Gedanken zum Beitrag: Pfingstbotschaft mit Herausforderungen einer verunsicherten Welt, veröffentlicht am 26.5.26 von osthessen-news.de
Darum geht es
Die Pfingstpredigt von Weihbischof Diez kombiniert einen vereinnahmenden Wahrheitsanspruch, ein realitätsfernes Verfolgungsnarrativ und die rhetorische Verlagerung menschlicher Solidarität auf eine unfalsifizierbare Instanz.Pfingsten in Fulda: Wenn der Heilige Geist alles erklärt und nichts beweist
Am Pfingstmontag predigte Fuldas Weihbischof Karlheinz Diez im Dom über das angebliche Wirken des „Heiligen Geistes“ – über Trost, Wahrheit, Beistand und Verständigung. Osthessen News berichtet wie gewohnt wohlwollend referierend, ohne erkennbaren analytischen Abstand. Genau diesen Abstand soll der folgende Beitrag herstellen. Denn die Predigt operiert mit einer rhetorischen Architektur, die sich bei genauerem Hinsehen als bemerkenswert wenig tragfähig erweist.
1. Der Wahrheitsanspruch: Wer hier wen über Wahrheit belehrt
Der zentrale Hebel der Predigt ist die Berufung auf den Heiligen Geist als „Geist der Wahrheit“. Angesichts „zunehmender Schwierigkeit, Wahrheit von Falschinformation zu unterscheiden“, ruft der Weihbischof zur Wahrhaftigkeit auf. Wahrheit, so Diez, schaffe „Klarheit, Orientierung und Vertrauen“.
Das klingt unverdächtig. Es ist es nicht. Hier reklamiert eine Institution die Deutungshoheit über „Wahrheit“, die selbst auf einem Fundament steht, das den eigenen Wahrheitskriterien nicht standhält: dogmatischen Setzungen, die per Definition nicht falsifizierbar sind. Jungfrauengeburt, Realpräsenz, Trinität, Auferstehung, Unfehlbarkeit – das sind keine wahrheitsfähigen Aussagen im epistemologischen Sinn, sondern Glaubenssätze, deren Wahrheitswert sich allein aus institutioneller Autorität speist.
Pointierter formuliert: Eine Organisation, deren Kerngeschäft die Vermittlung empirisch nicht überprüfbarer Aussagen ist, positioniert sich als Anwalt der Wahrheit gegen Falschinformation. Das ist nicht nur logisch problematisch, es ist – mit Blick auf die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch die MHG-Studie und das jahrzehntelange institutionelle Vertuschen – eine Anmaßung. Wer Wahrheit predigt, sollte zuerst seine eigenen Akten öffnen und sein magisch-mythologisches Weltbild mit der Wirklichkeit abgleichen.
Säkular-humanistisch betrachtet ist Wahrheit nichts, was eine Institution besitzt oder verleiht. Sie ist das annäherungsweise Ergebnis nachvollziehbarer, intersubjektiv prüfbarer Verfahren – also exakt dessen, was die Theologie qua Methode nicht leisten kann und nicht leisten will.
2. Das Verfolgungsnarrativ: Wer hier eigentlich verfolgt wird
Diez erinnert daran, dass „die Nachfolge Jesu nie frei von Widerständen gewesen sei“ und dass viele Christen weltweit „bis heute“ mit „Ablehnung und Verfolgung“ konfrontiert seien. Dass Christen in bestimmten Regionen der Welt tatsächlich verfolgt werden, ist unstrittig und ernst zu nehmen.
Rhetorisch problematisch wird es dort, wo dieses Narrativ in einer Predigt im Fuldaer Dom entfaltet wird – also an einem der symbolischen Zentren einer Institution, die in Deutschland zu den strukturell privilegiertesten Akteuren überhaupt gehört: Reichskonkordat von 1933, jährliche Staatsleistungen in dreistelliger Millionenhöhe als Folge der Säkularisation von 1803, staatlich eingezogene Kirchensteuer, Sonderrechte im Arbeitsrecht, Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach, theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten, Militärseelsorge auf Staatskosten.
Die rhetorische Operation ist klassisch: Das Leid weit entfernter Christen wird semantisch in den Predigtraum geholt, um die hiesige Gemeinschaft als Teil einer bedrohten Minderheit erscheinen zu lassen. Das ist eine Form der Inokulationstechnik – Kritik an der eigenen Institution wird präventiv als Anfechtung umgedeutet, gegen die der „Beistand“ des Heiligen Geistes nötig sei. Wer kritisiert, steht damit implizit in einer Reihe mit den Verfolgern.
Eine ehrliche säkulare Gegenposition: Kirchenkritik in Deutschland ist keine Verfolgung. Sie ist die naheliegende Reaktion einer aufgeklärten Gesellschaft auf eine Institution, die anachronistische Privilegien genießt, demokratisch nicht legitimiert agiert und in Glaubensfragen Wahrheitsansprüche erhebt, die sie methodisch nicht einlösen kann.
