Fairplay ist nicht göttlich: Wie das „Wort zum Sonntag“ den Fußball missioniert

Lesezeit: ~ 5 Min.

Das Wort zum Wort zum Sonntag Annette Behnken: Ein Spiel für Millionen, veröffentlicht am 13.6.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Annette Behnkens „Wort zum Sonntag“ zur Fußball-WM verpackt eine vollkommen berechtigte, durch und durch säkulare Kritik an FIFA und Kommerz in ein religiöses Deutungsgerüst – und nutzt gerade die wohlmeinende, souverän wirkende Oberfläche, um Luther und den Gott der biblisch-christlichen Mythologie zu bewerben und menschliche Tugenden als „göttlich“ zu vereinnahmen.

Es gibt „Worte zum Sonntag“, die ihre Botschaft offen vor sich hertragen. Und es gibt die anderen, die weniger leicht zu durschauen sind. Annette Behnkens Beitrag zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft gehört zur zweiten Sorte. Er kritisiert FIFA, Kommerz und Menschenrechtsverletzungen – Positionen, denen ein säkularer Humanist sofort zustimmt. Genau das macht den Text wirksam: Die berechtigte, sympathische Sozialkritik ist nicht das Ziel, sondern das Transportmittel. Sie öffnet die Tür, durch die anschließend Luther, „göttliche Eigenschaften“ und der Gott hinter den falschen Göttern hereinkommen.

Das billige Geständnis

Früh im Text steht ein rhetorisch geschickter Zug. Behnken bringt selbst die naheliegende Beobachtung ins Spiel – die religiösen Züge der Fankultur:

„Das flehende Beten zum Fußballgott beim entscheidenden Elfmeter oder die Lobpreisgesänge im Fanblock.“

Und wischt sie sofort wieder weg: „Nee, das meine ich gar nicht mal.“ Das ist eine klassische Immunisierung. Den erwartbaren Einwand – „jetzt vergleicht sie schon wieder Fußball mit Religion“ – räumt sie in seiner billigsten Form selbst ab und wirkt dadurch souverän, distanziert, über der Sache stehend. Der Gewinn ist doppelt: Sie hat das sakrale Vokabular (Fußballgott, Lobpreis, „beten“) bereits in den Köpfen platziert und die Pose erworben, darüber erhaben zu sein. Wer so eröffnet, darf gleich darauf „Gott“, „göttlich“ und Luther vollkommen ungeniert benutzen – es klingt ja nun nicht mehr fromm, sondern kulturkritisch.

Die Luther-Formel als Allzweck-Theologie

Das eigentliche Scharnier des Textes ist ein Satz, den Behnken gleich dreimal setzt:

„Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott.“ (Martin Luther)

Der Satz stammt aus Luthers Großem Katechismus, aus der Auslegung des ersten Gebots. Und er ist als rhetorisches Werkzeug bemerkenswert dehnbar: Wenn alles, woran ein Mensch sein Herz hängt, „sein Gott“ ist, dann ist der Kommerz ein Gott, der Fußball ein Gott, das Geld ein Gott – und Fairplay, Teamgeist und Toleranz sind es auch. Damit aber bedeutet „Gott“ nur noch „das, was jemandem wichtig ist“. Das Wort erklärt nichts mehr; es verleiht der Aussage bloß Pathos. Luthers Formel ist in Wahrheit eine Definition von Wertpriorität – ein nüchterner Befund über Prioritäten, kein Beleg für irgendeine Gottheit. Sie theologisiert das Profane und nennt das dann Tiefsinn.

Die Mechanik dahinter ist durchsichtig: Erst wird der „Gott des Geldes“ als falscher Gott markiert – und in dieser Markierung schwingt unausgesprochen der richtige mit, an den man sein Herz besser hängen sollte. Der ganze Text ist ein Fahrzeug, das diese Fracht ans Ziel bringt.

Anmerkung: Der Analyse des Kapitels, aus dem dieses Luther-Zitat stammt, habe ich einen eigenen Beitrag gewidmet.

