Gedanken zu: Warum die Kirche nicht immer “Nein” sagen sollte

Warum die Kirche nicht immer “Nein” sagen sollte – Gedanken zu einem Beitrag von Björn Odendahl über kirchlichen Kulturpessimismus, veröffentlicht am 08.11.2017 von katholisch.de

Die Kirche kennt sich aus mit dem Wörtchen “Nein”. Über Jahrhunderte war es eine ihrer Waffen, um die eigenen Schäfchen unter Kontrolle zu halten, ihnen mitzuteilen, was richtig, vor allem aber was schlecht und falsch ist – und das bis hinein in die Schlafzimmer. Doch spätestens seit den Umfragen vor den beiden Familiensynoden 2014 und 2015 ist klar: Im Alltag der Gläubigen spielt dieses “Nein” der Kirche nur noch eine marginale Rolle.*

Interessant fände ich es von Herrn Odendahl zu erfahren, warum das “Nein” der Kirche selbst für die Gläubigen seiner Meinung nach heute nur noch eine marginale Rolle spielt. Auf die Ursachen geht der Autor allerdings nicht ein. Und belässt es bei der Feststellung, dass dies eben so ist.

Ein weiterer Aspekt bleibt ebenfalls außen vor: Dass die Kirche trotz der ihr attestierten Bedeutungslosigkeit auch heute noch meint, sich in das Leben aller Menschen einmischen zu dürfen und zu müssen. Und das sehr wohl auch heute noch bis hinein in die Schlafzimmer.

Kirchliches Selbstverständnis und eine mangelhafte Grundlage

Sollte die Kirche also gleich ganz darauf verzichten? Natürlich nicht. Es gibt Themen, bei denen die Kirche ihre Stimme erheben muss.

Herr Odendahl ist also offenbar überzeugt, die von ihm vertretene Kirche stelle ein Moralsystem dar, das geeignet ist, Antworten auf die Frage zu geben, wie sich alle Menschen verhalten sollten.

Nun erfüllt aber die christliche Lehre nicht mal die Mindeststandards, die ein Moralsystem erfüllen muss, um zumindest ernst genommen werden zu können. Nach Dr. Andreas Edmüller sind dies:

  1. Berechenbarkeit
  2. Stimmigkeit
  3. Moralische Grundannahmen müssen drei Eigenschaften haben:
    • Klarer Umfang: Es muss deutlich sein welche Regeln und Werte zu den Grundannahmen gehören und welche nicht
    • Klarer Inhalt: Es muss deutlich sein, was die jeweiligen Grundannahmen bedeuten
    • Stimmigkeit: Die Grundannahmen müssen zusammenpassen und sollten sich nicht grundsätzlich widersprechen
  4. Zuverlässiges Entscheidungsverfahren
  5. Plausible Begründung

Eine ausführliche Darstellung der Mängel, die die christliche Lehre in allen diesen Punkten aufweist, findet der interessierte Leser im Buch “Die Legende von der christlichen Moral – warum das Christentum moralisch orientierungslos ist“.

Wenn Herr Odendahl also der Meinung ist, die Kirche müsse ihre Stimme erheben, dann wäre es zunächst erforderlich, sich ein Moralsystem zuzulegen, das zumindest diese Mindeststandards erfüllt.

Was rechtfertigt ein “Nein”?

Vor allem, wenn es um Leben und Tod geht: bei der Sterbehilfe, der Abtreibung, Krieg und Gewalt – oder auch der in Deutschland wachsenden Fremdenfeindlichkeit. Da ist das “Nein” nötig. Da schützt es die Alten, Schwachen, Kranken und Ausgegrenzten.

Hier zeigt sich, bei genauerem Hinsehen, ein weiteres Problem. Denn an ihrer moralischen Orientierungslosigkeit krankt die christliche Lehre freilich auch in den Punkten, in denen sie sich für die Einhaltung ethischer Standards einsetzt, die weitgehend oder auch genau denen eines säkularen Humanismus entsprechen.

Diese Werte basieren nicht auf einer archaischen Mythen- und Legendensammlung eines Wüstenvolkes aus der Bronzezeit und aus dem Vormittelalter. Sondern auf der Würde und Freiheit des Individuums.

So wirkt sich die christliche Beliebigkeit gleich doppelt negativ aus: Der kirchliche Standpunkt zu Themen wie Sterbehilfe oder Abtreibung, also immer dann, wenn der vermeintliche göttliche Wille über die persönliche Freiheit von Menschen gestellt wird, spielt heute zurecht nur noch eine marginale Rolle. Umgekehrt ist es freilich dringend erforderlich und wichtig, sich gegen Krieg, Gewalt oder Fremdenfeindlichkeit einzusetzen.

Natürlich ist es grundsätzlich positiv, wenn sich Menschen – aus welchen Gründen auch immer – für Friede und Verständigung einsetzen. Um allerdings zu allgemeinverbindlichen ethischen Standards zu kommen, bedarf es einer tragfähigen Grundlage. Also genau das, was die christliche Lehre nicht bieten kann.

Aus der Bibel – in die Bibel

Galt die Bibel früher noch als die Quelle, aus der man moralische Standards aller Art ableitete (u.a. mit den bekannt katastrophalen Folgen, die in der 10bändigen Kriminalgeschichte des Christentums dokumentiert sind), so besteht die Hauptaufgabe zeitgenössischer Theologen darin, moderne ethische Standards irgendwie in die weltfremden, diffusen und widersprüchlichen biblischen Texte hineinzuinterpretieren.

Das umschreiben sie dann gerne mit Formulierungen wie: “Die Bibel muss immer wieder neu gelesen und verstanden werden.”

Doch das “Nein” der Kirche ist nur dann etwas wert, wenn es sich nicht abnutzt, wenn es gut begründet ist, wenn es den Menschen vermittelt werden kann und wenn es nicht allzu kulturpessimistisch daherkommt.

Dem stimme ich zu. Allerdings lässt sich ein “Nein” eben nicht gut begründen, wenn man als Grund den erfundenen Willen eines erfundenen magischen Himmelswesens anführt.

Und das dürfte der eigentliche Grund sein, warum das “Nein” der Kirche auch für die Gläubigen heute nur noch eine marginale Rolle spielt. Denn mit einer religiösen Scheinwirklichkeit lassen sich heute keine Fragen zur irdischen, natürlichen Lebenswirklichkeit von Menschen mehr sinnvoll beantworten.

Moralische Patronen leichtfertig verschossen

Umso erstaunlicher ist es, welche Nebenkriegsschauplätze kirchliche Verbände und Hilfswerke alljährlich eröffnen, um ihre moralischen Patronen leichtfertig zu verschießen: nein zu frühen Ostereiern und Weihnachtsgebäck in den Supermärkten, nein zu Halloween und nein zum Weihnachtsmann.

Ganz offensichtlich muss die Kirche jede noch verbliebene Schnittstelle mit der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Obwohl die religiös-mythologische Grundlage für immer mehr Menschen schlicht irrelevant geworden ist, so versucht die Kirche nach wie vor, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Einfluss auf die persönliche Freiheit aller Menschen zu nehmen.

Und so beschneidet ein “Nein” der Kirche selbst im Jahr 2017 noch eben diese Freiheit von Menschen. Etwa, indem ihnen das Recht zur Selbstbestimmung über ihr eigenes Lebensende abgesprochen wird. Oder, wenn es um Kirchenangestellte geht, das Recht auf Glaubens- und Meinungsfreiheit. Oder auch die Freiheit der sexuellen Orientierung.

Privatangelegenheit

[…] Natürlich ist und bleibt es die Pflicht der Kirche, den Menschen zu erklären, warum sie Heilige verehrt.

Die Kirche mag gerne verehren, wen sie für verehrungswürdig hält. Das kann sie aber gerne als Privatangelegenheit ihrer Mitglieder behandeln.

Aber warum auf Kosten von Halloween?

Herr Odendahl scheint mitbekommen zu haben, dass man sich nicht gerade beliebt macht, wenn man Feste, die populärer sind als die eigenen kritisiert. Deshalb: Flucht nach vorne.

Wenn sich sowieso immer weniger Menschen überhaupt noch für die Bedeutung christlicher Feiertage interessieren, dann kann man ihnen offenbar auch zugestehen, Halloween zu feiern.

Der christliche Lack, mit dem dieses ursprünglich heidnische Fest dereinst überzogen worden war, ist sowieso schon längst abgeblättert.

Abgrenzung: Grundlegende Funktion monotheistischer Religionen

Eine Kirche, die sich reflexartig echauffiert und sich durch Abgrenzung definieren möchte, macht sich mit den Kräften in Politik und Gesellschaft gemein, die sie ansonsten zu recht kritisiert.

Abgrenzung ist eines, wenn nicht das grundlegende Merkmal gerade der monotheistischen Religionen. Schließlich wähnt man sich im Besitz einer übergeordneten Wahrheit. Und fühlt sich als vom Allmächtigen auserwählt und besonders geliebt. Während auf Un- und Andersgläubige ewige göttliche Verdammnis wartet, ist man sich als Zugehöriger selbstverständlich der versprochenen ewigen himmlischen Herrlichkeit gewiss.

Die durch ihre Lehre legitimierte Überhöhung der Zugehörigen (=ingroup) gegenüber den Nichtzugehörigen (=outgroup) ist heute vielen Christen eher unangenehm. Spricht man sie darauf an, weisen sie diesen Vorwurf oft empört von sich.

Wer die christliche Lehre heute noch so verstehe, der sei kein richtiger Christ, sondern ein Fundamentalist. Dabei ist das Fundament selbst das ursächliche Problem.

Tatsächlicher Bedeutungsverlust

Und vor allem: Wer gegen den Weihnachtsmann kämpft, offenbart seinen tatsächlichen Bedeutungsverlust.

Wenn der Kampf gegen den Weihnachtsmann den tatsächlichen Bedeutungsverlust offenbart, was könnte der Kirche dann stattdessen Relevanz verleihen? Genau: Man müsste etwas anbieten können, das relevanter ist als der Weihnachtsmann:

In einer modernen Gesellschaft, die von Freiheit geprägt ist, sind es also nicht die Verbote, die überzeugen, sondern die besseren Angebote. Sobald der fair gehandelte Nikolaus besser schmeckt als das hirtenstablose Lindt-Produkt, regelt der Markt sich von alleine.

Wenn Herr Odendahl den Kampf gegen den Weihnachtsmann als Offenbarung des tatsächlichen Bedeutungsverlustes bezeichnet, dann ist diese Aussage erst recht eine solche Offenbarung.

Denn wenn Herrn Odendahl sonst nichts einfällt, mit dem er einem “Nein” seiner Kirche Relevanz verleihen könnte, dann kann man das wohl als einen inhaltlichen Offenbarungseid bezeichnen.

Punkte wie Fair Trade, Inhaltsstoffe, Nachhaltigkeit und natürlich auch der Geschmack sind tatsächlich relevante Kriterien, die man beim Kauf von Schokoladenerzeugnissen berücksichtigen sollte. Ob ein Schokoladenmann nun bischöfliche Insignien trägt oder nicht, spielt einfach keine Rolle mehr. Ob es das war, was Herr Odendahl zum Ausdruck bringen wollte?

Anmerkung: Nach dem freundlichen Hinweis einer Leserin auf einen existierenden “Milka”-Nikolaus wurde das Wort “Milka” im letzten Satz durch “Lindt” ersetzt.

…und schon ist die katholische Selbstwahrnehmung, in der sich Christen (die mit den fair gehandelten Nikoläusen) als eine von der restlichen Welt (in der sich nicht explizit religiöse Weihnachtsmänner wohl besser verkaufen als Nikoläuse mit Kreuz und Bischofsstab) verfolgte (eigentlich: ignorierte) Minderheit selbst bedauern und bemitleiden dürfen, wieder im Lot.

Und ja: Es gibt auch Fairtrade-Weihnachtsmänner ohne Bischofsstab, zum Beispiel von Riegelein 😉

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.
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Letzte Aktualisierung: 10. November 2017