Nix Neues vom Alten Bund

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Gedanken zum Impuls: Stefan Buß: Der Bund Gottes – von Abraham bis Christus, veröffentlicht am 22.4.26 von osthessennews.de

Darum geht es

Stefan Buß verkauft ein rhetorisch gefälliges, aber historisch unhaltbares und argumentativ immunisiertes Bundeskonstrukt als tragende Lebenswahrheit – und blendet dabei die Gewaltgeschichte, die Theodizee und die institutionelle Gegenwart seiner eigenen Kirche konsequent aus.

Ein „Wort, das ein ganzes Leben trägt“ – oder bloß ein Wort?

Stadtpfarrer Stefan Buß beginnt seinen jüngsten Impuls mit einem Satz, der die Richtung des gesamten Textes vorgibt: „Es gibt Worte, die tragen ein ganzes Leben.“ Das ist eine Behauptung, keine Argumentation. Und sie ist symptomatisch für das, was folgt. Über rund tausend Wörter hinweg (die stark den Verdacht erwecken, von einer KI nach dem BOB-Prinzip aneinandergereiht worden zu sein) entfaltet Buß einen theologischen Bogen von Abraham über das Volk Israel bis zu Jesus Christus – und nicht eine einzige Aussage darin wäre empirisch überprüfbar, historisch belegt oder logisch zwingend. Der Text ist reine Erbauungsliteratur, die sich als tiefe Einsicht tarnt.

Das wäre weiter nicht problematisch, wenn es sich um ein privates Glaubenszeugnis handelte. Buß aber spricht als Amtsträger einer Institution, die in Deutschland erhebliche strukturelle Privilegien genießt, und publiziert auf einem reichweitenstarken regionalen Nachrichtenportal. Er spricht also gezielt auch das säkulare Publikum an. Dann schauen wir mal, was es laut Buß mit dem Bund auf sich hat.

Abraham: Literarische Figur, keine historische Person

Buß erzählt die Abrahamsgeschichte, als handle es sich um ein biografisches Ereignis: „Gott ruft einen Menschen heraus aus seiner Sicherheit … und er spricht zu ihm.“ Die historisch-kritische Bibelwissenschaft hat diesen Erzählmodus längst hinter sich gelassen. Die Erzvätererzählungen der Genesis sind nach heutigem Forschungsstand literarische Komposita, entstanden in deutlich jüngerer Zeit als die geschilderten Ereignisse – vermutlich exilisch oder nachexilisch, also im 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. Sie spiegeln die Selbstvergewisserung eines Volkes, das nach Zerstörung und Deportation seine Identität rekonstruieren musste, nicht das Leben eines Beduinenscheichs der Bronzezeit.

Es gibt keinen außerbiblischen Beleg für Abraham. Keine Inschrift, keine archäologische Spur, nichts. Das ist kein Geheimwissen der Religionskritik, sondern Grundkonsens der modernen alttestamentlichen Forschung. Wer „die Geschichte Abrahams“ erzählt, als sei das Geschichte, betreibt entweder bewusste Vereinfachung für ein Laienpublikum – oder hat selbst nie ernsthaft mit der Exegese seiner eigenen Schriften gerungen. Beides ist für einen Stadtpfarrer keine Empfehlung.

Die ausgeblendete Gewalt des „Bundes“

Quelle: Netzfund

Buß beschreibt den Bund als „Versprechen des Herzens – getragen von Treue, gegründet in Liebe“. Das ist eine bemerkenswert selektive Lesart. Der biblische Bund mit Abraham wird in Genesis 17 durch die Beschneidung aller männlichen Nachkommen besiegelt – eine genitalverändernde Operation an Säuglingen, die in ethischer Hinsicht bis heute kontrovers diskutiert wird und die nicht mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit vereinbar ist.

Der Sinaibund, den Buß überspringt, enthält Gesetze zur Steinigung, zum Umgang mit Sklaven und Sklavinnen, zur Todesstrafe für Homosexualität, für Ehebruch, für das Fluchen gegen die Eltern. Der Landnahmemythos in Josua erzählt von der göttlich legitimierten Ausrottung ganzer Völker – der sogenannte Bann (hebräisch cherem) umfasst die Tötung von Männern, Frauen, Kindern und Vieh.

Von alledem kein Wort. Stattdessen: „Liebe“, „Treue“, „Segen“. Diese Selektivität ist kein Zufall, sondern Methode. Ein Text, der den Bund Gottes als „roten Faden durch die Geschichte“ feiert, ohne auch nur andeutungsweise zu erwähnen, was in diesem Bund alles stand, ist keine Theologie – das ist Marketing. Oder, um es beim Namen zu nennen: Betrug. Der „rote Faden“ ist in Wirklichkeit eine breite Blutspur, die sich durch die Kriminalgeschichte des Christentums – oder genauer: durch die Kriminalgeschichte der Abrahamitischen Religionen zieht. Und zwar bis heute.

„Gott bleibt treu – Punkt“: die unfalsifizierbare Behauptung

Der rhetorische Höhepunkt des Impulses lautet: „Gott sagt nicht: ‚Ich bleibe bei dir, wenn du stark bist.‘ Er sagt: ‚Ich bleibe bei dir – Punkt.'“ Das klingt tröstlich. Es ist aber auch die perfekte Immunisierungsstrategie. Denn was könnte diese Aussage widerlegen?

Ein Kind verhungert in einem Hungergebiet – Gott bleibt treu. Sechs Millionen Juden werden im von einer christlich geprägten Gesellschaft getragenen Industrievernichtungsapparat ermordet – Gott bleibt treu. Ein Erdbeben tötet zweihunderttausend Menschen in Sekunden – Gott bleibt treu. Eine Missbrauchsopfer-Zahl, die allein für die deutsche katholische Kirche laut MHG-Studie mindestens 3.677 Minderjährige umfasst, über Jahrzehnte durch Amtsträger derselben Institution, die eben diesen „Bund“ verkündet – Gott bleibt treu.

Eine Behauptung, die durch keinerlei denkbares Ereignis falsifizierbar ist, ist im wissenschaftstheoretischen Sinn keine Aussage über die Wirklichkeit, sondern eine Glaubensformel. Das darf man ausdrücken. Man sollte es aber nicht als tiefe Einsicht verkaufen. Die Theodizee-Frage – wie ein allmächtiger, allgütiger Gott das Leid der Welt zulassen kann – wird in Buß‘ Text mit keiner Silbe gestreift. Stattdessen: rhetorisches Augenzwinkern. Das ist intellektuell unredlich.

Supersessionismus im Samtpfötchen-Format

„Der Bund mit Abraham wird nicht ersetzt, sondern erfüllt“, schreibt Buß. Diese Formulierung ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil das offizielle katholische Sprachregelungsmanöver, um der klassischen Ablösungstheologie (dem Supersessionismus) einen freundlicheren Anstrich zu geben. Der Sache nach aber bleibt es dabei: Das Judentum wird als Vorstufe, als unvollendete Verheißung, als Wartehalle christlicher Erfüllung gedeutet. Die Idee, dass das Judentum ein eigenständiger, bis heute lebendiger Weg zu Gott sein könnte, der keiner christlichen „Erfüllung“ bedarf, kommt nicht vor.

„Der Bund ist nicht mehr an Abstammung gebunden, sondern offen für alle“ – das ist die Vereinnahmung jüdischer Theologie durch die universalistische Umdeutung, die das Judentum im Kern als partikularistisch und überholt erscheinen lässt. Nach zweitausend Jahren christlichen Antijudaismus, die in der Shoah kulminierten, wäre hier ein deutlich reflektierteres Vorgehen angebracht.

Exegetische Kurzschlüsse

Der „neue Bund“, den Buß auf das Abendmahl Jesu bezieht, hat seinen Ursprung in Jeremia 31,31–34. Dort heißt es explizit: „Ich werde mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen.“ Es geht um Israel und Juda. Nicht um eine universale Öffnung, nicht um „alle Völker“. Die Ausweitung auf die Menschheit ist eine spätere christliche Umdeutung, keine Auslegung des Textes.

Ob ein historischer Jesus bei einem letzten Mahl tatsächlich von einem „neuen Bund“ gesprochen hat, ist zudem historisch-kritisch stark umstritten. Die Abendmahlsworte variieren in den Evangelien erheblich, Paulus überliefert seine Version in 1. Korinther 11 als eigene Offenbarung – nicht als Augenzeugenbericht. Der Stadtpfarrer präsentiert hier kirchliche Traditionsbildung als historisches Faktum. Das ist der methodische Standardfehler klerikaler Erbauungsliteratur.

Rhetorik statt Argument

Bemerkenswert ist die sprachliche Machart. Buß arbeitet durchgehend mit affektiven Formeln: „Wort des Herzens“, „größer als seine Angst“, „Weg Gottes bis zum Äußersten“, „der Bund, der trägt“. Jeder dieser Ausdrücke ist anschlussfähig an ein diffuses Bedürfnis nach Halt und Sinn – und keiner davon ist präzise genug, um geprüft zu werden. Das ist keine Schwäche des Textes, das ist sein Zweck. Erbauung funktioniert, indem sie Stimmung erzeugt, nicht indem sie Gründe nennt.

Der Text enthält exakt null überprüfbare Aussagen. Er enthält auch null Einwände gegen die eigene Position, null Reflexion über mögliche Alternativen, null Auseinandersetzung mit Einwänden. Es ist monologische Verkündigung im besten Sinn des Wortes: Sprechen, nicht denken. Amen.

Der Appell zum Denkverzicht

„Wir dürfen vertrauen, auch wenn wir nicht alles verstehen.“ Dieser Satz, in Variationen seit Tertullian und Kierkegaard zum rhetorischen Standardrepertoire christlicher Apologetik gehörend, ist der ehrlichste Moment des Textes. Er sagt, was den gesamten Impuls trägt: Lassen Sie die Fragen. Vertrauen Sie. Prüfen Sie nicht. Das ist die Einladung zum Fideismus – zum Glauben gegen, unabhängig von oder ohne Vernunftgründe.

