Gedanken zum Beitrag Stefan Buß: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“, veröffentlicht am 9.5.26 von osthessennews.de
Darum geht es
Stefan Buß‘ Impuls funktioniert als pastorale Beruhigungsmaschine: Er löst diffuse „Verwirrung“ durch eine Beziehungssemantik auf, vereinnahmt universal-humane Tugenden für den christlichen Weg und ersetzt das fehlende Diesseits-Argument durch die Aussicht auf „viele Wohnungen“ im Jenseits.Ein Sonntag zu spät: Verwirrter Prediger…?
Buß‘ Impuls erscheint am 9. Mai 2026 und nimmt in Form und Anrede direkt den kommenden Sonntag in den Blick. Das ist im Kirchenjahr 2026 (Lesejahr A) der 6. Sonntag der Osterzeit. Dessen Tagesevangelium ist Joh 14,15‑21: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Buß predigt aber über Joh 14,1‑12 („Euer Herz lasse sich nicht verwirren“) – das war das Evangelium der Vorwoche.
Eine Kleinigkeit, gewiss; bezeichnend ist sie trotzdem. Der „Impuls“ ist nicht liturgisch eingebettete Verkündigung, sondern ein freies Format, das sich aus dem biblischen Fundus bedient, wann immer ein Vers thematisch zurechtgebogen werden kann. Was wie eine geistliche Auslegung des Sonntags daherkommt, ist ein redaktionell kuratiertes Wohlfühlstück mit Bibelornament. Diese Beobachtung ist nicht ohne Folgen für alles Weitere.
Verwirrung als Diagnose ohne Diagnose
Den Aufhänger bildet eine seelsorgerlich gemeinte Aktualisierung: „Auch wir kennen Verwirrung: Was wird aus unserer Welt? Was wird aus der Kirche? Was wird aus meiner Familie, meiner Gesundheit, meiner Zukunft?“ Vier rhetorische Fragen, in einem Atemzug, ohne ein einziges konkretes Subjekt. Was genau wird denn aus „der Kirche“? Der Missbrauchsskandal mit seinen über 3.600 in der MHG‑Studie dokumentierten Fällen sexualisierter Gewalt? Der Mitgliederschwund von rund einer Million pro Jahr in den beiden ehemals großen Kirchen? Die strukturellen Privilegien, die im Verhältnis zur tatsächlichen gesellschaftlichen Verankerung immer fragwürdiger werden? Nichts davon. „Verwirrung“ bleibt eine atmosphärische Größe, ein Stimmungsbild ohne Adressaten.
Diese kalkulierte Abstraktion hat Methode. Wer keine konkrete Krise benennt, muss auch keine konkrete Antwort geben. Was übrig bleibt, ist ein Allzweck‑Trostmittel, das auf jede Lebenssituation passend erscheint – und gerade darum keine ernst nimmt. Eine säkulare Auseinandersetzung mit denselben Sorgen würde umgekehrt vorgehen: zuerst die Frage präzise stellen, dann nach belastbaren Antworten suchen.
„Beziehung, nicht Ideologie“: eine rhetorische Immunisierung
Im Zentrum steht eine elegante Wendung: „Der christliche Glaube ist zuerst keine Ideologie, sondern Beziehung. Wir folgen nicht bloß einer Lehre, sondern einer Person.“ Das klingt sympathisch, weil es das Glaubensgebäude scheinbar von dogmatischer Verhärtung freispricht. Tatsächlich ist es ein klassischer Immunisierungszug.
Denn was eine Beziehung zu einer in Texten konstruierten, biographisch nur fragmentarisch greifbaren und seit zweitausend Jahren weder hörbar noch sichtbar gegenwärtigen Figur konkret bedeutet, bleibt offen. Jede Aussage über diese „Beziehung“ – Christus tut dies, Christus will jenes – ist faktisch eine Aussage über ein theologisches Konstrukt, also über eine Lehre. Den Lehrcharakter durch das Wort „Beziehung“ zu verschleiern, immunisiert den Glauben gegen Ideologiekritik: Wer ihn als Beziehung verteidigt, kann jede inhaltliche Anfrage als unsensibles Übergriffigsein zurückweisen. Beziehungen kritisiert man nicht, man respektiert sie. Lehrgebäude dagegen darf man prüfen.
Die Operation ist alt und sie ist hochwirksam, gerade in einer Zeit, in der „Ideologie“ ein Schimpfwort und „Beziehung“ eine Wertkategorie ist. Sie wurde nicht von Buß erfunden; sie gehört zum Standardarsenal moderner Verkündigung.
Vertrauen, ohne zu verstehen
Eng verbunden damit ist die Definition: „Glaube bedeutet: Jemandem vertrauen, auch wenn ich nicht alles verstehe.“ Auch das klingt zunächst bescheiden – wer behauptet schon, alles zu verstehen? Das eigentliche Problem liegt darin, dass hier Verstehen und Vertrauen voneinander entkoppelt werden. Das Verstehen wird zur entbehrlichen Zugabe erklärt; das Vertrauen reicht.
Genau das ist die epistemologische Schutzschicht religiöser Rede. Wo das Verstehen nicht mehr Voraussetzung des Vertrauens ist, kann auch keine intellektuelle Anfrage mehr greifen. Jeder Einwand wird zum Beleg dafür, dass man „noch nicht so weit“ ist. Eine säkulare Erkenntnishaltung dreht das Verhältnis um: Vertrauen erwächst aus Verstehen oder es ist Aberglaube. Wer einer Person, einer Methode, einer Theorie vertraut, weil er sie geprüft hat, ist auf festerem Boden als jemand, der vertraut, gerade weil er nicht versteht.
Die Annexion humaner Tugenden
Der wirksamste Abschnitt ist eine Aufzählung, die wie eine konkrete Handlungsanleitung wirkt: „Wenn wir verzeihen, gehen wir seinen Weg. Wenn wir die Wahrheit sagen, gehen wir seinen Weg. Wenn wir einem Einsamen beistehen, gehen wir seinen Weg. Wenn wir trotz Angst hoffen, gehen wir seinen Weg.“
Das ist ein Mustertext der Annexion. Verzeihen, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Hoffnung – das sind weißgott keine spezifisch christlichen Tugenden. Sie sind in der griechischen und römischen Stoa vor‑christlich entwickelt, im Buddhismus und Konfuzianismus parallel, in der jüdischen Ethik gleichzeitig, in der humanistischen Moralphilosophie von Spinoza über Kant bis Tugendhat säkular begründet, und sie werden empirisch von Menschen gelebt, die mit dem Christentum nichts oder wenig zu tun haben.
Der Satz „Wenn wir verzeihen, gehen wir seinen Weg“ ist nur dann sinnvoll, wenn man unterstellt, dass Verzeihen ohne Christus kein Weg wäre. Das aber ist eine Behauptung, für die es keinen Grund gibt – außer der inneren Logik der Verkündigung.
Die Annexion ist deshalb so wirksam, weil sie sich an reale, wertvolle, breit geteilte Verhaltensweisen anhängt. Wer gegen sie argumentiert, wirkt zuerst kleinlich. Aber genau hier liegt der Punkt: Die Tugenden gehören niemandem. Sie gehören insbesondere nicht einer Institution, die das Verzeihen historisch eher behindert als befördert hat – etwa indem sie Tätern in den eigenen Reihen Beichtstuhl statt Gefängnis bot und bietet.
„Viele Wohnungen“: die Jenseitskompensation
Den emotionalen Höhepunkt setzt das Bild der „vielen Wohnungen“: „Bei Gott ist Platz. Nicht nur für die Perfekten.“ Das ist die theologische Standardantwort auf ein Diesseits, das brüchig bleibt: Es gibt ja noch ein Drüben.
Diese Kompensationsfigur ist seit dem 19. Jahrhundert immer wieder als das identifiziert worden, was sie ist – zuletzt nicht nur von Feuerbach oder Marx, sondern auch in der wissenschaftlichen Religionspsychologie.
Sie tröstet, indem sie eine empirisch unbelegbare Annahme zur Tatsache erklärt: dass das Leben „nicht im Nichts“ endet, dass Christus „Wohnung bei Gott“ bereitet. Solche Sätze sind weder wahr noch falsch im üblichen Sinn; sie sind nicht prüfbar, wie jede beliebige andere Quatschbehauptung auch. Genau das ist ihr Vorteil als Trost für Leute, denen das egal ist – und ihr Problem als Aussage für Leute, denen das nicht egal ist.
Die säkulare Position muss ohne dieses fragwürdige Versprechen auskommen – und sie kommt aus. Trauer wird durch echte Anwesenheit anderer Menschen, durch das Erinnern, durch die Sorge um Hinterbliebene, durch sinnstiftende Tätigkeit getragen. Das ist nicht weniger als die angebliche jenseitige Wohnung; es ist nur ehrlicher.
Die defensive Verschiebung: Kirche sind die Guten
Ein zweiter Mechanismus verdient Aufmerksamkeit: „Auch Kirche lebt so. Nicht durch Mauern, nicht durch Strukturen allein, sondern durch Menschen, die ihren Glauben leben.“ Dieser Satz ist in einer Zeit institutioneller Glaubwürdigkeitskrisen kein Zufall. Er verschiebt den Wert der Kirche von der Institution – die in der Verantwortung steht – auf die einzelnen, gut gemeinten Christinnen und Christen, die nichts dafür können.
So lassen sich die Skandale der Institution rhetorisch ausgliedern: Sie sind nicht die Kirche, die „wirkliche“ Kirche sind die Beterinnen, die Hilfsbereiten, die Tröstenden. Diese Operation entlastet die Institution gleich doppelt: Sie kassiert die Sympathie für engagierte Einzelne und entkoppelt sich zugleich von der eigenen Schuldgeschichte. Aus säkularer Sicht ist diese Verschiebung nicht hinnehmbar. Eine Institution mit verfasstem Recht, mit Vermögen, mit staatlichen Privilegien und einem dokumentierten Versagen kann nicht durch das ehrenamtliche Engagement ihrer Basis freigesprochen werden. Sie ist auch ihre Strukturen.
Die „kleinen Schritte“
Am Ende steht eine Handlungsanweisung: „Heute einen Menschen anrufen. Heute ein ehrliches Gebet sprechen. Heute nicht im Ärger bleiben. Heute einen Schritt des Vertrauens wagen.“ Drei der vier Punkte sind universale, vollkommen säkulare Lebensweisheit. Anrufen, sich nicht im Ärger festbeißen, vertrauensvolle Schritte – das findet sich genauso in jedem populären Ratgeber, in der Stoiker‑Renaissance, in moderner Psychotherapie. Nur das „ehrliche Gebet“ ist religiös. Drei Viertel der Empfehlung funktionieren ohne Glauben einwandfrei – und das verbleibende Viertel funktioniert auch mit Glauben nicht im geglaubten und behaupteten Sinne.
Das ist nicht bösartig gedacht; es zeigt nur, wie wenig spezifisch Religiöses am Ende übrig bleibt, wenn man die Verzierungen abzieht. Was Buß als „Weg Jesu“ empfiehlt, ist zum überwiegenden Teil Anstand und Lebensklugheit – beides Dinge, die niemand erst werden muss, indem er glaubt. Und beides Dinge, die sich mit einer magisch-mythologischen Weltanschauung und religiösen Ideologie nicht wirklich unter einen Hut bringen lassen.
Wovor sollte sich das Herz nicht verwirren lassen?

Hinter all dem steht eine exegetische Pointe, die Buß seinen Hörerinnen und Hörern erspart. Im griechischen Original steht in Joh 14,1 das Verb ταράσσω – „erschüttern“, „aufrühren“. Wörtlicher als die liturgisch verwendete Einheitsübersetzung übersetzt es die Neue Genfer: „Lasst euch durch nichts in eurem Glauben erschüttern.“
Die „Verwirrung des Herzens“, um die es an dieser Stelle geht, ist keine diffuse Lebensirritation. Es ist die ganz konkrete Glaubenskrise der Jünger, denen ihr Lehrer beim letzten Abendmahl gerade Verrat, Verleugnung und seinen Tod angekündigt hat. Entsprechend ist die Antwort kein Lebensrat, sondern ein Glaubensbefehl im Imperativ: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Die Erschütterung ist hier Ausdruck eines bedrohten Glaubens – nicht ein äußeres Phänomen, gegen das der Glaube schützt.
Buß macht aus dieser innerchristlichen Glaubensermahnung eine universelle Lebenshilfe-Botschaft: Die Welt ist verwirrend, der Glaube tröstet. Das ist nicht die kleinere Pointe, sondern fast die Umkehr dessen, was im Text steht. Aus einer Anrede an Glaubende über das Glauben wird ein Beruhigungsmittel für Lebensbesorgte.
Pastoral verständlich, exegetisch fragwürdig: Der Vers wird, wenn er gegen den Strich gelesen wird, geradezu zum Spiegel der Predigtsituation. Wer „verwirrt“ ist im Sinne des Johannesevangeliums, dem fehlt nicht ein Trostmittel, sondern der Glaube selbst – und genau die Voraussetzung kann Buß bei einem säkularen Publikum nicht stillschweigend vorgängig machen.

Die wahre Verwirrung dieser Predigt liegt damit nicht in den Sorgen, die sie aufzählt. Sie liegt in der unauffälligen Verschmelzung dreier Dinge: dem berechtigten menschlichen Bedürfnis nach Halt, Tugend und Hoffnung – einer institutionellen Heilsökonomie, die ihre Berechtigung an dieses Bedürfnis koppelt – und einer Schriftauslegung, die den eigenen Schlüsselvers semantisch dehnt, bis er auch noch irgendwie zu passen scheint.
Nüchtern betrachtet erscheinen die guten Empfehlungen des Impulses säkular tragfähig, die schlechten Argumente immunisieren sich selbst gegen Prüfung, und das emotionale Zentrum – die jenseitige Wohnung – bleibt ein Versprechen ohne Deckung.
Wer sein Herz nicht verwirren lassen will, könnte gut damit beginnen, diese Schichten auseinanderzuhalten.
Die Tugenden braucht es. Den theologischen Überbau braucht es nicht. Und es schadet nichts, einen oft zitierten Bibelvers gelegentlich daraufhin zu prüfen, ob er das sagt, was die Predigt aus ihm gemacht hat.
Trotzdem ist es immer wieder interessant zu beobachten, auf welch unterschiedliche Art und Weise Berufschristen selbst dazu beitragen können, dass ihr Glaubensprodukt immer weiter in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.



















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