Was wirklich zählt – das Wort zur Rechtfertigung im Wort zum Sonntag

Was wirklich zählt – das Wort zum Wort zum Sonntag von Pfarrerin Annette Behnken (ev.) mit einer Rechtfertigung ihres Glaubens, veröffentlicht am 25.3.2017 von ARD/daserste.de

[…] Die Kirche schrumpft rasant. Und ich gehör immer noch dazu, zu meiner mir manchmal so peinlich-lahmen-lebensfremden Kirche.*

Na klar. Frau Behnken, Sie verdienen ja auch ihr Geld damit, die Lehren dieser – Zitat: peinlich-lahmen-lebensfremden Kirche zu verbreiten.

Aber genau deshalb, weil sie sich so wacker gegen den Zeitgeist stellt, wenn es nötig ist. Und die Fahne hochhält für die wichtigsten Werte: die, die dem Leben dienen. Über allen Zeitgeist hinweg.

Zu der Zeit, in der die Kirche noch das Sagen hatte, hielt sie vorallem die Fahne hoch für die Werte, die der Kirche dienten. Und von dieser Zeit zehrt die Kirche bis heute. Kirchen haben ihr Fähnlein schon immer in den jeweils für sie günstigsten Wind gehängt. Egal, aus welcher Richtung der gerade kam. Ohne die enge Symbiose mit den gerade herrschenden Machthabern hätte das Christentum niemals so lange überdauert. Und das gilt bis heute.

Hier kommt der Kirche die Beliebigkeit ihrer Lehre zupass: Ihr Fähnlein kann in praktisch jedem beliebigen Wind wehen. Und Gott scheint es völlig einerlei zu sein, ob in seinem vermeintlichen Namen und Auftrag Menschen geliebt oder ermordet werden.

Es ist keineswegs so, wie von Frau Behnken dargestellt: Die Kirche ist eben nicht die Hüterin von übergeordneten moralischen Standards. Vielmehr ist sie moralisch orientierungslos. Weil sie nicht mal die Minimalanforderungen an ein Moralsystem erfüllen kann.

Vertrauen in die Großmutter

Weil ich damals meiner Großmutter geglaubt habe, dass es Gott gibt und dass er überall ist wie Nebel und Wolken und alles mit Wohlwollen erfüllt. Weil ich schon immer Sehnsucht hatte. Nach Tiefe. Schönheit. Sinn. Nach Zuhausesein in der Welt.

Warum haben Sie das geglaubt? Weil Sie darauf vertraut haben, dass Ihnen Ihre Großmutter keine Göttermärchen erzählt? Und weil Sie als Kind beigebracht bekommen haben, dass dieser Gott Ihre Fragen beantworten würde? Oder weil er Ihre Sehnsüchte nach Sinn und Zuhausesein befriedigen würde?

Dass es sich bei diesem Gott wie bei allen anderen auch bis zum Beweis des Gegenteils nur um eine rein menschliche Fiktionen handelt, war da wahrscheinlich das kleinere Problem.

Weil ich verstehen will: Was hat er sich gedacht, der, den ich Gott nenne, was hat er sich gedacht mit dem Ganzen hier, mit all dem Leben, das so beschissen sein kann und so wunderschön.

RechtfertigungWenn Sie etwas verstehen wollen, dann sollten Sie die Werkzeuge des rationalen Denkens anwenden. Wie wollen Sie denn einen Gott, der per definitionem übernatürlich, also außerhalb der Natur zuhause ist, verstehen? Als angeblich allmächtiges, allwissendes und allgütigen Wesen hätte Gott jede Möglichkeit, verstanden zu werden. Wenn er das wollte.

Die von Gott offenbar gewählte Methode, sich über mündliche Überlieferungen von einigen Menschen in der Bronzezeit und im Vormittelalter zu offenbaren und ansonsten durch Untätigkeit und Abwesenheit zu glänzen, lässt jedenfalls nicht vermuten, dass er von einer bestimmten Trockennasenaffenart verstanden werden möchte.

Gott möchte offenbar nicht verstanden werden

Ich hab meine Zweifel an ihm. Das ist nicht schwer, Gründe gibt es genug. Ob‘s ihn wirklich gibt und wie, weiß ich nicht. Trotzdem kann ich nicht aufhören, ihn zu suchen und irgendwie zu glauben. Und wenn ich glücklich bin, weil ich den Wald rieche und das Meer höre und meine geliebtesten Menschen küsse – dann muss dieses Glück doch irgendwo hin.

Sie können natürlich jederzeit ganz einfach damit aufhören, ein Phantom zu suchen und irgendwie daran zu glauben. Und natürlich haben Sie unvorstellbar viele Möglichkeiten, wo Sie mit Ihrem Glück hinkönnen: Zu sich selbst, zu Ihren Mitmenschen, zu Ihrer Umwelt.

Alles im Diesseits. Und in der natürlichen Wirklichkeit. Lachen Sie, singen Sie, tanzen Sie. Und teilen Sie Ihr Glück! Götter brauchen Sie dazu nicht.

[…] Ich glaube nicht, dass Christen die besseren Menschen sind oder die glücklicheren.

Das wären ja zumindest mal Gründe, Christ sein zu wollen. Wenns denn so wäre. Aber: Wie kann die Kirche ihren Anspruch aufrecht erhalten, eine (oder gar: die) maßgebliche Moralquelle zu sein, wenn nicht mal ihre Anhänger mehr daran glauben, dass Christsein Menschen besser und/oder glücklicher macht? Was macht Christsein denn dann mit Menschen, wenn nicht besser oder glücklicher? Frau Behnken, warum sollte man Ihrer Meinung nach an Ihren Gott glauben?

Rechtfertigung: Wunsch und Wirklichkeit

Unsere Gesellschaft verdankt aber ihre höchsten Werte dem Christentum: Frieden. Gerechtigkeit. Bewahrung der Schöpfung. Und die Würde jedes und jeder einzelnen. Auch deshalb bin ich noch dabei.

Frau Behnken, das glauben Sie aber nicht wirklich, oder? Dass unsere Gesellschaft diese Werte ausgerechnet dem Christentum verdankt? Also der Lehre, die für mehr Leid und Elend gesorgt hat als irgendeine andere Ideologie? Jedenfalls während der Jahrhunderte, in denen sie noch die Macht dazu hatte?

Haben Sie sich schon mal mit der 10bändigen Kriminalgeschichte des Christentums befasst? Wie kann man den Wert der menschlichen Würde für sich beanspruchen, wenn man Menschen gleichzeitig eine Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit unterstellt?

Die Werte, auf denen offene und freie Gesellschaften aufbauen, wurden gegen den erbitterten Widerstand des Christentums mühsam erstritten. Ein Fundament dieser Werte ist die Säkularisierung. Also die Trennung von Staat und Kirche. Eine kurze Vorstellung aller 6 europäischen Werte finden Sie hier.

Was das Thema Kirche und moralische Werte angeht, empfehle ich das Buch Die Legende von der christlichen Moral.** Autor Andreas Edmüller legt darin ausführlich begründet und sehr anschaulich dar, warum das Christentum moralisch orientierungslos ist. Und zwar nicht nur prima facie 🙂

“Ich bin das Leben.” – Ja, und?

Ich bin noch dabei, weil das Leben schwierig und kompliziert ist und ich nicht will, dass wir den Vereinfachern und Fundamentalisten das Feld überlassen. Weil Jesus gesagt hat: „Ich bin das Leben“.

Was ist denn ein “Ich bin das Leben” aus dem Mund einer literarischen Kunstfigur anderes als eine inhaltsleere Vereinfachung? Und keine stichhaltige Rechtfertigung? Was wird dadurch denn weniger schwierig oder weniger kompliziert?

Dass das Christentum nicht nur im katholischen, sondern auch im evangelischen Zweig ein nährstoffreicher Boden für Fundamentalisten ist, wissen Sie sicher selbst. Religiöse Heilsversprechen sind genau das, was Sie hier kritisieren: Vereinfachungen auf Kosten der Ehrlichkeit und Redlichkeit. Während Präsidenten versprechen, ihr Land “great again” zu machen, versprechen Kirchen, Menschen nach ihrem Tod “great again” zu machen. Vorausgesetzt, sie lebten auf der richtigen Seite der Mauer.

Weil ich glaube, dass er einer der freiesten Menschen überhaupt war. Der bedingungslos aus der Liebe lebte.

Gehen Sie von den biblischen Texten aus (andere gibts ja nicht), dann war Jesus wohl kaum einer der freiesten Menschen überhaupt. Er war gefangen im strengen Glauben an ein überirdisches Götterwesen, dessen unmittelbar bevorstehende Ankunft er verkündete. Womit er sich, wie wir heute sagen können, gründlich geirrt hatte.

