Trost ohne Theologie: Was Stefan Buß‘ Trauerportal-Interview unfreiwillig belegt

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Darum geht es

In einem als Interview auftretenden Werbestück für das eigene Trauerportal räumt Stadtpfarrer Stefan Buß unfreiwillig ein, was die säkulare Kritik seit Jahren beschreibt – dass die tröstende Substanz der Trauerbegleitung (Zuhören, Rituale, Gemeinschaft, die Kerze) konfessionsübergreifend und „bis in den weltlichen Bereich“ funktioniert, also ohne die Theologie, die er anderswo zu ihrer Voraussetzung erklärt.

Ein Interview, das aus dem Rahmen fällt

Wer die „Impulse“ des Fuldaer Stadtpfarrers Stefan Buß über längere Zeit liest, kennt das wiederkehrende Muster: eine Krise wird diagnostiziert, eine Bibelstelle aufgelegt, eine Trostformel ausgespielt – und universale menschliche Regungen werden zum Beleg für das christliche Programm erklärt. In seinem Himmelfahrts-Impuls und in „Buß als Geisterbeschwörer“ haben wir diese Vereinnahmung im Detail nachgezeichnet.

Das hier besprochene Interview auf Osthessen|News fällt aus diesem Rahmen – und gerade deshalb ist es aufschlussreich. Buß spricht nicht als Verkünder, sondern als erfahrener Seelsorger über den Umgang mit Trauernden. Und was er sagt, ist über weite Strecken schlicht vernünftig: Die Stadtpfarrei begleitet nach eigener Angabe 150 bis 180 Todesfälle im Jahr, nimmt Kontakt zu Angehörigen auf, führt Gespräche, bietet zweimal jährlich Trauerandachten mit vielen Stille-Elementen. Nichts davon ist zu kritisieren. Es ist zugewandte, kompetente Begleitung von vermutlich hauptsächlich katholisch sozialisierten Menschen in einer Ausnahmesituation.

Interessant wird der Text an einer anderen Stelle: Er liefert – ungewollt – den saubersten Beweis für eine These, die wir gegen die Impulse regelmäßig ins Feld führen.

Der Substituierbarkeitstest – diesmal bestanden vom Verkünder selbst

Der Substituierbarkeitstest fragt: Wenn man die theologische Rahmung entfernt, überlebt das Argument? Bleibt eine Aussage über die Wirklichkeit übrig – oder war die Theologie nur Dekoration? In den Impulsen fällt dieser Test regelmäßig zulasten des Übernatürlichen aus. Hier führt Buß ihn gleich selbst vor.

Man gehe seine zentralen Aussagen durch. Die Menschen brauchten in der Trauer vor allem „jemanden, der ihnen einfach erstmal zuhört“ – das ist eine psychologische, keine theologische Beobachtung. Rituale und feste Abläufe seien wichtig, denn „die feste Struktur des Gottesdienstes gibt Halt“ – auch das ist ein Befund über die stabilisierende Funktion von Ritualen, den jede Trauerforschung teilt, ganz unabhängig davon, welcher Gott dabei angerufen wird oder ob überhaupt einer angerufen wird. Trauer habe „auch eine soziale Dimension“ – richtig, und diese Dimension ist ein anthropologisches, kein konfessionelles Faktum. Ein niedrigschwelliges digitales Angebot senke die Hemmschwelle, weil „ein Klick zum digitalen Trauerportal“ leichter falle als der Gang in ein Pfarrbüro – eine nüchtern zutreffende Aussage über Zugangsbarrieren.

In keinem dieser Sätze trägt die Religion die Argumentation. Sie sind alle wahr oder falsch unabhängig von der Existenz eines Jenseits. Genau das ist der Punkt: Was in Trauerbegleitung tröstet, ist die menschliche Zuwendung, die Struktur des Rituals, die erlebte Gemeinschaft – nicht die metaphysische Behauptung, die die Kirche üblicherweise mitverkauft. Dass ausgerechnet Buß das hier so klar formuliert, ist bemerkenswert. Denn in seinen Impulsen erklärt er dieselben menschlichen Fähigkeiten – Zuhören, Zusammenhalt, Trost – gern zum Wirken des Heiligen Geistes. Sobald das theologische Ornament wegfällt, bleibt exakt das übrig, was säkulare Trauerbegleitung ohnehin leistet.

