Gedanken zu: Impulse von Stadtpfarrer Stefan Buß: Silvester

Lesezeit: ~ 6 Min.

Gedanken zu: Impulse von Stadtpfarrer Stefan Buß: Silvester, veröffentlicht am 31.12.20 von osthessennews.de

Am letzten Tag des Jahres soll es vor allem der Dank sein, der uns bewegen soll, Gott als dem Spender aller guten Gaben des vergangenen Jahres unseren Dank entgegenzubringen.
(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Impulse von Stadtpfarrer Stefan Buß: Silvester, veröffentlicht am 31.12.20 von osthessennews.de)

Herr Buß ist offenbar der Auffassung, alle “guten Gaben” seien Spenden eines bestimmten imaginären Wesens, das sich ein Wüstenvolk in der ausgehenden Bronzezeit als zornigen, sadistischen, perfiden, gnadenlosen eifer- und rachsüchtigen Wetter-, Berge-, Wüsten-, Stammes- und Kriegsgott ausgedacht hatte, der später zum “lieben Gott” umfunktioniert worden war.

Und dem dann eingefallen war, alle Menschen mit Androhung zeitlich unbegrenzter physischer und psychischer Dauerfolter durch Höllenqualen bei vollem Bewusstsein dazu zwingen, ihn zu verehren.

Gute Gaben: Gott!

Damit hat Herr Buß also schon mal alles Positive seinem Gott zugeschrieben. Unklar bleibt, was konkret mit “guten Gaben” und “Spende” gemeint sein soll.

Woher “gute Gaben” tatsächlich kommen, scheint dem Stadtpfarrer jedenfalls entweder nicht bekannt, nicht bewusst oder egal zu sein.

Bis hierher könnte man Herrn Buß höchstens eine blühende Phantasie und einen schwach ausgeprägten Sinn für die Realität unterstellen. Zu kritisieren wäre nur, dass er mit dieser Vorstellung jenen unrecht tut, die tatsächlich für “gute Gaben” sorgen.

A propos Spende: Bei einer Spende erwartet der Spender keine Gegenleistung. Der Gott der biblischen Mythologie kann somit nicht als Spender bezeichnet werden.

Denn er erwartet selbstverständlich Gegenleistungen: Die Aufgabe der eigenen intellektuellen Redlichkeit und eine möglichst vollständige und exklusive Unterwerfung.

Ziel: Ewige Vollendung?

Vieles haben wir erlebt, frohes und schönes, aber auch schweres und leidvolles. Manches ist uns unbegreiflich. Dennoch sind wir getragen vom Vertrauen, dass der gütige und barmherzige Gott alles in seinen Händen trägt und unser Leben lenkt und leitet, dem Ziel ewiger Vollendung entgegen.

Hier sieht die Bewertung der Aussage schon ganz anders aus. Denn mit dieser Behauptung relativiert Stadtpfarrer Stefan Buß reales menschliches Leid.

Während er sich bei den “guten Gaben” absolut sicher zu sein scheint, dass diese natürlich von seinem Gott gespendet werden, ist die Existenz von Leid unter der Annahme eines allmächtigen und allgütigen Gottes plötzlich “unbegreiflich.”

Wenn ein Gott das Leid von empfindungsfähigen Lebewesen benötigt, um seine Ziele zu erreichen, dann ist er entweder nicht allmächtig oder nicht allgütig. Sondern entweder unfähig oder, falls trotz Allmacht tatenlos in Kauf genommen oder trotz Allgüte willentlich herbeigeführt, wäre er ein Arschloch. Wenn es ihn gäbe.

Herr Buß animiert Menschen mit dieser Aussage dazu, als Begründung für Leid zu akzeptieren, dass es (aus unbegreiflichen Gründen) Teil eines göttlichen Heilsplanes sei.

Ungute Gaben: Unbegreiflich? Nur für Monotheisten.

Das Vorhandensein von Leid ist übrigens nur für jemanden unbegreiflich, der von der Existenz eines allmächtigen und allgütigen Gottes ausgeht.

Und der so sehr sehr in dieser Wunsch-Gottesvorstellung gefangen ist, dass er, statt die einzig logisch Konsequenz zu ziehen (einen solchen Gott gibts nicht), den Widerspruch zwischen religiöser Wunschphantasie und irdischer Wirklichkeit damit für sich scheinbar auflöst, dass er alles Positive seinem Gott zuschreibt.

Und alles Negative obskuren “bösen Mächten” (Algermissen: “Das neue Jahr steht dunkel und unverfügbar vor uns”) oder der “Sündhaftigkeit” des Menschen, wenn dieser Gebrauch von seinem “freien Willen” macht (nach christlicher Auffassung ebenfalls eine göttliche Spende). Oder man verweist auf die “Unergründlichkeit” göttlicher Wege und/oder eine angebliche Notwendigkeit für die Erfüllung dessen göttlichen “Heilsplanes.”

War es bei den “guten Gaben” noch einfach und vergleichsweise harmlos und unverfänglich (wenngleich völlig absurd), diese als Ausdruck göttlicher Nettigkeit darzustellen, muss bei der Frage nach den “nicht guten Gaben” diesmal die “Unbegreiflichkeit” dieses Gottes als Scheinargument herhalten.

Geprägt von falschen Urteilen über die Realität

Zu der Vorstellung, ein gütiger und barmherziger Gott trage alles in seinen Händen und würde unser Leben lenken und leiten, dem Ziel ewiger Vollendung entgegen passt folgende Wikipedia-Definition:

  • Wahn ist der Name für einen seelischen Zustand, der von starker Ichbezogenheit und falschen Urteilen über die Realität geprägt ist und so zu unkorrigierbaren Überzeugungen führt. Wenn eine solche Privat-Wirklichkeit das Leben der betroffenen Person vollständig bestimmt, kann der Wahn als Krankheit aufgefasst werden.
    (Quelle: Wikipedia:Wahn)

Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist nicht als persönlicher Angriff gegen Herrn Buß gemeint. Sondern bezieht sich lediglich auf die in seinem Silvester-Impuls von ihm getroffenen Aussagen und Behauptungen. Die, weil ohne Beweis behauptet, genauso auch ohne Beweis als nichtig verworfen werden können.

Nach mir die Sintflut!?

[…] Freilich: Wenn wir uns fragen, was wohl die wichtigste Stunde im Leben ist, so müssen wir sagen: die gegenwärtige. Im Hier und Jetzt leben ist angesagt. Denn was vergangen ist, können wir nicht mehr ungeschehen machen und ändern und was kommen wird, ist unserem Wissen und Erkennen noch verborgen. Nur die Gegenwart ist in unsere Verantwortung gestellt.

Kaum erstaunlich, dass der Volksmund diese Einstellung mit einem biblischen Bild in Verbindung bringt. “Nur die Gegenwart ist in unsere Verantwortung gestellt” bedeutet ja nichts anderes als “Nach mir die Sintflut!”

Es erscheint schwer vorstellbar, dass Herr Buß tatsächlich der Auffassung zu sein scheint, nur für seine Gegenwart Verantwortung zu tragen. Andererseits, wer an ein Jenseits glaubt, hat möglicherweise hier auch eine andere Einstellung als jemand, der von der unwiederbringlichen und zeitlich begrenzten Einmaligkeit der eigenen Existenz im irdischen Diesseits ausgeht…

Prognose und Antizipation? Nie gehört…

Menschen (und wohl auch noch einige andere Tierarten) sind in der Lage, die Folgen ihres Handelns abzuschätzen und Prognosen in ihre Entscheidungsfindung einfließen zu lassen.

Selbst in einer christlich erweiterten (bzw. vernebelten, je nach Sichtweise) Vorstellungswelt gibt es ja ein Ziel, von dem zum Beispiel Herr Buß meint, sein Gott steuere und lenke die Menschheit darauf hin.

Selbst wenn ihm das Schicksal seiner empfindungsfähigen, Sauerstoff verstoffwechselnden Mitlebewesen völlig egal wäre, so hätte er trotzdem noch zumindest dadurch einen Grund, sein Handeln in seinem eigenen Interesse an diesem zukünftigen Phantasie-Ziel auszurichten.

Hier kommt dann auch wieder die Ichbezogenheit (Egoismus) zum Ausdruck, die biblisch-christlicher Glaube seinen Anhängern zur Verfügung stellt.

Vielleicht hatte er sich aber auch nur unglücklich ausgedrückt. Und wollte eigentlich sagen: Bewirken können wir nur etwas in der Gegenwart.

Dann ergänze ich: …und wir sollten uns dabei unserer Verantwortung für künftige Generationen bewusst sein.

Nicht wegen irgendwelcher religiösen Quatschannahmen wie Himmelshoffnungen oder Höllendrohungen. Sondern aus ethischen, humanistischen Gründen. Und natürlich auch zum Eigennutz. Weil man selbst auch davon profitiert, wenn man sich fair, friedlich und hilfsbereit verhält.

Dann käme man aber wohl nicht auf die Idee, den eigenen Verantwortungsbereich auf die Gegenwart zu beschränken.

Pessimismus: Nährboden für Heilsbotschaften

Freilich wissen wir nicht, was uns das neue Jahr bescheren wird. Es gibt Menschen, die sehen alles in den schwärzesten Farben. Diesen Pessimismus wollen wir als Christen nicht teilen.

Und wieso gibt es dann so viele Berufschristen, die praktisch keine Gelegenheit auslassen, genau diesen Pessimissmus zu verbreiten und zu verstärken?

Ganz einfach: Um dann ihre vermeintliche Heilsbotschaft, deren eigentlichen Inhalt sie nicht in der Lage sind übereinstimmend und konkret zu benennen ins Spiel bringen zu können:

Denn selbst dort, wo menschlich keine Hoffnung mehr besteht, gibt es für Gott immer noch Wege des Heiles und der Hoffnung. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906 – 45, gestorben 9.4. im KZ Flossenbürg, lutherischer Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt) hat dieses Gottvertrauen in einem vielen von uns bekannten Lied so ausgedrückt: “Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.”

Zum Thema Bonhoeffer (der seine Ermordung unnötigerweise und bewusst für seinen Glauben in Kauf genommen hatte) gibts auf AWQ schon mehrere Beiträge, deshalb hier nur ein Verweis.

Kurzfassung: Dass es für Gott immer noch Wege des Heiles und der Hoffnung gibt bedeutet nicht, dass man nicht doch wenige Tage später ermordet werden kann.

Letzte Hoffnung

Wenn menschlich keine Hoffnung mehr besteht, gibt es nur noch eine allerletzte Hoffnung, auf die auch tatsächlich garantiert Verlass ist: Sie besteht in der Endlichkeit des Lebens. Und einer damit verbundenen Endlichkeit jeden Leides.

Das ist die eigentliche, allerletzte Hoffnung und Erlösung. Wenn sonst keine Hoffnung mehr besteht und die Situation ausweglos ist.

Und das Beste: Für diese Hoffnung bedarf es keiner Einbildung von imaginären Phantasiewesen mit zweifelhaften Charaktereigenschaften. Oder der Annahme von absurden Jenseitsfiktionen. Es mag banal klingen und auch makaber, aber: Auf den Tod ist Verlass.

Und bis es soweit ist, ist im Hier und Jetzt leben angesagt. Hier stimme ich Herrn Buß uneingeschränkt zu.

Zeit: Geschenk aus Gottes Hand?

Nehmen wir das neue Jahr an als ein Geschenk aus Gottes Hand! Sagen wir nicht immer: “Ich habe keine Zeit.” Denn Gott schenkt uns die Zeit! Er schenkt uns wieder ein neues Jahr, und wir sind verantwortlich dafür, was wir daraus machen.

…und schon hat es sich mit der Zustimmung schon wieder erledigt.

Das Phänomen “starke Ichbezogenheit und falsche Urteile über die Realität” hatte ich ja weiter oben schon angesprochen.

Guten Rutsch!

…in ein hoffentlich gesundes und glückliches neues Jahr an alle Leser*innen unserer Beiträge – ob nur mal versehentlich, gelegentlich oder regelmäßig.

Vielen Dank für euer Interesse, euere Kommentare, Gastbeiträge und fürs Teilen!

Sicher wird es auch 2021 wieder jede Menge Verkündigungen von Berufsgläubigen geben, die wir wieder bei Licht betrachten und kritisch hinterfragen werden.

Denn trotz des sprunghaften Anstieges der Kirchenaustritte wird es auch weiterhin noch erforderlich sein, den falschen Versprechen und heuchlerischen Ermahnungen der diversen Kirchenvertreter*innen auf den Zahn zu fühlen.

Und damit hoffentlich Menschen zu bewegen, ihre Glaubensgewissheiten kritisch zu hinterfragen und darüber nachzudenken, ob sie ihre konfessionelle Bindung noch benötigen. Oder ob es nicht höchste Zeit ist, sich zumindest schon mal von der Kirche zu verabschieden.

FacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedintumblrmail

2 Gedanken zu „Gedanken zu: Impulse von Stadtpfarrer Stefan Buß: Silvester“

  1. Ein Kommenter meinerseits erübrgt sich, es wurde bereits alles gesagt.
    Nochmal Danke dafür, für das Erwachen eines freien und kritischen Geistes!

    In diesem Sinne wünsche ich allen Heiden, Skeptikern und wachen Geistern ein von Glück und Gesundheit erfülltes neues Jahr!!!

    Auf das nächste…

    Gruss

    FLO

    Antworten
  2. Auch ich danke für die zuverlässigen, tiefgründigen, logisch aufgebauten und immer ansprechend gestalteten Kommentare von AWQ. Sie analysieren gekonnt die Vorlagen der Kleriker und beweisen das Absurde dieses von Menschen zusammengedichteten Glaubenskonstrukts, das gegen jede Realität geht. Die ausgewählten Bilder passen hervorragend.
    Ich wünsche dieser komprimierten Aufklärung eine große Leserschaft und den Autoren: “Immer am Ball bleiben!”- Es ist nach wie vor nötig.
    Hoffen wir auf menschenfreundlichere Verhältnisse im neuen Jahr. Alles Gute dazu!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar