„Erinnere dich, wer du bist“: Wenn Popkultur zur Predigt verbogen wird

Lesezeit: ~ 9 Min.

Wie Stefan Buß Disney-Mythologie mit christlicher Theologie verschmilzt und dabei beide entstellt: Gedanken zu: Stefan Buß: „Erinnere dich, wer du bist“ – „Der König der Löwen“, Beitrag veröffentlicht am 4.3.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Buß vereinnahmt eine säkulare Disney-Heldengeschichte für theologische Zwecke, deutet psychologische Mechanismen religiös um, reklamiert universelle Lebensweisheiten als „zutiefst biblisch“ und propagiert dabei ein Menschenbild, das Identität nicht autonom, sondern durch externe göttliche Zusage definiert – eine Vermischung von Kategorien, die sowohl Popkultur als auch Theologie entstellt und menschliche Autonomie zugunsten religiöser Abhängigkeit negiert.

Stadtpfarrer Stefan Buß hat einen neuen „Impuls“ veröffentlicht, in dem er den Disney-Film „Der König der Löwen“ als Illustration christlicher Botschaften nutzt. Was zunächst wie ein zeitgemäßer Versuch erscheint, religiöse Inhalte durch populärkulturelle Referenzen zugänglich zu machen, entpuppt sich bei genauerer Analyse als problematische Vermischung verschiedener Deutungsebenen:

Eine Heldenerzählung wird zur theologischen Parabel umgedeutet, psychologische Mechanismen werden religiös überhöht, und säkulare Lebensweisheiten werden als „zutiefst biblisch“ reklamiert. Dabei entstellt Buß sowohl die Filmerzählung als auch die christliche Theologie – und propagiert ein Menschenbild, das Schuld, Verantwortung und Identität auf problematische Weise miteinander verknüpft.

Die strategische Popkultur-Referenz: Wenn Disney zur Bibel wird

Buß beginnt mit einer kulturellen Behauptung: „Kaum ein Film hat Generationen so berührt wie Der König der Löwen. Es ist eine Geschichte von Verlust und Schuld, von Flucht und Neuanfang – und vor allem von Berufung.“

Diese Einordnung ist bereits tendenziös. „Der König der Löwen“ ist primär eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Heldenreise nach dem klassischen Muster von Joseph Campbell: Der junge Held verliert seinen Vater, wird aus seinem Reich vertrieben, findet Mentoren, durchläuft Prüfungen und kehrt schließlich zurück, um seine rechtmäßige Position einzunehmen. Es ist eine Geschichte über Erwachsenwerden, über den Umgang mit Trauer und über die Übernahme von Verantwortung.

Buß deutet diese Erzählung jedoch von Anfang an theologisch: als Geschichte „vor allem von Berufung“. Damit wird eine säkulare Heldenerzählung in einen religiösen Kontext gezwungen. Die „Berufung“ Simbas ist keine göttliche, sondern eine genealogische und soziale: Er ist der Sohn des Königs und damit der rechtmäßige Thronfolger. Das ist keine religiöse Berufung im christlichen Sinne (von Gott auserwählt zu einem bestimmten Dienst), sondern eine monarchische Erbfolge.

Diese Umdeutung ist charakteristisch für religiöse Vereinnahmung populärkultureller Phänomene: Ein säkulares Narrativ wird so interpretiert, dass es christliche Botschaften zu bestätigen scheint. Dabei werden die ursprünglichen Bedeutungsebenen ignoriert oder entstellt.

