Die katholische Kirche feiert vier „Märtyrer“ in Lübeck

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In einem Gastbeitrag beleuchtet Ingo Eitelbach von der gbs-Regionalgruppe Schleswig-Holstein die Hintergründe einer Märtyrer-Feier, die die katholische Kirche in Lübeck veranstaltet.

Märtyrer-Ausstellung LübeckJohannes Prassek, Eduard Müller, Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink haben sich gegen das nationalsozialistische Terrorregime aufgelehnt und wurden deshalb 1943 zum Tode verurteilt und mit dem Fallbeil hingerichtet.

Anlässlich des 75. Todestages der Widerständler veranstaltete das Erzbistum Hamburg am vergangenen Wochenende (22./23. Juni 2018) eine Wallfahrt in die Hansestadt Lübeck.

Prassek, Müller und Lange waren katholische Priester in der Probsteikirche Herz Jesu in der Lübecker Innenstadt. Stellbrink war Pastor in der Lutherkirche der Stadt. Eine erzbischöfliche Stiftung pflegt in Lübeck das Gedenken in “spiritueller, liturgischer und ökumenischer Hinsicht und entwickelt es weiter.“

Die Stiftung ist außerdem Träger der Gedenkstätte in der Herz Jesu Kirche.

Aufgabe der Stiftung ist es auch „nach vorn zu schauen und zum Beispiel ihren Beitrag zur politischen Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen beizutragen“.

…ausgerechnet die katholische Kirche

Märtyrer-Ausstellung LübeckEs macht natürlich Sinn, den Todestag und die Leistungen der Ermordeten zu würdigen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob die katholische Kirche würdig ist, eine solche Veranstaltung auszurichten.

Mittlerweile sind zahlreiche Verstrickungen der katholischen Kirche mit dem Naziregime aufgedeckt worden. Eine kurze knackige Zusammenfassung kann im Buch von Reinhard Schlotz „Von Golgatha nach Auschwitz“ nachgelesen werden.

Eine Ausstellung zum Thema kann bei der Regionalgruppe Rhein-Neckar der Giordano-Bruno-Stiftung angefragt werden.

Hier sei nur beispielhaft an einige herausragende Fakten erinnert:

Die katholische Kirche im Dritten Reich

  • Der ehemalige Kaplan der deutschen Kirche in Rom, Ludwig Kaas, und Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII, haben das Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und dem NS-Staat ausgearbeitet, mit dem sich die katholische Kirche bis heute Privilegien gesichert hat, wie sie keine andere nicht-staatliche Organisation, außer der evangelischen Kirche, in Deutschland genießt.
  • Die Fuldaer Bischofskonferenz vom 08. Juni 1933 hat sich dem neuen deutschen Staatswesen unterworfen, denn jede menschliche Obrigkeit sei ein „Abglanz der göttlichen Herrschaft“ und eine „Teilnahme an der ewigen Autorität Gottes“.
  • Im Staatskirchenvertrag vom 20. Juli 1933 wurde u.a. ein Treueid neu ernannter Bischöfe in die Hand des jeweiligen NSDAP-Reichsstatthalters festgeschrieben.

“Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott…”

  • Kardinal Michael Faulhaber war begeistert von Hitler und bezeugte: „Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott. Er anerkennt das Christentum als Baumeister der abendländischen Kultur.“
  • Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Adolf Kardinal Bertram, ließ bei der Eroberung Warschaus die Kirchenglocken läuten und forderte 1945 für den verstorbenen Führer eine christliche Totenmesse, ein Requiem.
  • Papst Pius XII. erklärte am 02. Juni 1940 vor dem Kardinalskollegium:“ Gott ist mein Zeuge, dass ich mit heißem Herzen dem Kampf der deutschen Heere gegen den gottlosen Kommunismus vollen Erfolg wünsche und täglich im Gebet von Gott, dem Lenker der Schlachten, erflehe.“
  • Die christlichen Kirchen in Deutschland erteilten den Nazis die Freigabe zur Einsichtnahme in die Hochzeits- und Geburtenregister insbesondere zur Identifikation von „Halb- und Vierteljuden“. Dies war mitentscheidend für die Durchführbarkeit der Rassenpolitik und später des Holocausts.
  • Pius XII. hat nie öffentlich gegen die Vernichtung der nicht getauften Juden bzw. gegen den Holocaust protestiert (auch kein deutscher Bischof). Vielmehr hat er die faschistischen Regime Europas unter Hitler, Mussolini, Salazar, Franco, Pavelic und Tiso unterstützt und nach dem Krieg die katholische Fluchthilfe für Naziverbrecher, wie Klaus Barbie, Adolf Eichmann, Ante Pavelic, Erich Priebke, Franz Stangl u.a. gewähren lassen.

Immerhin hätte bei der Gedenkveranstaltung die Möglichkeit bestanden, den Kontrast zwischen den Beziehungen der katholischen Kirche zum Naziregime und dem Handeln der vier christlichen Priestern aufzuzeigen.

…mit keinem Wort

Märtyrer-Ausstellung LübeckDavon konnte jedoch nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil, so diente die Wallfahrt ganz offensichtlich der Verknüpfung christlicher bzw. katholischer Glaubensinhalte mit dem Eintreten der Priester gegen das Naziregime und im speziellen z.B. gegen das Euthanasieprogramm der Nazis.

Das Euthanasieprogramm, also die systematische Ermordung von Behinderten und Kranken, wurde zum Anlass genommen, die Verbindung zu Positionen der Kirche von heute zum Recht auf Schwangerschaftsunterbrechnung deutlich zu machen. So würde in einem Vortrag darauf hingewiesen, dass heutzutage Kinder im Mutterleib getötet werden dürfen, wenn sie behindert sind.

Mit der gleichen Begründung könnte man, so der vortragende Pastor, auch über den Wert von alten Menschen für Gesellschaft nachgedacht werden. Das Auditorium war mit ca. 15 älteren Menschen besetzt.

In einem Gespräch nach dem Vortrag fragte ich den Pastor, ob denn die problematische Rolle der katholischen Kirche während der Nazidiktatur auch Thema während der Wallfahrt sei bzw. in der Gedenkstätte thematisiert wird.

Geschichtsbewältigung à la katholische Kirche

Dem Geistlichen waren die kritischen Punkte durchaus bekannt, er wies allerdings darauf hin, dass die Forschung noch nicht alles durchleuchten konnte, u.a. seien noch nicht alle Dokumente aus den Archiven zugänglich.

Schwerpunkt der Ausstellung und der Veranstaltung sei es jedoch klarzumachen, was die Menschen von den Vieren lernen könne, nämlich das Eintreten für die Wahrheit und für die Ökumene. Auf Nachfrage bezog er unter dem Begriff Ökumene auch die Humanisten mit ein.

Auf dem weiteren Weg durch die Veranstaltungsräume musste ich feststellen, dass in der Tat keinerlei Hinweis auf die Rolle der Kirche während der Nazidiktatur zu finden war.

Lediglich ein Ausstellungsplakat lieferte in einem Absatz eine vorsichtige Andeutung. Dort heißt es: “Die führenden Vertreter beider christlicher Konfessionen äußern zu Kriegsbeginn die prinzipielle Unterstützung der Kirchen für den Staat und rufen die Gläubigen entsprechend zu Pflichterfüllung und zum Gebet auf. Im Gegensatz zu den Bischöfen äußern sich einzelne Priester in ihren Gemeinden wesentlich kritischer und geraten in den Blick der Gestapo.“

Missionierung in Lübeck

In den Gesprächskreisen im Kirchenschiff wurde dann die Missionsarbeit verrichtet.

Märtyrer-Ausstellung LübeckUnter dem Jesuswort „Ihr werdet meine Zeugen sein“ ging es um Themen wie „Zeuge sein, weil sich die Welt gegen Gott auflehnt?“, „Zeugnis geben, um sicher in den Himmel zu gelangen?“ oder „Geht es bei Glaubenszeugnissen um Erfahrungen oder um Beweise?“.

Der Gesprächskreis zur Ökumene behandelte Themen wie „Begegnung in der Schule: evangelische und katholische Schüler“, „Religionsübergreifender Religionsunterricht in der Schule“ oder „Beten für die Einheit ist wichtig“.

Es ist immer wieder verblüffend wie die christlichen Kirchen in der Lage sind, sich Leistungen zuzurechnen, die in der jeweiligen Zeit hohe Anerkennung in der Bevölkerung genießen, obwohl das Handeln der Kirche diesen Leistungen diametral entgegenstand.

Der Fall der vier Priester in Lübeck macht dies einmal mehr transparent.

So hängen in der ersten Etage des Verwaltungsgebäudes der Herz-Jesu-Gemeinde, in dem sich die Büros der Priester befanden, vier Portraitbilder. In der Mitte zwischen den Photos befindet sich ein großes Kruzifix, mit einem leidenden Jesus. Dieser schaut auf die Bilder herab, die so ausgerichtet sind, dass die Gesichter der Vier zum Kreuz gerichtet sind.

Der Kampf für die Freiheit gehört offensichtlich zur DNA des christlichen Glaubens, oder?

*Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

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Letzte Aktualisierung: 2. Juli 2018