Die Bescheidwisser – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 12 Min.

Die Bescheidwisser – Das Wort zum Wort zum Sonntag, verkündigt von Pastorin Annette Behnken, veröffentlicht am 16.10.2021 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Ausgerechnet mit der Bibel versucht Pastorin Behnken heute, für die wissenschaftliche Methode des Erkenntnisgewinns zu plädieren. Dazu gibts noch ein altbekanntes religiöses Scheinargument.

„Wort zum Sonntag“ wiedermal nach alt bekanntem Schema

Diesmal gibts wiedermal ein „Wort zum Sonntag“ nach dem altbekannten Schema: Prangere einen Missstand an und bringe dann dein Glaubenskonstrukt als Positiv-Beispiel und/oder Lösung ins Spiel.

Der Missstand besteht diesmal darin, dass, auch nach Frau Behnkens eigener Erfahrung, Menschen besonders bei zunehmender Komplexität von Themen dazu neigen, so zu tun, als wüssten sie darüber Bescheid.

Und zwar auch dann, wenn sie über das Thema (zumindest nach Frau Behnkens Einschätzung) gar nicht richtig Bescheid wissen. Sondern stattdessen lieber daran glauben, dass eine vereinfachende Erklärung schon stimmen wird. Besonders dann, wenn sie sich mit ihren persönlichen Wunschvorstellungen deckt:

[…] Die wissen sehr schnell und überhaupt sehr Bescheid und weisen scheinbar „Nicht-Wissende“ oft harsch in die Schranken. Vor allem im Netz gibt’s viel schnell geschossenes Bescheidwissen. Ich finde das anmaßend und überheblich. Und trotzdem ertapp‘ ich mich dabei, dass ich mich da manchmal gerne dran hänge, an so ne schnelle Meinung.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: Bescheidwisser – Wort zum Sonntag, verkündigt von Pastorin Annette Behnken, veröffentlicht am 16.10.2021 von ARD/daserste.de)

Vorab: Die Geschwindigkeit, mit der eine Behauptung oder Meinung veröffentlicht wird, sagt erstmal noch nichts über deren Wahrheitsgehalt oder Sinnhaftigkeit aus. Und deshalb ist das Aufstellen einer Behauptung (ob Meinung oder Fakt) auch erstmal nicht per se anmaßend und überheblich.

Wissen? Meinen? Glauben?

Weil es bei einer Untersuchung solcher Aussagen auch auf Details ankommt, ist hier zunächst zu unterscheiden, ob wir es mit einer (subjektiven) Meinung oder einer (objektiven, überprüfbaren) Tatsachenbehauptung zu tun haben:

  • Unter einer Meinung oder Auffassung wird in der Erkenntnistheorie eine von Wissen und Glauben unterschiedene Form des Fürwahrhaltens verstanden.
    (Quelle: Wikipedia: Meinung)

Wissen ist also nicht mit Meinung gleichzusetzen.

Eine Meinung kann zum Beispiel auf Basis des eigenen Wissensstandes gebildet werden. Sie lässt sich dann argumentativ von diesem Wissensstand herleiten:

Meine Meinung X zum Thema Y basiert auf meiner persönlichen Interpretation der mir dazu vorliegenden Fakten A, B und C.

Fakten zeichnen sich dadurch aus, das sie objektiv überprüfbar sind. Die selben Fakten können jedoch auch zu völlig unterschiedlichen Meinungen führen.

Zu Meinungen gehören auch so genannte Geschmacksfragen, die keiner Begründung bedürfen. Ich brauche niemandem zu begründen, warum eine bestimmte Farbe meine Lieblingsfarbe oder ein bestimmtes Essen mein Lieblingsessen ist. Allerdings kann ich dann natürlich auch von niemandem verlangen, die gleiche Farbe oder das gleiche Essen zu präferieren wie ich.

Brandolinis Gesetz

Was Frau Behnken eigentlich kritisieren möchte, sind vermutlich nicht die, die eine These aufstellen und tatsächlich Bescheid wissen. Sondern die, die Meinungen vertreten, ohne ausreichend Bescheid zu wissen.

Wenn es um eine Faktenbehauptung geht, dann lässt sich bei Bedarf überprüfen, ob diese Behauptung stimmt. So lässt sich ermitteln, ob hier jemand hier tatsächlich Bescheid weiß. Oder eben nicht.

In diesem Zusammenhang ist das Bullshit-Asymmetrie-Gesetz zu erwähnen, auch bekannt als Brandolinis Gesetz:

  • „The amount of energy needed to refute bullshit is an order of magnitude bigger than to produce it.“
  • „Das Widerlegen von Schwachsinn erfordert eine Größenordnung mehr Energie als dessen Produktion.“
    (Quelle: Wikipedia: Brandolinis Gesetz)

Dieses Gesetz hat auch zur Folge, dass manche Beiträge auf AWQ deutlich länger ausfallen als das, worauf sie sich beziehen… 😉

Unser Anspruch ist es, fragwürdige, absurde oder schlicht falsche Behauptungen, Prämissen oder Schlussfolgerungen nicht einfach lapidar als hirnrissigen Quatsch zu bezeichnen. Sondern auch zu erklären, wie wir zu dieser Einschätzung kommen. Und dazu braucht es eben manchmal mehr Text als die Aussage, um die es geht.

So tun, als wüsste man Bescheid

Noch aufwändiger wird es, wenn jemand eine bestimmte Meinung vertritt. Dann ist zunächst zu überprüfen, ob die Faktenbasis des Meinenden vollständig ist – und natürlich, ob die Fakten überhaupt zutreffen. Hier spielt auch die Untersuchung der Quellen eine wichtige Rolle.

Anschließend kann man dann darüber diskutieren, wie man anhand der Faktenlage zur jeweiligen Meinung, bzw. Bewertung dieser Faktenlage gekommen ist.

Frau Behnkens Kritik bezieht sich wahrscheinlich auf die, die Meinungen vertreten, ohne selbst über eine vernünftige und/oder umfassende Faktenbasis zu verfügen, mit der sie diese Meinung sinnvoll begründen könnten.

Also jene Zeitgenossen, die vorgefertigte Meinungen frag- und kritiklos übernehmen und veröffentlichen. Ohne sich je zu fragen: Wieso glaube ich das eigentlich, was ich da behaupte?

Je mehr sich Leute durch eine Meinung in ihrer Weltanschauung oder auch in ihrer Identität oder ihrem Selbstwertgefühl bestätigt fühlen, desto unkritischer und anspruchsloser werden sie für gewöhnlich, was die Qualität und auch die Auswahl der Fakten angeht, anhand derer sie sich ihre Meinung bilden.

Dem aufmerksamen Leser ist sicher spätestens jetzt der religiöse Glaube in den Sinn gekommen.

Hier lang ist richtig

Weil wirklich Bescheid wissen so schwer geworden ist. Weil viel zu viel Wissen in der Welt ist. Es verdoppelt sich alle paar Jahre und das mit steigender Geschwindigkeit. Schwer bis unmöglich, irgendeine Art Überblick zu behalten, das alles zu verarbeiten und zu sortieren, in falsch, richtig, nützlich, egal … – totale Überforderung. Und darum so erleichternd, wenn in diesem ganzen Wissensdickicht einer einfach mal nen Pflock einschlägt. Und sagt: So. Hier lang ist richtig.

Mehr Wissenschaft - weniger Glaube

Die zunehmende Komplexität stellt die Menschheit tatsächlich vor Herausforderungen, die zum Beispiel ein halbnomadisches Wüstenvölkchen in der Bronzezeit noch nicht zu bewältigen hatte.

Heute kaum noch vorstellbar, aber damals war es tatsächlich noch möglich, sich völlig absurde Erklärungen und Behauptungen auszudenken, von denen wir heute wissen, dass sie nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Sondern von Menschen mit vergleichsweise minimalem Erkenntnisstand aus Unkenntnis, Angst und Hoffnung heraus und immer zu bestimmten Zwecken erdacht worden waren.

Zu einer Zeit, in der magisch-esoterische Vorstellungen noch als plausible Erklärungen für ansonsten noch unerkärliche Phänomene allgemein anerkannt waren.

Das Problem für die Menschen damals war, anders als heute, nicht zu viel, sondern zu wenig Wissen.

Und da waren es dann die Priester, die genau dieses Bedürfnis befriedigten: Mit zwar falschen, aber einfachen (und zweckdienlichen) Antworten. So. Hier lang ist richtig.

Populismus funktioniert – bis heute

Da man sowieso noch keine Möglichkeit hatte, sich eine stabile Wissensgrundlage selbst zu erarbeiten, um zum Beispiel Naturphänomene halbwegs zuverlässig erklären zu können, war es viel einfacher, die vorgegebene Meinung der Priester zu übernehmen.

begrenzter Wissenstand

Und damit war der religiöse Glaube geboren.

Vielen Gläubigen ist bis heute nicht bewusst, dass es in Wirklichkeit die Priester sind, an die sie glauben. Sie glauben ihnen, dass das, was sie behaupten und vorgeben zu wissen, stimmt. Und zwar, ohne die Fakten in Frage zu stellen, auf denen die priesterlichen Behauptungen beruhen.

Eins muss man den Erfindern des biblisch-christlichen Belohnungs-Bestrafungskonzeptes lassen: Seinen Zweck erfüllte es erstaunlich (und erschreckend) gut.

So gut, dass sogar heute noch Menschen völlig absurde Dinge für wahr halten und auf Versprechen hoffen, die sich längst als rein illusorisch und frei erfunden erwiesen haben. Religiös glauben bedeutet, Behauptungen auch wider besseres Wissen für wahr zu halten.

Bevor man (wenigstens sich selbst) eingesteht, dass die eigene religiöse Weltanschauung auf falschen Annahmen beruht, prangert man lieber an, dass heute ja „viel zu viel Wissen in der Welt“ sei.

Wirkliches Wissenwollen

Nur: so schnell geschossen geht es eben oft gar nicht um wirkliches Wissenwollen. Sondern um die Lust daran, sich zu profilieren und Empörung zu schüren.

Quelle: Netzfund

Das gilt zum Beispiel auch für Ihren manchmal schnell noch rausgehauenen „gesegneten Sonntag“, Frau Behnken. Da würde ich gerne mal wissen wollen, wie Sie sich den Vorgang einer Segnung, also quasi die „Theorie des Segnens“ konkret vorstellen. Und auf welchen Fakten diese Annahme beruht. Vielleicht können Sie ja mal ein „Wort zum Sonntag“ diesem Thema widmen?

Es gilt auch für jede andere Aussage, die von Berufschristen ganz selbstverständlich wie eine Tatsache behauptet oder stillschweigend vorausgesetzt wird. Obwohl diese Aussage oder Prämisse aufgrund der Faktenlage mit viel Wohlwollen vielleicht gerade noch als schlechte Hypothese bezeichnet werden kann.

Christliche Glaubensgewissheiten sind im Grunde nichts anderes als eine Meinung, die auf dem (vergleichsweise minimalen) Wissensstand von Priestern in der ausgehenden Bronzezeit beruht.

Früher Empörung, heute Hoffnung

A propos Empörung: Hier hat sich in Sachen Christentum ein Wandel vollzogen.

War es der Priesterkaste viele Jahrhunderte lang noch gelungen, sich durch Höllendrohungen zu profilieren, so scheint der Bestrafungsaspekt aus dem christlichen Mainstream völlig verbannt worden zu sein.

Stattdessen versucht man, sich durch das Verbreiten von hoffnungsvoll erscheinenden Illusionen zu profilieren. Die verkaufen sich einfach besser als wenn sich Priester über die Sündhaftigkeit ihrer Kundschaft empören.

Und deshalb fällt die Empörung über Missstände zumindest hier im „Wort zum Sonntag“ stets ganz allgemein gehalten aus. Manchmal, wie zum Beispiel diesmal, versuchen die Verkündiger beim Publikum auch damit zu punkten, dass sie sich gar selbst mit einbeziehen in den Kreis derer, die sich hin und wieder falsch verhalten.

