Das Wort zum Wort zum Sonntag „40 Jahre nach Tschernobyl„ von Annette Behnken, veröffentlicht am 25.4.26 von ARD/daserste.de
Darum geht es
Annette Behnkens „Wort zum Sonntag“ zum 40. Jahrestag von Tschernobyl verwandelt eine konkrete Reaktorkatastrophe in eine spirituelle Meditation über „Abschiednehmen“ und ersetzt damit Analyse, Verantwortung und konkrete Lehren durch seelsorgliche Erbauung.Vom Becquerel zur Befindlichkeit
Am Vorabend des 40. Jahrestags der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl spricht Annette Behnken im „Wort zum Sonntag“ über – Tschernobyl. Das ist zumindest der Aufhänger. Was folgt, ist etwas anderes: Eine biografische Erinnerung an die eigene Jugend, eine Reflexion über „Abschiednehmen“, über Hospizarbeit, über das diffuse Gefühl, dass Krisen „Dauerzustand“ geworden seien, ein politischer Appell, nicht „an den Schwächsten zu sparen“, und am Ende der Wunsch nach einem „gesegneten Sonntag“.
Der Reaktor selbst kommt in dieser Andacht nicht vor. Auch nicht die rund 600.000 Liquidatoren, die unter teils katastrophalen Bedingungen in der Sperrzone arbeiteten. Auch nicht die zwangsevakuierte Stadt Prypjat. Auch nicht der RBMK-Reaktortyp mit seinem positiven Dampfblasenkoeffizienten, dessen konstruktive Mängel und das Versagen der Bedienmannschaft die Explosion am 26. April 1986 ausgelöst hatten. Auch nicht die Tausende strahleninduzierten Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern in Belarus, der Ukraine und Russland. Auch nicht die offene wissenschaftliche Debatte um die Gesamtzahl strahlenbedingter Spätfolgen.
Tschernobyl ist in diesem Text nur noch Kulisse. Was im Vordergrund steht, ist das fünfzehnjährige Ich auf der Wiese.
Der Abschieds-Frame: spirituelle Domestizierung einer Katastrophe
Behnkens zentrale rhetorische Operation ist eine Umdeutung. Aus dem Reaktorunfall wird „ein Abschied von einem Weltbild und einem Lebensgefühl“. Aus der Katastrophe wird ein persönlicher Reifungsmoment. Aus dem politischen, technischen, gesundheitlichen Ereignis wird eine existentielle Kategorie.
Diese Verschiebung ist nicht naiv, sondern theologisch funktional. Wenn Tschernobyl eine Frage des „Abschiednehmens“ ist, dann ist die angemessene Reaktion nicht Aufklärung, nicht Reaktorsicherheit, nicht Strahlenschutz, nicht internationale Atomaufsicht – sondern Haltung. Es geht nicht mehr darum, was zu tun ist, sondern darum, wie man fühlt. Das ist ein Muster, das im religiösen Sprechen über Krisen immer wieder auftaucht: Konkrete Probleme werden in spirituelle Allgemeinplätze überführt, in denen Analyse und Handeln sekundär werden gegenüber Akzeptanz und innerer Reife.
Was als „klarer Blick“ daherkommt, ist in der Sache eine Entpolitisierung. Tschernobyl war kein Schicksal. Es war das Ergebnis spezifischer technischer Entscheidungen, eines spezifischen politischen Systems, einer spezifischen Sicherheitskultur – und es hatte spezifische Folgen, an denen Menschen bis heute leiden und sterben. Diese Konkretion verschwindet in Behnkens Andacht vollständig.
Die Hospiz-Mystik
Besonders aufschlussreich ist die Brücke, die Behnken vom Reaktorunfall zu ihrer Hospizarbeit schlägt. Der Tod, sagt sie, mache Menschen „pur und echt und unbestechlich“ und kläre den Blick für das, was wirklich zählt.
Das ist eine selektive, ästhetisierte Sterbeerzählung. Sie blendet aus, was reale Sterbeprozesse oft auch sind: Angst, Verwirrung, Demenz, unkontrollierter Schmerz, Erschöpfung, Aggression, das mühsame Aushalten medizinischer Ausstattung. Die „Reinheit“ am Lebensende ist eine theologische Konstruktion, keine empirische Beobachtung. Sie ist einer langen christlichen Tradition entlehnt, in der das Sterbebett zum Ort der Wahrheit verklärt wird – und sie hat einen Zweck: Sie liefert die Autorität für die anschließende Verallgemeinerung. Wer beim Sterbenden die „wirklich wichtigen“ Dinge erkannt hat, kann sie nun gesellschaftlich predigen.
Das ist rhetorisch geschickt, aber argumentativ leer. Eine Klärung dessen, was politisch und ethisch wesentlich ist, lässt sich nicht aus Hospizbesuchen ableiten. Sie braucht Argumente, Daten, demokratische Aushandlung – nicht Stimmungsbilder.
„Wir wissen es noch nicht“ – die Scheinoffenheit
Behnken stellt eine Frage und lässt sie scheinbar offen: Was trägt in der Krise, was gibt uns Hoffnung? „Wir wissen es noch nicht.“
In einer Andacht, die mit „gesegneten Sonntag“ endet, ist das eine Scheinoffenheit. Die Antwort ist im Format bereits gesetzt: Was im religiösen Rahmen „trägt“, ist Glaube. Die Frage wird gestellt, um die Antwort – implizit, durch die Rahmung, durch den Sendeplatz – mitzuliefern.
