Tag der Deutschen Un-Einheit – das Wort zum Wort zum Sonntag

Tag der Deutschen Un-Einheit – das Wort zum Wort zum Sonntag von Christian Rommert (ev.), veröffentlicht am 30.9.2017 von ARD/daserste.de

[…] So viele Mal haben wir gefeiert, dass wir in einem ungeteilten Land leben. Etwas, wofür ich und andere Christen lange Zeit gebetet haben. Und als es dann geschah, war es wie ein Wunder für uns. Das habe ich damals geglaubt.*

Herr Rommert, welchen Einfluss hatten Ihrer Meinung nach Ihre und die Gebete anderer Christen konkret auf die Wiedervereinigung? Meinen Sie, der von Ihnen angenommene Gott habe aufgrund dieser Gebete in den Lauf der Geschichte eingegriffen? Ihre religiös-nebulöse Formulierung “…war es wie ein Wunder für uns” legt diese Vermutung jedenfalls nahe.

War Ihnen damals bewusst, dass die DDR zu dieser Zeit wirtschaftlich und politisch komplett am Ende war? Falls nicht, dann ist es durchaus nachvollziehbar, dass dieses Ereignis für Sie wie ein Wunder gewirkt haben könnte. Weil Sie sich die tatsächlichen Ursachen der Einheit vielleicht einfach noch nicht erklären konnten.

Würden Sie sagen, dass diese Gebete eine andere, stärkere, nicht triviale Wirkung hatten als die Hoffnung der Menschen, die sich ein Ende der Teilung Deutschlands gewünscht hatten, ohne ein übernatürliches Wesen einzubeziehen? Vorallem auch eine andere Wirkung als das politische Engagement von Menschen, die sich um die Wiedervereinigung tatkräftig bemüht hatten?

Der kriegerische Hochsprung-Gott

Auch unser Trau-Vers von damals passt da ganz genau: “Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.” Das war der Bibelvers, über den der Pastor bei unserer Hochzeit gepredigt hat.

Hochsprung zur EinheitHerr Rommert, sicher ist Ihnen berufsbedingt der ganze Satz bekannt, aus dem der von Ihnen gewählte Halbsatz stammt:

  • Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über Mauern springen. (Psalm 18,30 LUT)

Ob dieser Bibelvers zu Ihrer Trauung passt, kann und will ich nicht beurteilen. Zur Wiedervereinigung passt er jedenfalls so gar nicht.

Der von Ihnen sicher nicht aus Platzgründen weggelassene erste Teil des Satzes legt die Vermutung nahe, dass mit den Mauern, bei deren Überwindung Gott hier behilflich sein soll, die Stadtmauern von zu erobernden Städten gemeint waren.

“Ich werfe sie weg wie Unrat auf die Gassen”

Dafür spricht auch der weitere Text dieses Psalms, der Ihnen sicher ebenfalls bekannt sein dürfte. Nur wenige Zeilen nach dem von Ihnen gewählten Halbsatz gehts so weiter:

  • 38 Ich will meinen Feinden nachjagen und sie ergreifen und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe.
    39 Ich will sie zerschmettern; sie sollen sich nicht mehr erheben; sie müssen unter meine Füße fallen.
    40 Du rüstest mich mit Stärke zum Streit; du wirfst unter mich, die sich gegen mich erheben.
    41 Du treibst meine Feinde in die Flucht, dass ich vernichte, die mich hassen.
    42 Sie rufen – aber da ist kein Helfer – zum HERRN, aber er antwortet ihnen nicht.
    43 Ich will sie zerstoßen zu Staub vor dem Winde, ich werfe sie weg wie Unrat auf die Gassen.
    44 Du hilfst mir aus dem Streit des Volkes / und machst mich zum Haupt über die Völker; ein Volk, das ich nicht kannte, dient mir.
    45 Es gehorcht mir mit gehorsamen Ohren; Söhne der Fremde müssen mir schmeicheln.
    46 Die Söhne der Fremde verschmachten und kommen mit Zittern aus ihren Burgen. (Psalm 18, 38-46 LUT)

Finden Sie es nicht auch befremdlich und höchst unredlich, aus einem solchen Text einen für sich genommen unverfänglich umdefinierbaren Halb(!)satz herauszupicken? Und so zu tun, als sei dies jetzt ein Beispiel dafür, dass ein durchweg zorniger, rachsüchtiger, gnadenloser Kriegsgott nebenbei noch bei der friedlichen Überwindung von trennenden Mauern behilflich sei?

Nein, Herr Rommert: Um ein friedliches Überwinden von zwischenmenschlichen Barrieren, um ein Aufeinanderzugehen geht es in diesem Satz ganz sicher nicht.

Lernen, miteinander zu reden

Der Pastor sagte uns damals noch etwas anderes: “In vielen Ehen werden irgendwann wieder Mauern hochgezogen! Darum müsst Ihr lernen, miteinander zu reden!” Auch diesen besonderen Satz von damals habe ich mir gemerkt. Heute – über zwanzig Jahre später – weiß ich: das war ein guter Tipp für unsere Ehe!

Hatten Sie vor der Ehe nicht mit Ihrer Frau geredet? Spaß beiseite: Miteinander reden ist sicher ein guter Tipp. Solange Menschen miteinander reden. Und nicht mit Göttern, Geistern oder Gottessöhnen.