Dass göttliche Liebe alles andere als bedingungslos ist, hatte ich in mehreren Beiträgen schon ausführlich dargestellt. Denn göttliche Liebe ist immer an die Bedingung geknüpft, ob jemand bereit ist, sich diesem Gott unterzuordnen.

Auf Un- und Andersgläubige wartet nach christlicher Lehre das genaue Gegenteil von Liebe. Für Leute, die auch schlimmstes Leid und größtes Elend zum göttlichen Liebesbeweis umdefinieren können, dürfte das aber kein größeres Problem darstellen. Und schließlich ist man sich ja sicher, zu den “Guten” zu gehören, wenns soweit ist. Weil man ja “noch dabei” ist.

Bei dem jede und jeder Würde hatte. Der heilte und erlöste.

Jesus: Würde für alle? Von wegen…

Aber nur jeder und jede, der oder die bereit war, ihn anzuerkennen und sich den von ihm behaupteten Gott zu unterwerfen:

  • »Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat; ich will meinen Geist auf ihn legen, und er soll den Völkern das Recht verkündigen. (Mt 12,18 LUT)
  • Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen? Darum: Siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern, auf dass über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut Secharjas, des Sohnes Berechjas, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. (Mt 23, 33-35 LUT)
  • Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. (Mt 10,34-39 LUT)
  • Er antwortete und sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist’s, der den guten Samen sät. Der Acker ist die Welt. Der gute Same, das sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die, die da Unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern. (Mt 13, 37-42 LUT)

Das mit der Würde für jedermann und -frau lässt sich biblisch also höchstens durch gezieltes Herauspicken der dafür vielleicht irgendwie geeigneten Sätze oder Halbsätze darstellen. Und durch konsequentes Weglassen der vielen Stellen, die mit menschlicher Würde für alle wahrlich nichts zu tun haben. Was taugt das Würde-Verständnis von Jesus zur Rechtfertigung des Glaubens?

Glauben wegen Nichtwissen?

Mein Bild von Gott hat Federn gelassen über die Jahre, seit ich meiner Großmutter geglaubt habe. Und das ist richtig so. Weil ich eigentlich nichts weiss.

Manche Menschen schaffen es ein Leben lang nicht, sich von ihrem naiven Kinderglauben, den sie zum Beispiel von ihrer Großmutter eingeflößt bekommen hatten, zu befreien. Zu groß scheint der Wunsch zu sein, die hoffnungsvolle Illusion könnte vielleicht doch irgendetwas mit der natürlichen Wirklichkeit zu tun haben.

Wie man es aber schafft, im Erwachsenenalter trotz eines Theologiestudiums und mit der Erkenntnis, dass man eigentlich nichts weiß, noch christliche Glaubensinhalte für wahr zu halten, kann ich mir nicht erklären. Wie sollte eine Rechtfertigung dieses Festhaltens an Glaubensgewissheiten gelingen?

Für Menschen, die ihr Geld mit der Verkündigung religiöser Lehren verdienen, wäre es ja auch reichlich kontraproduktiv, sich von irrationalen religiösen Glaubensgewissheiten zu verabschieden.

[Edith Stein:] Gott ist ungreifbar, unfassbar und doch ist er mir näher, als ich mir selbst.

Welche sinnvollen Aussagen kann man über etwas machen, das man gerade eben als ungreifbar, unfassbar definiert hat? Und wie kann man dieses ungreifbare, unfassbare Etwas von beliebigen anderen Etwassen unterscheiden, von denen man behauptet, dass sie einem näher sind als man sich selbst?

Frau Behnken, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Ihnen die von Ihnen hier skizzierte Rechtfertigung Ihres Glaubens tatsächlich reicht, um an diesem Glauben festzuhalten.

  • Was wirklich zählt, ist das Diesseits. Sie selbst, ihre Nächsten, Ihre Fernsten und Ihre Umwelt.
  • Die Werte, auf deren Grundlage offene und freie Gesellschaften entstehen können, sind die 6 europäischen Werte. Wofür brauchen Sie noch Götterglauben, wenn Sie Wissenschaft, Philosophie und Kunst zur Verfügung haben?
  • Halten Sie Großmutters Erzählungen, Nichtwissen, Wunschvorstellungen und die beliebig definierbaren christlichen moralischen Aussagen wirklich für geeignet zur Rechtfertigung eines Festhaltens an dieser Lehre?

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.
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