Was in dieser Aufzählung fehlt, sind genau die Antworten, die eine säkular-humanistische Perspektive geben würde: Solidarität als ausgehandelte gesellschaftliche Praxis, demokratische Institutionen als Verfahren zur Konfliktbewältigung, Wissenschaft als Methode zum Umgang mit Ungewissheit, Sozialstaat als rechtlich abgesicherte Form der Mitmenschlichkeit. Hoffnung muss nicht aus Transzendenz kommen. Sie kann aus dem entstehen, was Menschen miteinander aufbauen – und sie ist robuster, wenn sie auf Handeln statt auf Haltung gegründet ist.
Der politische Appell – richtig, aber falsch begründet
Behnken endet mit einer politischen Forderung: Nicht „an den Schwächsten zu sparen, an Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung“. Diese Forderung ist inhaltlich richtig. Sie ist auch nicht neu. Sie ergibt sich aus dem Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes, aus der Würdegarantie des Artikels 1, aus internationalen Menschenrechtskonventionen, aus rationaler Verteilungsgerechtigkeit, aus humanistischer Ethik.
Bemerkenswert ist nicht der Inhalt, sondern die Begründung. Behnken leitet den Appell aus der Hospizmystik und einem diffusen Blick „für das, was wirklich zählt“ ab. Damit wird ein verfassungsrechtlich, ethisch und politisch stabil begründbares Anliegen in eine spirituelle Bauchgefühl-Sprache übersetzt – und damit, paradoxerweise, geschwächt. Wer Sozialpolitik als Frage der inneren Klarheit rahmt, macht sie verhandelbar mit anderen Bauchgefühlen. Wer sie als Frage von Recht, Gerechtigkeit und Vernunft definiert, hat festere Grundlagen.
Hier zeigt sich ein wiederkehrendes Muster kirchlicher Verlautbarung: Säkulare ethische Positionen werden als religiös-spirituelle Einsichten ausgegeben, als wären sie ohne den religiösen Rahmen nicht zu haben. Sie sind es längst.
„Verantwortung endet nicht in der Gegenwart“ – ein unausgeführter Satz
Ein Satz Behnkens hätte tatsächlich in eine gehaltvolle Tschernobyl-Andacht münden können: Dass der 40. Jahrestag daran erinnere, „dass Verantwortung nicht in der Gegenwart endet“.
Hier wäre der Anschluss möglich gewesen – an die Endlagerproblematik und die hunderttausend Jahre, in denen hochradioaktiver Abfall sicher verwahrt werden muss; an Klimaverantwortung; an intergenerationelle Gerechtigkeit; an die Frage, wie demokratische Gesellschaften überhaupt Verpflichtungen gegenüber noch nicht geborenen Menschen eingehen können. All das sind säkular fundierbare Themen. All das wird nicht ausgeführt.
Stattdessen kehrt Behnken zum fünfzehnjährigen Ich auf der Wiese zurück. Der politisch-ethisch produktive Gedanke wird im Augenblick seiner Andeutung wieder in die Biografie zurückgezogen.
Was eine humanistische Erinnerung an Tschernobyl leisten würde
Eine säkular-humanistische 40-Jahre-Bilanz sähe anders aus. Sie würde an die Toten erinnern, soweit man sie kennt – die etwa 30 unmittelbar an akuter Strahlenkrankheit Verstorbenen unter Feuerwehrleuten und Reaktorpersonal, die Liquidatoren mit verkürzter Lebenserwartung, die nach UN-Schätzungen Tausende strahleninduzierten Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern. Sie würde benennen, was wir aus dem Unfall gelernt haben: Reaktorsicherheit, internationale Aufsicht durch IAEA und WANO, transparente Strahlenschutzkommunikation, die Notwendigkeit unabhängiger Aufsichtsbehörden. Sie würde ehrlich diskutieren, was Tschernobyl – und Fukushima – für die heutige Energiepolitik im Klimakontext bedeuten, ohne sich in Dogmen zu flüchten.
Sie würde Hoffnung nicht in einer Haltung suchen, sondern in dem, was Menschen tatsächlich getan haben: Aufklärung der Ursachen, technische Verbesserungen, internationale Kooperation, der Aufbau medizinischer Versorgung für die Betroffenen. Das klingt womöglich weniger erbaulich. Es ist aber wahrer und nützlicher.
Eine Randbemerkung zum Format
Dass eine derart gehaltarme Behandlung eines historischen Datums in privilegierter Sendezeit der ARD läuft, ist ein Thema für sich. Hier nur so viel: Wenn Kirchen Anspruch auf öffentliche Diskursräume erheben, sollten sie diesen Anspruch zumindest inhaltlich rechtfertigen können. Eine Andacht, die ihren Aufhänger so vollständig hinter sich lässt, leistet das nicht.
Fazit
Annette Behnkens „Wort zum Sonntag“ zum 40. Jahrestag von Tschernobyl ist ein Lehrstück dafür, wie religiöses Sprechen mit Katastrophen umgeht: durch Verschiebung. Das konkrete Ereignis wird zum Anlass für allgemeine Erbauung, die spezifische Verantwortung wird zur universalen Befindlichkeit, der politische Gehalt wird zur inneren Haltung. Was übrig bleibt, ist ein freundlicher Text, der wenig Falsches sagt – und gerade darin seinem Gegenstand nicht gerecht wird.
Tschernobyl verdient mehr als das Bild eines barfüßigen Mädchens auf einer Frühlingswiese. Es verdient die nüchterne, schmerzhafte, konkrete Erinnerung an das, was passiert ist – und die rationale Frage, was wir daraus lernen. Beides leistet eine humanistisch-aufgeklärte Perspektive besser als die spirituelle Domestizierung des Schreckens für die eigenen Zwecke der vermeintlichen Heilsverkäuferin.

















Bitte beachte beim Kommentieren: