Dürfen Christen Tarotkarten legen?

~ 8 Minuten

Auf der evangelischen Fragenbeantwortungswebseite fragen.evangelisch.de möchte die 15jährige Gesamtschülerin Tina in diesem Beitrag wissen, ob sie als getaufte und konfirmierte Christin denn Tarotkarten legen dürfe.

TarotkartenIhre Mutter habe gesagt, dass es “verboten sei als Christin selbst Karten zu legen.” Sie, die Tina, wolle keinesfalls eine Sünde begehen. Und sie glaube auch nicht wirklich an Esoterik. Trotzdem würde sie es gerne mal ausprobieren wollen.

Die zuständige Theologiestudentin im höheren Semester und Pfarreranwärterin Pia Heu hatte nun ein Dilemma zu bewältigen: Die Tarot-Esoterik als unglaubwürdig und gleichzeitig aber die eigene christliche Esoterik als verlässlich und wahr darzustellen.

Dieser Spagat scheint gar nicht so einfach zu sein. Denn würde Frau Heu der Tina redlicherweise erklären, wie man durch kritisches und vernünftiges Denken das Legen von Tarotkarten als Humbug entlarven kann, dann müsste sie befürchten, dass Tina auf die Idee kommen könnte, die Werkzeuge des rationalen und vernünftigen Denkens auch mal auf ihre christlichen Glaubensgewissheiten anzuwenden…

Eigene Meinung zu Tarotkarten bilden

Und so belässt es die Theologiestudentin bei diesem vagen Ratschlag:

Gern möchte ich dich dazu ermutigen, dir eine eigene Meinung zu Esoterik und zu Tarotkarten zu bilden. Um dies zu schaffen, hast du den ersten Schritt bereits getan, du machst dich auf die Suche nach Informationen zu dem Thema. Vielleicht hast du selber schon einiges gelesen und hast Informationen zu dem Thema gefunden.*

So drückt sich Frau Heu zunächst ganz elegant um eine klare Aussage, ob Tarotkarten ihrer Meinung nach überhaupt “funktionieren” können oder nicht. Konkrete Hinweise, wie man Esoterik durchschauen und entlarven kann: Fehlanzeige.

Denn dieser Schuss könnte schnell nach hinten losgehen. Also bleibt es bei der Empfehlung, sich eine eigene “Meinung” zu bilden.  Eine eigene Meinung ist natürlich grundsätzlich eine gute Idee.  Wobei “einiges” zu lesen und “Informationen zu dem Thema” zu finden noch nicht viel darüber aussagt, wie man zu einer objektiven Einschätzung zu einem behaupteten Sachverhalt kommt.

Denn das Ergebnis einer solchen Suche gerade zu einem Schwurbelthema wie Tarotkarten kann freilich zu höchst unterschiedlichen “Meinungen” führen.

Je nachdem, ob sich Tina ihre Informationen auf den zahllosen Esoterik-Webseiten, bei fragen.evangelisch.de, oder zum Bespiel unter dem Stichwort “Tarot” bei gwup.de holt.

“Des Teufels Gebetbuch”

Bis hierher ist also erstmal alles offen. Aber ganz ungeschützt kann Frau Heu die Tina natürlich nicht ihrem Schicksal im Umgang mit “des Teufels Gebetsbuch”, wie Kartenspiele früher mitunter bezeichnet wurden überlassen. Das Mädchen, das sich ja schließlich davor fürchtet, eine Sünde zu begehen. Und so folgen “noch einige Hinweise, aus einer evangelisch-christlichen Perspektive”

Tarotkarten haben zum Ziel Menschen eine Orientierung, eine Richtlinie zu sein.

Obacht, Frau Heu! Mit diesem Ziel werben auch Religionen für ihre Lehren! Und die basieren ebenfalls darauf, dass Menschen unbewiesene und unbeweisbare Behauptungen glauben.

Deshalb: Ja keine Punkte bringen, die peinliche Fragen provozieren könnten:

[…] Wahrscheinlich könnte man mit Tarotkarten jede Frage beantworten, die du dir stellst. Sie sind also eine Hilfestellung für uns Menschen und sollen die Zukunft, in die wir nicht blicken können, voraussagen.