Ob Höllendrohung oder christliches Heilsversprechen: Voraussetzung für beides ist Nicht-Wissenwollen.

Teile der Wirklichkeit ausleuchten

In diesen Wochen sind die Nobelpreisträgerinnen und -träger bekannt gegeben worden. Und die sind in all dem Wissenschaos für mich Orientierungsmarken. Leuchttürme. Die einen Teil unserer Wirklichkeit ausleuchten. Wie sich das Klima verändert. Sich der Mindestlohn auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Wie wichtig Meinungsfreiheit für die Demokratie ist und für den Frieden.

Nicht mit schnell eingehauenen Pflöcken. Sondern hart erarbeitetem Wissen. Oft jahrzehntelang erforscht, experimentiert, gescheitert und nochmal von vorn angefangen. Wirkliches Wissen braucht Zeit. Es macht Arbeit. Und fängt da an, wo jemand weiß, dass er nicht weiß.

Ein grundlegender Aspekt fehlt in Frau Behnkens Beschreibung der wissenschaftlichen Vorgehensweise:

Wissenschaft vs. Glaube

Bisherige Erkenntnisse können jederzeit verworfen werden, wenn sie sich durch neue Erkenntnisse als falsch heraus gestellt haben.

Diese Ergebnisoffenheit und die Bereitschaft, falsche durch neuere, richtigere Annahmen zu ersetzen unterscheidet Wissenschaft von Glaube.

Anders als Religion, die den Anspruch erhebt, ihre Aussagen seien von ewiger und unumstößlicher, weil gottgegebener Wahrheit, ist wissenschaftliche Erkenntnis ein steter Prozess, die Dinge weniger falsch zu beschreiben als bisher.

Religiöser Fortschritt

Natürlich unterliegen trotzdem auch Religionen einem Wandel.

Der besteht allerdings nicht darin, die Plausibilität der Prämissen zu überprüfen und diese aufzugeben, falls sie sich als nicht haltbar herausstellen sollten.

Sondern darin, diese Prämissen mit theologisch-rhetorischen Tricks so zu vernebeln und umzudeuten, dass sie nicht mehr ganz so absurd oder relevant erscheinen.

Quelle: ColinFish / Netzfund

Verständlich: Ohne den mythologisch-magischen Unterbau wäre die Glaubensmeinung nicht mehr aufrecht zu erhalten. Weil dieser Unterbau einer wissenschaftlichen Ausleuchtung, also einem Abgleich mit der Wirklichkeit nicht stand halten würde. Religiöse Glaubensgewissheiten hätten dann nur noch den Rang einer Geschmacksfrage.

Durch den wissenschaftlichen Prozess ist es der Menschheit gelungen, Zusammenhänge und Phänomene heute umfassender, genauer und plausibler zu beschreiben als je zuvor.

Vertreter von Glaubenskonstrukten sind es, die vorgeben, Dinge zu wissen, die sie nicht wissen können. Und die trotzdem so lange wie irgend möglich darauf beharren (müssen), dass ihre Aussagen stimmen. Sonst hätten sie ja nichts mehr, woran sie glauben könnten oder müssten.

Wissen immer hinterfragen – und Glauben?

Man kann ja nie wissen – steht auf einem Grabstein in Hannover, dem von Kurt Schwitters, dem großen Künstler. Eine der ältesten Weisheiten der Welt! Sokrates. Wusste, dass wir nicht wissen und meinte damit ja nicht, dass wir nichts wissen, aber dass wir immer hinterfragen sollten, was wir zu wissen meinen.

Wer jetzt meint, Frau Behnken würde diese Hinterfragung auch auf das Fundament ihrer Glaubenseinbildungen anwenden, der irrt. Im Gegenteil: Ihren Glauben stellt sie natürlich nicht in Frage.

Wir erinnern uns: Religiöser Glaube entspricht einer zu eigen gemachten Meinung der Priester, die sich ihn ausgedacht hatten. Und die nicht auf Fakten, sondern auf Behauptungen und (wie wir heute wissen: falschen) Annahmen basiert.

Indem sie die jetzt Notwendigkeit der Hinterfragung auf das Wissen beschränkt, nimmt Frau Behnken ihren Glauben erstmal elegant aus der Schusslinie.

Wir wissen es nicht, also war es (mein) Gott

Und dann folgt eine christliche Version des klassischen Scheinargumentes „argumentum ad ignorantiam„:

Die Bibel. Die geht ja davon aus, dass es noch ganz andere Dinge gibt zwischen Himmel und Erde. Viel zu groß für unseren kleinen Verstand. Unser Wissen Stückwerk, steht da. Und einer der großen Wissensforscher, Gottsucher und Theologen, Nikolaus von Kues sagt sogar: „Je tiefer wir in der Unwissenheit belehrt sein werden, desto mehr werden wir uns der Wahrheit selbst nähern“.

Das allermeiste von dem, was die Bibel über die Entstehung, Beschaffenheit und Wechselwirkung von Dingen behauptet, hat sich längst als falsch erwiesen.

Weil es die Menschen, die sich die diesbezüglichen Inhalte der Bibel ausgedacht hatten damals einfach noch nicht besser wussten.

Und selbst nachdem biblische Behauptungen mit wissenschaftlichen Methoden als falsch entlarvt worden waren, brachte man lieber die Wissenschaftler um, statt die falschen Annahmen aufzugeben. Eines der prominentesten Beispiele dürfte dabei Giordano Bruno sein.

Taugte das biblisch-christliche Weltbild früher noch als zwar falsche, aber akzeptierte und sehr einfache Antwort auf praktisch alle Fragen, ist heute praktisch nichts mehr davon übrig geblieben. Außer vielleicht eine diffuse Hoffnung, die man trotzdem auch dann nicht aufgeben solle, wenn sich alle Fakten, auf denen sie beruht als falsch erwiesen haben. Für religiösen Glauben zu werben, ist, wie für eine Lieblingsfarbe zu werben.

Argumentum ad ignorantiam

„Viel zu groß für unseren kleinen Verstand“ bedeutet: „Trotz unserer ganzen Wissenschaft wissen wir längst noch nicht alles.“

Und hier wittern Berufsverkündiger ihre Chance, ihren Glauben doch noch ins Spiel zu bringen: Wir wissen es (noch) nicht, deshalb war es (unser) Gott! (Oder könnte es zumindest gewesen sein…)

Der Fehlschluss sollte eigentlich offensichtlich sein: Daraus, dass wir etwas noch nicht wissen, folgt natürlich nicht, dass irgendeine Erklärung deshalb zutrifft oder zumindest als plausible Antwort in Frage kommt.

Frau Behnken verzichtet wohlweislich darauf, ihren Gott oder biblische Existenzbehauptungen noch als Begründung oder Erklärung für irgendetwas anzuführen, wie das in der Geschichte des Christentums über viele Jahrhunderte ganz selbstverständlich der Fall war.

Die Rezeption ihres Glaubens braucht sie nur noch, um auf den Umstand hinzuweisen, dass wir eben immernoch nicht alles wissen und uns dessen bewusst sein sollten.

Für diese Einsicht brauchts aber gewiss kein archaisches und unmenschliches Glaubenskonstrukt aus der Bronzezeit.

Nichtwissen aushalten – statt Unsinn zu glauben!

Also: Wissen fängt damit an, dass wir uns eingestehen, dass wir nicht wissen. Und das erstmal aushalten.

Eric, der götterfressende Pinguin

Und genau das tun Christen eben nicht. Sie halten es nicht aus, sich einzugestehen, dass sie das, was sie ganz sicher zu glauben meinen, eben nicht wissen können. Und dass es deshalb auch töricht ist, an diesem Glauben festzuhalten.

Über einen Gott, der sich so verhält, als gäbe es ihn nicht und der sich ja auch per Definition der menschlichen Erkenntnis entzieht, lässt sich redlicherweise keine sinnvolle, irgendwie verbindliche Aussage treffen.

Aber genau das tut die Bibel, das tun Gläubige: Es scheint ihnen keinerlei intellektuelle Nöte zu bescheren, zwar zu behaupten, ihr Gott und dessen Wege seien unergründlich – und gleichzeitig vorzugeben, sie wüssten detailliert über diesen Gott, seine Absichten, seine bisherigen und geplanten Handlungen Bescheid.

Pervertierte Bibelstelle

Sonst bleiben wir, um nochmal mit der Bibel zu sprechen, töricht und ohne Verstand mit Augen, die nicht sehen und Ohren, die nicht hören (frei nach Jer 5,21).

Wie immer, wenn ein Bibelsprüchlein ins Spiel kommt, lohnt sich ein Blick auf den Kontext, aus dem es herausgepickt wurde (Hervorhebungen von mir):

  1. Hört zu, ihr tolles Volk, das keinen Verstand hat, die da Augen haben und sehen nicht, Ohren haben und hören nicht!
  2. Wollt ihr mich nicht fürchten, spricht der HERR, und vor mir nicht erschrecken, der ich dem Meere den Sand zur Grenze setze, darin es allezeit bleiben muss, darüber es nicht gehen darf? Und ob es auch aufwallt, so vermag es doch nichts; und ob seine Wellen auch toben, so dürfen sie doch nicht darübergehen.
  3. Aber dies Volk hat ein abtrünniges, ungehorsames Herz. Sie bleiben abtrünnig und gehen ihrer Wege
  4. und sprechen niemals in ihrem Herzen: »Lasst uns doch den HERRN, unsern Gott, fürchten, der uns Frühregen und Spätregen gibt zur rechten Zeit und uns die Ernte treulich und jährlich gewährt.«
  5. Eure Verschuldungen verhindern das, und eure Sünden halten das Gute von euch fern.
    (Jeremia 5,21-25 LUT)

Das Volk wird hier deshalb als töricht bezeichnet, weil es Gott als Erklärung für Naturphänomene und als Schicksalsbestimmer nicht anerkennt.

Es geht hier ausdrücklich eben nicht darum, den Dingen tatsächlich auf den Grund zu gehen, wie das in der Wissenschaft der Fall ist.

Sondern, im Gegenteil, darum, die vorgegebene, falsche Erklärung (Gott ist die Ursache von allem und er sorgt für eine gute Ernte, wenn wir ihn fürchten) ungefragt zu glauben.

Mir fällt spontan keine in einem „Wort zum Sonntag“ zitierte Bibelstelle ein, die so diametral der in sie hineininterpretierten Aussage entgegen steht wie diese.

Diese Ignoranz von Frau Behnken finde wiederum ich anmaßend und überheblich. Sie scheint sich offenbar sehr sicher zu sein, dass sich schon niemand näher mit ihrer Kirchenreklame auseinandersetzen wird.

Jeden Tag klüger werden

Zu wissen, dass ich nicht weiß heißt, ich urteile nicht mal schnell als eine, die eh schon Bescheid weiß, sondern ich schaue möglichst unverstellt, mit Augen, als hätten sie noch nie gesehen und Ohren, als hörten sie zu ersten Mal und einem Geist, als dächte ich genau dies jetzt zum allerersten Mal.

Was spricht dagegen, sich den zu einem Thema schon vorhandenen Wissensstand zu erarbeiten, wenn man sich dazu eine Meinung bilden möchte? Außer höchstens der damit verbundene Aufwand?

  • „Aber meine Herren, es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.“
    (Konrad Adenauer, Zit. n. Paul Weymar: Konrad Adenauer. Die autorisierte Biographie. Kindler, 1955)

Und wenn ein Thema zu komplex ist oder wenn, wie im Fall von religiösen Glaubenskonstrukten, gar keine brauchbare Faktengrundlage existiert, dann ist es auf jeden Fall redlicher zu sagen: „Hier fehlt mir das nötige Wissen über die Faktenlage, um mir eine (abschließende) Meinung bilden zu können.“ als zu sagen: „Ich weiß es nicht, aber ich halte trotzdem daran fest, dass ich mit meinem Glauben richtig liege.“

Wer tatsächlich an Wahrheitsfindung interessiert ist, kann sich in Sachen religiösem Glauben also bestenfalls einen schwachen Agnostizismus leisten, sollte es zum Ignostizismus (noch) nicht reichen.

Wissen ist Macht, Glaube ist Ohnmacht

Wissen ist Macht, heißt ein Sprichwort.

Und religiöser Glaube ist Ohnmacht.

Aber das Wissen um unser Nichtwissen ist eine Ressource, die wir brauchen.

Nichtwissen ist besonders auch für Religionen eine sehr wichtige Ressource. Denn ohne Nichtwissen würde das gerade vorgestellte agumentum ad ignorantiam auch noch wegfallen.

Wobei das heutige Wissen freilich längst ausreicht, um jede Religion zuverlässig als sozio-kulturelles Phänomen und ihre magisch-esoterischen Grundlagen als rein menschliche Fiktion zu entlarven. Sollte man meinen.

Wirkliche Orientierung

Auch, um uns nicht von schnellen Bescheidwissern treiben zu lassen, sondern um fragend auszuleuchten, was ist. Um wirkliche Orientierung zu finden.

…sagt die Frau, die Menschen vorgaukelt, sie seien aufgrund eines mythologischen Obst-Diebstahldeliktes sündig und bedürften einer Erlösung, damit der liebe Gott sie nach ihrem Tod vor dem bewahrt, was er ihnen androht, wenn sie sich nicht von ihm davon erlösen lassen möchten?

Mein Vorschlag: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und beginnen Sie mit der fragenden Ausleuchtung, die Sie fordern, doch mal bei der Orientierung, die Sie bieten, Frau Behnken!

Noch weiter. Noch tiefer.

…aber das tut sie, zumindest im heutigen „Wort zum Sonntag“ natürlich nicht.

Sondern stellt stattdessen schnell nochmal den Fuß ins Hintertürchen des Nicht-Wissen-Könnens, durch das dann auch religiöse Phantasien und darauf beruhende Erklärungen genauso wie jeder beliebige Unsinn in eine ansonsten rationale Weltanschauung geschmuggelt werden können:

Hier, zwischen Himmel und Erde. Für den Moment. Und dann weiter fragen. Noch weiter. Noch tiefer. – Denn, wissen Sie?: Man kann nie wissen …

Die Transferleistung, dass hier die Akzeptanz von religiösen Inhalten gemeint ist, traut Frau Behnke ihrem Publikum offenbar zu.

Oder es ist ihr einfach zu peinlich, hier noch deutlicher zu werden. Weil sich jede konkretere Aussage dann auch mit den von ihr gelobten wissenschaftlichen Maßstäben und Methoden messen lassen müsste.

Christliche Argumente unter der Lupe

Etliche von Frau Behnkens heutigen Aussagen gehen in die Richtung alt bekannter Scheinargumente, die von Christen mangels guter Argumente gerne vorgebracht werden, um ihren Glauben zu rechtfertigen.

Da zu diesen Argumenten in unserer Rubrik „Christliche Argumente unter der Lupe“ schon entsprechende, kurz zusammengefasste (!) Beiträge existieren, hier nur einige Verweise zum Weiterlesen:

Wissenschaft widerlegt Religion
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1 Gedanke zu „Die Bescheidwisser – Das Wort zum Wort zum Sonntag“

  1. Ach ja … Frau Behnken … sie sitzt mal wieder an ihrem Lieblingsort: Im Glashaus. Und sie tut, was sie dort am allerliebsten macht: Sie ballert mit einer Schrotflinte um sich. Und sie hat jede Menge Munition zum Nachladen dabei.

    Verglichen mit dem Wort zum Sonntag schaut sogar noch das Verschwörungsmärchen vertretbar aus, wir würden von außerirdischen Reptiloiden (Gestaltwandler) in Menschengestalt regiert. „Denn, wissen Sie? Man kann nie wissen …“

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