#OutInChurch – Das Wort zum „Wort zum Sonntag“ von Julia Enxing

Lesezeit: ~ 12 Min.

Das Wort zum „Wort zum Sonntag“ von Julia Enxing, verkündigt von Julia Enxing, veröffentlicht am 29.01.2022 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Die katholische Theologin Julia Enxing erfüllt eine Prophezeiung aus einem früheren AWQ-Beitrag und stellt Jesus als Vorbild für Toleranz queeren Menschen gegenüber dar.

Neu beim Wort zum Sonntag: Julia Enxing

Frau Prof. Dr. theol. habil., BA phil. Julia Enxing ist ein weiterer, diesmal katholischer Neuzugang im Wort-zum-Sonntag-Team.

Auf ihrer Webseite verrät die Theologin und Redaktionsmitarbeitende des theologischen Online-Feuilletons feinschwarz.net einiges über ihre Ambitionen und über ihr Glaubensverständnis.

Nach eigener Aussage setzt sich Frau Enxing „für eine Überwindung der Diskrepanz zwischen gedachter und gelebter Theologie ein.“ Ihr „theologisches Nachdenken, Fragen, Sprechen und Schreiben“ sei „ein gegenwartsinspirierter Prozess.“ (Quelle der in diesem und im nächsten Absatz kursiv gesetzten Zitate: juliaenxing.de)

Auch die Feststellung „Theologie am Puls der Zeit zu treiben bedeutet deshalb auch, flexibel zu sein.“ lässt, wie auch einige weitere, ähnliche Statements vermuten, dass bei Frau Enxing vom jahrhundertelang so erfolgreichen biblisch-christlichen Belohnungs-Bestrafungskonzept nicht mehr viel übrig geblieben zu sein scheint.

Den größten Teil des Weges raus aus der Religion scheint sie jedenfalls, wie bei Theologen nicht ungewöhnlich, schon hinter sich zu haben…

Wobei:

Theologisch-rhetorische Nebelschwaden

Ein Satz wie „Zweifel und Fragen des Lebendigen in dieser Zeit sind es, die mich zur (wissenschaftlichen) Reflexion anregen und zum Thema meiner Theologie werden.“ müsste er wohl erst vom theologischen Nebel befreit werden, um etwas zu dieser Motivation und zur Beurteilung der Wissenschaftlichkeit sagen zu können:

Wer oder was soll zum Beispiel konkret mit des Lebendigen gemeint sein? Das oder der? Und welche Zweifel und Fragen hat dieses oder dieser Lebendige?

Was bedeutet „wissenschaftliche Reflexion“ konkret?

Ist damit nun (Religions-)Wissenschaft gemeint, die als solche die Bezeichnung „wissenschaftlich“ verdient? Oder, wie so oft: Theologie, bestenfalls verkleidet als Wissenschaft?

Vorsätzlich verunklarende Formulierungen wie die beispielhaft Genannte sind immer ein Indiz für Letzteres…

Nach dieser Selbstdarstellung ist klar: Es kann sicher nicht schaden, schon mal vorsorglich die Nebelscheinwerfer anzuschalten, um bei den zu erwartenden theologisch-rhetorischen Nebelbänken den Durchblick zu behalten…

Oder, in Anlehnung an Frau Enxings Mission Statement und übersetzt in nicht-bildhafte Sprache: „Zweifel und Fragen von Vernunft, Skeptizismus und intellektueller Redlichkeit sind es, die mich zu einer kritischen Analyse von Behauptungen anregen und zum Thema meiner Kommentare werden.“

…kommt der katholischen Kirche gerade recht: Ein kleines Erdbeben

Bei ihrem ersten „Wort zum Sonntag“ steigt Frau Enxing mit einem Thema ein, das tatsächlich von historischer Bedeutung für die katholische Kirche werden könnte:

Diese Woche ist ein kleines Erdbeben durch die Kirche gegangen. Da wurde die Kirche mal wieder von der Realität eingeholt und war ganz überrascht. Worum es ging, verrate ich Ihnen gleich.

(Quelle der so als Zitat gekennzeichneten Abschnitte: „Wort zum Sonntag“ von Julia Enxing, verkündigt von Julia Enxing, veröffentlicht am 29.01.2022 von ARD/daserste.de)

Wer wie die katholische Kirche gerade von einem Erdbeben epochalen und existentiellen Ausmaßes betroffen ist, der dürfte für ein „kleines Erdbeben“ wahrscheinlich geradezu dankbar sein: Endlich mal was, das nicht mit dem Missbrauchsskandal und dem unsäglichen Versagen der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang zu tun hat…

Noch vor wenigen Jahren, vor Bekanntwerden des Missbrauchsskandals wäre das Outing von über 100 queeren Kirchenangestellten sicher noch sogar im katholischen Mainstream nicht als „kleines“, sondern als „riesiges“ Erdbeben bezeichnet worden.