“Wahrscheinlich könnte man…”? – “Hilfestellung?” Kein Wort darüber, dass man mit Tarotkarten genauso zuverlässig Fragen beantworten kann wie mit Backsteinen, Käsekuchen oder Schaschlikstäbchen. Stattdessen bezeichnet die evangelische Theologin Tarotkarten als “eine Hilfestellung für uns Menschen.”

Auf Tarotkarten statt auf Gott vertrauen? Niemals!

Und jetzt wird’s richtig abenteuerlich:

Damit sind wir am springenden Punkt: muss ich Tarotkarten legen, weil ich unsicher darüber bin, was mir im Leben (noch) bevorsteht? Oder weil ich nicht darauf vertraue, dass Gott mir einen Weg zeigen wird, den er für mich gedacht hat? Was erwarte ich mir also davon, die Tarotkarten zu legen?

Dass die Vorstellung, es gäbe einen Gott, der sich für Menschen einen Weg ausgedacht hat und der diesen Weg den Menschen zeigt, wenn sie nur auf ihn vertrauen mindestens genauso absurd ist wie die Vorstellung, Tarotkarten stünden in irgendeinem Zusammenhang mit dem zukünftigen Geschehen, scheint Frau Heu nicht weiter zu stören.

[…] Unter einer solchen Antwort stelle ich mir z.B. vor, dass die Karten für dich nie eine Orientierung werden wie du leben sollst.

Wenn wir die Aussagen von Frau Heu mal entnebeln, bleibt übrig: Ob Tarotkarten funktionieren oder nicht, musst du selber herausfinden. Aber daran glauben darfst du auf keinen Fall, stattdessen sollst du darauf vertrauen, dass dir Gott den Weg zeigt, den er sich für dich ausgedacht hat.

Mein Gott ist besser als deine Karten

Eine Erwartung, die wie ich finde für Christinnen und Christen nicht mit dem Glauben vereinbar ist, ist die völlige Verlässlichkeit auf die Karten, als wüssten die Karten ganz genau, wie dein Leben weitergeht und als würden sie dich und dein Handeln bestimmen.

Nein, das dürfen Tarotkarten natürlich nicht wissen; für die Bestimmung von Menschen und deren Handeln ist ja schließlich Gott zuständig. Auch diese bewusst schwammige Formulierungen sprechen wieder dafür, dass Frau Heu die Funktionalität von Tarotkarten nicht grundsätzlich ausschließt oder wenigstens in Frage stellt.

Karten wissen überhaupt nichts, weder genau noch ungenau. Nicht die Karten bestimmen “dich und dein Handeln.” Sondern höchstens das, was sich ein menschliches Gehirn ausgedacht und formuliert hat. Stichwort: Self-fulfilling prophecy,Selbsterfüllende Prophezeiung

Dazu kommt, besonders bei religiöser Esoterik, meist noch ein chronischer Bestätigungsfehler: Positives wird als Beweis göttlichen Wirkens wahrgenommen, Negatives als “Prüfung”, “Sünde” oder als Beleg für die Unergründlichkeit der göttlichen Wege.

Bitte nicht die Esoterik wechseln…

Und dann wird Frau Heu doch nochmal deutlicher:

Du solltest dabei immer im Kopf haben, dass diese Karten nicht dein „neuer Gott“ sind.

Diese Gefahr besteht allerdings. Denn ob man an Tarotkarten, beliebige Götter oder an den Kopf einer Sardine glaubt, macht faktisch keinen Unterschied. Man muss einfach nur fest dran glauben.

Und dass eine evangelische Theologin, die von Berufs wegen darauf angewiesen ist, dass Menschen noch an den von ihr verkündigten Gott und nicht an irgendwelche andere Esoterik glauben davon abrät, die Projektionsfläche für die eigenen Wünsche, Ängste und Hoffnungen zu wechseln, ist mehr als verständlich. Nur mit Gott wird Geld verdient. Nicht mit Tarotkarten.

Natürlich ist es spannend zu sehen, was die Karten über deine Zukunft sagen, aber nichtsdestotrotz liegt dein Leben als Christin in Gottes Hand und nicht in der Hand der Karten. Gott ist immer da; auf ihn kannst du dich verlassen. Er passt auf dich auf. Das können die Karten nicht.

Hier führt Frau Heu Tina wissentlich und absichtlich in die Irre. Sie gibt vor, Dinge zu wissen, die sie nicht wissen kann. Indem sie behauptet, ihre Gottesvorstellung sei real, immer da und passe auf Tina auf.

Wohlwollend könnte man das als Irreführung bezeichnen. Bei Licht betrachtet und in ehrlicher Offenheit aber auch als Lüge.

Und von Lügen war sogar schon den Menschen in der Bronzezeit abgeraten worden. Christen ist es eigentlich geboten nicht zu lügen. Allerdings lässt sich dieses Gebot nicht mit den Geboten in Einklang bringen, in denen der nach eigenem Bekunden eifersüchtige Gott seine exklusiven Allmachtsansprüche geltend macht.

Götter passen genauso wenig auf Menschen auf wie Tarotkarten, Superman™ oder der Gestiefelte Kater.

Es mag sein, dass es diesen Gott in der religiös erweiterten Wunsch-Gedankenwelt von Frau Heu geben mag. In der irdischen natürlichen Wirklichkeit ist dieser Gott (wie alle anderen auch) bis zum Beweis des Gegenteils (der freilich jeglichen Glauben sofort überflüssig machen würde) nichts weiter als eine von Menschen aus Unwissenheit, Angst und zu bestimmten Zwecken erdachte Fiktion.

Interessant finde ich auch den Zusatz “…liegt dein Leben als Christin in Gottes Hand…” Offenbar kümmert sich die Gottesvorstellung von Frau Heu nur um Christen. Und nicht um alle Menschen.

Zusammengefasst finde ich es wichtig, dass du dir Gedanken darüber machst, was die Karten für dich bedeuten, was du dir davon erwartest, sie zu legen und was für Konsequenzen du daraus ziehst. Wenn du zu diesen drei Fragen Antworten gefunden hast, die dich von einem Gott, der dein Vater im Himmel ist, nicht abbringen, dann kannst du es mit deinem christlichen Glauben vereinbaren, die Karten zu legen.

Oder noch weiter zusammengefasst: Beschäftige dich ruhig mit Tarotkarten; ich behaupte nicht, dass das nicht funktioniert; aber wage es bloß nicht, daran zu glauben.

Antwort aus rationaler Sicht

Würden Tarotkarten tatsächlich etwas über die Zukunft aussagen können, dann würde das bedeuten, dass die Zukunft schon jetzt unabänderlich feststeht. Der Mensch, der so eine Aussage über die Zukunft erhält, hätte keine Möglichkeit, zum Beispiel ein vorhergesagtes Ereignis zu verhindern. Oder sich in einer Situation anders zu entscheiden.

Denn könnten Karten tatsächlich etwas über die Zukunft aussagen, dann müsste diese ja auch genau so und nicht anders eintreffen. Andernfalls wäre die Vorhersage ja falsch gewesen.

Diese Vorstellung ist mindestens genauso unplausibel und absurd wie die Idee, ein magisches Himmelswesen hätte jedes Menschenleben genau so und nicht anders geplant und wenn man es darum bittet, zeigt es einem, wie der Lebensweg aussieht. Und passt auch noch auf, dass einem nichts passiert.

Beide Vorstellungen, die von den Karten genauso wie die eines wohlwollend ins Geschehen eingreifenden Gottes lassen sich redlicherweise nicht mit der beobacht- und erlebbaren Wirklichkeit in Einklang bringen. Es handelt sich in beiden Fällen um rein menschliche Fiktion.

Tina, wenn du dich für Esoterik (egal ob religiöse oder sonstige) interessierst, dann setze dich kritisch und skeptisch damit auseinander. Je unwahrscheinlicher und unplausibler eine Behauptung, desto besser müssen die Beweise sein.

Buchtipp: Das Sockenfressende Monster in der Waschmaschine – Eine Einführung ins skeptische Denken

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Beitrag auf fragen.evangelisch.de.

 

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Letzte Aktualisierung: 10. August 2018