Gedanken zu: Wach sein für Menschen, die auf der Suche sind: Bischof Gerber weiht Diakon

~ 9 Minuten

Anders als sein Vorgänger Algermissen, der sein Publikum regelmäßig an seinen nicht selten absurden und oft auch überheblichen bzw. verachtenden Vorstellungen hatte teilhaben lassen, ist der neue Fuldaer Bischof Gerber bisher hauptsächlich durch die Verkündigung nichtssagender Allgemeinplätze und nebulöser Wortgirlanden in Erscheinung getreten. 

Exemplarisch hier einige Anmerkungen zu dem Artikel “Viele Gläubige angereist – Wach sein für Menschen, die auf der Suche sind: Bischof Gerber weiht Diakon”, den Osthessennews am 12.05.19 veröffentlicht hatte.

 – „Wir müssen wach dafür sei, wo Menschen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen – denn gerade auch die Menschen, die ‚anders drauf sind‘ als wir, können uns bereichern.“ Dies betonte der neue Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber am Samstag im Fuldaer Dom bei seiner ersten Weihehandlung seit der Übernahme des Bischofsamtes. (Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: “Viele Gläubige angereist – Wach sein für Menschen, die auf der Suche sind: Bischof Gerber weiht Diakon”, verfasst von -pm- auf osthessennews.de, 12.05.19)

Dass sich die Kirche hierzulande schon längst auch an den Menschen bereichert, die Herrn Gerbers Auffassung zufolge “anders drauf” sind als er und Seinesgleichen, ist nicht nur nichts Neues. Sondern auch ein Skandal für einen Säkularstaat. Abgesehen davon entbehrt dieses Statement aus dem Mund des Bischofs nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik.

Bischof Gerber: Menschen, die ‘anders drauf ‘ sind als wir, können uns bereichern

Spaß beiseite: Auch Menschen, die sich keinen oder anderen Göttern unterwerfen als Bischof Gerber, zahlen unter anderem auch sein fürstliches Bischofsgehalt. Zum Beispiel dafür, dass er sich einbilden darf, sinnvolle Antworten auf Sinnfragen geben zu können. Obwohl er, zumindest in beruflicher Hinsicht nicht mal willens oder in der Lage ist, zwischen der religiös erweiterten Phantasiewelt und irdischer natürlicher Wirklichkeit zu unterscheiden.

Das sei ihm freilich zugestanden – Gedanken-, Meinungs- und Redefreiheit waren hierzulande im Zuge von Aufklärung und Säkularisierung gegen den erbitterten Widerstand der Kirche erkämpft worden. Dennoch möge er seine Sinnsuche bzw. esoterische Lebensberatung bitte auf eigene Kosten betreiben. Und nicht zu Lasten der Staatskasse.

Natürlich wird Herr Bischof Gerber hier nicht die finanzielle Bereicherung der Kirche durch staatliche Alimentierung gemeint haben.

Jetzt könnte man es ja durchaus schon mal als Fortschritt werten, dass sich Bischof Gerber von der Auseinandersetzung mit “Un- und Andersgläubigen” (sofern er denn diese mit “anders drauf” gemeint hat) sogar eine Bereicherung verspricht. Also durch Gespräche mit den Menschen, die sein Vorgänger noch als ein “großes Sicherheitsrisiko für die Mitwelt” beschimpft hatte.

Sinn des Lebens ohne Göttervorstellungen – ein Vorschlag

Na, dann will ich Bischof Gerber mal beim Wort nehmen. Und ihn ein bisschen mit meiner persönlichen, hier sehr kurz zusammengefassten Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens bereichern. Und zwar als einer, der, zumindest in mancherlei Hinsicht, sicher “anders drauf” ist als er.

  • Ein übergeordneter Sinn, ein bestimmtes, übergeordnetes Ziel oder eine bestimmte Absicht irgendeines “höheren” Wesens lässt sich (bislang) redlicherweise nicht erkennen. Solange das so ist, sind alle diesbezüglichen Aussagen rein spekulative Phantasiebehauptungen, die redlicherweise auch als solche behandelt werden sollten.
  • Leben strebt, ganz allgemein betrachtet, danach, das eigene Wohl zu vermehren und Leid zu vermeiden. Die Motivation dazu ist in der Absicht grundgelegt, die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben.
  • Vernunftbegabte Wesen wie der Mensch sind in der Lage, auch beliebige andere Ziele im Leben als für sie sinnstiftend zu empfinden. Dazu bedarf es keiner eingebildeten Hoffnung auf eine fiktive Belohnung oder Angst vor einer fiktiven Bestrafung in einem ebenso fiktiven Jenseits. Gerade die Einmaligkeit des Daseins empfinde ich persönlich als starke Motivation für ein bewusstes, glückliches und sinnerfülltes Leben.
  • Die Evolution hat dazu geführt, dass Menschenhirne ihre Besitzer belohnen, wenn Letztere sich für ihre Mitlebewesen einsetzen. Oder allgemein für etwas, was nicht nur ihnen selbst, sondern auch Anderen zugute kommt. Direkt oder indirekt. Was genau das ist, kann natürlich stark variieren.
  • Als allgemein gültige Maxime schlage ich vor: “Tue was du willst, ohne dabei gleichberechtigte Interessen Anderer zu verletzen.”

Frag mich nochmal...

42

Abgesehen davon lautet die Antwort auf die Frage nach dem Universum, dem Leben und dem ganzen Rest natürlich 42.

Herr Gerber, vorab wäre jetzt freilich erstmal zu klären, was genau Sie mit “anders drauf” überhaupt meinen. Und auch, worin genau Ihrer Meinung nach Ihre “Bereicherung” besteht, die Sie nicht verschlafen möchten. Meinen Sie Andersgläubige?  Gläubige anderer Konfessionen? Oder Glaubensfreie?

Nebulös-verunklarende Formulierungen wie die im Beitrag Zitierten werden oft von Leuten verwendet, die mit salbungsvollen Phrasen darüber hinwegtäuschen möchten, dass sie eigentlich nichts oder zumindest nichts Relevantes zu sagen haben.

Es kann natürlich auch sein, dass Ihre eigentlichen Aussagen hier journalistisch auf der Strecke geblieben sind. Ob so oder so:

Und jetzt sind Sie dran, Herr Bischof Gerber:

  • Gibt es Punkte in meiner Zusammenfassung, denen Sie nicht zustimmen? Wenn ja: Welche und warum?
  • Was kann die biblisch-christliche Lehre Ihrer Meinung nach zur Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens konkret beitragen?
  • Und umgekehrt: Gibt es etwas in Ihrem Glauben, das Sie für unerlässlich halten, wenn es um ein glückliches und sinnerfülltes Leben im Diesseits geht? Also etwas, das exklusiv und genuin nur Ihr Glaube bietet? Und nicht nur etwas, das Sie womöglich nur in Ihre Glaubenslehre hineininterpretieren?
  • Würden Sie auch dann noch von einer Bereicherung sprechen, wenn diese in der Erkenntnis besteht, dass Ihre Religion auf Sinnfragen genausowenig sinnvolle, weil nicht realitätskompatible Antworten bieten kann wie auf andere Fragen auch?

Das fände ich mal spannend zu erfahren.

In der Herde glaubt sichs leichter

[…] Wichtig seien in der Kirche Beziehungsnetze, in denen Menschen tiefere Fragen nach dem Glauben stellen könnten, unterstrich Gerber. Gemeinsam mit Menschen, die eine Option für einen getroffen hätten, gehe man seinen Glaubensweg.

Bischof Gerber, Fulda: Wach sein für SinnfragenDiese Netze sind in erster Linie nicht in der, sondern besonders für die Kirche wichtig. Denn solange sich die Schäfchen im Idealfall sogar gegenseitig in ihrer Glaubensgewissheit (oder, je nach Ausprägung, in ihrem Glaubenswahn) immer wieder bestätigen, solange kommen die Mitglieder weniger wahrscheinlich auf die Idee, sich vom absurden Belohnungs-Bestrafungskonzept der katholischen Kirche befreien zu wollen.

Und womöglich – Gott bewahre, sozusagen – ihre kostenpflichtige Mitgliedschaft zu beenden. Gerade Letzteres gilt es verständlicherweise tunlichst zu vermeiden.

Wofür die Menschen, mit denen man seinen Glaubensweg geht, eine Option getroffen haben sollten, verrät der Artikel leider nicht. Aber wahrscheinlich ist das auch völlig irrelevant. Hauptsache, zweifelnde Gläubige haben genug Mitgläubige in ihrer Peergroup, die sie falls nötig, wieder zurück auf den Holzweg des religiösen Denkverzichtes führen.

Oder, wie sie es formulieren würden, zurück zum festen Glauben.

