Gedanken zum Beitrag: Stadtpfarrer Buß: „Was würde der Hl. Bonifatius heute seiner Stadt Fulda sagen?“, veröffentlicht am 06.06.26 auf osthessen-news.de (O|N)
Darum geht es
Stadtpfarrer Buß legt einem seit 1270 Jahren toten Heiligen einen Ich-Monolog in den Mund – und der so erfundene Bonifatius predigt ausgerechnet Offenheit, Suchen und „Mut zur Leere“, während der historische Bonifatius für das genaue Gegenteil stand: ein durchorganisiertes System, abgesichert durch fränkische Waffen.Darum geht es
Pünktlich zum Bonifatius-Gedenktag – der „Apostel der Deutschen“ starb am 5. Juni 754 bei Dokkum, sein Grab liegt im Fuldaer Dom – lässt Stadtpfarrer Stefan Buß den Heiligen höchstpersönlich zu Wort kommen. In einem fiktiven Ich-Monolog wendet sich „Bonifatius“ an „seine Stadt Fulda“. Das ist ein alt bekannter rhetorischer Kniff – und genau deshalb lohnt der genaue Blick. Denn der Bonifatius, den Buß sprechen lässt, hat mit dem historischen Bonifatius bemerkenswert wenig gemein.
Ein Heiliger als Bauchrednerpuppe
Die Form „Was würde X heute sagen?“ ist bequem. Wer einen Toten sprechen lässt, kann ihm jeden beliebigen Satz in den Mund legen, ohne Widerspruch fürchten zu müssen – der Betroffene kann sich nicht wehren. Zugleich borgt man sich dessen Autorität: Wer dem Text widerspricht, scheint nicht Pfarrer Buß zu widersprechen, sondern einem verehrten Heiligen. Die Behauptung immunisiert sich selbst.
Pikant ist das auch im zeitlichen Zusammenhang. Erst vor einer Woche hatte Buß denselben Bonifatius zum Anlass eines Impulses gemacht und dessen fromme Deutung als gesicherte Geschichte verkauft – „Märtyrertod“, „Glaubensmut“, „kulturelle Begegnung“.
Wir haben diese Darstellung damals Punkt für Punkt mit der Quellenlage abgeglichen (siehe „Glaubensmut oder fränkische Machtpolitik?“). Nun, sieben Tage später, erfindet Buß einen weiteren Bonifatius – diesmal frei, als sprechende Figur. Innerhalb einer Woche zwei Heilige gleichen Namens, beide mit voller Autorität ausgestattet, und beide so geformt, wie es gerade in die Verkündigung passt.
Der erfundene Bonifatius trifft den historischen
Hören wir dem Monolog zu. Buß’ Bonifatius mahnt:
Habt Mut zur Leere, damit Gott euch füllen kann. Habt Mut zur Stille, damit ihr hören könnt. […] Der Glaube, den ich brachte, war kein System. Er war eine Begegnung.
Das ist die Sprache zeitgenössischer Wohlfühlspiritualität – Offenheit, Stille, Suchen, Begegnung. Mit dem realen Bonifatius hat sie nichts zu tun. Der historische Winfried-Bonifatius war ein Organisator von außergewöhnlicher Durchschlagskraft. Vom Papst zum Missionserzbischof mit dem ausdrücklichen Auftrag der „Neuordnung der fränkischen Kirche“ ernannt, reorganisierte und gründete er Bistümer – Würzburg, Eichstätt, Erfurt, die bayerischen Sitze –, errichtete Klöster wie Fulda und setzte die Romorientierung gegen einheimische und irisch-schottische Kirchenformen durch.
Wer so etwas leistet, bringt das exakte Gegenteil von „keinem System“: Er bringt Hierarchie, Kirchenrecht, einheitliche Liturgie, klare Unterstellung unter Rom. Und er bringt das Gegenteil von „Mut zur Leere“ und ergebnisoffenem Suchen: feststehende Lehre und die Beseitigung konkurrierender Überzeugungen. Buß lässt einen Mann, dessen Lebenswerk die Vereinheitlichung war, für Offenheit und Unsicherheit werben. Der erfundene Bonifatius ist ein spiritueller Sinnsucher des 21. Jahrhunderts, dem man einen Namen aus dem 8. Jahrhundert umgehängt hat.
Die Eiche, die zurückschlägt
Am deutlichsten kippt das Bild bei der berühmtesten Episode, die Buß seinen Heiligen selbst erzählen lässt:
Ich habe einst eine Eiche gefällt, die man für unantastbar hielt. Nicht aus Zerstörung, sondern um Raum zu schaffen für Neues.
Zwei Dinge dazu. Erstens die Geografie: Die Donareiche stand nicht in Fulda, sondern bei Geismar nahe Fritzlar, gut hundert Kilometer entfernt und Jahrzehnte vor der Klostergründung in Fulda. Zweitens, und wichtiger, die Deutung. „Nicht aus Zerstörung, sondern um Raum zu schaffen“ ist genau die Beschönigung, die wir im Mai bereits zerlegt haben: Die Fällung im Jahr 723 geschah laut den Quellen unter dem Schutz fränkischer Soldaten und vor versammeltem Publikum, um die Ohnmacht der alten Götter vorzuführen. Es war eine Machtdemonstration gegen einen fremden Kult – die zerstörte Eiche lieferte das Bauholz für eine Petrus-Kapelle. „Raum für Neues“ entstand durch die handfeste Beseitigung des Alten.
Nun dreht Buß die Eiche ins Erbauliche und fragt:
Was sind eure „heiligen Eichen“ heute? Woran haltet ihr fest, obwohl es euch den Blick verstellt?
Eine ausgezeichnete Frage – nur trifft sie den Frager. Wenn man konsequent fragt, welche „unantastbare“ Gewissheit heute den Blick verstellt und der ehrlichen Prüfung am hartnäckigsten ausweicht, dann landet man bei den unbeweisbaren Glaubenssätzen selbst: bei einem Gott, der „euch füllen“ soll, bei Heilsversprechen, die sich gegen jede Überprüfung abdichten. Die größte heilige Eiche im Raum ist der für unantastbar erklärte Glaube an Behauptungen ohne Beleg. Buß schwingt die Axt-Metapher, ohne zu bemerken, auf wessen Baum sie zielt.
„Weil ihr aufgehört habt zu suchen“? Wer hier wem den Rücken kehrt
Eine Passage verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie eine vertraute Verschiebung von Verantwortung vornimmt:
Ich sehe Kirchen, die stehen geblieben sind […] Orte, die einst voller Leben waren, sind still geworden. Nicht, weil Gott gegangen ist, sondern weil ihr aufgehört habt, ihn zu suchen.
Die leeren Kirchen werden hier zum geistlichen Versäumnis der Menschen erklärt: Ihr habt aufgehört zu suchen. Die naheliegendere, dokumentierte Erklärung kommt nicht vor. Allein 2025 traten laut Statistik der Deutschen Bischofskonferenz 307.117 Menschen aus der katholischen Kirche aus; 2022 waren es über 520.000, der Höchststand seit Beginn der Erhebung. Seit 2024 liegt die Zahl der Katholiken erstmals unter 20 Millionen. In Umfragen werden als Austrittsgründe regelmäßig die Kirchensteuer, der Reformstau und vor allem die Missbrauchsskandale genannt – nicht ein nachlassender „Hunger nach Gott“.
Wer Hunderttausende verlieren sieht und das als deren spirituelle Bequemlichkeit deutet, dreht die Verantwortung um. Nicht die Menschen haben aufgehört zu suchen; viele haben sehr genau hingesehen – auf die MHG-Studie, auf vertuschte Taten, auf die Kluft zwischen Anspruch und Praxis – und sind danach gegangen. Den Austritt als Glaubensschwäche der Ausgetretenen zu rahmen, erspart der Institution die unbequeme Selbstprüfung, zu der derselbe Text großspurig auffordert: „Habt Mut zur Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist.“
Reichtum, Barmherzigkeit und das, was bleibt
Auch dieser Satz hallt eigentümlich nach, wenn ein katholischer Stadtpfarrer ihn ausspricht:
Euer Reichtum ist groß – doch wie steht es um eure Barmherzigkeit?
