Damit es nicht knallt – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 7 Min.

Damit es nicht knallt – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Lissy Eichert, veröffentlicht am 24.04.2021 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Mit Bezug auf den Umstand, dass die aktuelle Corona-Situation auch zu einer Verschärfung und Verrohung der Diskussionskultur geführt hat, betet Frau Eichert für einen „göttlichen Geistesblitz.“

Los gehts, wiedermal, mit einer Pandemie-Nebenwirkung. Diesmal widmet sich Frau Eichert den Auswirkungen auf die Gesprächs- und Diskussionskultur:

[…] Dennoch: Erschöpfung macht reizbar. Jetzt bloß keine „heißen Eisen“ ansprechen, sonst knallt´s.

Und natürlich knallt es. Weil Konflikte zum Leben gehören. Nicht sie sind das Problem, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Wenn die Nerven blank liegen, tut mir Abstand vom Problem gut. Mal einen Schritt zur Seite treten und durchatmen. Um Konflikte zivilisiert, also Menschen würdig, auszutragen: mit Respekt, Taktgefühl, und vor allem – gewaltfrei: mein Gegenüber nicht mit Totschlag-Argumenten niederknüppeln.

Miteinander reden und nicht aus Angst schweigen. Nicht klein beigeben, nur weil der Klügere – angeblich – nachgibt. Rückgrat muss man schon haben. Und die Argumente der anderen erst einmal verstehen.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Damit es nicht knallt – Wort zum Sonntag, verkündigt von Lissy Eichert, veröffentlicht am 24.04.2021 von ARD/daserste.de)

Bis hierher kann sich Frau Eichert der Zustimmung ihres Publikums recht sicher sein: Dass eine Diskussion eskalieren kann, dürfte jede/r genauso schon mal erlebt haben wie die Erfahrung, dass eine zivilisiert geführte Auseinandersetzung ergiebiger ist als ein unproduktiver Streit, der womöglich in persönlichen Angriffen endet.

…bis einer weint

Diskussionskultur - Damit es nicht knalltNatürlich kann und sollte man nicht immer voraussetzen, dass der/die Gesprächspartner/in das gleiche rhetorische Repertoire mitbringt, mit dem man selbst argumentiert.

Andererseits neigen Menschen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten, in diesem Fall die kommunikativen, positiver zu bewerten als die anderer Menschen. Deshalb wird man öfter das Gegenüber dafür verantwortlich machen, wenns in einer Unterhaltung mal „knallt.“

Und deshalb ist es natürlich sinnvoll, auch den eigenen Kommunikations- und Argumentationsstil hin und wieder kritisch zu hinterfragen. Wenn man denn das Ziel verfolgt, sich produktiv und in der Sache zu streiten.

Ein gewisses Grundwissen über oft anzutreffende Scheinargumente, rhetorische Tricks und psychologische Effekte wie zum Beispiel das Phänomen der kognitiven Dissonanz ist sicher von Vorteil, um sich auch mit „schwierigen“ Gesprächspartnern ergiebig auseinanderzusetzen.

Als Teilnehmer an einer Diskussion erwarte ich, respektvoll behandelt zu werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich deshalb auch erwarten kann, dass auch der von mir vertretene Standpunkt respektiert werden muss.

Menschen haben Respekt verdient. Ideen und Behauptungen nicht immer: Es gibt auch jede Menge furchtbar dumme, naive oder schlicht falsche Ideen, Behauptungen und Argumente.

Selbst wenn ich zum Beispiel vor Götterglaube kein bisschen Respekt habe, respektiere ich dennoch, dass Leute trotzdem an Götter glauben. Und zwar nicht aus Respekt vor Göttern, Geistern und Gottessöhnen. Sondern auf Grundlage des Menschenrechtes auf Glaubens-, Meinungs-, Gedanken- und Redefreiheit.

Wiederum anders kann es aussehen, wenn ihr Glaube Menschen dazu bringt, sich ethisch falsch zu verhalten. Dann reicht das Spektrum von Toleranz bis zur Grenze der Toleranz und schließlich zur Intoleranz. Dann sollte ich freilich auch in der Lage sein, meinen Standpunkt mit guten Argumenten begründen zu können, wenn ich etwas als nicht tolerierbar bezeichne.

Nicht verstanden werden wollen

[…] „Nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe“, heißt es in einem meiner Lieblingsgebete.

In zahllosen Unterhaltungen mit Gläubigen, aber auch bei der Analyse von hunderten von religiösen Verkündigungen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass gerade theologische Verkündigungen tatsächlich mitunter den Anschein erwecken, dass es den Verkündigern geradezu ein Anliegen ist, nicht verstanden zu werden.

Immer dann, wenn es zum Beispiel darum geht, aufgestellte ad-hoc-Behauptungen auf Nachfrage zu konkretisieren, schweifen sie gerne in eine vernebelnde, verunklarende Sprache ab, um so die Absurdität ihrer Aussagen zu verschleiern.

Wenn man dann sachlich und höflich nachfragt, weil man, wie von Frau Eichert gefordert, versucht, die rhetorisch verzierten Gedankengänge nachvollziehen zu können, werten sie das mitunter als persönlichen Angriff (die kognitive Dissonanz hatten wir ja gerade schon erwähnt). Was einer fruchtbaren, sachlichen Auseinandersetzung natürlich nicht gerade zuträglich ist.

Göttlicher Geistesblitz?

Es ist die Bitte um einen göttlichen Geistesblitz: dass Gott mir den Blick öffnet, mich frei macht, um wenigstens verstehen zu wollen, was mein Gegenüber bewegt. Weg vom Ich, hin zum Du. So ein Perspektivwechsel kann Wunder wirken. Etwa, dass es nicht mehr so wehtut, wenn andere halt anders ticken. Missverständnisse könnten aufgedeckt werden. Manchmal schauen wir doch nur aus verschiedenen Richtungen auf das Problem. Mit anderen Worten: „Eine Wahrheit über die Katzen erfährst du – von den Mäusen.“ Einander tiefer zu verstehen, kann einen Konflikt entschärfen. Und vielleicht ist ja eine pfiffige Idee – ein göttlicher Gedanke – dabei?

Dann probieren wir das mit dem Perspektivwechsel doch gleich einmal aus, Frau Eichert. Sie sind also der Ansicht, Ihr Gott würde Sie verständiger machen, wenn Sie ihn darum bitten, richtig?

Um sich jetzt mit dieser Vorstellung auseinandersetzen zu können, wäre es zunächst erforderlich zu klären, wen oder was genau Sie mit „Gott“ meinen.

Perspektivwechsel in der Praxis

Gerade bei völlig beliebig definierbaren Begriffen wie „Gott“ entstehen ohne eine vorherige Klarstellung der Bedeutung nämlich fast zwangsläufig Missverständnisse. Und deshalb ist es wichtig, dass beiden Diskutanten klar ist, von welchen Prämissen der oder die Andere denn überhaupt ausgeht.

Frau Eichert, ohne eine Definition Ihrer persönlichen Gottesvorstellung kann man nur vermuten, dass es sich aufgrund Ihrer Religionszugehörigkeit dabei um das Gottesbild aus der Bibel handeln dürfte. Und zwar vermutlich nicht um die ursprüngliche Version des eifer-, rach-, streitsüchtigen, dauerzornigen und kriegslüsternen (und, in schöpferischer Hinsicht offenbar ziemlich dilettantischen) alttestamentarischen Gott. Sondern um den „lieben“ Drei-in-Eins-Gott aus dem Neuen Testament. Der, bei Licht betrachtet, freilich noch viel gnadenloser und grausamer ist als sein Vorgängermodell, das sich noch mit simpler, aber wenigstens finaler Vernichtung seiner Feinde begnügt hatte.

Wenn es also dieser Gott ist, an den Sie sich mit Ihrer Bitte wenden, dann stellt sich als Nächstes die Frage, ob Sie diesen denn, wie im christlichen Glauben festgelegt, für allmächtig, allgütig und allwissend halten.

Auch das kann keinesfalls als selbstverständlich vorausgesetzt werden: Es gibt auch Deisten und sogar Pantheisten, die sich als Christen bezeichnen. Obwohl deren Gottesbild mit dem Bibeltrio Jahwe, Jesus & Heiliger Geist praktisch nichts zu tun hat.

Einen allmächtigen Gott um etwas bitten…?

Gehen wir also mal davon aus, dass Sie mit „Gott“ den aus der Bibel meinen. Und dass Sie diesen auch für allmächtig, allwissend und allgütig halten.

Dann stellt sich mir als nächstes die Frage, ob Sie sich schon mal gefragt haben, wie sinnvoll es sein kann, einen allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott mit irgendwelchen Bitten anzusprechen. Zum Beispiel um bessere Kommunikations-Skills.

Das würde ja dann entweder bedeuten, dass der ewige göttliche Allmachtsplan beinhaltet, dass dieser Gott manche Dinge nur dann veranlasst, wenn man ihn darum (ausdrücklich und ausreichend unterwürfig natürlich) bittet.

Wer von diesem Gott, der ja auch noch der einzige sein soll nie gehört hat, wie sollte der dann darauf kommen, seine Bitten ausgerechnet an diesen Gott heranzutragen, wenn das ein funktionierender Weg ist, um besser diskutieren zu können?

Oder es würde bedeuten, dass der ewige göttliche Allmachtsplan doch nicht so ganz perfekt war? Und dass sich der allmächtige „Schöpfer des Himmels und der Erde“ deshalb gerne mal von seiner bevorzugten Trockennasenaffenart darauf hinweisen lässt, was an seiner Schöpfung noch alles fehlerhaft ist?

Frau Eichert, da wir uns gerade nicht persönlich miteinander unterhalten, kann ich wieder nur vermuten, dass Ihnen diese und ähnliche Grundsatzfragen aus Ihrer Perspektive vielleicht zwar bekannt, aber im Grunde egal sein dürften.

Denn Sie wollen ja glauben, oder? Und wenn das erfordert, Abstriche in Sachen intellektueller Redlichkeit und Vernunft in Kauf zu nehmen, dann ist das halt so. Und natürlich sei es Ihnen völlig unbenommen, sich Ihre Weltanschauung religiös zu erweitern, wie es Ihnen gefällt. Selbst dann, wenn sich daraus, abgesehen vielleicht von einem bestenfalls Placebo-Effekt kein tatsächlicher, nachweislicher Nutzen ergibt.

Aber was versprechen Sie sich dann davon, sich damit vor eine Fernsehkamera zu stellen?

Menschen als göttliche Werkzeuge

Im Gegensatz zu Ihrer Eröffnung der heutigen Sendung, in der Sie noch daran erinnert hatten, dass man „nicht klein bei geben“ solle und schon auch „Rückgrat haben“ müsse in einer Diskussion, heben Sie diese Forderung jetzt mit einem Zitat aus einem Gebet wieder auf:

Mit dem Gebet, das Franz von Assisi zugeschrieben wird, wünsche ich uns allen einen friedvollen Sonntag. Er sagt:

„Nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe.
Nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste.
Nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.“

Um die Gesamtaussage dieses Gebetes richtig erfassen zu können, ist hier die erste, leider nicht zitierte Zeile von Bedeutung:

Wer dieses Gebet betet, erniedrigt sich selbst zu einem göttlichen Werkzeug. Das offenbar auch erst dann funktionieren kann, wenn man diesen Gott darum bittet.

Außerdem eröffnet es einem die Möglichkeit, Verantwortung für das eigene Handeln bequem auf eine höhere Instanz abzuschieben: Wenn ich erst meinen Gott darum bitte, ich möge mich friedlich und achtsam verhalten und tue es dann nicht, dann hatte Gott mein Gebet eben nicht erhört. Und als Gott, dessen Wege ja unergründlich sind, brauche ich auch keine weitere Begründung für mein Verhalten zu liefern.

Mit diesem Gebet spricht man der Menschheit und damit auch sich selbst die Fähigkeit ab, von alleine, also ohne irgendwelche herbeigebetete magisch-esoterische Einflüsse Frieden stiften zu können.

Friede ist in diesem Gebet etwas Gottgegebenes („…deines Friedens“). Und nicht etwa etwas, was die Menschheit aus sich selbst heraus schaffen kann.

Gut sein – ohne Gott

Da ja auch Menschen, die an keine oder andere Götter glauben durchaus in der Lage sind, ordentlich, sprich: nicht-konfrontativ zu kommunizieren und natürlich auch Frieden zu stiften, scheint es diesem Gott egal zu sein, ob jemand ihn um diese Fähigkeiten bittet oder nicht.

Genauso scheint es ihm völlig egal zu sein, wenn Menschen in seinem vermeintlichen Namen und Auftrag Lügen, Streit, Hass, Zwietracht und Gewalt verbreiten.

Schon allein diese beiden Aspekte stellen die Sinnhaftigkeit dieses Bittgebetes meines Erachtens stark in Frage.

Und deshalb lade ich Sie, Frau Eichert, zu dem von Ihnen empfohlenen Perspektivwechsel ein:

Fallen Ihnen für Ihren Appell zu besserer Diskussionskultur auch Argumente ein, die ohne Bezugnahme auf religiöse Grundannahmen und ohne eine Selbsterniedrigung, wie sie in dem zitierten Gebet zum Ausdruck kommt auskommen?

Muss ich mich wirklich erst zum „Werkzeug“ Ihres „Gottes“ degradieren und auf mein Bedürfnis verzichten, selbst verstanden, getröstet oder geliebt zu werden, um selbst besser verstehen, trösten oder lieben zu können?

Nebenbei bemerkt: Ich habe gerade die Archivdokumentation „Vater darf das!“ von Alexandra von Teuffenbach gelesen und deshalb wirken solche Vorstellungen auf mich noch befremdlicher, widerlicher und abstoßender als vorher schon…

Stichwort Eigennutz

Wäre die Sendezeit nicht sinnvoller genutzt gewesen, wenn Sie zum Beispiel einige praktische Tipps für ergiebige, nicht-konfrontative Gesprächstaktiken verraten hätten? Statt ein rein menschliches Thema und zweifellos wichtiges Anliegen für nebulös-religiöse Zwecke zu instrumentalisieren?

Statt der fragwürdigen Gebetszeilen hätten Sie zum Beispiel auch den Nutzen für den erwähnen können, der versucht, sein Gegenüber zu verstehen:

Denn das ist nicht nur ein Zeichen von Höflichkeit, Respekt und Aufmerksamkeit. Sondern es hilft auch, den eigenen Standpunkt verständlicher formulieren zu können, wenn ich weiß, was mein Gegenüber denkt und meint mit dem, was es sagt.

Gerade mein Anliegen, selbst besser verstanden zu werden halte ich für einen besseren Grund für einen Perspektivwechsel, als die Aufforderung, als „Werkzeug Gottes“ auf einen eigenen Standpunkt zu verzichten.

Ergänzung

An dieser Stelle sei einmal mehr auf die tausendfach bewährte Gesprächstechnik der Street Epistemology hingewiesen. Diese ermöglicht ergiebige und vor allem nicht-konfrontative Gespräche mit Gläubigen aller Art und lässt sich anhand vieler Beispiele auch erlernen, um sie selbst anwenden zu können.

Auch Gläubigen bieten diese Beispiele die Möglichkeit für spannende und sicher auch aufschlussreiche Perspektivwechsel..

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