Erst ein „Bambi“, dann Gefängnis – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Weltflüchtlingstag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Erst ein „Bambi“, dann Gefängnis – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Weltflüchtlingstag, verkündigt von Lissy Eichert, veröffentlicht am 19.06.2021 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Zum Weltflüchtlingstag macht Frau Eichert auf die Probleme Europas im Umgang mit Geflüchteten aufmerksam. Die genannten religiösen Aspekte belegen einmal mehr, dass Religion zur Lösung der gegenwärtigen Probleme bestenfalls entbehrlich und schlimmstenfalls auch schädlich ist.

[…] Europa fehlt eine gemeinsame, wirksame Migrations- und Asylpolitik. Ausgerechnet Staaten, in denen die Grundrechte hochgehalten werden, beschlagnahmen Rettungsschiffe, stellen die Seenotrettung unter Strafe.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Erst ein „Bambi“, dann Gefängnis – Wort zum Sonntag, verkündigt von Lissy Eichert, veröffentlicht am 19.06.2021 von ARD/daserste.de)

Die Staaten, die Rettungsschiffe beschlagnahmen und Seenotrettung unter Strafe stellen, sind in erster Linie die Staaten, die an das Mittelmeer grenzen.

Christlich motivierte Agenda

Außerdem ist anzumerken, dass es gerade die Staaten mit dem stärksten christlichen Einfluss sind, die die restriktivste Abschottungspolitik verfolgen. Wie zum Beispiel Italien, Ungarn oder Polen unter dem Einfluss der katholischen Kirche.

Gleiches gilt für die deutsche Parteienlandschaft: Es sind die „C“-Parteien, die eine Verstärkung von FRONTEX fordern. Ihr Hauptanliegen ist „Sicherheit im Inneren und nach außen.“ (Quelle und weitere Informationen zur Migrationspolitik der einzelnen Parteien: Vera Hanewinkel via bpb.de: Wie stehen die deutschen Parteien zu den Themen Migration, Integration, Flucht und Asyl?)

Diese Faktenlage scheint Frau Eichert entweder nicht zu kennen oder nicht wahrhaben zu wollen. Mit ihrer persönlich passend gemachten Gottesvorstellung und wunschgemäßen Bibelinterpretation kommt sie zu ganz anderen Schlüssen:

Was würde Jesus sagen zu dieser Abschottungsmentalität? Würde er von der Flucht seiner eigenen Familie erzählen? Oder ein Gleichnis über Flucht und Migration, das uns die Augen öffnet?

Vorab: In Anbetracht der Tatsache, dass alles, was der biblische Jesus gesagt haben soll auf mündliche Überlieferung über mindestens mehrere Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte zurückgeht und dass die Bibelwissenschaft einen Großteil der biblischen Jesuszitate als spätere Einfügungen und Fälschungen identifizieren konnte, lässt sich heute nicht mehr sagen, was ein Jesus, der vielleicht tatsächlich gelebt haben könnte tatsächlich gesagt hat oder nicht.

Wer Überlegungen darüber anstellt, was Jesus zu einem beliebigen Thema sagen würde, muss also von dem ausgehen, was die anonymen Bibelschreiber ihrer literarischen Kunstfigur „Jesus“ in den Mund gelegt hatten.

„Heilige Schriften“ sind beliebig auslegbar

Und hier kommt einmal mehr eines der grundlegenden Probleme zum Vorschein, wenn Religion, in diesem Fall speziell eine monotheistische Buchreligion im Spiel ist: Die quasi beliebige Auslegbarkeit der zugrunde liegenden „Heiligen Schrift.“

Dazu kommt der Umstand, das alles, was dieser Gott angeblich denkt, fordert oder veranlasst, genauso der menschlichen Vorstellungswelt entspringt wie die Gottesvorstellung selbst.

Kein einziger der vielen tausend Götter, die sich die Menschheit schon ausgedacht hat, hat sich jemals auch nur ein mal nachweislich irgendwie zu Wort gemeldet oder ist sonstwie nachweislich in Erscheinung getreten.

Wenn es Götter gibt, dann scheint es ihnen völlig egal zu sein, was Menschen über sie und ihre An- und Absichten behaupten.

Einmal mehr sei an dieser Stelle auf das lesenswerte Buch „Die Legende von der christlichen Moral – Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist“ von Dr. Andreas Edmüller hingewiesen.

Auf wessen Seite steht der Bibelgott wirklich?

Er würde uns lehren, dass Gott immer, wirklich immer, auf der Seite der Entrechteten steht. Das verleiht dem Menschen Würde. Das glaube ich, und das erlebe ich. Auch hier in Berlin.

Natürlich kann es sein, dass sich Frau Eicherts Privatgott in ihrer persönlichen Wunschvorstellung so verhält.

Zumindest monotheistische Götter finden immer genau das gut, was ihre Anhänger auch gut finden. Es scheint ihnen völlig egal zu sein, wie sich Menschen in ihrem vermeintlichen Namen und Auftrag verhalten.

