Gedanken zum Beitrag: Stefan Buß: Der Auferstandene heilt die gebrochenen Herzen, veröffentlicht am 25.4.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Stefan Buß‘ Impuls verkauft ein psychologisch fragwürdiges Schuld-und-Erlösungs-Schema als Heilsbotschaft, pathologisiert normale menschliche Erfahrungen und immunisiert sich rhetorisch gegen jede Überprüfung.Stefan Buß, Stadtpfarrer in Fulda, liefert den nächsten Impuls auf Osthessen|News. Drei Wochen nach seinem Bild vom Segelschiff in stürmischer See und zwei Wochen nach dem Emmaus-Impuls steht jetzt das gebrochene Herz im Mittelpunkt – und ein Auferstandener, der es heilt. Der Text ist kurz, der Tonfall warm, die Botschaft schlicht. Genau diese Schlichtheit lohnt einen zweiten Blick. Denn was hier in pastoraler Verpackung daherkommt, folgt einem rhetorisch-psychologischen Muster, das man durchaus problematisch nennen darf.
Erst das Problem, dann das Produkt
Buß baut seinen Text nach einem klassischen Schema auf, das sich in jeder Werbeagentur wiederfindet: Erst wird ein Problem erzeugt, dann die Lösung präsentiert – exklusiv, alternativlos, sofort verfügbar. Das Problem heißt bei Buß: Gebrochenes Herz, Enttäuschungen, Verluste, Schuld, Angst, Orientierungslosigkeit, Erschütterung, Hoffnungslosigkeit. Und nicht zu vergessen: Sünde, „das zweite große Dunkel“. Sie flüstere uns ein: „Du bist nicht genug. Du bist schuldig. Es gibt keinen Weg zurück.“
Das ist eine bemerkenswerte Aufzählung. Trauer, Zweifel, Enttäuschung, Angst – das sind keine Defekte und keine Symptome. Das sind funktionale, normale, zum Menschsein gehörende Reaktionen auf das Leben. Sie zeigen an, dass jemand etwas verloren hat, das ihm wichtig war. Dass jemand nachdenkt. Dass jemand vor einer realen Bedrohung steht. Es sind Erfahrungen, die zu einem erwachsenen Leben dazugehören und denen man am besten begegnet, indem man sie ernst nimmt – ohne sie zu Krankheiten zu erklären.
Buß tut genau das Gegenteil. Er pathologisiert. Er framt das normale Leben als Defizitzustand, der „Heilung“ verlangt – und liefert die Heilung gleich mit, in Form eines auferstandenen Christus, dessen Verfügbarkeit jenseits empirischer Überprüfung liegt. Wer das Problem aufbaut und das Produkt verkauft, befindet sich strukturell in einer Position, die mindestens skeptisch zu betrachten ist.
Die Sünde als Eigentor
Besonders aufschlussreich wird es bei der „Sünde“. Buß lässt sie uns zuflüstern: „Du bist nicht genug. Du bist schuldig. Es gibt keinen Weg zurück.“ Das ist eine perfekte Beschreibung eines schädigenden inneren Monologs, wie ihn die klinische Psychologie gut kennt – nur nennt sie ihn dort nicht „Sünde“, sondern dysfunktionale Kognition, und sie behandelt ihn nicht durch Vergebung, sondern durch kognitive Umstrukturierung.
Die Pointe: Diese inneren Stimmen werden ja nicht durch eine externe metaphysische Macht namens „Sünde“ verursacht, sondern überwiegend durch kulturelle Prägung – darunter, ironischerweise, durch die jahrhundertelange Verkündigung genau jenes Schuld- und Erlösungsschemas, das Buß hier reproduziert. Christen verbreiten seit zwei Jahrtausenden, der Mensch sei von Natur aus defizitär, und bieten dann den Ablass dafür an. Das Geschäftsmodell ist konsistent. Sympathisch ist es nicht.
