Das Lächeln des Lebens – das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Glaube

Das Lächeln des Lebens – das Wort zum Wort zum Sonntag zum Thema Glaube, gesprochen von Elisabeth Rabe-Winnen (ev.), veröffentlicht am 17.6.2017 von ARD/daserste.de

Millionen von Menschen haben sich in der letzten Woche gefragt: Woran glaubst du? Diese Frage ist die Überschrift der ARD Themenwoche. “Woran glaubst du?”*

Viel interessanter wäre die Frage gewesen: “Warum glaubst du (noch)?” Zu diesem Thema gibts hier schon einen Artikel.

Wenn ich mit meinen Konfirmanden genau diese Frage bespreche, dann gucken wir uns einen alten Text des christlichen Glaubens an, das Glaubensbekenntnis. Und dann schauen sich diese Mädchen und Jungen, 12 und 13 und 14 Jahre alt, diesen Text an und überlegen: Kann ich das wirklich so glauben? Und die streichen dann, was sie nicht glauben können. Die streichen Worte wie “allmächtig” oder “Schöpfer” oder “Jungfrau” oder “auferstanden”. So streichen die Jugendlichen Worte. Aber sie ergänzen auch welche. Worte wie “Hoffnung” oder “Freundschaft”. Und so entstehen ganz eigene Glaubenstexte.

Dies deute ich als ein hoffungsvoll stimmendes Zeichen. Denn streicht man “allmächtig”, “Schöpfer”, “Jungfrau” oder “auferstanden” aus der christlichen Glaubenslehre, dann hat sich diese damit erledigt.

Wobei Kirchendiener heute natürlich so tolerant wie nie sind, wenn es darum geht, den Glaubensabfall ihrer Kunden zu ertragen. Lediglich den Kirchenaustritt gilt es zu verhindern. Oder zumindest so lang wie möglich hinauszuzögern.

Glaubensgrundlagen: Gestrichen

Bediente man sich dazu bislang des biblischen Belohnungs-Bestrafungskonzeptes, hat dieses heute ausgedient. Kein klar denkender Mensch lässt sich mehr mit einer Jenseitsfiktion zu einem bestimmten Verhalten motivieren. Oder durch eine ebenso fiktive jenseitige Bestrafung einschüchtern. Nicht mal, wenn diese zeitlich unbegrenzt sein soll.

Und so liegt es auf der Hand, die spätestens aus heutiger Sicht völlig absurden und grotesken christlichen Glaubensinhalte nach Möglichkeit einfach wegzulassen. Oder, wie in diesem Beispiel, den Schäfchen zuzugestehen, die grundlegenden Fundamente des christlichen Glaubens zu streichen.

Es genügt völlig, wenn noch genug Gläubige die Legende von der christlichen Moral für wahr halten. Und nicht merken, dass “Hoffnung” oder “Freundschaft”, genauso wie alle modernen ethischen Standards auch, ganz ohne Götter, Geister und Gottessöhne auskommen. Denn schließlich geht es ja um die Menchen und ihre Umwelt. Und in dieser ist bis heute noch kein einziger Gott jemals seriös belegbar irgendwie in Erscheinung getreten.

[…] Und Heinz Rudolf Kunze sagt: Ich glaube, fürchte ich, an recht wenig. Aber ich möchte glauben, dass nicht alles Zufall ist, sondern es einen Plan gibt.

Ein übergeordneter Plan, eine übergeordnete Zielgerichtetheit lässt sich zwar ausdenken, aber nicht erkennen. Auch auf die Sinnfrage können Religionen keine sinnvollen Antworten geben. Dieses Zitat passt Frau Rabe-Winnen natürlich bestens in den Kram: Nicht-Glaube erscheint hier als ein Mangel, vor dem man sich gar fürchten müsse. Diese Darstellung lässt sich ebenfalls in vielen der Beiträge zur ARD-Themenwoche entdecken.

Glaube: Ein mehrdeutiger Begriff

Ich habe auch in meinem Freundeskreis gefragt: Woran glaubst du? Thomas antwortet: An die Hoffnung. Sie kann ein unglaublicher Motor sein.

Hier lässt sich sehr gut erkennen, wie problematisch einerseits und wie praktisch für Gläubige andererseits die Mehrdeutigkeit des Begriffes “Glauben” ist. Denn Glauben kann sowohl das Für-wahr-halten unplausibler oder auch völlig absurder, unbewiesener und unbeweisbarer Behauptungen bedeuten. Gerne auch wider besseres Wissen.

Oder eben auch eine Vermutung oder Annahme aufgrund mehr oder weniger starker Argumente. Und dann gibt es auch noch Glauben im Sinne von: “Ich glaube, ich hole mir noch ein Bier.”

Und Frida schreibt mir: An Herzensentscheidungen. Und daran dass Loslassen sich lohnt.

Auch das hat nichts mit Glaube im religiösen Sinn zu tun. Hierbei handelt es sich um Annahmen, vermutlich aufgrund von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen.

Gezielte Irreführung

Und Friederike sagt: Ich glaube, dass ich behütet bin. Und dass ich ohne Gott nicht da wäre, wo ich jetzt bin. Das möchte ich meinen Kindern weitergeben.

Frau Rabe-Winnen, was versprechen Sie sich davon, wenn Sie Ihren Kindern mitgeben, dass sie ihr Wohlergehen einem Gott zu verdanken hätten? Wieso gaukeln Sie ihnen vor, sie seien von diesem Gott in irgendeiner Art und Weise “behütet”?

So wie mich der Glaube meiner Oma geprägt hat.

Was würden Sie Ihren wohl Kindern weitergeben wollen, wenn Ihre Oma von ihren Eltern zum Beispiel islamischen, jüdischen oder hinduistischen Glauben “vererbt” bekommen hätte? Oder wenn sie religionsfrei gewesen wäre?

Woran glaubst du? Die Antworten auf diese Frage sind bunt. Viele glauben an Gott.

Das kommt darauf an, wen man fragt. Denn fragt man zum Beispiel den Durchschnitt der deutschen Bevölkerung, dann werden es immer weniger, die noch an Götter glauben. Aktuellen Hochrechungen zufolge werden im Jahr 2021 mehr Konfessionslose in Deutschland leben als noch konfessionell Gebundene.

Der Joker beim Bullshit-Bingo

Manche glauben an gar nichts. Und damit wenigstens daran.

Atheismus bedeutet...Diese nicht nur un-, sondern vollkommen widersinnige Behauptung scheint eine der Kernaussagen der ARD-Themenwoche gewesen zu sein: Auch die, die nichts glauben, glauben ja auch etwas.

Nein, tun sie nicht. Nichtglauben ist das Gegenteil von Glauben. Genauso widersinnig wären Behauptungen wie: “Auch Tote leben.” Und: “Nicht-Schachspielen ist ein Hobby.” Oder auch: “Enthaltsamkeit ist eine Sex-Stellung.”

Frau Rabe-Winnen, Nicht-Glauben bedeutet, nicht zu glauben. Ihre Behauptung ist bestens geeignet, um sich bei Atheisten bis auf die Knochen zu blamieren. Und trotzdem werden Glaubensverkündiger nicht müde, immer und immer wieder auf dieser vermeintlichen, tatsächlich aber haarsträubend lächerlichen “Erkenntnis” zu beharren.

Nicht umsonst ist “Atheismus ist auch eine Religion” der Joker beim Bullshit-Bingo. Und sowas im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

[…] Und einige können kraft ihres Glaubens Berge versetzen.

Noch kein einziges Atom wurde jemals kraft eines Glaubens auch nur um die Breite eines Atoms versetzt. Dieser Umstand dürfte für Gläubige kein größeres Problem sein – der Wischiwaschi-Formulierung “kraft ihres Glaubens” ermöglicht auch eine Interpretation à la: “…motiviert durch ihre Glaubensgewissheit…”

Und wie erstaunlich auch die Leistungen von Menschen sein mögen: Dass Götterwesen ihre Finger tatsächlich im Spiel hatten, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit und bis zum Beweis des Gegenteils ausgeschlossen werden. Der autosuggestive Placeboeffekt entsteht im Kopf des Menschen durch seine Imagination. Nicht durch göttliches Wirken.

Glaube als Geschmacksfrage

[…] Es gibt sehr viel, woran ich glaube. Ich glaube zum Beispiel daran, dass der Sommer ohne Erdbeeren ärmer wäre. Und ich glaube dass wir es jeden Tag brauchen angelächelt zu werden – und zurück zu lächeln. Ich glaube, dass Musik Frieden bringt. Und dass Klatschmohn und Ranunkeln die schönsten Blumen sind. Ich glaube solche Dinge.

Und wieder: Glaube, der nichts mit religiösem Glauben zu tun hat.

Doch da hört es für mich nicht auf. Mein Glaube hält mein Leben im Innersten zusammen. Es ist der Glaube, den Christen seit Jahrhunderten bekennen. Er ist nicht selbstverständlich immer da. Oft ist er auch angefochten. Von meinem Zweifel. Es ist der Glaube an Gott, den Vater, der alle und alles machte, an Jesus Christus, das Gesicht Gottes, und an den Heiligen Geist, der tröstet.

Zweifel sind auch mehr als angebracht, wenn man an einen Gott glauben möchte, der trotz angeblicher Allmacht und Allgüte keine weniger leidvolle Welt erschaffen konnte. Oder wollte. An einen Gott, den man gerne für den Schöpfer des Universums halten möchte, obwohl ein Schöpfer eine denkbar schlechte Hypothese zur Erklärung von irgendetwas ist.

Und, Frau Rabe-Winnen, wenn Sie mal einen kurzen Moment ganz ganz ehrlich zu sich selbst sind, dann könnte Ihnen auffallen, dass keine Geister Sie trösten. Sie trösten sich selbst – indem Sie sich den Trost dieses Geistes vorstellen.

Gewollt auf der Welt – von wem?

Ich glaube, dass ich nicht allein bin, und dass ich gewollt bin auf dieser Welt.

Für die Erkenntnis, nicht allein auf der Welt zu sein, bedarf es keines Glaubens. Die Frage, ob Sie gewollt sind auf dieser Welt, können Ihnen Ihre Eltern und Ihre Mitmenschen beantworten. Von wem oder was sollten Sie sonst gewollt sein?

Ich glaube, dass keiner allein sein soll. sondern dass wir füreinander da sind. Ich glaube, dass er, den wir Gott nennen, da ist. Überall und in jedem. Wie Heimat. Ich glaube, Gott ist ein Gott zum Anfassen; Und er kommt zu mir und dir. Immer wieder. Die Arme offen. Ich glaube, dass der Himmel weit ist, viel weiter als ein Auge sehen kann. Und dass er offen ist, für mehr als sich das Herz vorstellen kann. Daran glaube ich. Und – woran glaubst Du?

Ich glaube nicht nur, sondern ich habe handfeste Gründe zur Annahme, dass dieses “Glaubensbekenntnis” ein bunter Mischmasch aus religiös getränkten Wunschphantasien und banalen Binsenweisheiten ist. Ein Konglomerat aus hohlen Phrasen, Allgemeinplätzen und religiösen Phantastereien.

Wie schon oben angedeutet, zeigt dieses “Wort zum Sonntag”, dass das eigentliche christliche Glaubensbekenntnis offenbar so unbrauchbar geworden ist, dass man lieber nicht mehr näher darauf eingeht.

Und stattdessen Glaubensinhalte präsentiert, die entweder gar nichts mit der religiösen Scheinwirklichkeit zu tun haben, oder die aus irgendwelchen persönlichen Wunschvorstellungen bestehen. Wie etwa der vom “lieben Gott.”

*Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte stammen aus dem eingangs genannten und verlinkten Originalbeitrag.
**Wir haben keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

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