Miteinander sprechen – ohne Vorbehalt – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Miteinander sprechen – ohne Vorbehalt – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Wolfgang Beck, veröffentlicht am 01.06.2024 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Wenn, wie beim Katholikentag 2024 in Erfurt die kritischen Stimmen zu laut werden, plädiert Pfarrer Beck notgedrungen für den Dialog.

Ohne Ausrüstung, ohne Ausstattung wer soll so arbeiten? Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Von Jesus heißt es in der Bibel, dass die Jüngerinnen und Jünger ohne angemessenes Equipment in die Welt schickt; damit sie den Glauben verkünden. Wer soll so arbeiten?

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Miteinander sprechen – ohne Vorbehalt – Wort zum Sonntag, verkündigt von Pfarrer Wolfgang Beck, veröffentlicht am 01.06.2024 von ARD/daserste.de)

Die Bibelstelle, auf die sich Pfarrer Beck hier augenscheinlich bezieht, lautet wie folgt:

  1. Er rief dann die Zwölf zusammen und gab ihnen Kraft und Vollmacht über alle bösen Geister sowie zur Heilung von Krankheiten, 
  2. hierauf sandte er sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und (die Kranken) zu heilen.
  3. Dabei gab er ihnen die Weisung: »Nehmt nichts mit auf den Weg, weder einen Stock noch einen Ranzen, weder Brot noch Geld; auch sollt ihr nicht jeder zwei Röcke haben!
  4. Wo ihr in ein Haus eingetreten seid, dort bleibt und von dort zieht weiter!
  5. Und wo man euch nicht aufnimmt, da geht aus einer solchen Stadt weg und schüttelt den Staub von euren Füßen ab zum Zeugnis wider sie!« 
  6. So machten sie sich denn auf den Weg und wanderten von Dorf zu Dorf, indem sie überall die Heilsbotschaft verkündeten und Heilungen vollführten.
(Lukas 9, 1-6 MENG)

Wer die „Kraft und Vollmacht über alle bösen Geister sowie zur Heilung von Krankheiten“ hat und dessen Aufgabe darin besteht, Analphabeten mit Wundermärchen vom Götterglauben zu überzeugen und Dämonen auszutreiben, sollte dafür kein spezielles Equipment benötigen.

Die Anweisung, während der Missionierung auf Kosten der Allgemeinheit zu leben, eignet sich hervorragend zur biblischen Legitimierung eines Geschäftsmodells, das sich bis heute bestens bewährt hat.

Lieblingsdeutung

Mir gefällt eine Deutung besonders: Dass die Jüngerinnen und Jünger damit nämlich in eine Situation kommen, immer wieder auf andere Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen und das Gespräch zu suchen, im Zweifelsfall auch um Hilfe zu bitten. Es könnte ein ganz guter Hintergrund sein für den Katholikentag, der an diesem Wochenende hier in Erfurt in Thüringen stattfindet.

Eine andere Aussage, die sich offenbar nicht zweckdienlich umdeuten lässt, lässt Pfarrer Beck einfach weg: „Und wenn man euch nicht aufnimmt, da geht aus einer solchen Stadt weg und schüttelt den Staub von euren Füßen ab zum Zeugnis wider sie!“

Fremdfinanzierung: Läuft

Aus wirtschaftlicher Sicht kann dem Kirchenkonzern die stetig sinkende Nachfrage nach seinem Heilsprodukt ziemlich egal sein. Anders als die „Jüngerinnen und Jünger“ braucht die Kirche gar nicht erst um Hilfe zu bitten. Denn das Modell der Fremdfinanzierung läuft auch so wie geschmiert.

Im Gegenteil: Je geringer das Interesse an den angebotenen religiösen Dienstleistungen, desto geringer ist auch der teure Personalaufwand. Und die Bischofsgehälter werden ja ohnehin vom Staat bezahlt.

Wie in einer Pressemitteilung der Aktion 11tes-gebot.de zu lesen ist, wird der Katholikentag in Erfurt mit mindestens 2,3 Millionen Euro von der öffentlichen Hand gefördert.

Im Einzelnen geben das Land Thüringen 1,2 Millionen Euro, der Bund 500.000 Euro und die mit über 78 Millionen Euro verschuldete Stadt Erfurt 600.000 Euro, welche sie faktisch als Kredit aufnehmen muss, um das Geld der Kirche für ihr nicht nachhaltiges Missionierungsfest zu schenken. Von den Gesamtkosten in Höhe von 7,1 Millionen Euro trägt die öffentliche Hand daher 32,4 Prozent. Dieser Betrag ist in mehrfacher Hinsicht deutlich zu hoch.“ 

(Maximilian Steinhaus / 11tes-gebot.de via https://11tes-gebot.de/node/280)

Und wo man euch nicht aufnimmt, da geht aus einer solchen Stadt weg

Trotz der, sowohl im Verhältnis zur Gesamtanzahl der Katholiken in Deutschland und erst recht im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sehr geringen Teilnehmerzahl war es offenbar, wie auch schon beim Leipziger Katholikentag wieder problematisch, trotz Unterstützung des MDR genug Privatpersonen davon zu überzeugen, ihre Privaträume für Katholikentagsbesucher zur Verfügung zu stellen (Zitat kirchentag.de: Aufgrund der hohen Nachfrage nach Privatquartieren können wir derzeit leider keine weiteren Anfragen annehmen.).

