Sowas kommt von… sowas? Die Ebenen des Determinismus

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Besonders wenn es um die Frage nach der angeblichen menschlichen Willensfreiheit geht, spielt der Begriff Determinismus eine wichtige Rolle.

Die Wikipedia-Definition lautet:

  • Der Determinismus (von lateinisch determinare ‚festlegen‘, ‚Grenzen setzen‘, ‚begrenzen‘) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind. Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es bestimmte Ereignisse gibt, die nicht eindeutig durch Vorbedingungen determiniert, sondern indeterminiert (= unbestimmt) sind. (Quelle: Wikipedia)

Doch welche Vorbedingungen sind es, die Menschen das denken und tun lassen, was sie denken und tun? In diesem Gastbeitrag liefert Marcus Müller einen Überblick über die verschiedenen Ebenen des

Determinismus

Was wir tun, wird von mehreren Ebenen determiniert:

  1. Kulturelle Formung

    1. Erziehung
      durch die Eltern, aktiv und passiv, indem sie uns als Vorbild eine Lebens- und Denkweise nahelegt, durch das Umfeld, in dem wir geliebt werden wollen und uns deshalb anpassen oder bestimmte Modelle der Rebellion imitieren.
    2. Sprache,
      die uns eine Denkweise beibringt, mit der wir nicht nur mit den “anderen”, sondern auch mit uns selbst im Zwiegespräch stehen und unser Verhalten nach soziokulturell übermittelten Pfaden erörtern.
    3. Glaubensinhalte,
      die uns durch unsere Kultur übermittelt werden, die unser Verhalten als vermeintliche absolute Wahrheit bestimmen, wenn wir glauben, das unser Gott dies und das von uns will, oder dass wir unser Leben am Geldverdienen ausrichten müssen.
    4. Soziale Erwartungen,
      die wir in uns aufnehmen, verinnerlichen und anhand derer wir eine Maske, eine “Person” aufbauen, die diesen Erwartungen entspricht und mit der wir uns identifizieren.
  2. Phylogenetische* Einschränkung

    1. Anatomie,
      die begrenzte Fähigkeiten gibt. Wir können nichts tun, was unsere Anatomie nicht erlaubt. Nicht fliegen ohne Hilfsmittel, nichts denken, was die Kapazität unseres Hirns übersteigt.
    2. Hormonelle und neurologische Regulation,
      die unser Verhalten bestimmt, indem sie aus der angeborenen und erlernten Erfahrung eine Verhaltensoptimierung vorgibt. Wir können nichts tun, was nicht im Rahmen unserer biochemischen und neurologischen Motivation möglich ist. Und wir können auch manche Dinge nicht unterdrücken, die wir tun wollen, es sei denn durch 3).
  3. Naturgesetze,

    1. die kausale Zusammenhänge vorgeben – wir können nichts tun, was gegen die Naturgesetze verstößt und unser Gehirn ist ein physikalisches Objekt, in dem ebenso die Naturgesetze gelten wie bei der Kollision zweier Objekte.
  4. Individuelle Erfahrungen

    1. Traumatische Erlebnisse,
      die uns Verhaltensmuster der Verdrängung, Vermeidung und Angst einprägen, die wir nur schwer mit langwieriger Therapie wieder ablegen können.
    2. Persönliche Erfolge und Niederlagen,
      die unsere Persönlichkeit bestimmen, wie wir auf Herausforderungen zugehen und sie annehmen oder ihnen ausweichen, und die unser Selbstbewusstsein formen.
    3. die Gesamtheit aller Erfahrungen,
      die das neuronale Netz unseres Hirnes mit Assoziationen und Verhaltensmustern füllt, ohne die wir kein erlerntes Verhalten aufweisen könnten, sondern nur aus der hormonellen Regulation und darauf aufgebauten unbewussten Instinkten handeln würden.

Ein Netz aus Mustern

In all diesen Vorgaben wird der Wille und das Verhalten eines Menschen bestimmt. Der Wille ist nicht frei und dem Einzelnen überlassen.

Sondern er liegt in einem Netz aus biologischen, soziokulturellen und mythomotorischen Mustern, die nicht vom Individuum, das diese nutzt, geschaffen wurde.

Denn diese Muster setzen sich aus Erfahrungen, die teilweise in Milliarden Jahren Selektion des Funktionierenden oder zumindest Jahrtausenden kultureller Entwicklungen gemacht worden waren, zusammen.

Es sind Muster, die selbst dort, wo sie hundertprozentig individuell und einzigartig sind, trotzdem kausalen Naturgesetzen und biologischen Vorgaben entsprechen, indem dem Individuum etwas widerfährt, das andere Muster zu etwas Neuem zusammenstoßen lässt.

Keine Lücke für freien Willen

Eine Lücke, in die man den Eingriff eines “freien” Willens erklären könnte, gibt es da nicht. Er ist ebenso ein Mythos, ein Glaubensinhalt, der allerdings die Grundlage unserer Gesellschaft in Form von Schuld, Bestrafung und Sühne – ja, sogar das gesamte Geld – und darauf basierte Wirtschaftssystem begründet.

Auch der Glaube an den freien Willen formt unser Verhalten. Aber nicht aus freiem Willen, sondern als kommunizierter, verinnerlichter Glaubensinhalt.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
*Wikipedia-Zitat: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

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