Blinder Fleck: Warum können Menschen ein Kreuz schön finden?

Eine spannende Frage ist die, warum manche Menschen bestimmte religiöse Inhalte wie ein Kreuz  völlig selbstverständlich als schön empfinden, obwohl sie es offensichtlich nicht sind. Wie bringt man zum Beispiel erwachsene Menschen klaren Verstandes im 21. Jahrhundert dazu, Darstellungen von Kreuzigungen als “schön” zu empfinden?

Dieser Frage versuche ich seit einiger Zeit auf den Grund zu gehen, leider bisher noch ohne wirklichen Erfolg.

KreuzDas Phänomen:

Jemand postet auf Facebook ein Foto, auf dem neben einer schönen Landschaft und einem stimmungsvollen Sonnenuntergang in der Bildmitte auch noch drei Kreuze in Originalgröße zu sehen sind. Es dauert nicht lange, da haben etliche Leute das Bild geliked. Und meistens kommt dann auch noch ein Kommentar wie “schön!” oder “sehr schön!” oder “tolles Bild!”.

Die Frage:

Fragt man nun jemanden, der oder die ein Kreuzigungsbild “schön” findet, ob er oder sie es nicht verstörend empfindet, dass auf dem Bild, das ansonsten natürlich schon schön ist, auch die lebensgroße und erschreckend realistische Darstellung einer grausamen Todesfolterungsszene zu sehen ist, dann ist eine der folgenden Reaktionen wahrscheinlich:

  • keine Reaktion
  • “Hier gehts nur um das Foto, nicht um meine persönliche Einstellung zu Kreuzen.”
  • Die Frage wird kommentarlos gelöscht

Warum ist das so?

Warum reagieren erwachsene Menschen beleidigt wie ein kleines Kind, wenn man sie sachlich fragt, warum sie die Darstellung von brutalster Gewalt nicht als solche, sondern als “schön” wahrnehmen? Warum antworten diese Menschen nicht zum Beispiel so:

  • “Das stört mich nicht.”
  • “Ich finde Darstellungen von Gewalt generell schön.”
  • “Für mich sind Kreuzigungen nichts Grausames.”
  • “Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.”
  • “Stimmt eigentlich, der Sonnenuntergang ist zwar schön, aber die Kreuze nicht.”
  • “In meiner Religion sind Menschenopfer etwas Gutes.”
  • “Jesus musste gekreuzigt werden, zur Vergebung unserer Sünden.”

Alle diese Antworten wären doch ehrlicher als Kreuze auf Nachfrage einfach aus der abgegebenen Bewertung “schön” herauszunehmen. Oder auch, als die Nachfrage einfach kommentarlos zu löschen?  Und trotzdem sind die erstgenannten Reaktionen wesentlich wahrscheinlicher.

Die direkte Konfrontation mit diesem Thema scheint für manche Menschen so unerträglich zu sein, dass sie (zumindest unmittelbar in der Situation) nur mit Trotz reagieren können. Sie fühlen sich offenbar ertappt, weil sie sich wahrscheinlich einfach bisher noch nie Gedanken darüber gemacht hatten. Und dass es ja, objektiv betrachtet, da schon einen Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit gibt.

Wenn man es geschafft hat, Menschen dazu zu bringen, in Bezug auf ein bestimmtes Todesfolterungsgerät sämtliche Anflüge von Empathie und Altruismus nicht nur komplett auszuschalten, sondern die Bedeutung eines Kreuzes sogar ins Gegenteil der eigentlichen Bedeutung zu pervertieren, dann will das wirklich was heißen.

Kreuz nur als Symbol?

Aber vielleicht verstehen diese Menschen diese Kreuzigung ja “nur” symbolisch?
Mag sein, aber dadurch wird es ja nur noch schlimmer. Eine Kreuzigung ist an sich ja schon etwas unglaublich Brutales und Erniedrigendes. Wenn eine Kreuzigung dann noch angeblich deshalb stattfand, weil ein Gott sich damit selbst ein Menschenopfer in Form seines eigenen Sohnes dargebracht haben soll, dann wird es schier unerträglich widerlich (wenn man es mal wenigstens kurz objektiv betrachtet).

Auch diesen Umstand scheinen Leute, für die Kreuze etwas “Schönes” sind, einfach zu ignorieren. Sie finden es offenbar ganz normal – jedenfalls solange es sich um die Kreuzigung des angeblichen Sohnes ihres eigenen Gottes handelt. Anders sähe es freilich aus, wenn irgend eine andere Religion mit einer solchen abstrusen Geschichte daherkäme. Wenn diese dann verlangen würde, diese Geschichten als real oder auch nur irgendwie für die heutige Zeit bedeutsam anzusehen.

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Letzte Aktualisierung: 29. Januar 2017