Wie der Webseite zu entnehmen ist, kassiert die Veranstalterin bei Vermittlung einer Privatunterkunft 25 Euro steuerfreie Vermittlungsgebühr. Um die Größenordnung des Betrages auszurechnen, der den gewerblichen Unterkunftsanbietern in Erfurt und Umgebung so entgeht, fehlt mir gerade die Zeit.

Eigentlich eigentlich eher

Von den christlichen Großkirchen könnte man eigentlich sagen, dass die östlichen Städte und ostdeutschen Regionen eigentlich ein eher schwieriges Terrain sind, ein schwieriges Pflaster für ihr Arbeiten, für die Verbreitung des christlichen Glaubens.

Bei einer gleich dreifachen Relativierung kann es offenbar nicht so schlimm sein, dass die Nachfrage nach christlichem Glauben in den östlichen Regionen Deutschlands eigentlich eigentlich eher nicht groß ist.

Aber hier lässt sich eine Menge lernen. Hier lässt sich lernen, wie Kirche auch unterwegs ist, gewissermaßen mit leichtem Gepäck.

2,3 Millionen für das Sommerfest einer religiösen Minderheit mit gerade mal 20.000 Besuchern als „leichtes Gepäck“ zu bezeichnen erscheint mehr als zynisch. Aber es wird noch doller:

Klagen ist des Kaufmanns Gruß

Natürlich: Die großen christlichen Kirchen haben insgesamt in Deutschland sehr viel, was sie mit sich schleppen – eine Menge an Finanzen mit der Kirchensteuer, eine Menge an Immobilienbestand und natürlich auch viel Personal. Aber der Blick in die Zukunft, der setzt an all das sicherlich auch ein großes Fragezeichen.

Ach Gottchen, Herr Beck. Was erwarten Sie? Eine Runde Mitleid für die „großen christlichen Kirchen“, weil sie ach so arg an ihrem unvorstellbaren Reichtum zu schleppen haben? Und dann auch noch diese verdammt hohen Personalkosten, ei ei ei!

A propos Kirchensteuer: Bei Ihrem heuchlerisch-larmoyanten Bedauern der „Menge an Finanzen“, die die arme katholische Kirche mit sich schleppen muss haben Sie die Staatsleistungen unterschlagen, die eben nicht die Kirchensteuer Ihrer Kunden, sondern die Allgemeinheit alljährlich in Millionenhöhe ganz von alleine in Ihre Kirchenkasse spült. Im Jahr 2024 beläuft sich diese finanzielle Palliativversorgung auf schwindel (oder auch ekel-)erregende 618,4 Millionen Euro (Quelle). Getragen von der Allgemeinheit. Also auch von Menschen, die an keine oder an andere Götter glauben.

A propos Fragezeichen: Wieso sorgen Sie sich um die Zukunft, Sie Kleingläubiger? Wo doch der Gottessohn aus der biblischen Mythologie seinen Nachfolgern in Matthäus 6,25-32 ausdrücklich klar macht, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgt? Wie war das noch gleich: Sie säen nicht und ernten doch…

Schäfchen beeindrucken

Deswegen lohnt sich gerade der Blick in die Zukunft vielleicht im Gespräch hier in Ostdeutschland. Hier in Erfurt gibt es viele Dinge, die auch beeindrucken können. Der große Domberg thront über der Stadt, das Augustinerkloster ist wunderschön, die Stätten der mittelalterlichen Mystik. All das könnte den Eindruck erwecken, das Christentum präge hier die Stadt oder die Gesellschaft.

Genau zu diesem Zweck waren Dome und Kathedralen ja errichtet worden: Um die Schäfchen zu beeindrucken. Und dieser Zweck heiligte alle Mittel, die der erforderlichen Geldbeschaffung dienten.

Heute wirken diese Stätten – ungeachtet ihres architektonischen Wertes – wie Relikte aus zum Glück längst vergangenen Zeiten. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich mit den Darstellungen befasst, die in Gotteshäusern bis heute zur Schau gestellt werden. Beispiele aus Nordbayern gibts im großen AWQ.DE-Kirchenkunstreport.

Wir wollen auch was zu melden haben!

Aber natürlich ist eher das Gegenteil der Fall. Die Christinnen und Christen stellen hier eine eher sehr kleine gesellschaftliche Gruppe dar. Und Sie wissen, was es bedeutet, immer wieder das Gespräch zu suchen mit den Mitmenschen, mit den Zeitgenossen. Genau darum geht es: Sich, auch wenn die Kirchen kleiner werden, sich eben nicht zurückzuziehen, sich nicht nur mit spirituellen und liturgischen Fragen zu beschäftigen, sondern mit allen aktuellen Gesellschaftsfragen, um darüber mit allen gesellschaftlichen Akteuren nach Möglichkeit ins Gespräch zu kommen.

Der Anteil an Christen, der bisher nur noch nicht zu faul oder zu gleichgültig war um auszutreten, sondern der sich tatsächlich für den Glauben engagiert, dürfte nochmal erheblich kleiner sein als die sowieso schon „eher sehr kleine gesellschaftliche Gruppe.“ Laut statista.de gab es im Jahr 2022 […] in Deutschland rund 20,9 Millionen Katholiken und durchschnittlich 1,2 Millionen katholische Gottesdienstbesucher.

Allgemeine und blumige Rede

Dass das nicht nur irgendwie eine allgemeine und blumige Rede ist, sondern manchmal auch harte Arbeit bedeutet, das wissen die Kirchen auch aus ihrem eigenen Bereich.

Hart wird die Teilnahme an einer Diskussion um aktuelle Gesellschaftsfragen, wenn jemand mit magisch-mythologisch-esoterischen Vorstellungen um die Ecke kommt.

Denn sobald irgendwelche Götter, Geister und Gottessöhne ins Spiel gebracht werden, bleibt gar nichts anderes übrig als „allgemeine und blumige Rede.“ Beispiele dafür finden sich in praktisch jeder Ausgabe vom „Wort zum Sonntag.“

Hart wird die Teilnahme auch dann, wenn sich die Kirche an aktuellen Gesellschaftsfragen zu den Themen beteiligen soll, bei denen es um den kirchlichen Impact auf die Gesellschaft geht.

11. Gebot beim Katholikentag 2024
Foto: David Farago / 11tes-gebot.de

Gesprächsbereit? …notgedrungen…

Die kritischen Stimmen immer wieder mit einzubinden und sie nicht an den Rand zu drängen. Auch darin zeigt sich, ob es gelingt, miteinander eine Gesprächskultur zu etablieren und zu pflegen. Das gilt es zu trainieren – miteinander und mit allen Menschen in der Gegenwartsgesellschaft.

Irgendwann werden die „kritischen Stimmen“ so hör- und sichtbar, dass sie sich nicht mehr an den Rand drängen lassen. Wenn die Kritik dann noch in Form von medienwirksamen Kunstaktionen geäußert wird, die geeignet sind, dem Katholikentag die Show zu stehlen, dann bleibt wohl irgendwann nichts anderes übrig, als eine Gesprächskultur zu etablieren und zu pflegen. Sollte man meinen.

Die von Pfarrer Beck hier suggerierte kirchliche Offenheit und Gesprächskultur ist freilich nichts weiter als Blendwerk. Auch in Erfurt ist es ihr – wie nicht anders zu erwarten – nicht „gelungen“, eine Gesprächskultur mit kritischen Stimmen zu etablieren und zu pflegen.

Die einzig tatsächlich erkennbare Reaktion auf die unüberhör – und sehbare Kritik an der Katholikentagsubventionierung war, dass sämtliche Verhandlungen zu den Subventionierungsberatungen erneut hinter verschlossenen Türen stattfanden und die Protokolle dazu geheim gehalten werden.

8 Fragen zum Katholikentag 2024 in Erfurt

A propos Gesprächskultur: Wenn Sie es mit „sich nicht nur mit spirituellen und liturgischen Fragen zu beschäftigen, sondern mit allen aktuellen Gesellschaftsfragen, um darüber mit allen gesellschaftlichen Akteuren nach Möglichkeit ins Gespräch zu kommen.“ ernst meinen, dann beantworten Sie doch einfach mal diese 8 Fragen, in denen es – wie gewünscht – nicht um spirituelle und liturgische, sondern um aktuelle Gesellschaftsfragen geht, Herr Beck!

Auch das lässt sich hier in Erfurt bei diesem Katholikentag, bei dem circa 20.000 Menschen miteinander ein paar Tage verbringen, um miteinander zu feiern, miteinander zu diskutieren, auch miteinander zu beten, beobachten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Das sei den Katholiken auch völlig unbenommen – aber nur unter Beachtung des 11. Gebotes:

Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!

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2 Gedanken zu „Miteinander sprechen – ohne Vorbehalt – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. An dem Bibelspruch merkt man wieder sehr deutlich, dass die Verbreitung des Evangeliums eben nicht für die gesamte Welt gedacht war, sondern nur für die paar an Jerusalem angrenzenden Dörfer…
    Wer es nicht glaubt, der soll mal ohne Gepäck, Proviant und Wechselwäsche anfangen, ne Weltreise zu starten, vorzüglicherweise im Hochsommer in der Wüste.

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