat. Aber wer hatte die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Demokratie nach Jahrhunderten ohne Demokratie erst wieder möglich geworden war?

Und so, wie es dem christlichen Menschenbild entspricht, das von der grundsätzlichen Hochachtung und Liebe zum Anderen ausgeht.

Hochachtung und Liebe zum Anderen – aber nur zu dem anderen, der bereit ist, sich ebenfalls dem Wüstengott Jahwe zu unterwerfen. Wie mit Un- und Andersgläubigen zu verfahren ist, haben die Bibelschreiber ihren Gott und auch dessen Sohn (bzw. 2. Drittel) unmissverständlich klar machen lassen: Auf die Un- und Andersgläubigen wartet ewige Verdammnis. Also zeitlich unbegrenzte physische und psychische Folter.

Wer etwas über ein “christliches Menschenbild” sagen möchte, darf diesen unangenehmen Aspekt nicht einfach unter den Teppich kehren.

Götterglaube und Sachdiskussion?

Morgen wird in Berlin gewählt und im Vorfeld des Wahlkampfes war von Argumenten und Sachdiskussion wenig zu spüren.

Sich über mangelnde Argumente und fehlende Sachdiskussion bei anderen zu beschweren, gleichzeitig aber noch Götter und Geister für wahr zu halten, passt nicht wirklich gut zusammen. Voraussetzung für eine Sachdiskussion ist, dass sich die Beteiligten auch an die sachliche Wirklichkeit halten. Und nicht einfach so tun, als gäbe es ihre imaginären Freunde in Echt.

Wer so tut, als seien Götter reale Größen, sollte sich bei der Bewertung des Diskussionsstils zu Sachthemen allgemein vielleicht besser zurückhalten. Star Wars™®-Fans geben ja auch keine Statements zu politischen Themen ab. Oder Donaldisten. Und wenns schon sein muss, dann bitte nicht auf Staatskosten und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

[…] Wenn die Gleichheit jedes Menschen nicht mehr gilt. Und die Werte unseres, wenn man es denn so nennen will, christlich geprägten Abendlandes: Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Das, was unsere moderne Gesellschaftsordnung ausmacht, ist nicht die christliche Prägung. Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit sind Werte der Aufklärung. Nicht des Christentums. Die Mär von den “christlichen Werten” wurde schon vielfach beschrieben, ebenso die Unterschiede zwischen Nächstenliebe im christlichen Sinn und einer modernen Humanethik.

Religionen trennen

Monotheistische Religionen wie das Christentum wirken grundlegend einer Gleichheit aller Menschen entgegen.

Religionen trennen Menschen zusätzlich zu schon bestehenden Abgrenzungen (räumlich, geschlechtlich, politisch…) noch in Zugehörige und Un- und Andersgläubige. Dem biblischen Jesus legten die Autoren dementsprechend folgende Worte in den Mund:

  • Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei. Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. (Lukas 12,51-53 LUT)

Unvermeidlich im Wort zum Sonntag: Rosinenpicken

Denn, so steht es in der Bibel: “Gott hat uns nicht einen Geist der Feigheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.”

Frau Behnken, woher wissen Sie, dass ausgerechnet diese Bibelstelle gilt? Und nicht vielleicht zum Beispiel eine dieser Stellen?

  •  Dienet dem HERRN mit Furcht und küsst seine Füße mit Zittern, dass er nicht zürne und ihr umkommt auf dem Wege; denn sein Zorn wird bald entbrennen. Wohl allen, die auf ihn trauen! (Ps 2, 11-12 LUT)
  • Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus. (Kol 2,8 LUT)
  • Durch dich wollen wir unsre Feinde zu Boden stoßen, in deinem Namen niedertreten, die sich gegen uns erheben. (Psalm 44,6 LUT)
  •  Ich will euch aber zeigen, vor wem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch. (Lk 12,5 LUT)
  • Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht. (1. Kor 16,22 LUT)

Diese Sätze stehen genauso in der Bibel. Und gelten deshalb nach christlicher Lehre genauso als von Gott persönlich geoffenbartes “Wort Gottes.” Aber trotzdem tauchen diese und zahllose andere, ähnlich inhumane, absurde, archaische oder auch weltfremde biblische Aussagen praktisch nie in religiösen Verkündigungen auf. Woher wissen die Verkünder, welche Sätze sie herauspicken und welche lieber nicht? Anhand welcher Maßstäbe entscheiden sie, welche Werte zum “christlichen Abendland” passen? Und welche nicht?

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Artikel.
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