Leichtes Gepäck, überflüssiger Gott – und warum er trotzdem nie fehlt

Lesezeit: ~ 5 Min.

Darum geht es

Stefan Buß verkauft einen vollständig säkularen Rat zur Entschleunigung – langsamer werden, Ballast ablegen, sich auf das Wesentliche besinnen – als geistliche Einladung; streicht man den Gottesbezug, bleibt die Botschaft unbeschädigt, was zeigt, dass das Religiöse hier Dekor ist und primär der Erhaltung des Rahmens dient, nicht den Menschen.

Urlaub: Ballast ablegen

Zum Ferienbeginn liefert der Fuldaer Stadtpfarrer Stefan Buß bei Osthessen|News einen Reise-Impuls. Das Bild ist schnell erzählt: Die Koffer stehen bereit, innerlich sind viele schon unterwegs, und bevor es losgeht, lohne sich die Frage, was man eigentlich mitnimmt – nicht nur Kleidung und Sonnencreme, sondern auch Gedanken, Sorgen, Enttäuschungen. Die Ferien seien eine Einladung, „Ballast abzulegen“.

Der Rat ist vernünftig. Er ist nur an keiner Stelle religiös.

Der Substituierbarkeitstest

Ein einfaches Verfahren macht die Struktur des Textes sichtbar: Man streiche jede theologische Aussage und prüfe, was übrig bleibt. Bei Buß bleibt praktisch der gesamte Text stehen. „Langsamer werden dürfen“, „wieder hören, was in uns ist“, „neu entdecken, was wirklich zählt“, Ruhe im Herzen, Klarheit, Dankbarkeit – das ist die Sprache jeder Achtsamkeits-App, jedes Wellness-Ratgebers, jedes gut gemeinten Feierabendgesprächs. Kein einziger dieser Ratschläge benötigt einen Gott, um zu funktionieren.

Genau das ist der Befund: Die religiösen Elemente – Abraham, das Volk Israel, die Jünger, Jesus, der „Reisesegen“ – sind dem eigentlichen Inhalt nachträglich übergestülpt. Sie tragen die Botschaft nicht, sie schmücken sie. Wir haben dieselbe Bauweise bereits in Buß‘ Impuls „Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“ als „Wohlfühlstück mit Bibelornament“ beschrieben. Der Ferien-Impuls variiert das Muster nur im Motiv.

Vereinnahmung: Entschleunigung wird zum Glaubensinhalt erklärt

Die entscheidende rhetorische Bewegung ist die Umetikettierung. „Unterwegssein gehört zum Glauben dazu“, heißt es, und:

„Vielleicht begegnen wir Gott gerade dort, wo wir nicht durchgetaktet sind. Beim Spaziergang. Am Meer. In den Bergen.“

Damit wird ein breit säkulares, teils psychologisch fundiertes Kulturphänomen – die Wiederentdeckung von Pause, Muße und bewusster Wahrnehmung als Gegengewicht zur Selbstoptimierung – als religiöse Erfahrung ausgegeben. Dass Menschen im Gehen, am Meer oder in einem stillen Morgenmoment zur Ruhe kommen, ist eine gut belegte Beobachtung der Erholungsforschung. Sie belegt nichts über Götter.

Der Satz funktioniert nur, weil er – vermutlich KI-bedingt[1]Bei der Analyse von Buß-Impulsen fällt eine Veränderung der Tonalität auf; im Vergleich zu früher enthalten die Impulse seit einigen Monaten auffällig viele … Continue reading – das „Vielleicht“ mitliefert: eine unverbindliche Andeutung, die sich weder prüfen noch widerlegen lässt und die trotzdem den Eindruck erzeugt, das Angenehme sei ein Wink von oben. Dasselbe Verfahren – universale menschliche Erfahrungen als Konsequenz des Glaubens auszugeben – haben wir im Himmelfahrts-Impuls als eigenständigen Mechanismus beschrieben.

Die biblischen Beispiele passen nicht zum Urlaubsframe

Buß beruft sich auf biblische „Aufbrecher“: Abraham, das wandernde Israel, die Jünger, die ihre Netze zurücklassen. Als Belege für entspanntes Loslassen taugen sie erstaunlich schlecht. Abraham zieht laut Erzählung ins völlig Ungewisse, ohne Ziel. Das Volk Israel irrt der Legende nach vierzig Jahre durch die Wüste – kein Sabbatical, sondern eine Generation im Elend. Und die Jünger geben nicht überflüssigen „Ballast“ auf, sondern ihre gesamte wirtschaftliche Existenz. Das sind Bilder existenzieller Entwurzelung, keine Reiseprospekte. Denselben Abraham-bis-Christus-Bogen hat Buß erst im April in einem eigenen Impuls entfaltet; unsere Analyse dazu findet sich unter „Nix Neues vom Alten Bund“.