Aus Sicht einer aufklärerisch-humanistischen Tradition ist das die Umkehrung dessen, was erwachsene Weltwahrnehmung ausmacht.

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Kant hat das in seiner berühmten Definition des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit festgehalten: Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Buß predigt das Gegenteil, und er predigt es mit einer Selbstverständlichkeit, die vermuten lässt, dass er den Widerspruch gar nicht mehr wahrnimmt.

Institutionelle Ironie

Ein Stadtpfarrer der römisch-katholischen Kirche predigt in Fulda – einer Stadt, die Sitz der Deutschen Bischofskonferenz ist – vom „Bund, der nicht bricht“. In derselben Kirche, deren eigener Missbrauchsstudie zufolge mindestens seit Jahrzehnten tausende Kinder[1]bezogen auf die bisher bekannt gewordenen Fälle; Dunkelfeldermittlungen in anderen Ländern ermittelten eine 20mal höhere Dunkelziffer von pädokriminellen Amtsträgern vergewaltigt wurden, deren Vertuschungspraxis durch weitere Gutachten (Gercke in Köln, Westpfahl Spilker Wastl in München) dokumentiert ist, und die in Deutschland seit Jahren Austrittszahlen im sechsstelligen Bereich verzeichnet.

2023 verließen 402.694 Menschen die katholische Kirche in Deutschland. 2024 waren es laut Angaben der Bischofskonferenz 321.611. Das sind Bundesbrüche, konkret und zählbar. Sie finden nicht statt, weil die Menschen plötzlich Gott verlassen hätten, sondern weil sie einer Institution das Vertrauen entziehen, die systematisch versagt hat. Von alledem steht in Buß‘ Text: nichts. Der „Bund, der trägt“, wird behauptet in einer Situation, in der die tatsächliche institutionelle Trägerschaft des Glaubens in Deutschland weniger trägt als je zuvor.

Säkular-humanistische Alternative

Was bleibt, wenn man den Bund streicht? Eine Menge. Menschenwürde lässt sich begründen, ohne einen fiktiven göttlichen Garanten zu bemühen – etwa aus der gleichen Schutzbedürftigkeit aller Menschen, aus der wechselseitigen Anerkennung als Vernunftwesen, aus der Rolle universalisierbarer Regeln für das Gelingen menschlichen Zusammenlebens. Solidarität lässt sich aus der evolutionären Einsicht begründen, dass Kooperation überlebenswichtiger ist als Konkurrenz. Verantwortung folgt aus der Erkenntnis, dass Handlungen Folgen haben und dass wir die einzigen sind, die diese Folgen gestalten können.

Der entscheidende Punkt: Eine säkulare Ethik ist nicht angewiesen auf die Annahme, dass „Gott uns zuerst geliebt hat“. Sie braucht diese Vorannahme nicht und ist dadurch robuster. Und sie bricht nicht zusammen, wenn man die Existenz Gottes bezweifelt. Sie funktioniert auch für Menschen, die nicht glauben können, müssen oder wollen. Und sie muss sich nicht in absurde rhetorische Verrenkungen begeben, um das offensichtliche Leid der Welt mit der Güte eines allmächtigen Schöpfers zu vereinbaren – schlicht, weil sie diese Rechnung gar nicht aufmacht.

Die Aufforderung, „ein Segen zu sein“, lässt sich übersetzen: Sei rücksichtsvoll, sei solidarisch, handle so, dass du das Leben anderer verbessert und nicht verschlechtert zurücklässt. Dafür braucht es keinen Bund mit fiktiven magischen Himmelswesen. Dafür braucht es Einsicht, Empathie und gelegentlich den Mut, unbequem zu sein. Das mag für Gläubige weniger erhebend klingen als Buß‘ Prosa. Es hat aber den Vorzug, wahr sein zu können.

Fazit

Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda liefert ein sprachlich geschliffenes Beispiel dafür, wie klerikale Rede funktioniert, wenn sie nicht mehr erklären, sondern nur noch beruhigen will. Der Text ist historisch unhaltbar, theologisch selektiv, logisch immunisiert und institutionell blind. Er richtet sich an Leser, denen es einerlei ist, ob ihre Weltanschauung mit der Wirklichkeit kompatibel ist und an solche, die Trost suchen, nicht Antworten – und in diesem beschränkten Sinn mag er seine Funktion erfüllen.

Als Beitrag zu einer ernsthaften Verständigung darüber, was Menschen heute noch tragen kann, taugt er nicht. Im Gegenteil: Er belegt einmal mehr, dass das Christentum moralisch orientierungslos ist.

Wer tragfähige Orientierung sucht, findet sie eher bei den zeitgenössischen säkularen Ethikern als in einem „Bund“ mit einem eifersüchtigen Rachegott, den sich ein Wüstenvolk in der ausgehenden Bronzezeit aus früheren Götterbildern zurechtgeschnitzt hatte und dessen angebliche Unzerbrechlichkeit durch sein eigenes Trägerpersonal beschädigt wird.

Fußnoten

Fußnoten
1 bezogen auf die bisher bekannt gewordenen Fälle; Dunkelfeldermittlungen in anderen Ländern ermittelten eine 20mal höhere Dunkelziffer
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