Voll normal

Aber vorher noch eine Frage: Sind Sie eigentlich normal? Normal, das hat ja etwas mit Norm zu tun und da frage ich mich: Wie sieht die eigentlich aus? Die Norm für die „normalen“ Menschen? Und: Wer macht sie?

Diese rhetorischen Fragen lassen sich recht einfach beantworten:

Das, was auch heute noch erschreckend viele Menschen in Sachen sexueller Orientierung für „normal“ halten, beruht noch auf den Normen, die wiederum auf biblisch-christlichen Grundlagen beruhen. Und da gilt alles als „abnorm“, was nicht heterosexuell ist. Oder, zumindest bei den Katholiken, asexuell, wenn man zölibatär so definieren kann.

Wer sich an der Bibel orientiert, findet die entsprechenden Normen zum Thema sexuelle Identität bei 1.Mose 1,27 und zum Thema Sexualität bei 1.Mose 2,18.24.

Überholte Vorstellungen, die auch durch meine Kirche spuken

Frau Enxing hingegen verlagert den Ursprung dieser längst überholten „Norm Mensch“ in die allgemeine Gesellschaft und rückt damit ihre Kirche aus dem Fokus:

Meist finden wir uns alle doch ziemlich normal. Komisch, das sind die anderen. Es gibt Menschen, die meinen zu wissen, dass es eine „Norm Mensch“ gibt. Und diejenigen, die davon abweichen, sind eben nicht normal, die sind schräg. Deshalb werden sie dann auch schräg angeschaut, gehänselt, nicht selten sogar gehasst. Solche Vorstellungen spuken auch durch meine Kirche. Auch hier gibt es Vorbehalte und Sanktionen für …

… queere Katholik:innen.

Religiosität Grund für Ablehnung queerer Menschen

Welche Faktoren zur Ablehnung von Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung führen, lässt sich zum Beispiel daraus ableiten, welche Personengruppen positivere Einstellungen zu nicht-heterosexuellen Orientierungen vertreten:

  • Positivere Einstellungen zu LSBT bei
    • Frauen/Mädchen
    • unter 60-Jährigen
    • Menschen ohne Migrationshintergrund
    • höherer Bildung
    • politisch links Orientierten
    • nicht (fundamentalistisch) Religiösen, vor allem hinsichtlich gleicher Rechte
    (Quelle: Küpper, Klocke & Hoffmann, 2017, und verschiedene andere Studien. Zit. n. Ulrich Klocke & Landmann (WS 2014/2015) via psychologie.hu-berlin.de: Klocke: Welche Ursachen hat Homophobie und wie können wir sie abbauen?)

Neben den sowieso schon eigens aufgeführten (fundamentalistisch) Religiösen ist für mich auch das Kriterium „Männer über 60“ ein starkes Indiz dafür, dass die christlich-katholische Prägung hier eine, wenn nicht sogar die zentrale Rolle spielt(e).

Und wenn Menschen mit Migrationshintergrund queere Menschen ablehnen oder hassen, dann brauchen wir auch hier nicht lange nach dem religiösen Zusammenhang zu suchen.

Die zunehmende Liberalisierung (oder Egalisierung) sexueller Ausrichtungen korreliert mit dem Rückgang der Bedeutung und des Einflusses von Glaube, Kirche und Religion auf die Lebenswirklichkeit von immer mehr Menschen – Katholiken eingeschlossen.

Es ist also einmal mehr auch in diesem Fall nicht etwa so, dass die katholische Kirche von sich aus, also ohne Not und ohne Druck von außen (bzw. diesmal erstmals auch aus den eigenen Reihen) auf die Idee gekommen wäre, es sei nun doch mal an der Zeit damit zu beginnen, zum 21. Jahrhundert aufzuschließen.

Identitätsautonomie

„Queer“ zu sein heißt zunächst einmal: nicht in ein Schema zu passen. Ein Schema, das eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Religion sich selbst auferlegt hat. Das Schema, das hier meist nicht passt lautet: Entweder Du bist männlich, oder weiblich und natürlich heterosexuell – und dann verhältst Du Dich bitte auch so und siehst so aus.

Ja, wie eigentlich? Egal, so halt. Was, wenn sich Menschen als weder männlich noch weiblich empfinden? Oder beides? Oder irgendwas dazwischen? Was, wenn Menschen nicht heterosexuell lieben, sondern homo-, trans-, bi- oder intersexuell sind? Was, wenn Menschen nicht in das passen, was andere unter „normal“ verstehen. Was dann?

Dann ist das so und es geht niemanden etwas an. Ganz einfach. Eigentlich.

#OutInChurch

Am letzten Montag… … Ja, da war es soweit. Da haben zahlreiche Christ:innen, die in und für die katholische Kirche arbeiten, ihre queere, transsexuelle, intersexuelle, bisexuelle, homosexuelle Identität geoutet. Das größte Coming-Out in der Geschichte der katholischen Kirche.

Interessanterweise hatte diese bemerkenswerte Aktion zur Folge, dass der christliche Mainstream jetzt diejenigen Kirchenvertreter, die diese Aktion kritisch oder sogar geradezu hasserfüllt kommentierten für das hält, was sie natürlich auch sind: Rückwärtsgewandte Fundamentalisten. Die weder das Rauschen im Walde, noch die Nachtigall trapsen und schon gar nicht den Schlag gehört haben.

Dabei können diese Leute ihre längst überholten Standpunkte sehr schlüssig mit ihrem biblisch-christlichen Glaubenskonstrukt begründen. Jedenfalls wesentlich schlüssiger als die, die jetzt mitunter sogar versuchen, eben dieses Glaubenskonstrukt als Grundlage für Toleranz zurechtzubiegen.

Und, als hätte ichs geahnt:

„#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst“ heißt die Initiative, die die ARD mit der Reportage „Wie Gott uns schuf“ begleitete. Über 120 Christ:innen haben all ihren Mut – und vielleicht auch ihre Wut – genutzt und ihrer Kirche gesagt: Ich passe in keine Schablone. Starke, authentische, berührende und aufrüttelnde Glaubenszeugnisse sind das.

Glaubenszeugnisse? Für mich sind das Zeugnisse, dass der Glaube eben gerade nichts mehr mit der persönlichen sexuellen Orientierung zu tun haben soll.

Die Akteure bezeugen mit der Aktion, dass ihnen ihr Privatleben wichtiger und relevanter ist als ihr Glaube.

Und sie riskieren im Fall von #OutInChurch nicht nur, aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Sondern stellen überdies auch noch bewusst und wissentlich ihre berufliche Zukunft aufs Spiel.

Der ganz normale Wahnsinn?

Und dann?

Der ganz normale Wahnsinn: Gratulation und Solidarität auf der einen Seite, Freude über dieses Zeichen der Vielfalt in unserer Kirche und die unverbrüchliche Bestätigung der Botschaft: Du bist geliebt, so wie Du bist. Du musst in keine Schablone passen, dir kein Korsett umlegen.

Inwiefern ist denn Solidarität mit queeren Menschen „ganz normaler Wahnsinn?“

Wie oben schon angedeutet: Biblisch-christlich-katholisch lässt sich diese liberale Einstellung nicht überzeugend untermauern.

Das Alte Testament sieht als Strafe für Homosexualität Tod durch Ermordung vor. Und im Neuen Testament lassen sich keine Stellen finden, die klar belegen würden, dass die sexuelle Orientierung überhaupt eine Rolle spielt.

Die später etablierte christliche „Sexualmoral“ schließlich geht vorrangig auf den christlichen Fundamentalisten Augustinus zurück, einen Menschen mit höchst fragwürdigen Ansichten und Vorstellungen, um es höflich auszudrücken.

Geliebt, so wie du bist? Von wegen…

Mit „geliebt, so wie du bist“ ist natürlich die göttliche Liebe gemeint. Und da es sich dabei ja um das biblische Gottesbild handelt, genügt es diesem Gott natürlich nicht, so zu sein wie man ist.

Abgesehen von den Stammesnormen aus dem Alten Testament scheint sich dieser Gott nicht für sexuelle Orientierungen zu interessieren.

Sein einziges Kriterium ist der Grad der Unterwürfigkeit unter ihn. Und allen, die keine oder andere Götter verehren, zeigt dieser Gott seine „Liebe“ in Form von zeitlich unbegrenzter physischer und psychischer Dauerfolter durch Höllenqualen bei vollem Bewusstsein und ohne Aussicht auf Amnesie.

Dieser Aspekt ist genauso Bestandteil des biblisch-christlichen Belohnungs-Bestrafungskonzeptes wie die Liebe, von der hier die Rede ist.

Die Norm Gottes

Daran ändert sich auch nichts, wenn Frau Enxing das einfach weglässt in ihrer Fernsehpredigt. Und so tut, als sei es diesem Gott völlig egal, wie jemand ist:

Der Norm Gottes entsprichst Du, weil Du da bist. Du bist unendlich geliebt, gewollt und bejaht.

…aber nur, wenn du an den einzig „richtigen“ Gott glaubst und seiner Kirche angehörst (Mk 16,16). Ansonsten: Siehe oben.