Da das „Wort zum Sonntag“ aber eine christliche, und keine Eichert-Privatgott-Verkündigungssendung ist, erscheint es mir geradezu zynisch, im Zusammenhang mit dem biblisch-christlichen Gott von menschlicher Würde zu sprechen.

Denn dieser Gott steht immer, wirklich immer und ausschließlich auf der Seite derer, die bereit sind, sich ihm bedingungslos und exklusiv zu unterwerfen.

Menschenwürde in der Bibel: Fehlanzeige

Das gesamte „Alte Testament“ ist eine nicht endend wollende Aufzählung von göttlich veranlasster oder geforderter Gewalt gegen Glaubensfreie und Andersgläubige.

In Anbetracht der detaillierten Schilderungen der göttlichen Sanktionen, aber auch der in seinem vermeintlichen Namen und Auftrag ausgeführten Vertreibungen, Landnahmen und Völkermorde (sowohl biblisch als auch tatsächlich) bleibt von menschlicher Würde nichts, aber auch wirklich nichts übrig.

Das einzige Kriterium, das für diesen Gott zählt, ist der exklusive Glaube an ihn. Das ist das Kriterium, nach dem er, laut biblischer Mythologie, dereinst die Menschen nach ihrem Tod auf ewig belohnt oder mit physischer und psychischer Höllenfolter bei vollem Bewusstsein zeitlich unbegrenzt dauerbestraft (vgl. Mk 16,16).

Bevor es soweit ist, hat dieser Gott nochmal alles an Qual und Bestrafung vorgesehen, was sich das offenbar kranke Gehirn des anonymen Bibelschreibers mit Pseudonym Johannes in der nach ihm benannten Offenbarung nur zusammenphantasieren konnte. Und bis dahin lässt dieser Gott ausnahmslos jedes Leid empfindungsfähiger Lebewesen tatenlos geschehen. Trotz angeblicher Allmacht und Allgüte.

Was Jesus sagen würde – ist heute irrelevant

Was die möglicherweise reale Person, die als Vorlage des biblischen Romanhelden Jesus gedient hatte angeht: Das der sich mit „Entrechteten“ abgegeben hatte, dürfte schlicht daran gelegen haben, dass er hier die größten Chancen auf die Verbreitung seiner religiös-fanatistischen und fundamentalistischen Endzeit-Verkündigung gesehen haben dürfte.

Die „Entrechteten“ dienen in diesen Narrativen lediglich als Demonstrationsobjekte göttlicher Macht. Hier geht es immer um Beispiele, wie Menschen unabahängig von ihrem gesellschaftlichen Status allein durch den „rechten“ Glauben zu Würde kommen.

Hierzu empfiehlt sich die Lektüre des Buches „Jesus ohne Kitsch: Irrtümer und Widersprüche eines Gottessohns“ von Heinz-Werner Kubitza. Befreit man die literarische Jesusfigur vom „Kitsch“, dann bleibt praktisch nichts übrig, was in Bezug auf gegenwärtige Themen noch irgendwie von Bedeutung wäre.

Was auch kaum erstaunen kann: Diese Geschichten spiegeln den sozio-kulturellen Entwicklungsstand von vor rund 2000 Jahren wider. Basierend auf dem vergleichsweise minimalen Wissensstand über die natürliche Beschaffenheit und irdische Zusammenhänge. Ein Wissensdefizit, das man ganz selbstverständlich und alltäglich mit magisch-esoterischen Annahmen und Mythologie zu kompensieren versuchte.

Weil sie aber ihr Glaubenskonstrukt als irgendwie relevant darstellen müssen, bleibt BerufschristInnen heute nichts anderes übrig, als sich diese biblischen Mythen und Legenden passend zurechtzuzimmern.

Da man aber aufgeklärt denkende Menschen heute kaum noch mit imaginären Himmelswesen, deren angeblichen Drohungen und fiktiven Versprechen von irgendetwas so ernsthaft überzeugen kann, wie es die Lage, in der sich die Wwltbevölkerung in allen möglichen Bereichen befindet erforderlich macht, kann man sich den Aufwand auch sparen.

Und stattdessen versuchen, sich der Lösung der Probleme, vor denen die Menschheit im 21. Jahrhundert steht von einem rationalen und humanistischen Standpunkt aus zu nähern. Denn es geht um Menschen. Nicht um Götter, Geister und Gottessöhne.

Paradoxerweise wird Frau Eichert gleich noch mit einem Zitat zum Handeln auffordern. Weil keine Zeit mehr für Hoffnung ist. Schon gar nicht für möglicherweise hoffnungsvoll wirkende Illusionen.

Weltflüchtlingstag

Morgen ist der Weltflüchtlingstag. Ein Gedenktag für die Leidtragenden von Flucht und Vertreibung. Gedacht wird der Toten; gewürdigt der verzweifelte Lebenswille, den Flüchtende täglich aufbringen.

Was Sarah und Yusra, was die Seenotrettung, die Hilfsorganisationen und auch viele in den Kirchen gegen das tausendfache Sterben im Mittelmeer tun – das tun sie stellvertretend – auch für mich. Für uns alle.

Keine Frage: Während sich Menschen aus religiösen Motiven für eine stärkere Abschottung stark machen, engagieren sich Gläubige im vermeintlichen Sinne ihres Gottes auch für Mitmenschlichkeit.

Daran lässt sich gut erkennen, dass auch das christliche Glaubenskonstrukt eben nicht der verlässliche moralische Kompass ist, für den es gerne ausgegeben wird. Religion ist ein Kompass, der immer in die jeweils gewünschte Richtung der Person zeigt, die ihn verwendet.

Welt mit Zukunft

Und für eine Welt mit Zukunft, in der Barmherzigkeit groß geschrieben wird.

Frau Eichert, ich fände es interessant zu erfahren, was Sie am Weltflüchtlingstag zum Standpunkt der „Partei der Humanisten“ in Sachen Migrationspolitik sagen:

  • Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wir sehen in dieser Einwanderung eine Chance und treten deshalb für ein Einwanderungssystem ein. Flüchtlinge, Asylbewerber und Einwanderer sollen in die Gesellschaft integriert werden. Allen ausländischen Einwohnern und Einwanderern sollen Selbstbestimmung und Chancengleichheit eingeräumt werden, um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
  • In den freiheitlichen und humanistischen Werten sehen wir die Verbindung zwischen allen Kulturen. Nur wenn diese Werte sowohl von der einheimischen Bevölkerung als auch von Zuwandernden akzeptiert und verinnerlicht werden, wird ein dauerhaft friedliches Zusammenleben möglich sein. Wir setzen uns für ein breites und kostenloses Angebot an Kursen für Sprache, Staats- und Rechtskunde für Zuwanderer ein. Zudem muss die Anerkennung ausländischer Abschlüsse erleichtert werden.
  • Bildung ist eines der besten Mittel zur Integration, deshalb sollten sowohl Migranten als auch anerkannte Flüchtlinge denselben Zugang zu kostenfreier Bildung erhalten wie deutsche Staatsbürger.
    (Quelle: diehumanisten.de: Programm, Stichpunkt: Migration)

Entspricht das in etwa Ihrer Vorstellung von einer Welt mit Zukunft, in der zwar keine religiös vernebelte Form von Barmherzigkeit, wohl aber die Mitmenschlichkeit groß geschrieben wird?

Weltflüchtlingstag: There is no time to hope

Heute engagiert sich Sarah Mardini bei Sea Watch. Sie weckt Hoffnung – betont aber auch: Hoffnung allein ist zu wenig: „There is no time to hope, there is time to act. “ Wir haben keine Zeit mehr, auf etwas zu hoffen, wenn wir nicht ins Handeln kommen. Es ist die Zeit zum Handeln.

Und fürs Handeln braucht es eine solide ethische Grundlage. Eine, die nicht auf beliebig interpretierbarer archaischer Wüstenmythologie mit ihren magisch-esoterischen Gottes-, Jenseits- und Erlösungs-Phantasien beruht.

Was auch immer Sie Ihrer Aussage zufolge in Berlin erleben: Es ist das Menschein, das dem Menschen Würde verleiht. Und das gilt für alle Menschen. Unabhängig von ihren religiösen Glaubensüberzeugungen. Also auch für die, auf deren Seite der Bibelgott ausdrücklich nicht steht.

Frau Eichert, sind es nicht gerade BerufschristInnen wie Sie, die permanent eine Hoffnung verbreiten, die sich bei Licht betrachtet als rein fiktiv und illusorisch erweist? Die Hoffnung, dass Ihr Gott nicht nur existiert, sondern auch wohlwollend (genauer: immer im Sinne derer, die an ihn glauben) ins irdische Geschehen eingreift? Und der sich aber doch, genauso wie alle anderen Götter, genau so verhält, als gäbe es ihn nicht?

 

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1 Gedanke zu „Erst ein „Bambi“, dann Gefängnis – Das Wort zum Wort zum Sonntag zum Weltflüchtlingstag“

  1. Wie für fast alle weltlichen Probleme, wird immer gerne -als Lösung- die Christliche Grundeinstellung und die Nächstenliebe herangezogen!
    Was bei näherem Hinsehen sich als tatenloses Nichsttun entpuppt!
    Dennoch ist die gesamte Flüchtlingspolitik eine sehr sensibles und heikles Thema nur global zulösen und sollte nicht, wie oben beschrieben, von irgentwelchen Götern, oder deren Söhne abhängen!
    Eines der wichtigsten Ansätze ist n.m.M, eine Ursachenbekämpfung!

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