Wäre das “Wort zum Sonntag” keine religiöse Verkündigungssendung, hätten Sie auch einfach alle religiösen Einflechtungen ersatzlos weglassen und sich auf diese Aussage beschränken können.

Aber, wie der Volksmund so schön sagt – Pfeifendeckel:

Nennen Sie mich einen Träumer, aber ich glaube, das Wunder der Einheit kann bei aller Verschiedenheit immer noch gelingen! Weil Gott uns Menschen mit einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie und Gemeinschaft ausgestattet hat.

Ich nenne Sie nicht einen Träumer, sondern einen Realitätsverweigerer. Denn die Einheit war und ist kein Wunder. Es gab verschiedene Voraussetzungen, die die Einheit ermöglicht und Ursachen, die schließlich zur Wiedervereinigung geführt hatten.

Und hauptsächlich nenne ich Sie so, weil Sie offenbar der Meinung sind, ausgerechnet ein äußerst zweifelhafter (s.o.) Wetter-Wüsten-Berge-Kriegsgott, den sich Menschen in der Bronzezeit ausgedacht hatten und den Sie als “lieben Gott” verehren, habe Menschen mit Empathie und Altruismus ausgestattet.

Die tiefe Sehnsucht nach Harmonie und Gemeinschaft lässt sich schlüssig und völlig gottlos als evolutionär entstandenes, weil bewährtes und überlebensrelevantes Phänomen erklären. Und längst nicht nur bei Menschen beobachten.

Wie kriege ich Gott in der Einheit unter?

Wie so oft im “Wort zum Sonntag” habe ich auch diesmal den Eindruck, dass Sie einfach nur irgendwie versucht haben, Ihre religiöse Scheinwirklichkeit als noch irgendwie relevant in einem aktuellen Thema aus der irdischen, natürlichen Wirklichkeit unterzubringen.

Indem Sie gesellschaftliche und politische Vorgänge als “Wunder” bezeichnen. Oder auch, indem Sie Ihren Gott als den ins Spiel bringen, dem die Menschheit ihre Fähigkeit zur Menschlichkeit zu verdanken habe.

Und indem Sie eine Bibelstelle aus dem Kontext herauspicken, um Ihren ansonsten als extrem grausam und brutal dargestellten Gott in einem guten Licht erscheinen zu lassen.

Was soll dieses Vorgehen zur Lösung der bestehenden Probleme und Herausforderungen konkret beitragen? Glauben Sie ernsthaft, ein mythenbasiertes Weltbild sei eine brauchbare und sinnvolle Grundlage zur Bewältigung gesellschaftlicher oder politischer Probleme?

Zum Glück gehts auch ohne Gottes Hilfe

Ich glaube, dass Verständigung zwischen ganz unterschiedlichen Menschen möglich ist. Ich glaube, dass aus jedem noch so schlimmen Streit Gutes entstehen kann. Ich glaube, dass ich mit Gottes Hilfe auch über die neuen Mauern zwischen uns springen kann!

Woran können Sie erkennen, ob Sie “mit Gottes Hilfe” oder ohne über die neuen Mauern zwischen uns gesprungen sind? Wieso sollte Gott Ihnen helfen, wenn Konflikte doch offenbar Teil seines Allmachtsplans sind?

Wenn Gott, wie von der christlichen Lehre behauptet allmächtig und allgütig ist, dann hätte er auch die Macht (Allmacht) und die Aufgabe (Allgüte), “Mauern” erst gar nicht entstehen zu lassen.

Wie ein Blick in die tägliche irdische Wirklichkeit zeigt, gibt es Mauern. Und es gibt Konflikte, Probleme und unsägliches Leid.

Wieso sollte Gott Ihnen dabei helfen, über Mauern zu springen? Weil das ein vermutlich orientalischer, offenbar sehr verzweifelter, anonymer Schriftkundiger in sein menschenverachtendes Loblied auf brutalste Gewalt, unbändigen Hass und göttlich unterstützten Angriffskrieg aufgeschrieben hatte? Das erscheint mir äußerst bizarr.

Die Einheit: Kein Geschenk

[…] Einheit ist ein Geschenk, aber es ist dann auch harte Arbeit. Ich bin überzeugt, das gilt auch für ein ganzes Land.

Lassen Sie mich raten: Ein Geschenk Gottes? Oder wer hat den Menschen Ihrer Meinung nach die Einheit geschenkt?

Wie oben schon angedeutet: Die Einheit Deutschlands war kein Geschenk. Sie war die Folge des politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs der DDR, verbunden mit dem Engagement von Menschen, die sich für diese Einheit eingesetzt hatten.

Ich fasse zusammen: Auch in Deutschland bestehen mehr oder weniger vielschichtige innerpolitische und gesellschaftliche Probleme, die es zu lösen gilt. Miteinander reden und auch Zuhören ist sicher eine sinnvollere und vor allem zivilisiertere Strategie als sich anzubrüllen.

Auch wenn Menschen in einer offenen und freien Gesellschaft natürlich das Recht haben, ihre Meinung kund zu tun. Und wenn sie meinen, dass sie mehr im Recht sind, wenn sie herumbrüllen, dann ist auch das zu tolerieren, solange das, was sie brüllen, vom Recht auf freie Meinungsäußerung abgedeckt ist.

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.
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Letzte Aktualisierung: 2. Oktober 2017