Katholiken in Polen rüsten zum Glaubenskrieg: Grenzsicherung mit Rosenkranzgebeten

Mit Rosenkranz zum Kampf gegen das Böse, das Polen bedroht – Gedanken zum Beitrag “Hunderttausende wollen an der Grenze Polens beten” von (luk), veröffentlicht am 27.09.2017 von katholisch.de

Mehr als 3.500 Kilometer ist Polens Grenze lang. Eine Initiative will diese Strecke am ersten Samstag im Oktober mit Rosenkranzgebet füllen – auch die Bischöfe laden zu der Aktion ein.*

Ohne den Hinweis, dass auch die Bischöfe und damit wohl auch die katholische Kirche in Polen hinter der Aktion steht, könnte man zunächst meinen, es handle sich bei dem Aufruf zur Grenzsicherung mit Hilfe von kollektiven Rosenkranzgebeten um die wahnwitzige Idee einer durchgeknallten nationalistischen Splittersekte.

Aber offenbar sind auch die offiziellen Kirchendiener Polens der irrationalen Ansicht, es sei irgendwie sinnvoll, eine Landesgrenze mit Rosenkranzgebeten abzusichern. Oder, ihr Land damit zu “umgeben”, wie es im Beitrag beschönigend verharmlost wird:

(…) Mit der Aktion wolle man ganz Polen mit dem Gebet des Rosenkranzes “umgeben”, heißt es auf der Seite der Veranstalter.

Hier zeigt sich deutlich, dass sich die christliche Lehre auch im Jahr 2017 und auch in Mitteleuropa noch hervorragend dazu eignet, Abgrenzung durch Nationalismus und Partikularismus zu fördern. Schließlich war dies einer der wichtigsten Zwecke, zu dem sich Menschen Religionen ausgedacht haben: Die Abgrenzung von Anderen.

Religionen dienen der Abgrenzung

Aus katholischer Sicht ist diese Abgrenzung ganz einfach definiert: Alle Gläubigen sind die Zugehörigen (=ingroup) und damit die Guten. Alle anderen, also Un- und Andersgläubige sind wegen ihres Un- und Andersglaubens die Nicht-Zugehörigen (=outgroup). Und damit die Bösen, gerne auch pauschal als “das Böse” diffamiert.

Auch hierzulande finden sich noch Vertreter der katholischen Kirche, die dieses xenophobe, abwertende und ausgrenzende Menschenbild propagieren. So predigt zum Beispiel der Fuldaer Bischof Algermissen immer wieder gerne über eine vermeintliche Bedrohung durch “das Böse” in Form von obskuren “dunklen Mächten.” Menschen ohne “Auferstehungsglaube” hält er für ein “großes Sicherheitsrisiko.”

In Polen indes nennt man den vermeintlichen Feind schon deutlicher beim Namen:

Die Aktion finde am Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz statt, das nach der Seeschlacht von Lepanto geschaffen wurde – “als die christliche Flotte die um ein vielfaches größere muslimische Flotte besiegte und damit Europa vor der Islamisierung rettete”, fügen die Veranstalter hinzu.

Ganz offensichtlich sehen sich die Katholiken Polens durch die Anhänger ihrer abrahamitischen Partnerreligion bedroht. Wenn der Beitrag zur sicher angebrachten und wichtigen Islamkritik allerdings darin besteht, die Landesgrenze durch Rosenkranzgebete zu “verstärken”, dann ist kaum davon auszugehen, dass man hier überhaupt an einer tatsächlich wirksamen Lösung bemüht ist.

Vielmehr nutzen die Katholiken augenscheinlich diese vermutete Bedrohung als einendes Element. Selbst eine nur vermeintliche Bedrohung der ingroup schweißt diese zusammen. Ein gemeinsames Feindbild eint die Zugehörigen, die sich ja selbstverständlich als “die Guten” wahrnehmen. Diese List war schon öfters der Auslöser für Kriege, wie zum Beispiel auch des 2. Weltkrieges.

Nebenbei: Selbst wenn der Sieg der Heiligen Liga über die Osmanen in der Seeschlacht von Lepanto 1571 rein zahlenmäßig ziemlich unwahrscheinlich gewesen sein mag: “Unsere Liebe Frau vom Sieg” (so hieß sie, bevor sie in “Unsere liebe Frau vom Rosenkranz” umbenannt wurde), hatte höchstens in der Phantasie der christlichen Gotteskrieger ihre fiktiven Finger im Spiel.

Der Umstand, dass sich der Islam nicht weiter nach Europa ausbreiten konnte ist lediglich die Folge von militärischen und politischen Faktoren.

Und nicht etwa das Wirken eines Gottes, der eine Gruppierung seiner Anhänger einer anderen Gruppierung gegenüber bevorzugt hätte.

Durch eine gewonnene Seeschlacht wird ein übernatürliches Wesen noch kein bisschen plausibler oder gar realer. Schon immer wurden Kriege in angeblich göttlichem Auftrag gewonnen – und verloren.