Faktenaussagen über das Übernatürliche
„Der Auferstandene lebt.“ „Der Tod ist besiegt.“ „Die Sünde ist überwunden.“ „Das Leben hat gesiegt.“ Buß formuliert das nicht als Glaubenssätze, sondern als Tatsachenaussagen. Empirisch sind sie unhaltbar. Menschen sterben weiterhin – darunter, ungebrochen, auch jene, die an die Auferstehung glauben. Auch der Stadtpfarrer selbst wird sterben. Der Tod ist also weder besiegt noch überwunden; er ist die zuverlässigste Konstante menschlicher Existenz, abgesehen vielleicht vom Bedürfnis bestimmter Zeitgenossen, sie zu leugnen.
Was hier passiert, ist kein Argument, sondern eine Sprachregelung. Eine Hinrichtung wird zur Auferstehung umetikettiert, eine Niederlage zum Sieg, ein Leichnam zum Lebenden. Besonders elegant inszeniert Buß das beim Wundmal-Argument: „Der Auferstandene trägt die Wundmale – und gerade darin liegt unsere Hoffnung. Seine Wunden sind nicht Zeichen der Niederlage, sondern des Sieges.“ Eine Hinrichtung, die zum Sieg umgedeutet wird, weil das Opfer angeblich anschließend wieder lebt – das ist nicht Hoffnung, das ist eine rhetorische Umkehrung. Wenn das funktioniert, lässt sich jede Niederlage zum Sieg erklären, sofern man nur die richtige Erzählung hinzufügt.
Das Immunisierungsmuster
Besonders aufschlussreich ist Buß‘ Beschreibung der angeblichen Heilung selbst: „Der Auferstandene heilt nicht oberflächlich. Er heilt tief. Manchmal still, manchmal langsam – aber immer wahrhaftig.“ Das ist eine Aussage, die sich gegen jede mögliche Erfahrung immunisiert. Wer Heilung erlebt: Beweis, dass der Auferstandene wirkt. Wer keine Heilung erlebt: Sie geschieht halt „still“ oder „langsam“. Wer auch nach Jahren keine Heilung spürt: Hat eben nicht richtig hingeschaut, nicht genug vertraut, falsch hingehalten, zu wenig geopfert.
Diese rhetorische Konstruktion ist nicht zufällig. Sie sorgt dafür, dass die Botschaft nicht widerlegbar ist – und damit auch nicht überprüfbar, also auch nicht als wahr ausweisbar. Sie funktioniert nur als Behauptung. Wer das einmal erkannt hat, sieht es in fast jedem Verkündigungstext.
Was die Botschaft über das vermittelte Welt- und Menschenbild verrät
Es wäre unseriös, aus einem kurzen Zeitungstext eine Ferndiagnose über die geistige Verfassung des Autors zu stellen, und das soll hier nicht versucht werden. Wohl aber lässt sich beschreiben, welches Welt- und Menschenbild der Text seinen Lesern anbietet:
- Ein systematisch negatives Menschenbild: Alle Menschen tragen gebrochene Herzen, sind sündig, defizitär, ohne Erlöser verloren. „Du bist nicht genug“ wird zwar dem inneren Feind in den Mund gelegt – aber genau dieses Gefühl ist die Geschäftsgrundlage des angebotenen Heilsangebots.
- Ein hoher Bedarf an Heilsgewissheit, der mit empirischer Unbestimmtheit unverträglich ist: Wo das Leben offen, mehrdeutig und unsicher ist, setzt der Text Sätze, die so klingen, als sei alles geklärt – „Der Tod ist besiegt.“ Punkt.
- Eine Selbstpositionierung als Vermittler zwischen einem unzulänglichen Publikum und einer rettenden Instanz. Der Leser ist gebrochen, der Pfarrer kennt den Heiler, das Medium liefert die Botschaft. Diese Rolle vorauszusetzen, sagt etwas über das Selbstverständnis aus, das hier eingenommen wird.
Bemerkenswert ist auch die Konstanz: Der Schiff-im-Sturm-Impuls vom 4. April, der Emmaus-Impuls vom 11. April und der aktuelle Wundmal-Text vom 25. April folgen demselben dreistufigen Muster: Krise diagnostizieren, Bibelszene auflegen, Trostformel ausspielen. Die Variationen sind ornamental, der Mechanismus bleibt gleich. Verkündigung als Routine.
Säkular-humanistische Alternativen
Was bleibt, wenn man das angebotene Heilsversprechen ablehnt? Nicht etwa Verzweiflung – sondern eine erwachsene, weniger pathetische, aber tragfähigere Haltung gegenüber den Erfahrungen, die Buß so dramatisiert.
Trauer ist nicht heilungsbedürftig, sondern verarbeitungsbedürftig. Wer einen Menschen verliert, soll trauern dürfen, ohne dass ihm gesagt wird, sein gebrochenes Herz brauche eine metaphysische Reparatur. Trauer ist die natürliche Antwort auf Verlust und vergeht durch Zeit, Beziehung und symbolische Verarbeitung – nicht durch eine angebliche Begegnung mit einem Auferstandenen.
Zweifel sind keine Schwäche, sondern intellektuelle Hygiene. Wer zweifelt, denkt. Buß‘ „Zweifelnde“, zu denen der Auferstandene angeblich kommt, sind in säkularer Sicht keine Defekt-Christen, sondern Menschen, die ihre kognitiven Werkzeuge benutzen. Das ist zu begrüßen, nicht zu beheben.
Schuld ist real, aber sie braucht keinen Erlöser, sondern Verantwortungsübernahme. Wer jemandem geschadet hat, soll sich entschuldigen, wiedergutmachen, sich ändern. Der Weg führt über das geschädigte Gegenüber, nicht über eine kosmische Vergebungsinstanz, die unabhängig vom Opfer agieren könnte. Wer „Vergebung von Gott“ empfängt, ohne mit dem konkreten Opfer ins Reine zu kommen, hat sich allenfalls beruhigt – nicht versöhnt.
Endlichkeit ist nicht zu „besiegen“, sondern zu akzeptieren – und gerade dadurch wird Leben sinnvoll. Dass die Zeit begrenzt ist, ist kein Mangel des Lebens, sondern dessen Bedingung. Wer nicht stirbt, hat keinen Grund, irgendetwas heute zu tun. Die Hoffnung, der Tod sei „nicht das Ende“, entwertet damit unbeabsichtigt das Leben, das wir tatsächlich haben.
Hilfe bei psychischer Not gibt es längst – evidenzbasiert. Wer wirklich an gebrochenem Herzen leidet, findet in kognitiver Verhaltenstherapie, ACT, Schematherapie, sozialen Bindungen und im Notfall medikamentöser Unterstützung sehr viel zuverlässigere Hilfe als in einem Gebet zum Auferstandenen. Das ist nicht zynisch gemeint, sondern empirisch. Religiöse Praxis kann für gläubige Menschen tröstend wirken; sie ist aber kein Ersatz für professionelle Hilfe – und der Eindruck, sie könne das sein, ist der gefährlichste Subtext solcher Impulse.
Fazit
Buß‘ heutiger Impuls ist nicht harmlos, weil er freundlich klingt. Er ist nicht banal, weil er kurz ist. Er reproduziert ein zweitausend Jahre altes Geschäftsmodell: Den Menschen klein machen, um ihm dann die angebliche Erlösung zu verkaufen. Er pathologisiert normale Lebensregungen, immunisiert seine Heilsbehauptungen gegen jede Überprüfung und verkauft Sprachregelungen als Tatsachen.
Eine säkulare, humanistische Alternative kommt ohne das alles aus. Sie nimmt den Menschen ernst, wie er ist – mit seiner Trauer, seinem Zweifel, seiner Schuld, seiner Endlichkeit. Sie erklärt diese Erfahrungen nicht zu Defekten, sondern zu Bestandteilen eines vollständigen, erwachsenen Lebens. Und sie verspricht keine Heilung, die niemand je überprüfen kann – sondern nüchterne, oft mühsame, aber überprüfbare Wege durch das, was Menschen widerfährt.
Das ist weniger pathetisch als „der Tod ist besiegt“. Es hat den Vorteil, wahr zu sein.


















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