fragen.evangelisch: Wer darf segnen? Was geschieht beim Segen?

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Auf der evangelischen Fragenbeantwortungsseite wollte Jörg Schäfer am 19. April 2017 in diesem Beitrag wissen, wie sich das eigentlich genau verhält mit dem Segnen.

Ob ein Pfarrer denn überhaupt segnen könne, oder ob das nicht Gott persönlich vorbehalten sei, wollte er wissen. Und was so ein Segen bewirken würde.

Fragen wie diese hatte ich ebenfalls schon mehreren Gläubigen gestellt – und immer höchst unterschiedliche Antworten erhalten. Sind wir also gespannt, wie Beantwortungspfarrer Muchlinsky diese Fragen bewältigt.

Kann ein Pfarrer segnen?

Zur Frage, ob ein Pfarrer segnen könne oder nur Gott, weiß Herr Muchlinsky:

Sie haben recht: Segnen tut Gott, aber der Pfarrer bittet Gott, dass er seinen Segen schenken soll. Die einfachste Segensformel lautet: „Gott segne dich!“ Damit wird Gott gebeten, eine andere Person zu segnen. Wer diese Worte spricht, segnet also nicht selbst, sondern er oder sie bittet Gott, das zu tun.*

Auch wenn momentan noch nicht ganz klar ist, was mit “Segen” konkret gemeint sein soll, so gibt Herr Muchlinksy schon mal vor zu wissen, dass Gott etwas tut. Nämlich segnen.

Dass sich zwischen dieser (oder irgendeiner sonstigen) Handlung und der irdischen Wirklichkeit redlicherweise kein ursächlicher Zusammenhang herstellen lässt, dürfte Herrn Pfarrer kaum stören. Er behauptet das einfach, als handle es sich dabei um eine Tatsache.

Würde ein Erwachsener außerhalb eines religiösen Kontextes eine solche Vermischung seiner Phantasie- mit der richtigen Welt zum Besten geben, würde er kaum erwarten können, von irgendwem ernst genommen zu werden. Gläubige reagieren auf solche Feststellungen mitunter verärgert. Solange es um ihre eigenen Glaubensgewissheiten geht.

Kann jedermann segnen?

Auf die Frage, ob eigentlich jedermann segnen könne (oder, wie wir jetzt gelernt haben, Götter darum bitten, jemanden zu segnen), antwortet Herr Muchlinsky:

Ja, in diesen Segensworten geschieht nichts, was nicht jeder Mensch machen könnte. Es ist wie ein Gebet, in dem man Gott für andere bittet. Das kann schließlich auch jeder Mensch tun, der an Gott glaubt.

SegnenOb jemand an Gott glaubt oder nicht, macht hier faktisch keinen Unterschied. Auch wenn jemand, der nicht an einen Gott glaubt, vermutlich auch keine Götter um irgendetwas bitten würde. Genausowenig wie sich Herr Muchlinsky wahrscheinlich mit Bitten an Zeus, Baal oder Frau Holle wenden würde.

Die Frage, wie ein allmächtiger Gott “allgütig” genannt werden kann, wenn er sein beschützendes oder allgemein positives Eingreifen davon abhängig macht, dass ihn Menschen, die an ihn glauben darum bitten, bleibt unbeantwortet.

Einen Allmächtigen um etwas bitten ist widersinnig

Gerne würde ich von Herrn Muchlinsky mal erfahren, inwiefern er es für sinnvoll hält, ein allmächtiges (!), sowieso schon allwissendes und allgütiges Wesen um irgendetwas zu bitten. Geht er davon aus, dass Gott seinen Allmachtsplan ändert, wenn man ihn darum bittet?

Und jetzt geht es ans Eingemachte. Herr Schäfer möchte wissen, was so ein Segen denn bewirke. Herr Muchlinksy erklärt:

Es hat einen guten Grund, dass ein Segen meistens dann gesprochen wird, wenn man sich verabschiedet. Die Vorstellung dabei ist, dass man sich nun nicht mehr selbst um den Menschen kümmern kann, mit dem man gerade zusammen war. Darum bittet man Gott, er möge sich nun um diese Person kümmern.

Natürlich kann man sich sowas vorstellen. Den vorstellen kann man sich alles Beliebige.

Nur: Das, was Herr Muchlinksy hier als “Vorstellung” bezeichnet, ist interessanterweise gerade der Teil der Geschichte, der eben nicht der Einbeziehung magischer Himmelswesen und damit einer Vorstellung bedarf.  Jedes mitfühlende Lebewesen kann (und wird wahrscheinlich auch, mehr oder weniger) so empfinden.

Der Vorstellung im Sinne von Imagination oder Einbildung bedarf es allerdings, wenn man nun einen Gott darum bittet, dass er sich um jemanden kümmern möge.

