Der Menschen Freud’, der Kirche Leid: Fuldaer Priester entscheidet sich für Liebe statt Zölibat

~ 7 Minuten

Liebe statt Zölibat – die Meldung schlug im erzkonservativ-katholischen Fulda ein wie die sprichwörtliche Bombe: Pfarrer Jan Kremer (47) hatte nach 21 Jahren Tätigkeit, davon 15 Jahre in den osthessischen Pfarreien St. Peter in Petersberg und St. Paulus in Ziehers-Nord sein Amt als katholischer Priester niedergelegt.

In einer Ansprache an seine Kirchengemeinde erklärte Kremer den Grund für die Aufgabe seines Berufes:

  • Das Kirchenrecht der katholischen Kirche sieht für das Amt des Priesters die zölibatäre Lebensform vor. Diese Lebensform, die für mich auch immer Einsamkeit bedeutet hat, kann ich nicht mehr länger für mich durchhalten. Nach reiflicher Überlegung und innerer Prüfung werde ich mein Leben in Zukunft an der Seite einer Frau verbringen. Damit werde ich durch die Nichteinhaltung des Weiheversprechens automatisch vom Dienst als Priester suspendiert und darf in keiner Weise mehr priesterlich wirken oder im Dienst der katholischen Kirche arbeiten. (Quelle: Zitat aus dem Brief von Jan Kremer an die Gemeinde, veröffentlicht in einem Beitrag von osthessennews.de)

Mut und Aufrichtigkeit

Die Entscheidung, sein Leben mit einer Partnerin oder einem Partner zu verbringen (oder auch nicht), ist an sich eine höchst persönliche und private Angelegenheit. Für Herrn Kremer bedeutet diese Entscheidung jedoch gleichzeitig das Ende seiner beruflichen Tätigkeit als katholischer Priester. Dessen war er sich natürlich bewusst – und hat sich trotzdem so entschieden.

Verständlicherweise gibt es keine Statistik darüber, wieviele katholische Priester in geheim gehaltenen Beziehungen oder Partnerschaften leben. Um weiterhin mit der Verkündung ausgerechnet der Lehre ihr Geld verdienen zu können, die von ihnen den Zölibat einfordert.

Dabei ist der Zölibat nicht der einzige Grund, warum Priester ihren Beruf an den Nagel hängen oder warum immer weniger Männer sich für den Beruf des katholischen Priesters entscheiden. Offenbar ist immer mehr Menschen bewusst, wie absurd und unmenschlich die katholische Lehre im Grunde ist. Wenn man sie nicht quasi bis zur Unkenntlichkeit so uminterpretiert, dass etwas halbwegs vernünftig Erscheinendes dabei herauskommt.

Weitere Gründe für Berufsaufgabe von Priestern

Zölibat adeWeder die bronzezeitlich-archaische Bibelgrundlage, noch die neutestamentlichen Inhalte und natürlich genausowenig die später zum Dogma erklärten Absurditäten religiös vernebelter Phantasie haben noch etwas mit der Lebenswirklichkeit der Menschheit im 21. Jahrhundert zu tun.

Aufgeklärt denkende Menschen lassen sich genausowenig auf eine jenseitige himmlische Belohnung vertrösten, wie sie sich mit einer ebenso jenseitigen Dauerbestrafung durch Höllenqualen einschüchtern lassen.

Und auch die Vorstellung, dass ein Wüstengott sich mit ihnen versöhnt haben soll, indem der sich seinen eigenen Sohn (oder sein eigenes zweites Drittel) als Menschenopfer vorübergehend hatte zu Tode foltern lassen, ist schlicht und ergreifend so grotesk, dass es hier schon eines umfassenden Denkverzichtes bedarf, um sowas überhaupt noch glauben zu können.

Wenig erstaunlich, dass die Zahl derer, die den Beruf des katholischen Priesters ergreifen möchten, stetig sinkt.

Aber auch unter denen, die schon in einem Beruf mit Religionsbezug tätig sind, kommen immer wieder Priester in Glaubens- und Gewissensnöte. Wenn sie erkennen, dass die von ihnen verkündigte Lehre nicht gottgegeben, sondern lediglich von Menschen erdacht ist. Dass sie einen Gott verkündigen, den es bis zum Beweis des Gegenteils einfach nicht gibt. Und dass es unredlich ist, trotzdem so zu tun, als gäbe es ihn wirklich.

Clergyproject.de

Diese Priester finden zum Beispiel beim ClergyProject Hilfe. Das Angebot richtet sich an, Zitat: …aktive und ehemalige Angehörige religiöser Berufe, die keinen Glauben an Übernatürliches (mehr) haben.

Ein deutschsprachiger Ableger des Projektes ist online unter clergyproject.de zu finden.

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich die Aussage von Pfarrer Kremer anlässlich des letzten Neujahrsempfangs:

  • Pfarrer Jan Kremer aus Petersberg als Sprecher des Priesterrates sagte: “Wir als Priester sind das Ohr des Bistums, das die Menschen hören und die Zeichen der Zeit deuten muss. Die Menschen erwarten überzeugende Standpunkte, deswegen müssen Kirche und Politik den Dialog halten. Zum Glück gibt es in Fulda einen großen Konsens, wie die Gesellschaft zu gestalten ist.” Kremer erinnerte an das Wort des Papstes, wonach Überflüssiges aufzugeben und das Wahre, Gute und Authentische zu suchen sei. (Quelle: osthessennews.de)

Wie genau der Konsens zwischen Kirche und Politik in Bezug auf die Gestaltung der Gesellschaft aussieht, hatte er damals nicht verraten. Er selbst hatte sich offenbar am Papstwort orientiert und Überflüssiges jetzt aufgegeben. Sicher entgegen des Konsens von Kirche und Politik. Was einmal mehr die Frage aufwirft, welchen Einfluss Politik und vor allem Religion überhaupt auf die Gestaltung der Gesellschaft haben kann/darf/soll.

Begeisterte Reaktionen – wie katholisch ist Fulda überhaupt noch?

Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte das Bekenntnis von Herrn Kremer sicher für einen empörten Aufschrei gesorgt in der Bevölkerung der erzkonservativen Bischofsstadt Fulda. Doch offensichtlich hat sich sogar hier etwas getan: In den sozialen Medien feiern die Fuldaer (und nicht nur die) den Priester geradezu für seinen mutigen und ehrlichen Schritt.

In hunderten Kommentaren zu den Berichten über den Rücktritt bekommt Herr Kremer Glückwünsche für seine Entscheidung. Kommentare, in denen der Schritt kritsiert wird, finden sich praktisch nicht.


Quelle: Fuldaer Zeitung via Facebook

Breite Zustimmung in den sozialen Medien

Aufgrund der Reaktionen aus Fulda und auch aus dem restlichen Land zeichnet sich ein eindeutiges Bild ab: Kirchlich zwingend verordneter Zölibat ist ein veraltetes Modell aus längst vergangener Zeit, das mit der Lebenswirklichkeit von Menschen im 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun hat.

Dieser Meinung scheinen auch nicht wenige Katholiken zu sein. Die verweisen darauf, dass es für Zölibat ja gar keine biblische Grundlage gäbe. Erstaunlich- und erfreulicherweise scheinen hier einige angefangen zu haben, Dinge zu hinterfragen, in Frage zu stellen.

Natürlich ist kaum davon auszugehen, dass die katholische Kirche den Zölibat deswegen abschaffen wird. Warum die katholische Kirche sich generell so schnell nicht ändern im Sinne von modernisieren wird, hat Richard David Precht in diesem Beitrag kurz erläutert.


Quelle: Osthessennews via Facebook

Riesiges Medienecho

Mit der öffentlichen Aufgabe seines Berufes hat Jan Kremer ein riesiges Medienecho verursacht. Hier nur einige Artikel, Stand 3.7.2018:

  • fuldaerzeitung.de: Jan Kremer legt Priesteramt nieder, um mit einer Frau zusammenzuleben
  • osthessennews.de: Zukunft mit Frau: Pfarrer Jan Kremer (47) legt Priesteramt nieder
  • focus.de: Katholischer Priester bricht Zölibat, schreibt Brief an Gemeinde
  • extratipp.com: Beliebter Pfarrer tritt nach 15 Jahren zurück, doch gesamte Gemeinde jubelt – aus diesem Grund
  • rtl.de: Fulda: Katholischer Pfarrer Jan Kremer (47) legt sein Amt nieder – damit er frei ist für die Liebe
  • hessenschau.de: Fuldaer Pfarrer legt aus Liebe zu einer Frau sein Amt nieder
  • osthessen-zeitung.de: Der Liebe wegen: Pfarrer Jan Kremer legt Amt nieder – „Großer Verlust“
  • fr.de: Ein Pfarrer entsagt dem Zölibat
  • ffh.de: Wegen des Zölibats: Fuldaer Pfarrer legt Priesteramt nieder
  • lokalo24.de: Wegen des Zölibats: Fuldaer Pfarrer Jan Kremer legt Amt nieder

Den einschlägigen katholischen Kirchenseiten war die Amtsniederlegung von Pfarrer Kremer bis jetzt keine Meldung wert. Andererseits: Was sollten sie auch schon groß schreiben?

Betende Begleitung und Gottes Segen

Mehr als “betende Begleitung” und “Gottes Segen” hat die Kirche ohnehin nicht anzubieten, wenn Gespräche mit “Verantwortlichen und einem geistigen Begleiter” erfolglos waren. Prälat Christof Steinert:

  • “Auch Gespräche mit Verantwortlichen und einem geistlichem Begleiter konnten die Entscheidung nicht mehr verändern. So müssen wir diese Entscheidung hinnehmen, so schmerzlich es für uns alle ist. Pfarrer Kremer sieht keine Möglichkeit mehr, die in der Weihe übernommenen priesterlichen Verpflichtungen weiter zu erfüllen und möchte einen anderen Weg weitergehen. Wir danken ihm für seine Tätigkeit in unserem Bistum und wünschen ihm Gottes Segen auf seinem weiteren Lebensweg. Er sollte unserer betenden Begleitung gewiss sein dürfen, damit sein Vertrauen in den Gott, der größer ist als unser Herz, gestärkt wird.” (Quelle: Zitat von Prälat Christof Steinert, veröffentlicht von nb/pm auf osthessennews.de)

Bleibt zu hoffen, dass noch viele weitere katholische Priester den Weg zurück in ein freies, selbstbestimmtes Leben finden. Und dass sie auch den Mut haben, diesen Weg zu gehen.

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail

2 Gedanken zu “Der Menschen Freud’, der Kirche Leid: Fuldaer Priester entscheidet sich für Liebe statt Zölibat”

  1. Danke für den Artikel! Einerseits finde ich es erschütternd, dass ein Mensch automatisch seine Ämter und seine finanzielle Lebensgrundlage verliert, wenn er seine Liebe findet (oder sucht).

    Ich finde es ungeheuerlich, dass sowas offenbar von unseren Gesetzen gedeckt wird, und ebenso ungeheuerlich, dass sich die Gesellschaft nicht so sehr empört, dass derlei Gepflogenheiten unhaltbar werden.

    Andererseits: Der Pfarrer hat die kruden Lehren seiner Kirche so lange unbekümmert umgesetzt, so lange sie andere Leute betrafen. Erst als es ihn selbst betraf, kam er ins Grübeln und entdeckte schließlich “die Wahrheit”, der er nun treuherzig folgen wird. Er selbst darf sich immerhin der “betenden Begleitung” seiner Brüder gewiss sein, während er für seine Schäfchen (all die Sünder und Ehebrecher) vermutlich weniger erfreuliche Botschaften anzubieten hatte. Für deren Anliegen hatte er auch keine öffentlichen Briefe verfasst, Tweets versendet oder einen Wirbel in den Medien verursacht.

    Der Pfarrer ist sicherlich das Opfer in dieser Geschichte. Aber es trifft keinen komplett Unschuldigen. Der Pfarrer war selbst lange genug Täter und hat offenbar genug damit verdient, um sich eine zeitlang ohne Einkommen halten zu können.

    Eine gewisse Scheinheiligkeit ist bei dieser Geschichte nicht von der Hand zu weisen. Wenn der Herr Pfarrer sich so gerne öffentlich bekennt, sollte er sich auch dazu bekennen.

    Amen.

  2. Nun, ich komme aus der juristischen Ecke, von daher stellt sich die Frage, in wie weit Kirche da überhaupt auf Politik bzw. die Gesellschaft einwirken darf, schlicht nicht, denn sowohl die RKK als auch die EKD sind Körperschaften des Öffentlichen Rechts und ihnen stehen damit keine Grundrechte zu.

    Die Religionsfreiheit ist davon ausgenommen, damit sie überhaupt ihrer Funktion nachkommen können – was analog zur Meinungsfreiheit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der Forshungsfreiheit der staatlichen Universitäten läuft, wobei die Religionsfreiheit der Kirchen am wenigsten haltbar ist, geht es immerhin um eine Durchbrechung des elementaren Prinzips von Grundrechtsberechtigten und Grundrechtsverpflichteten, das “mal eben” unsere Grundrechte als Abwehrrechte gegen den Staat festlegt und nicht zu halten ist, maßt sich der Staat selbst Grundrechte an – gegen wen den bitte?!

    Weder der einen noch der anderen Kirche bzw. ihrer Vertreter stehen Meinungsfreiheit oder Handlungsfreiheit oder irgendetwas anderes zu, sie dürfen sich nicht politisch betätigen, nicht demonstrieren, nicht an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken oder Unterschriften für einen Gottesbezug in der Landesverfassung Schleswig-Holsteins sammeln (so geschehenin der Kirche nach der Konfirmation meines Cousins) oder Wahlempfehlungen geben (so geschehen von der Kanzel runter in Bayern, hier gibt es allerdings auch ein Urteil des BVerfG zu). Das heißt schlicht: Beten ja, Bibel auslegen ja, Gottesdienst abhalten ja, aber alles andere: ein klares Nein.

    Gut, als Privatpersonen dürfen sie, wie jeder andere Bürger auch, tun und lassen, was nicht verboten ist – aber Privatmeinungen gibt es viele und in Talkshows eingeladen werden eben Kirchenvertreter, die Kirchenpositionen vertreten, eben weil sie Kirchenvertreter sind. Ein bisschen mehr Sensibilität ob dieses Themas gerade von den Öffentlich-Rechtlichen, die denselben Prinzipien unterliegen, wäre an dieser Stelle mehr als wünschenswert,

    Aus demokratischer Sicht ist das, was da immer und immer wieder von Kirchenvertretern gezeigt wird, nichts anderes als eine hochmütige Verachtung unserer gesellschaftlichen Grundwerte. Wenn sie mitreden und die Gesellschaft mitgestalten wollen, sollen sie sich privatrechtlich organisieren oder demütig schweigen.

Schreibe einen Kommentar

3 × 5 =