Buß fiebert – über die sakrale Aufladung des Belanglosen

Lesezeit: ~ 4 Min.

Gedanken zum Beitrag „Stefan Buß: ‚Im Herzen eins!‘ – wir fiebern dem Hessentag entgegen“, veröffentlicht am 10. Juni 2026 von Osthessen|News

Darum geht es

Buß ersetzt zwei Tage vor dem Hessentag das Argument durch Gefühl: Ein im Kern profaner Festtermin wird sakral aufgeladen, jede Skepsis zur Herzenshärte umgedeutet – und das Ganze vorsorglich gegen jedes Scheitern immunisiert.

Kirchen beim Hessentag 2026 in Fulda: Im Glauben uneins – im Herzen eins

Fünf Wochen nach dem großen Motto-Erklärtext legt der Fuldaer Stadtpfarrer nach. Den ersten Impuls vom 6. Mai habe ich in zehn Punkten auseinandergenommen – Christus-als-Mitte-Exklusion, selektive Bibelphilologie, die fehlende Eucharistiegemeinschaft hinter der Einheits-Behauptung, die Delegation der Verantwortung ans Gebet (vgl. „Im Herzen eins“ – Buß und die Mechanik der weichgespülten Einheit). Diese strukturelle Arbeit ist getan.

Der zweite Impuls, zwei Tage vor Beginn, ist von anderer Art: Er argumentiert nicht mehr, er stimmt nur noch ein. Und gerade in dieser Substanzlosigkeit wird ein Mechanismus gut sichtbar, der im ersten Text noch unter der Argumentation verborgen lag.

Das gute Fieber

Der (dem für Buß unüblichem Wording nach zu urteilen vermutlich wieder KI-erzeugte) Text ist von der ersten Zeile an ein Crescendo:

„Die Anspannung steigt … wächst nicht nur die äußere Spannung, sondern auch eine innere Bewegung. Es ist, als würde sich etwas sammeln, bündeln, ausrichten. Vorfreude mischt sich mit einer gewissen Ehrfurcht …“

Und am Ende: „Das Fieber steigt. Aber es ist ein gutes Fieber.“ Zwischen diesen Polen passiert rhetorisch erstaunlich wenig und emotional erstaunlich viel. Bedeutung wird hier nicht begründet, sondern behauptet: Das Fest sei „mehr als ein Termin … ein Moment, der Bedeutung trägt“. Warum, erfährt man nicht. Die Aufladung geschieht durch Wortwahl – „Ehrfurcht“, „verheißt“, „Geschenk“ –, nicht durch Sache.

Der reale Anlass dahinter ist ein Landesfest mit kirchlichem Programmstand, einer multimedial inszenierten „Hessentagskirche“ und einer „Segensgondel“ auf dem Riesenrad. Die Disproportion zwischen der quasi-liturgischen Sprache und dem, was sie beschreibt, ist beträchtlich. Man kann einem Volksfest entgegenfiebern. Man kann es auch einfach besuchen.

Der Leere-Test

Beim ersten Impuls funktionierte der Diagnose-Test „Streiche die Theologie – bleibt der Text stehen?“. Hier greift die radikalere Variante: Streiche den Anlass. Sätze wie „Noch ist nichts sichtbar vollendet, und doch ist schon alles auf dem Weg“ oder „ein Raum des Übergangs“ passen auf jede erwartete Sache – ein Konzert, eine WM, einen Urlaubsantritt, eine Geburt. Entfernt man die zwei Vorkommen von „Hessentag“ und „Kirchen“, bleibt eine inhaltsfreie Vorfreude-Schablone übrig, die sich beliebig befüllen ließe.

Das ist kein stilistisches Versehen, sondern Methode. Ein Text, der nichts Konkretes behauptet, kann auch in nichts widerlegt werden. Die Substanzlosigkeit ist nicht der Preis der Erbaulichkeit – sie ist ihr Schutzschild.

„Prüfe dein Herz“ – Skepsis als Defizit

An einer Stelle wendet sich der Text nach innen und wird dort, fast unbemerkt, vorwurfsvoll:

„Eine Zeit, das eigene Herz zu prüfen: Wo bin ich offen für Gemeinschaft? Wo halte ich vielleicht noch fest an Abgrenzung oder Vorbehalten?“

Das klingt nach freundlicher Selbstbesinnung, leistet aber etwas anderes: Es deutet Distanz zum Kirchen-Auftritt in einen charakterlichen Mangel um. „Abgrenzung“, „Vorbehalte“ – wer dem ökumenischen Spektakel reserviert gegenübersteht, hat demnach kein Argument, sondern ein hartes Herz. Sachliche Einwände (etwa: Eine Einheit, die Eucharistie und Abendmahl weiter getrennt feiert, ist keine) verschwinden hinter einer moralischen Selbstbefragung. Wer nicht mitfiebert, soll erst einmal an sich arbeiten. Das ist eine elegante Art, Kritik zu entwaffnen, bevor sie ausgesprochen ist.

„Echtheit wiegt mehr als Perfektion“ – die vorgebaute Ausrede

Bemerkenswert ist, wie der Text sich schon vor dem Ereignis gegen dessen mögliches Misslingen versichert:

„Und auch darin, dass nicht alles vollkommen sein muss. Echtheit wiegt mehr als Perfektion.“

Das ist Erfolgssicherung per Definition. Wird der Auftritt großartig: Beweis für die Kraft der Einheit. Wird er dünn, schlecht besucht, organisatorisch holprig: kein Problem, denn es ging ja gar nicht um Perfektion, sondern um „Echtheit“. Ein Kriterium, das durch nichts widerlegt werden kann, ist kein Kriterium – es ist eine Immunisierung. Der Maßstab wird so gewählt, dass das Ergebnis ihn nicht verfehlen kann.

„Einheit wächst“ – der vertraute Reflex

Zum Schluss kehrt eine alte Bekannte zurück:

„dass Einheit nicht gemacht wird, sondern wächst. Dass sie Geschenk ist – und zugleich Aufgabe.“

Das ist exakt die Bewegung aus dem Schlussgebet des Mai-Impulses, das um das bat, „was wir selbst nicht schaffen“. Wieder wird menschliches Handeln grammatisch entmenschlicht: Einheit „wird nicht gemacht“ (von wem nicht?), sie „wächst“ und ist „Geschenk“ (von wem?).

Die Verantwortung wandert von den Akteuren – den Kirchenleitungen, die über Ämteranerkennung und Abendmahlsgemeinschaft tatsächlich entscheiden könnten – zu einer Instanz, die nichts entscheiden muss und nie zur Rechenschaft gezogen wird. Was als Demut auftritt („wir machen das nicht selbst“), ist auch eine Entlastung von der Frage, warum man es seit Jahrhunderten nicht selbst macht.

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Fazit

Der zweite Impuls fügt der Sache argumentativ nichts hinzu – und das ist genau seine Aussage. Wo im Mai noch eine Konstruktion stand, die man Stück für Stück prüfen konnte, steht jetzt reine Atmosphäre: ein „gutes Fieber“, das jede Nüchternheit als Herzensenge erscheinen lässt und sich gegen jedes Misslingen schon vorab abgesichert hat.

Eine säkular-humanistische Haltung darf an dieser Stelle ganz unfiebrig bleiben. Man kann dem Hessentag mit Vorfreude begegnen, ohne ihn metaphysisch kirchenzweckdienlich aufzuladen. Man kann der angekündigten kirchlichen „Einheit“ skeptisch gegenüberstehen, ohne dafür sein Herz prüfen zu müssen – es genügt, auf die unverändert getrennten Altäre zu zeigen. Und man darf einen Festtermin einen Festtermin nennen. Echtheit, um im Bild zu bleiben, wiegt tatsächlich mehr als Perfektion: Sie beginnt damit, ein Volksfest nicht für eine Offenbarung zu halten.

Belege

KI
Im Glauben uneins - im Herzen eins

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