Die Schuld-Flucht-Analogie: Psychologie als Theologie

Buß interpretiert Simbas Geschichte als Geschichte von Schuld und Flucht: „Nach dem Tod seines Vaters glaubt er, schuldig zu sein. Er flieht. Weg von seiner Verantwortung, weg von seiner Identität.“

Diese Deutung ist psychologisch zutreffend, aber Buß fügt eine theologische Dimension hinzu, die im Film nicht vorhanden ist. Im Film fühlt Simba sich schuldig, weil sein Onkel Scar ihn manipuliert hat, zu glauben, er sei für den Tod seines Vaters verantwortlich. Diese Schuld ist eine falsche Schuld, eine Lüge, die ihm eingeredet wurde. Die Auflösung der Geschichte besteht darin, dass Simba diese Lüge erkennt und versteht, dass nicht er, sondern Scar für den Tod verantwortlich ist.

Buß hingegen deutet die Schuld als reale Schuld, die vergeben werden muss: „Schuld wird nicht geleugnet, sondern vergeben. Scheitern wird nicht verharmlost, sondern erneuert.“ Doch im Film gibt es nichts zu vergeben – Simba hat nichts getan, wofür er Vergebung bräuchte. Die psychologische Arbeit besteht darin, eine falsche Schuldüberzeugung zu überwinden, nicht darin, reale Schuld durch göttliche Vergebung zu bewältigen.

Diese Umdeutung ist problematisch, weil sie zwei fundamental verschiedene psychologische Situationen vermischt:

  1. Traumatische Fehlüberzeugung: Jemand glaubt fälschlicherweise, schuldig zu sein, und muss diese falsche Überzeugung korrigieren.
  2. Reale Schuld: Jemand hat tatsächlich Schaden angerichtet und muss Verantwortung übernehmen, Wiedergutmachung leisten oder Vergebung suchen.

Simba befindet sich in Situation 1, doch Buß behandelt ihn, als befände er sich in Situation 2. Diese Vermischung ist nicht nur analytisch unsauber, sie ist auch psychologisch bedenklich, weil sie suggeriert, dass Menschen, die sich fälschlicherweise schuldig fühlen, tatsächlich Vergebung (von Gott) bräuchten – statt therapeutische Arbeit an ihrer Fehlüberzeugung.

Die Universalisierung: „Wie oft machen wir es ähnlich?“

Buß universalisiert nun Simbas spezifische Situation: „Wie oft machen wir es ähnlich? Wenn Schuld uns belastet, wenn wir versagt haben, wenn Erwartungen zu groß werden, dann fliehen wir. Wir verdrängen. Wir lenken uns ab.“

Diese Verallgemeinerung ist rhetorisch geschickt, aber inhaltlich problematisch. Sie suggeriert, dass alle Menschen sich in einer Situation befinden, die mit Simbas Geschichte vergleichbar ist: belastet von Schuld, auf der Flucht vor Verantwortung, in Verdrängung lebend.

Doch diese Universalisierung trifft nicht zu. Viele Menschen leben nicht in Schuld oder Flucht. Sie führen selbstbestimmte Leben, übernehmen Verantwortung ohne religiöse Legitimation, gestalten ihre Identität ohne Rückgriff auf göttliche Berufung. Die Behauptung, wir alle würden wie Simba fliehen, ist eine Projektion, die ein spezifisches psychologisches Muster (Trauma, Flucht, Rückkehr) zum universellen Menschheitsmuster erklärt.

Diese Universalisierung dient einem klaren rhetorischen Zweck: Sie soll die Zuhörerinnen und Zuhörer in eine Position bringen, in der sie sich selbst als schuldig, flüchtend, verantwortungsscheu erkennen – und damit offen werden für die theologische Lösung, die Buß anbietet.

Die biblische Parallelisierung: Flucht als Muster

Buß stützt seine Universalisierung durch biblische Beispiele: „Die Bibel kennt das gut: Adam versteckt sich, Mose flieht, Petrus verleugnet. Flucht ist menschlich – aber sie ist nicht das Ende.“

Diese Aufzählung ist selektiv und verzerrt die biblischen Erzählungen. Adam versteckt sich nach dem Sündenfall – eine mythologische Erzählung über Ungehorsam und Scham. Mose flieht nach einem Mord – eine reale Flucht vor rechtlichen Konsequenzen. Petrus verleugnet Jesus aus Angst – ein Moment menschlicher Schwäche in einer Extremsituation.

Diese drei Geschichten sind fundamental verschieden in ihrer Struktur, ihrer Ursache und ihrer Bedeutung. Sie zu einem gemeinsamen Muster („Flucht ist menschlich“) zu verdichten, ist analytisch unsauber. Zudem wird das Muster so konstruiert, dass es Schuld und Flucht als universelle menschliche Konstante etabliert – und damit die Notwendigkeit göttlicher Vergebung und Erneuerung.

Aus säkularer Sicht ist „Flucht“ nicht per se negativ. Manchmal ist es rational und gesund, sich aus destruktiven Situationen zurückzuziehen, Abstand zu nehmen, sich Zeit zur Reflexion zu geben. Nicht jede Flucht ist Verdrängung, nicht jeder Rückzug ist Verantwortungslosigkeit. Buß pathologisiert jede Form von Rückzug als „Flucht vor Verantwortung“ – und bereitet damit den Boden für die religiöse Lösung: die Rückkehr zu Gott.

Die theologische Lösung: Gott verwandelt Vergangenheit

Nun präsentiert Buß die zentrale theologische Botschaft: „Gott löscht unsere Vergangenheit nicht aus – aber er kann sie verwandeln. Schuld wird nicht geleugnet, sondern vergeben. Scheitern wird nicht verharmlost, sondern erneuert.“

Diese Formulierung klingt versöhnlich und konstruktiv, verschleiert aber fundamentale theologische Probleme:

1. Die Passivität des Menschen

„Gott kann sie verwandeln“ – der Mensch ist hier passives Objekt göttlichen Handelns. Nicht der Mensch arbeitet an seiner Vergangenheit, reflektiert sie, lernt aus ihr, verändert sein Verhalten. Nein, Gott verwandelt sie. Der Mensch ist entmündigt, sein eigenes Handeln negiert.

Aus psychologischer Sicht ist diese Haltung problematisch. Therapeutische Arbeit besteht gerade darin, dass Menschen selbst aktiv ihre Vergangenheit verarbeiten, ihre Traumata integrieren, ihre Verhaltensweisen ändern. Sie sind nicht passiv darauf angewiesen, dass eine externe Instanz ihre Vergangenheit „verwandelt“.

2. Die Vergebungs-Ökonomie

„Schuld wird nicht geleugnet, sondern vergeben“ – diese Formulierung etabliert eine Vergebungs-Ökonomie, in der Schuld eine Substanz ist, die nur durch göttliche Vergebung aufgelöst werden kann. Doch aus säkularer Sicht ist Vergebung ein zwischenmenschlicher Prozess: Wer Schaden angerichtet hat, kann um Vergebung bitten bei denen, die er geschädigt hat. Vergebung ist keine göttliche Gnade, sondern eine menschliche Entscheidung.

Zudem suggeriert Buß, dass alle Schuld vergeben werden kann – unabhängig davon, ob die Geschädigten vergeben wollen oder können. Das ist eine Entmündigung der Opfer. Wenn Gott vergibt, ist die Schuld getilgt – unabhängig davon, ob die menschlichen Opfer vergeben haben. Diese Logik entwertet zwischenmenschliche Verantwortung zugunsten vertikaler Gottesbeziehung.

3. Die Erneuerungs-Verheißung

„Scheitern wird nicht verharmlost, sondern erneuert“ – diese Formulierung verschleiert, dass „Erneuerung“ im christlichen Sinne keine psychologische Selbstarbeit ist, sondern göttliches Wirken. Der Mensch wird erneuert durch Gott, nicht durch eigene Anstrengung.

Diese Logik entwertet menschliche Resilienz, menschliche Lernfähigkeit, menschliche Entwicklungspotenziale. Menschen können aus Scheitern lernen, sich verändern, wachsen – ohne göttliche Intervention. Die theologische Erneuerungs-Verheißung macht Menschen abhängig von einer externen Autorität, statt ihre eigene Fähigkeit zur Selbsttransformation zu stärken.

Die Identitäts-Theologie: „Du hast vergessen, wer du bist“

Buß kommt zum zentralen Moment der Filmerzählung: Simbas Begegnung mit dem Geist seines Vaters, der sagt: „Du hast vergessen, wer du bist.“

Diese Szene deutet Buß theologisch: „Diese Worte gelten auch uns. Wir vergessen, dass wir mehr sind als unsere Fehler. Mehr als unsere Angst. Mehr als das, was andere über uns sagen – oder wir selbst.“

Bis hierhin ist die Aussage noch humanistisch kompatibel: Menschen reduzieren sich mitunter auf ihre Fehler, definieren sich über Ängste oder Fremdurteile. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass man mehr ist als diese Aspekte.

Doch dann kommt die theologische Wende: „In der Taufe sagt Gott zu jedem von uns: Du bist mein geliebtes Kind. Unsere Identität liegt nicht in unserer Leistung, sondern in Gottes Zusage.“

Hier vollzieht Buß die entscheidende Umdeutung: Die Identität des Menschen liegt nicht in ihm selbst – in seinen Werten, seinen Beziehungen, seinen Erfahrungen, seinen Entscheidungen – sondern in Gottes Zusage. Der Mensch ist nicht autonom identitätsstiftend, sondern empfängt seine Identität von außen, von Gott.

Diese Logik ist aus humanistischer Sicht fundamental problematisch:

1. Die Abhängigkeit von externer Legitimation

Wenn meine Identität in „Gottes Zusage“ liegt, dann bin ich abhängig von dieser Zusage. Mein Selbstwert, meine Selbstdefinition, meine Existenzberechtigung hängen davon ab, dass Gott mich als „geliebtes Kind“ anerkennt.

Aus säkularer Sicht ist das eine Form der existenziellen Abhängigkeit, die Menschen entmündigt. Die humanistische Alternative lautet: Meine Identität liegt in mir selbst. Ich definiere mich durch meine Werte, meine Beziehungen, meine Handlungen. Ich brauche keine externe Legitimation – weder von Gott noch von anderen Autoritäten.

2. Die Entwertung eigener Leistung

„Unsere Identität liegt nicht in unserer Leistung“ – diese Aussage soll entlastend wirken, hat aber eine destruktive Kehrseite. Sie entwertet die Bedeutung dessen, was Menschen tun, wie sie sich entwickeln, was sie erreichen.

Aus psychologischer Sicht ist Kompetenzerleben fundamental wichtig für Selbstwert. Menschen brauchen das Gefühl, etwas bewirken zu können, Herausforderungen zu meistern, sich weiterzuentwickeln. Wenn man ihnen sagt „Deine Identität liegt nicht in deiner Leistung“, dann entwertet man diese wichtige Quelle von Selbstwert.

Die humanistische Alternative lautet: Identität ist multidimensional. Sie besteht aus Leistung UND Beziehungen UND Werten UND Selbstreflexion. Keine dieser Dimensionen sollte absolut gesetzt werden – aber auch keine sollte entwertet werden.

3. Die Tauf-Zusage als Fundament

Buß bezieht sich auf die Taufe als Moment, in dem Gott dem Menschen seine Identität zuspricht. Doch die allermeisten getauften Menschen werden als Säuglinge getauft – ohne Zustimmung, ohne Verständnis, ohne eigene Entscheidung.

Die Behauptung, die Identität eines Menschen liege in einer Zusage, die ihm als Baby gemacht wurde (und an die er sich nicht erinnern kann), ist aus autonomietheoretischer Sicht hochproblematisch. Sie etabliert eine unveränderbare religiöse Identität, die dem Menschen von außen aufgeprägt wurde – und die er ein Leben lang als Fundament seines Selbst akzeptieren soll.

Die säkulare Alternative lautet: Identität ist selbstbestimmt und veränderlich. Menschen entwickeln ihre Identität im Laufe ihres Lebens, durch Erfahrungen, Reflexion, Entscheidungen. Sie sind nicht festgelegt auf eine religiöse Identitätszuschreibung aus der Kindheit.

Anzeige

Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Stoffbeutel Weiß

Zum Produkt

Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Frauen T-Shirt Rot

Zum Produkt

#wenigerglauben - Sofakissen mit Füllung 45 x 45 cm helles Taupe

Zum Produkt

Die Verantwortungs-Rhetorik: „Hakuna Matata“ als Sünde

Buß kritisiert die „Hakuna Matata“-Philosophie aus dem Film: „’Hakuna Matata‘ – keine Sorgen – wird zu seiner Lebensphilosophie. Wie oft machen wir es ähnlich? […] Wir sagen uns: Es ist doch alles gar nicht so schlimm.“

Diese Kritik ist teilweise berechtigt: Verdrängung ist keine gesunde Bewältigungsstrategie. Doch Buß übersieht, dass „Hakuna Matata“ im Film nicht als endgültige Lebensphilosophie präsentiert wird, sondern als Übergangsphase. Simba braucht diese Phase der Sorglosigkeit, um sich von seinem Trauma zu erholen. Es ist eine Form der psychologischen Selbstfürsorge, kein moralisches Versagen.

Buß deutet diese Phase jedoch moralisch: als Flucht vor Verantwortung. Damit pathologisiert er jede Form von Entspannung, Gelassenheit oder bewusster Sorglosigkeit als potenzielle Verantwortungslosigkeit.

Er sagt: „Christlicher Glaube ist kein ‚Hakuna Matata‘. Er ist eine Einladung zur Verantwortung: für unser Leben, für andere, für diese Welt.“

Diese Gegenüberstellung ist eine falsche Dichotomie. Man kann sehr wohl Verantwortung übernehmen UND Momente der Sorglosigkeit haben. Man kann ethisch handeln UND sich nicht permanent von Sorgen belasten lassen. Aus psychologischer Sicht ist Balance wichtig: zwischen Verantwortung und Selbstfürsorge, zwischen Engagement und Entspannung.

Buß konstruiert jedoch einen Gegensatz: Entweder du bist verantwortungsbewusst (christlich) oder sorglos (unchristlich). Diese Schwarz-Weiß-Rhetorik ist für Religionsverkündiger symptomatisch. Sie ignoriert, dass Menschen verschiedene Lebensphilosophien situativ anwenden können und sollten.

Die Reklamation säkularer Weisheit: „Das ist zutiefst biblisch“

Eine zentrale rhetorische Strategie von Buß ist die Reklamation säkularer Lebensweisheiten als „zutiefst biblisch“. Der Affe Rafiki sagt zu Simba: „Oh ja, die Vergangenheit kann wehtun. Aber du kannst entweder vor ihr davonlaufen oder von ihr lernen.“

Buß kommentiert: „Das ist zutiefst biblisch.“

Doch diese Weisheit ist nicht spezifisch biblisch, sie ist universell menschlich. Die Einsicht, dass man aus der Vergangenheit lernen kann statt vor ihr zu fliehen, findet sich in praktisch allen philosophischen und psychologischen Traditionen: in der stoischen Philosophie, in der buddhistischen Achtsamkeitslehre, in der säkularen Psychotherapie, in der humanistischen Ethik.

Die Behauptung, diese Weisheit sei „zutiefst biblisch“, ist eine Form der kulturellen Aneignung: Universelle menschliche Einsichten werden als spezifisch christlich reklamiert, um zu suggerieren, dass wahre Weisheit nur aus der Bibel komme.

Diese Strategie ist nicht nur intellektuell unredlich, sie ist auch kontraproduktiv. Denn sie entfremdet säkulare Menschen von Einsichten, die sie eigentlich teilen könnten, indem sie diese Einsichten unnötigerweise religiös markiert.

Die kreislauf-des-Lebens-Umdeutung: Von Natur zu Gott

Buß schließt mit einer letzten Umdeutung: „Der Film spricht vom ‚Kreislauf des Lebens‘. Die Bibel spricht von Gottes Treue durch alle Generationen.“

Der „Kreislauf des Lebens“ im Film ist eine naturalistische Vorstellung: Leben und Tod sind Teil eines natürlichen Kreislaufs, in dem jedes Lebewesen seinen Platz hat. Es ist eine Philosophie, die Trost bietet ohne Transzendenzbezug: Dein Leben ist Teil eines größeren Ganzen, das über dich hinausgeht.

Buß deutet diesen naturalistischen Kreislauf jedoch theologisch um: als „Gottes Treue durch alle Generationen“. Damit wird eine säkulare, naturphilosophische Vorstellung in eine theistische Weltsicht übersetzt – ohne dass diese Übersetzung notwendig oder gerechtfertigt wäre.

Die säkulare Vorstellung „Kreislauf des Lebens“ braucht keine göttliche Treue, um tröstlich zu sein. Sie ist tröstlich gerade in ihrer Natürlichkeit: Du bist Teil der Natur, des Lebens, des Werdens und Vergehens. Das ist genug.

Fazit: Disney ist keine Theologie

Stefan Buß‘ „Impuls“ ist ein Beispiel dafür, wie religiöse Rhetorik populärkulturelle Phänomene vereinnahmt und dabei sowohl die Popkultur als auch die Theologie entstellt. „Der König der Löwen“ wird zur theologischen Parabel umgedeutet, säkulare Lebensweisheiten werden als „zutiefst biblisch“ reklamiert, und psychologische Mechanismen werden religiös überhöht.

Die zentralen Probleme dieser Deutung:

  1. Vermischung von Kategorien: Falsche Schuldgefühle (Simba) werden mit realer Schuld gleichgesetzt, psychologische Selbstfürsorge („Hakuna Matata“) wird als Verantwortungsflucht pathologisiert.
  2. Entmündigung: Die Verarbeitung von Vergangenheit wird als passiver Prozess dargestellt (Gott verwandelt), nicht als aktive Selbstarbeit.
  3. Externe Identitätsstiftung: Identität liegt nicht in autonomer Selbstdefinition, sondern in göttlicher Zusage (Taufe).
  4. Reklamation säkularer Weisheit: Universelle menschliche Einsichten werden als spezifisch christlich markiert.
  5. Falsche Dichotomien: Verantwortung vs. Sorglosigkeit, Verdrängung vs. göttliche Erneuerung.

Aus humanistischer Sicht brauchen wir keine theologische Überhöhung von Disney-Filmen. „Der König der Löwen“ funktioniert als säkulare Heldengeschichte, die wichtige psychologische Wahrheiten vermittelt: Trauer verarbeiten, falsche Schuldgefühle überwinden, Verantwortung übernehmen, die eigene Identität finden.

Diese Wahrheiten sind menschlich, nicht spezifisch christlich. Sie gelten unabhängig davon, ob man an Götter glaubt oder nicht. Und sie erfordern keine göttliche Vergebung, keine Tauf-Zusage, keine biblische Legitimation.

„Erinnere dich, wer du bist“ – das ist eine gute Aufforderung. Aber die Antwort darauf lautet nicht „Du bist Gottes geliebtes Kind“, sondern:

„Du bist ein autonomer Mensch mit eigenen Werten, eigener Würde, eigener Verantwortung. Du definierst dich selbst – nicht durch göttliche Zusage, sondern durch dein Leben.“

PDF Beitrag als PDF öffnen

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wir haben, wenn nicht anders angegeben, keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

Neuester Kommentar