Hand in Hand auf dem Holzweg unterwegs

Gerade mit Hilfe von gruppendynamischen Vorgängen kann man Menschen zu den irrationalsten Verhaltensweisen bringen. Für Katholiken dürfte es vermutlich erleichternd sein zu wissen, dass sie nicht die einzigen sind, die zum Beispiel glauben sollen, dass nach dem Verzehr einer aufwändig verzauberten Backoblate ein vor rund 2000 Jahren gestorbener Endzeitsektenprediger-Zombie für 15 Minuten in Form von echtem Fleisch und Blut in ihnen ist.

Also nicht nur symbolisch. Sondern tatsächlich. Allerdings nur, wenn sie keine Mäuse sind. Und wenn sie dran glauben. Sonst wirkts nicht. Steht jedenfalls hier. Die menschliche Phantasaie ist wirklich erstaunlich, wenn es darum geht, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Wer solche Stories allerdings für wahr oder zumindest für irgendwie bedeutsam hält, für den könnte eine Begegnung mit jemandem, der “anders drauf” ist, tatsächlich eine Bereicherung sein. Denn wie ein geistig gesunder Erwachsener im 21. Jahrhundert zum Beispiel in dem hier exemplarisch genannten katholischen Dogma einen tieferen Sinn entdecken kann, erschließt sich mir nicht.

Religionsfreiheit bedeutet auch Freiheit von Religion

Auch solche abgefahrenen Fiktionen wie diese fallen unter das Stichwort “Gedankenfreiheit.” Diese Freiheit beinhaltet allerdings nicht die Freiheit, zum Beispiel Kindern und Jugendlichen die eigene Realitätsverweigerung als Wahrheit (und zwar nicht irgendeine, sondern als die einzige, übergeordnete, endgültige) verkaufen zu dürfen.

Die Pflege, Verbreitung und Vermarktung von Religionen aller Art darf insbesondere nicht zur staatlichen Alimentierung und umfangreichen Sonderrechten bis hin zur Paralleljustiz, wie sie die katholische Kirche bis heute betreibt privilegieren. Deutschland ist ein Säkularstaat. Und keine Theokratie. Wobei in Anbetracht des beispiellosen Lobby-Netzwerks der christlichen Kirchen hier berechtigte Zweifel angezeigt sind.

Am Anfang des Gottesdienstes hatte der Bischof bereits hervorgehoben, dass Berufung wesentlich durch Beziehung entstehe, und die Familienangehörigen, Freunde und Gläubigen begrüßt, die mit Kai Scheffler gemeinsam im Glauben unterwegs seien.

Und ich hebe hervor, dass eine Berufung in dem hier gemeinten Sinne wesentlich durch Einbildung und Vorspiegelung falscher Tatsachen entsteht. Wer sein kritisches Denken so weit herunter- und seine Wunschvorstellung so weit hochgefahren hat, dass er tatsächlich meint, vom allmächtigen allwissenden Schöpfer des Universums persönlich dazu berufen worden zu sein, sich ihm ganz zu unterwerfen und ihm zu dienen, dem bleibt vermutlich gar nichts anderes übrig, als seine Mitmenschen in seine Realitätsflucht mit einzubeziehen.

Denn natürlich war es dann der jeweils geglaubte Gott, der einen durch die Mitmenschen berufen hat.

Bei den Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria

Dabei sind es heute hauptsächlich Familienangehörige und Freunde, die Menschen mit religiösen Berufsambitionen von eben diesen abraten.  In Anbetracht der verschwindend geringen Anzahl an Menschen, die heute noch eine klerikale Karriere anstreben, handelt es sich bei diesem Werdegang um eine anachronistisch anmutende Ausnahme:

Der Bischof nahm sodann auf den Berufungsweg des Kandidaten Bezug, der von der Messdienerzeit über einen Glaubenskurs in Hünfeld über die Assoziierten der Oblaten hin ins Priesterseminar Fulda geführt hatte.

Wer erstmal in die Fänge eines Missionierungsordens wie die “Assoziierten der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria” geraten ist, der wird dort freilich kaum dazu angeregt werden, das mit den Glaubenseinbildungen nochmal kritisch, ehrlich und in Ruhe zu hinterfragen.

Denn das sind welche, die sich jährlich an die Spiritualität des heiligen Eugen von Mazenod, den Gründer der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria binden. Und wer kann dazu schon Nein sagen?

So viel zum Thema “Sinn des Lebens.” Und zum Thema “anders drauf”…

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