Ein gemeinsamer Feind eint die ingroup

Dieses Vorgehen entspricht erstaunlich genau auch der Politik, die die Regierung von Polen und auch die anderer Länder derzeit betreiben: Schaffung eines diffusen Feindbildes, Abgrenzung und Abschottung.

Solche Schwarz-Weiß-Dualismen eignen sich bestens als Plot für Science Fictions oder Fantasy-Romane. Zur Bewältigung der Aufgaben, vor denen die Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert steht, eignen sie sich nicht.

Auch Polen, die im Ausland leben, werden aufgerufen, an dem Tag mitzubeten.

Als identitätsstiftendes Merkmal reicht also der Katholizismus allein dann wohl doch nicht.  Es sollten schon Polen sein, die ihre Landsmänner und -frauen im Glaubenskrieg unterstützen. Damit ist klar: Die Religion ist nur Mittel zum Zweck, es geht um nationale Interessen. Um den Schutz der Guten vor den Bösen.

Polen vor dem Bösen schützen – mit Gebeten

Der Rosenkranz sei eine “mächtige Waffe im Kampf gegen das Böse”, heißt es auf der Internetseite der Aktion. Deshalb glaube man, dass das Gebet einer Million Polen an den Grenzen “nicht nur den Verlauf der Ereignisse, sondern auch die Herzen unserer Landsleute ändern kann”.

Natürlich sind Menschen durch eine religiös indoktrinierte und initiierte Massensuggestion manipulierbar. Und Menschen, die sich als Angehörige eines von Gott auserwählten Volkes fühlen und die zum religiösen Kampf gegen das Böse aufgefordert werden, werden in der Folge auch “den Verlauf der Ereignisse” ändern.

Abgesehen von diesem – rein menschlichen – manipulativen Suggestiv-Placeboeffekt sind Gebete nutzlos. Denn noch kein Gott hat jemals nachweislich auch nur ein Mal seinen Allmachtsplan geändert, weil ihn eine bestimmte Trockennasenaffenart darum gebeten hätte.

Rettung der Welt, aber erst mal von Polen

Maria habe bei ihren Erscheinungen im portugiesischen Fatima das Rosenkranzgebet als Mittel zur “Rettung der Welt” empfohlen.

Na, dann muss ja was dran sein, wenn die drei portugiesischen Hirtenkinder Lúcia, Jacinta und Francisco das vor 100 Jahren aufgrund einer Marienerscheinung so behaupteten…

Ernsthaft: Religiöse Wahngedanken, absurde Hirngespinste und in der Folge eine kollektive Realitätsverweigerung als probates Mittel zur “Rettung der Welt”?

Das endlose Aufsagen von Gebeten in Dauerschleife und Texten wie

  • Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat
  • Jesus, der für uns gegeißelt worden ist
  • Jesus, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist
  • Jesus, der für uns das schwere Kreuz getragen hat
  • Jesus, der für uns gekreuzigt worden ist (Quelle: Wikipedia)

soll die Welt retten? Den einzigen vielleicht rettenden Effekt, den ich mir vorstellen kann, ist der Umstand, dass Menschen, solange sie mit Beten beschäftigt sind, keinen anderen Unsinn treiben.

Selbstbefriedigung und Größenwahn

Liebe polnische Katholiken, Rosenkranzgebete zur Sicherung eurer Landesgrenze im Jahr 2017 sind hochgradig lächerlich, weil nutzlos. Sie lösen nicht die Frage, wie Menschen künftig miteinander zusammenleben sollten.

Vielmehr verschafft euch dieses “Grenzbeten” wohl ein Gefühl der religiösen Selbstbefriedigung. Weil ihr euch als “die Guten” im Kampf gegen “das Böse” und dabei auch noch von eurem Gott unterstützt fühlen könnt. Dies als Größenwahn zu bezeichnen, erscheint mir nicht übertrieben.

Selbstbefriedigung sei euch freilich gerne gegönnt. Wenn diese aber eine Legitimation von Nationalismus, Partikularismus und Fremdenhass ist, dann halte ich Gebete trotz ihrer täglich beobachtbaren faktischen Nutzlosigkeit für äußerst bedenklich.

In offenen und freien Gesellschaften haben alle Weltanschauungen Platz, solange sie nicht die Interessen Anderer, u. a. definiert in ethischen Standards und im geltenden Recht verletzen.

 

Eins steht fest und lässt sich auch historisch belegen: Mythenbasierte, irrationale Maßnahmen wie Beschwörungen eines überirdischen Wesens durch kollektiv gemurmelte Zaubersprüche werden die Herausforderungen und Probleme von Homo sapiens und seinen Mitlebewesen nicht lösen.

Das Fatale daran: Die Menschen, die sich an einem Sonntag im Oktober an ihre Landesgrenze stellen und die Mutter ihres Gottes(sohns) mit einem Gebet um Schutz anrufen, könnten auf die Idee kommen, damit schon einen sinn- und wertvollen Beitrag für eine bessere Welt geleistet zu haben.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.
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Letzte Aktualisierung: 29. September 2017