Die Kerze gehört niemandem

Am deutlichsten wird das an dem Bild, das dem Interview seinen Titel gibt. Das Anzünden einer Kerze, sagt Buß, sei eine Geste, die es in vielen Kulturen und über die Konfessionen hinweg gebe. In der Stadtpfarrkirche zündeten vor Allerseelen nicht nur Katholiken, sondern auch viele Muslime eine Kerze an. Und dann der entscheidende Satz: Das Trauerportal schaffe

„über alle Konfessionen hinweg und bis in den weltlichen Bereich die Möglichkeit, gemeinsam zu trauern.“

Das ist eine ehrliche Beobachtung – und zugleich eine Selbstwiderlegung des kirchlichen Deutungsanspruchs. Die Kerze ist kein christliches Erzeugnis. Lichtsymbolik im Angesicht des Todes ist älter als das Christentum und weiter verbreitet als jede einzelne Religion. Die Kirche hat dieses Ritual nicht erfunden; sie hat es über Jahrhunderte verwaltet. Wenn dieselbe Geste bei Muslimen, bei Konfessionslosen, „bis in den weltlichen Bereich“ funktioniert, dann demonstriert sie nicht die Reichweite des Katholizismus, sondern seine Entbehrlichkeit für den eigentlichen Vorgang: Menschen drücken Verlust symbolisch aus, seit es Menschen gibt.

Wo Buß in seinen Verkündigungstexten universale Werte für das Christentum reklamiert, gibt er die Universalität hier freiwillig zu Protokoll. Die Frage, die dann offenbleibt, lautet: Was genau steuert die Kirche zu diesem menschlichen Grundvorgang bei, das nicht auch ohne sie da wäre? Die Antwort des Interviews ist entwaffnend: eine Kerze, ein Raum, ein Ritual, ein offenes Ohr. Alles verfügbar, alles teilbar, nichts davon konfessionell exklusiv.

Wenn die Redaktion ihr eigenes Produkt interviewt

Ein zweiter Punkt betrifft nicht Buß, sondern die Konstruktion des Textes. Das „Interview“ ist keine unabhängige journalistische Auseinandersetzung. Osthessen|News befragt den eigenen kirchlichen Fachmann zu einem Angebot, das Osthessen|News selbst betreibt – das Trauerportal ging im März 2026 als „neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS“ online. Die Fragen laufen sämtlich auf dasselbe Ziel zu („Könnte das Trauerportal … da hineinwirken?“, „Würdevoller Abschied und digitale Traueranzeige – passt das zusammen?“), der Text schließt mit dem Link zum Produkt.

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Das ist, nüchtern beschrieben, native Werbung: Ein reichweitenstarkes Regionalportal lässt sich sein eigenes Produkt von einer vom religiösen Publikum als moralische Autorität wahrgenommenen Person absegnen, und die Kirche liefert das Gütesiegel. Beide Seiten profitieren. Das Medium bekommt seriöse Endorsement-Prosa für ein kommerzielles Angebot; die Kirche bekommt sich selbst als selbstverständliche Instanz in Sachen Trauer bestätigt – in einem redaktionellen Umfeld, das nicht als Anzeige gekennzeichnet ist. Wer solche Texte liest, sollte wissen, wessen Produkt hier gerade wessen Ansehen borgt.

Was säkular übrig bleibt

Man kann diesem Interview inhaltlich wenig vorwerfen – und das ist die Pointe. Trauerbegleitung, die auf Zuhören, verlässliche Rituale und soziale Einbettung setzt, ist gute Praxis. Sie ist nur eben keine Leistung, die an Dogmen hängt. Säkulare Trauerbegleitung, psychologische Krisenintervention, Hospiz- und Bestattungskultur, weltliche Gedenkformen und Trauerrituale erbringen dasselbe – ohne den metaphysischen Überbau und ohne den Anspruch, dass Trost eine höhere Wahrheit voraussetze. Wir haben an anderer Stelle beschrieben, dass Trauer nicht heilungs-, sondern verarbeitungsbedürftig ist: Sie ist die normale Antwort auf Verlust und vergeht durch Zeit, Beziehung und symbolische Verarbeitung – nicht durch eine übernatürliche Reparatur und auch nicht durch eine Realitätsflucht in illusorische Heilsversprechen.

Das Trauerportal, das dieses Interview bewirbt, illustriert das sogar: eine digitale Kerze, ein Raum zum Gedenken, ein Ort, an dem Menschen ihre Trauer in Worte fassen können. Kein Priester nötig, kein Bekenntnis vorausgesetzt. Buß nennt es „eine weitere Möglichkeit“ – und hat damit recht. Es ist eine Möglichkeit, die vollständig im Diesseits funktioniert. Genau deshalb verbindet sie Menschen über alle Konfessionen hinweg – und über die Konfession hinaus.

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