Die Frage ist berechtigt – nur sollte sie zuerst nach innen gehen. Die katholische Kirche nahm 2024 rund 6,6 Milliarden Euro Kirchensteuer ein; hinzu kommen jährlich etwa 600 Millionen Euro Staatsleistungen, deren Ablösung seit der Weimarer Verfassung von 1919 verfassungsrechtlich geboten, aber bis heute nicht erfolgt ist. Eine der vermögendsten Institutionen des Landes mahnt die Gesellschaft zur Bescheidenheit im Umgang mit Reichtum. Das ist kein Argument gegen den Inhalt der Mahnung – aber ein Beispiel für jenen institutionellen Zynismus, der den Text durchzieht.
Am Ende landet Buß bei einem Satz, dem man sofort zustimmen möchte:
Denn was bleibt am Ende? Nicht eure Gebäude, nicht eure Zahlen, nicht eure Erfolge. Sondern das, was ihr einander gewesen seid.
Genau. Nur ist das ein durch und durch diesseitiger, humanistischer Gedanke: Was zählt, ist, wie wir miteinander umgegangen sind. Er braucht keinen Gott, keinen Heiligen und kein Sakrament. Buß vereinnahmt diese Einsicht und bindet sie umgehend zurück an „den Gott, den ich verkündet habe“. Das gute, allgemein menschliche Fundament wird als religiöser Besitz ausgegeben.
Was eine säkular-humanistische Lesart sagt
Man kann den sympathischen Kern dieses Textes ernst nehmen – und ihn vom Überbau befreien. Ja, Beziehungen wiegen schwerer als Gebäude und Zahlen. Ja, Staunen, Stille und ehrliche Selbstprüfung sind etwas wert. Und ja, man sollte den Mut haben, an unbequemen Wahrheiten nicht vorbeizusehen. Nur folgt aus all dem nicht, dass man einen Gott suchen müsste. Es folgt das Gegenteil dessen, was Buß meint: Wer „Mut zur Wahrheit“ ernst nimmt, prüft auch die eigene heilige Eiche – die Behauptung, dass im Hintergrund jemand ruft, füllt und rettet, für die es keinen Beleg gibt.

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Zum ProduktDie humanistische Antwort auf „Fulda, wach auf“ lautet daher nicht „suche Gott“, sondern: Schau genau hin, frag nach Gründen, und richte dein Handeln an den Menschen aus, die tatsächlich neben dir stehen – nicht an einer Stimme, die ein Pfarrer einem Heiligen leiht.
Fazit: Der Heilige sagt, was der Pfarrer denkt
Buß lässt einen Heiligen die Fuldaer auffordern, ihre Gewissheiten zu hinterfragen und sich von dem zu lösen, was den Blick verstellt. Die eine Gewissheit, die dabei nie zur Disposition steht, ist die, zu deren Verteidigung er bestellt ist. Der historische Bonifatius brachte ein System und eine Axt; der erfundene bringt Stimmung. Wer wirklich „Mut zur Leere“ empfiehlt, sollte nicht überrascht sein, wenn jemand auch den leeren Platz prüft, an dem einst die Behauptung stand, dort sei Gott.
Belege
Donareiche und Bonifatius: Wikipedia, „Donareiche“ und „Bonifatius“; Stadt Fritzlar, „Der heilige Bonifatius“; Vita Sancti Bonifatii des Willibald. – Lebensdaten und Wirken: Bistum Augsburg, Heiligenlexikon; Orthpedia. – Kirchenstatistik: Deutsche Bischofskonferenz, Kirchenstatistik 2025 (veröffentlicht März 2026) sowie 2024; Statista, Kirchensteuereinnahmen 2024; Staatsleistungen rund 600 Mio. Euro p. a. – Vorausgegangene Analyse: AWQ, „Glaubensmut oder fränkische Machtpolitik?“ (30.05.2026). – Originaltext: Stefan Buß bei Osthessen News, 06.06.2026.

















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