3. Solidarität als Heiliger Geist: Ein theologischer Etikettenschwindel
Bemerkenswert ist der Satz: „Wo Menschen einander im Alltag beistehen, Anteil nehmen und Verantwortung füreinander tragen, werde bereits etwas vom Wirken des Heiligen Geistes sichtbar.“
Diese Konstruktion ist rhetorisch elegant und analytisch entwaffnend, wenn man sie auseinandernimmt: Empirisch beobachtbares prosoziales Verhalten – Beistand, Anteilnahme, Verantwortung – wird einer unbeobachtbaren übernatürlichen Größe zugerechnet. Der Heilige Geist wirkt dort, wo Menschen menschlich handeln. Eine bemerkenswert wohlfeile Zuschreibung: Sie immunisiert das Konstrukt gegen jede Empirie, denn überall dort, wo Gutes geschieht, kann man es ihm attribuieren – während ausbleibendes Gutes kein Argument gegen ihn ist.
Was hier passiert, ist eine semantische Annexion: Mitgefühl, Empathie, Hilfsbereitschaft – evolutionär gewachsene, kulturell verfeinerte, anthropologisch breit dokumentierte Eigenschaften des Menschen als sozialem Wesen – werden zu Erscheinungsformen einer theologischen Größe erklärt. Die humanistische Antwort darauf ist nüchtern: Menschen sind ohne übernatürlichen Beistand fähig zu Solidarität. Sie waren es vor dem Christentum, sie sind es außerhalb des Christentums, sie sind es in vollständig säkularen Kontexten. Eine Theologie, die das Gegenteil suggeriert, instrumentalisiert menschliche Fähigkeiten zur Stabilisierung ihrer eigenen Plausibilität.
4. „Fest des Verstehens“ – mit welcher Bilanz?
Pfingsten als „Fest des Verstehens“ zu bezeichnen, das Menschen „über Grenzen hinweg“ verbinde, ist eine erstaunliche Beschreibung angesichts der historischen Realität. Das Christentum hat in zweitausend Jahren rund 45.000 Denominationen hervorgebracht (Schätzung der World Christian Encyclopedia), die sich teils in Lehre, teils in Liturgie, teils existenziell unterscheiden. Schon innerkatholisch reichen die Konflikte vom Synodalen Weg bis zu den Spannungen zwischen Weltkirche und westeuropäischen Reformbewegungen.
Der Verweis auf Johannes XXIII. und dessen Hoffnung auf eine „geistliche Erneuerung der Kirche“ ist in diesem Kontext besonders aufschlussreich. Das Zweite Vatikanische Konzil liegt mehr als sechzig Jahre zurück. Sechs Jahrzehnte Heiliger Geist – und das sichtbare Ergebnis sind Rekord-Austrittszahlen, eine ungelöste Missbrauchskrise, eine kollabierende Beteiligung an Sakramenten und eine demografisch unaufhaltsame Schrumpfung. Der Geist mag wehen, wo er will. Empirisch weht er im deutschen Katholizismus eher leise.
5. Die unfalsifizierbare Allzweck-Instanz
Zusammengenommen offenbart die Predigt eine Konstruktion, die für den Heiligen Geist alles reklamiert: Er tröstet, ermutigt, schenkt Wahrheit, schafft Verständigung, wirkt durch menschliche Solidarität, ist Beistand in der Verfolgung. Eine Größe, die alles erklärt, erklärt nichts. Das ist die epistemologische Grundregel, die seit Karl Popper auch in theologischen Kontexten gilt – jedenfalls dann, wenn man Wahrheitsansprüche erhebt.
Genau hier liegt das eigentliche Problem dieser und vergleichbarer Predigten: Sie operieren mit einem rhetorischen Apparat, der so konstruiert ist, dass er gegen jede Anfechtung immun ist. Bleibt der Trost aus, war der Glaube zu klein. Bleibt die Wahrheit dunkel, prüft Gott die Geduld. Bleibt die Erneuerung aus, ist es die Sünde der Welt. Der Heilige Geist ist die theologische Variante eines Universalwerkzeugs – und gerade darin sein eigenes Argument gegen sich selbst.
Säkulare Alternative: Was eigentlich gemeint ist
Was die Predigt unter dem Etikett des Heiligen Geistes verhandelt, lässt sich säkular präziser sagen: Menschen brauchen Trost in schwierigen Lebenslagen. Menschen sind angewiesen auf Beistand. Menschen suchen Orientierung in einer komplexer werdenden Welt. Menschen wollen verstanden werden und verstehen.
Diese Bedürfnisse sind real, und sie verdienen ernsthafte Antworten. Aber diese Antworten sind nicht das Monopol einer Institution, die ihre eigenen Wahrheitsansprüche nicht einlöst, ihre eigenen Strukturen nicht aufarbeitet und ihre eigenen Privilegien nicht infrage stellt. Trost, Beistand, Wahrhaftigkeit und gegenseitige Verantwortung gibt es ohne den Heiligen Geist. Sie haben einen Namen: Menschlichkeit. Und sie brauchen keine Predigt, sondern Praxis.



















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