Natürlich meinen sie es gut…

Keine Frage: Gläubige, die ihren Gott darum bitten, sich um jemanden zu kümmern, meinen es gut. Weil sie ja an die Wirksamkeit dieser Bitte glauben. Unabhängig von der oben schon beschriebenen Absurdität einer solchen Bitte. Was kann man jemandem schließlich schon besseres wünschen als den Allmächtigen himself als Bodyguard?

Jetzt will es Herr Schäfer ganz genau wissen: Ob eine Segnung “genauso neutestamentlich wie alttestamentlich” sei?

Herr Pfarrer verweist hier auf zwei Beiträge, in denen es um die Beantwortung dieser Fragen geht. Und fasst zusammen:

Allerdings wird Segen in der ganzen Bibel so verstanden, dass man Gott bittet, sich um einen Menschen zu kümmern, ihm gut zu tun. […] Segen bewirkt, was Gebete und gute Wünsche bewirken: Wir hoffen darauf, dass es jemandem gut ergehen möge.

Zwischen einer Bitte um einen Segen und guten Wünschen sehe ich schon einen Unterschied. Denn während bei einer Segnung ja ein Gott darum gebeten wird, zum Wohle einer bestimmten Person ins Geschehen einzugreifen, richten sich gute Wünsche nicht an eine bestimmte Himmels- oder sonstige Macht.

Ein guter Wunsch bringt lediglich zum Ausdruck: “Ich denke an dich, fühle mit dir mit und hoffe, dass es dir gut gehen möge.” Ein solcher Wunsch setzt keinen Glauben an höhere Mächte voraus.

Und natürlich stellt sich auch hier einmal mehr die Frage, was den allgütigen Allmächtigen davon abhält, sich nicht auch einfach unaufgefordert um Menschen zu kümmern, ihnen gut zu tun. Wo er die Menschen doch so sehr liebt. Angeblich.

Segen ist nichts Magisches?

Diese Unverfänglichkeit würde Herr Muchlinksy gerne auch für seinen göttlichen Segen reklamieren:

Beim Segen geht es wie gesagt vor allem auch um Begleitung. Das heißt: Segen ist nichts Magisches. Es geht nicht darum, etwas heraufzubeschwören, sondern es geht darum, Gott um die Begleitung eines anderen Menschen zu bitten.

Wie gravierend muss die religiöse Vernebelung sein, dass jemand nicht bemerkt, wie geradezu peinlich offensichtlich paradox es ist zu behaupten, der Glaube an die Wirksamkeit eines Gespräches mit einer Gotteseinbildung habe nichts mit Magie zu tun?

Der christliche Götterglaube fällt genauso unter die Kategorie “Magie” wie beliebige andere Esoterik und “Transzendenz” auch.  Wer Götter um Gefallen bittet, kommt um einen Glauben an Magie nicht herum. Ohne einen Glauben an die Wirksamkeit von Magie wäre es nicht nur un-, sondern sogar widersinnig, mit einem magischen Wesen zu sprechen.

Mit Magie mag man in der evangelischen Kirche aber offenbar nicht in Verbindung gebracht werden. Das geht auch aus diesem Beitrag hervor, in dem Frau Heu von fragen.evangelisch.de zwar einerseits das Vertrauen auf ihren Gott propagiert, vom Vertrauen auf Tarotkarten allerdings nachdrücklich abrät.

So distanziert man sich von magischem Denken und tut einfach ganz selbstverständlich so, als hätte die eigene biblisch-christliche Mythologie nichts mit Magie zu tun. Unredliches und unvernünftiges Denken fällt bei Anderen offenbar immer eher auf als bei einem selbst…

Antwort

Eine Segnung im religiösen Sinne ist die Einbildung, es sei sinnvoll und womöglich wirksam, ein allmächtiges, allwissendes und allgütiges magisches Himmelswesen durch eine Bitte dazu bringen zu können, seinen ewigen Allmachtsplan zu ändern und die Situation einer Person im Interesse dieser Person positiv zu beeinflussen.

Gestaltet sich die Situation dann tatsächlich als positiv, sehen Gläubige darin eine Bestätigung der Wirksamkeit ihrer Segensbitte. Und somit eine (weitere) Bestätigung ihres Glaubens. Läuft es trotz Segnung schlecht, haben Gläubige etliche Bewältigungsstrategien zur Auswahl: Nicht “richtig” gesegnet, “Gottes Wege sind unergründlich” usw.

Eine Segnung mag freilich immer gut gemeint sein. Aber gute Wünsche sind mindestens genauso wirksam, wenn man dabei keine Götter mit einbezieht.

https://www.awq.de/wp-content/uploads/2019/08/meme_segnung.png

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Beitrag auf fragen.evangelisch.de.

 

 

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Letzte Aktualisierung: 12. August 2018