Die Kritik ist richtig – und sie ist säkular

Damit kein Missverständnis entsteht: Behnkens Sachkritik trifft zu, und sie ist gut belegt. Die FIFA hat sich in ihren Statuten ausdrücklich zu Menschenrechten und gegen Diskriminierung verpflichtet – und schwieg, als die USA dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan trotz gültigen Visums die Einreise verweigerten; der Verband erklärte sich für „nicht zuständig“ und verwies auf das Gastland. Fans aus Jordanien, Marokko, dem Irak und sogar Schottland berichten von verweigerten Visa trotz gekaufter Tickets; Beobachter sprechen von einer „WM der Ausgrenzung“. In Mexiko verschärft der Stadionumbau am Aztekenstadion die Wasserrationierung in den ärmeren Nachbarschaften, Verdrängung und Spekulation nehmen zu, der Komplex soll Einkaufszentren erhalten – und die Tickets sind für die Einheimischen unbezahlbar, während die FIFA im Land von der Steuer befreit ist.

Nur: An dieser Kritik ist nichts spezifisch Religiöses. Es geht um Einwanderungsrecht, Menschenrechte, Wohnungspolitik, Verbands-Governance und Steuerprivilegien. Jeder Satz davon lässt sich vollständig säkular formulieren, begründen und belegen – und genau so ist er auch entstanden, nämlich durch Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und Stadtteilinitiativen, nicht durch Bibelexegese. Die Diagnose ist humanistisch. Erst die Verpackung ist es nicht.

Die Vereinnahmung des Menschlichen

An der entscheidenden Stelle kippt der Text. Behnken zählt die Werte auf, an die sie ihr Herz gerne hängt:

„Leidenschaft, Teamgeist, Völkerverständigung, Fairplay, Respekt, Toleranz.“

Und nennt sie „sehr göttliche Eigenschaften“. Das ist der eigentliche Coup – und es ist falsch. Fairness, Respekt, Toleranz und Völkerverständigung sind keine göttlichen, sondern zutiefst menschliche, zivile, aufklärerische Werte. Sie werden von hunderten Millionen Nichtreligiösen täglich gelebt; in Deutschland finden laut einer fowid-Erhebung von 2025 76 Prozent, dass moralische Entscheidungen auf Vernunft und Mitgefühl beruhen sollten – nicht auf angeblich göttlichen Geboten. Diese Werte „göttlich“ zu nennen, heißt, das Gemeingut der Menschheit für eine bestimmte Religion zu reklamieren. Es ist genau jenes Muster, das auf diesem Blog wiederholt benannt wurde – zuletzt bei Wolfgang Becks Armuts-Predigt, die universale Solidarität als christliche Erfindung ausgab (siehe „Ja, aber“). Anderer Autor, gleicher Griff.

Bezeichnend ist auch, was als Lösung angeboten wird. Einem strukturellen Problem – Korruption, Kapitalmacht, fehlende Rechenschaft – begegnet Behnken mit einem Appell an die Herzenshaltung: kritische Fans sein, laut werden, sich im Dorfverein ehrenamtlich einbringen. Gegen ehrenamtliches Engagement ist nichts zu sagen. Aber gegen einen Weltverband helfen Rechenschaftspflichten, Regulierung und Menschenrechtsrecht zuverlässiger als ein weites Herz. Die religiöse Tonlage verschiebt ein politisches Problem ins Moralisch-Private.

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Der unbeachtete Spiegel

Der schärfste Einwand ergibt sich aus Behnkens eigenem Maßstab. Ihr Vorwurf an die FIFA lautet im Kern: hehre Werte auf dem Papier, Schweigen im Ernstfall. Genau dieser Maßstab trifft die Institution, in deren Auftrag der Text gesprochen wird, mit voller Wucht.