Auch der Schlüsselvers trägt weniger, als er verspricht. Buß zitiert Matthäus 11,28 – „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ – und deutet ihn so:

„Das ist keine Aufforderung zu einer weiteren Leistung. Es ist eine Einladung zur Entlastung.“

Der schöne Gegensatz übergeht die Bedingung im Satz selbst. Die Entlastung ist nicht bedingungslos, sie ist an ein „Kommt zu mir“ gekoppelt. Angeboten wird Erquickung gegen Bindung – Trost im Tausch gegen Zugehörigkeit. Das ist keine Entlastung ohne Preis, sondern eine mit Adressat. Und der biblische Romanheld Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei seinem Angebot um ein optionales handelt: Für alle, die sich nicht von ihm erquicken lassen möchten, sieht sein lieber Gott zeitlich unbegrenzte psychische und physische Dauerfolter mit Höllenqualen bei vollem Bewusstsein und ohne Aussicht auf Begnadigung vor. Die werden ausgerissen wie Unkraut und kommen in den Feuerofen, da wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Der formbare Gott

Bemerkenswert ist die Beweglichkeit des Gottesbildes:

„Gott ist kein Gott des Büros oder der Pflicht allein. Er ist ein Gott der Wege, der Pausen, der Weite.“

Hier wird ein Gott präsentiert, der exakt das verkörpert, was das erschöpfte Publikum des Jahres 2026 sucht: Entschleunigung, Weite, Auszeit. Vor wenigen Jahrzehnten war es in derselben Kirche ein Gott der Pflicht, der Ordnung und des Gehorsams. Ein Konzept, das sich derart mühelos an das jeweilige Zeitbedürfnis anschmiegt, erklärt nichts über eine Wirklichkeit – es spiegelt nur die Wünsche derer, die es formulieren. Diese Anpassungsfähigkeit ist kein Zufall, sondern das Merkmal einer Rede, die nicht mehr beschreiben, sondern nur noch beruhigen will.

Warum das nicht harmlos ist

Man könnte all das für belanglos halten – ein freundlicher Ferienwunsch, wo ist das Problem? Das Problem liegt nicht im Rat, sondern in seiner Funktion. Auch die harmloseste religiöse Verkündigung hält den Rahmen einer Ideologie am Leben und gesellschaftlich präsent. Und dieser Rahmen ist keineswegs harmlos: Er ist es, auf den sich diejenigen berufen, die die Grundsätze der Glaubenslehre noch ernst nehmen – um damit anderes als Wellness religiös zu legitimieren. Dieselbe Institution, deren Stadtpfarrer hier zum Loslassen einlädt, hat über Jahrzehnte sexualisierte Gewalt an Minderjährigen ermöglicht und vertuscht – allein die MHG-Studie dokumentiert 3.677 Betroffene und 1.670 beschuldigte Kleriker – und verteidigt bis heute Positionen, die queeren Menschen die Gleichstellung, Frauen die Weihe und Menschen die selbstbestimmte Lebensführung verweigern. Und in immer noch vielen Ländern weltweit profitieren Demagogen und Autokraten verschiedener Ausprägung vom noch vorhandenen christlichen Glauben.

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Der entscheidende Punkt: All das wäre folgenlos, wenn Buß den für seine eigentliche Botschaft längst überflüssig gewordenen Gottes- und Glaubensbezug einfach weglassen würde. Der Rat zur Entschleunigung stünde ohne ihn genauso da – nachweislich, das ist der Ertrag des Substituierbarkeitstests. Aber ohne diesen Bezug wäre der Impuls für Buß und seinesgleichen wertlos. Und genau das ist die Pointe: Dass der überflüssige Gottesbezug trotzdem nie fehlt, zeigt, dass es hier im Kern gar nicht um die Menschen und ihre Erholung geht, sondern um die Aufrechterhaltung des Glaubens. Es geht um Gott, und damit geht es ihnen um sich selbst.

Die säkulare Alternative

Der brauchbare Kern des Impulses lässt sich ohne Verlust ins Klare übersetzen: Pausen sind wichtig. Ständige Erreichbarkeit und Selbstoptimierung machen krank. Es lohnt sich, hin und wieder zu prüfen, welche Verpflichtungen und Sorgen man mit sich herumträgt und welche man ablegen darf. Ruhe, Muße und ein Blick auf das Wesentliche tun Menschen gut.

Das alles ist wahr, hilfreich und für jeden zugänglich – gläubig oder nicht. Es braucht dafür keinen Reisesegen und kein „Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht“. Es braucht die schlichte, tragfähige Einsicht, dass ein gutes Leben Pausen kennt. Wer im Urlaub zur Ruhe kommt, verdankt das nicht einem Gott der Wege, sondern dem Umstand, dass er endlich nicht mehr durchgetaktet ist. Diese Erklärung hat Vorzüge gegenüber Buß‘ Prosa: Sie kommt ohne unbelegte Zusatzannahmen aus, sie gilt universell – und sie stimmt.

KI

Belege und Quellen

Fußnoten

Fußnoten
1 Bei der Analyse von Buß-Impulsen fällt eine Veränderung der Tonalität auf; im Vergleich zu früher enthalten die Impulse seit einigen Monaten auffällig viele „vielleicht“ – ein Indiz dafür, dass die Texte von jemandem oder etwas verfasst wurden, der oder das sich nicht angreifbar machen möchte. Bis vor einiger Zeit war das noch nicht der Fall.
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