Eine Frage der Perspektive: Vom Umgang mit Texten

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In seiner Abt. Diskurswerfen stellt Volker Dittmar dem philologischen den theologischen Umgang mit Texten gegenüber:

Es gibt mehrere Arten, einen Text zu verstehen. Eine davon – meine – ist die wissenschaftliche Methodik, die Herangehensweise der Philologie. Eine gänzlich andere ist die der Theologen. Eine? Dutzende!

Umgang mit Texten: Wie geht ein Philologe vor?

Er fragt sich: Was wollte der Autor seinem Zielpublikum sagen? Das ist die zentrale Frage. Alles andere ist sekundär.

Das Zielpublikum sind die Zeitgenossen des Autors. Die Bedeutung eines Textes ergibt sich aus dem, was der Verfasser denen sagen wollte, die zu derselben Zeit lebten und dieselbe Sprache benutzten. Denn von den “modernen” Verfahren der heutigen Theologen konnte der Schreiber nichts wissen. Selbst wenn, dann hätte er den Text an seinen Lesern vorbeigeschrieben.

Woher weiß man beispielsweise, dass der in der Bibel beschriebene Exodus nie stattgefunden hat? In dem Text werden die Namen zahlreicher Städte genannt, die erst 1.200 Jahre später gegründet worden sind. Der Text richtet sich also an Leute, die diese Städte und ihre Namen kannten. Niemand vorher hätte das verstehen können.

Die Städtenamen sind nicht erfunden, die Geschichte schon, denn sie ist anachronistisch. Zum Zeitpunkt der Ereignisse hätte sich jeder gefragt: Wovon zum Geier redet der eigentlich? Die genannten Städte gibt es nicht!

Wenn man sich also fragt, wie eine Textpassage zu verstehen ist, muss man sich fragen, was die Intention des Autors war. Erst wenn diese Frage geklärt ist, kann man behaupten, man habe den Text verstanden.

Theologen hingegen fragen:

Was will MIR der Text sagen, in der heutigen Zeit? Das ist die korrekte Art und Weise, wenn man Mythen interpretieren will – der Mythos wurde geschrieben, um interpretiert zu werden, ein jeder für sich.

In den Offenbarungsreligionen werden die Texte in absolut widersprüchlicher Weise interpretiert: Sie werden wie ein Mythos interpretiert, aber behandelt, als ob sie konkrete Ereignisse beschreiben. Beides zusammen geht nicht.

Aus der Widersprüchlichkeit folgt automatisch die Beliebigkeit der Interpretation: Das Gegenteil zur Vernunft, der Anwendung der Logik, ist die Beliebigkeit. Man kann nicht beides haben: Ein vernünftiges Verständnis eines Textes, der mythologisch interpretiert wird, aber der keinen Mythos darstellen soll.

Mythen werden subjektiv interpretiert.

Umgang mit TextenEs gibt kein “richtiges” und kein “falsches” Verständnis eines Mythos, den man als solchen auffasst. Deswegen, weil der Koran eine Sammlung von Mythen darstellt, kann man ihn weder falsch noch richtig interpretieren, sondern jede subjektiv-individuelle Interpretation ist zu jeder anderen gleichwertig.

Die Interpretation der liberalen Muslime ist weder besser noch schlechter als die der ultra-reaktionären Fundamentalisten, weder wahrer noch falscher. Ihr Versuch, anderen dieselbe Interpretation aufzudrücken ist in beiden Fällen sowohl falsch als auch vergeblich.

Es ist schlicht Unsinn, zu behaupten, der Andere habe den Mythos “falsch verstanden”. Er hat ihn so verstanden, wie es seiner subjektiv-individuellen Einstellung und Erfahrung entspricht.

Wenn man das vermischt – ein Text mit EINER konkreten Bedeutung, und ein Mythos, der so viele Bedeutungen hat, wie es Menschen gibt, dann kommt man zur Beliebigkeit und zu der Art von theologischem Streit.

Wenn man sagt, der Text habe EINE Bedeutung, dann darf man ihn nicht wie einen Mythos interpretieren. Aber dann hört er auf, eine “göttliche Offenbarung” zu sein.

*Veröffentlichung des Beitrags zum Thema “Umgang mit Texten” mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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Letzte Aktualisierung: 18. Februar 2018