Auch die Kirchen führen Nächstenliebe, Menschenwürde und Gerechtigkeit im Programm – und profitieren zugleich von Strukturen, die mit diesen Werten schwer vereinbar sind: jährlich mehr als eine halbe Milliarde Euro an Staatsleistungen, deren Abschaffung 1919 in die Verfassung geschrieben und seither nie umgesetzt wurde; eine vom Staat eingezogene Kirchensteuer; und der über die MHG-Studie dokumentierte, jahrzehntelange Umgang mit sexualisierter Gewalt, der das institutionelle Schweigen im Ernstfall nicht bei der FIFA, sondern im eigenen Haus belegt. Wer „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“ als Prüffrage stellt, sollte sie konsequenterweise auch an den eigenen Apparat richten. Der Text tut es nicht – und kann es nicht, ohne sich selbst zu widerlegen.

Worauf du dich verlässt

Annette Behnken meint es gewiss gut. Nur nicht im ethischen Sinn, sondern im Sinne der guten Sache, von der sie lebt: des Glaubens, für den eine Pastorin von Berufs wegen wirbt. Die freundliche, sozialkritische, scheinbar neutrale Oberfläche ist nicht das Gegenteil dieser Werbung, sie ist ihr wirksamstes Mittel. Wo ein offen frommer Text längst weggeschaltet würde, hört man der kritischen Fußballfreundin gerne zu – und nimmt Luther und den „richtigen“ Gott gleich mit.

Dabei ist „Woran hängst du dein Herz, worauf verlässt du dich?“ eine ausgezeichnete Frage. Sie verdient nur eine ehrliche Antwort. Leidenschaft, Teamgeist, Fairness, Respekt und Völkerverständigung sind keine göttlichen Eigenschaften – sie sind das Beste am Menschen, und sie tragen vollkommen ohne Gott. Wer sich auf sie verlässt, verlässt sich auf etwas Überprüfbares: auf andere Menschen. Das reicht. Und es ist, anders als ein Fußballgott, sogar beim Elfmeter zuverlässig.

(Übrigens, ganz nebenbei und rein der Genauigkeit halber: Unter ihren „Fußballgöttinnen“ nennt Behnken Ann-Katrin Berger und Giulia Gwinn. Beide sind herausragende Spielerinnen – nur treten sie bei dieser Männer-WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA gar nicht an. Eine Kleinigkeit. Aber wer Genauigkeit beim Hinschauen einfordert, darf an ihr gemessen werden.)

Belege

  • Annette Behnken: „Wort zum Sonntag“ zur Fußball-WM, ARD/Das Erste, gesendet am 13. Juni 2026. [URL ergänzen]
  • Martin Luther, Großer Katechismus, Auslegung des ersten Gebots (Quelle des Zitats „Woran du dein Herz hängst …“).
  • Somalischer Schiedsrichter Omar Artan, Einreiseverweigerung trotz gültigen Visums; FIFA erklärt sich für nicht zuständig: Al Jazeera, NPR
  • Visa-Verweigerungen für Fans (u. a. Jordanien, Marokko, Irak, Schottland), „WM der Ausgrenzung“: VnExpress, NPR
  • Mexiko – Wasserrationierung, Verdrängung, Einkaufszentren am Aztekenstadion, unbezahlbare Tickets, FIFA-Steuerbefreiung: RTÉ Brainstorm, Inequality.org
  • FIFA-Statuten, Selbstverpflichtung zu Menschenrechten und gegen Diskriminierung: FIFA Statutes, Art. 3 u. 4 (fifa.com).
  • fowid – Kirchenmitgliedschaft Ende 2025 (43,8 %) und „Elf Fragen 2025“ (76 % für Vernunft und Mitgefühl statt göttlicher Gebote): fowid.de, hpd.de
  • Zur Vereinnahmung universaler Werte – eigener Beitrag zu Wolfgang Becks Armuts-Predigt: „Ja, aber“ – Das Wort zum Wort zum Sonntag
  • Weitere WzS-Kommentare: awq.de/category/wort-zum-sonntag
KI

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