Das ist die „Norm“ dieses Gottes. Und auch die seines Gottessohns.

Bei einer Verkündigung zum Thema #OutInChurch darf natürlich der Regenbogen nicht fehlen:

Gottes Regenbogen

Und deshalb bist Du so wichtig für diese Kirche, weil genau Du ein weiteres Teil des bunten Mosaiks unter Gottes Regenbogen bist.

Wichtig für die diese Kirche bist du, weil du sie mit deiner Stimme und deinem Geld am Leben erhältst.

A propos Gottes Regenbogen: Dieses Bild bezieht sich vermutlich auf den Regenbogen, den der Gott der alttestamentarischen Mythologie nach der Sintflut an den Himmel gemalt hatte.

Allerdings nicht, wie heute gerne zweckdienlich verzerrt dargestellt, als Zeichen für Vielfalt oder Toleranz.

Sondern als Erinnerung an sich selbst, beim nächsten göttlichen Wutausbruch nicht wieder gleich praktisch alles Leben auf der Erde zu vernichten (1. Mose 9,16). Ein buntes Post-It neben dem Atomknopf, sozusagen.

Alles andere wäre auch absurd…

Deine Botschaft trägt die Liebe Gottes genauso in die Welt, wie Jesus es wollte. Alles andere wäre auch absurd, denn die Liebe Gottes und das Gebot der Nächstenliebe sind universell.

Die „Liebe“ dieses Gottes wäre, wenn es ihn gäbe, weder Liebe, noch universell.

Sie ist vielmehr eine klassische Nötigung: Unterwirf dich mir vollständig, dann bewahre ich dich vielleicht vor dem, was ich dir antue, wenn du es nicht tust.

Und dass „Nächstenliebe“ eben nicht universell, sondern auf die Nächsten beschränkt ist, geht schon aus dem Begriff „Nächstenliebe“ hervor.

Abgesehen davon steht nach biblisch-christlicher Vorstellung diese Liebe ja auch in einem unauflöslichen Zusammenhang mit der Liebe zu einem bestimmten Gott. Nix universell.

Born to love you

Alles andere wäre auch absurd, denn bei der christlichen Religion gehts nicht primär um das Verhältnis von Menschen untereinander (was auch gar nicht erforderlich ist, denn dafür haben wir ethische Standards, Rechte und Gesetze).

Primär und immer übergeordnet geht es beim christlichen Glaubenskonstrukt um das Verhältnis zwischen Mensch und Gott (eigentlich: dessen Priestern): Der Mensch als untergeordnetes Wesen, dessen größte Aufgabe in der Verehrung des eigentlich ja sowieso schon allmächtigen, aber offenbar trotzdem sehr aufmerksamkeitsbedürftigen Gottes besteht.

Genau das meinte ich mit „zurechtgebogen“ in Bezug auf die biblisch-christliche Lehre als vermeintliche Quelle für Toleranz.

Wenn sich eine Prophezeiung erfüllt…

Quelle: Netzfund

Anders als bei dem biblischen Pseudoprophezeiungen hatte ich in diesem Beitrag vom 27. Mai 2021 tatsächlich vorhergesagt, dass sich das Christentum eines Tages noch als Vorreiter für die Toleranz Homosexuellen gegenüber präsentieren würde.

Dass das nicht einmal ein Jahr nach meinem Beitrag vom letzten Jahr geschehen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Zwar erwähnt Frau Enxing noch nicht, wie von mir damals vermutet, die vielen Männerfreundschaften des biblischen Jesus als biblischen „Beleg“, aber immerhin versucht sie ja trotzdem tatsächlich, die Bibel als Quelle von Toleranz queeren Menschen gegenüber zu verkaufen.

Fest auf biblischem Grund

Und von der anderen Seite?

Hass und Häme, Schuldzuweisung. Da fallen Begriffe wie „Sünde“ und „Krankheit“. Da fühlen sich manche offenbar durch den Hass bereichert, den sie verbreiten.

Was die christlich-katholisch Motivierten angeht: Die bereichern sich sicher am Hass, den sie verbreiten – allerdings können sie sich dabei problemlos auf ihre religiöse Ideologie berufen, die eine „göttliche Legitimierung“ für diesen Hass liefert.

Diese Leute nehmen ihr biblisch-christliches Glaubensfundament, aber auch die diesbezüglichen Aussagen etwa im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK) einfach noch ernst. Statt sie bis ins Gegenteil dessen zu verbiegen, was du nun mal geschrieben steht in den göttlich geoffenbarten oder zumindest inspirierten „Heiligen Schriften“ und deren katholischen Interpretationen.

Nach katholischer Auffassung ist zum Beispiel Homosexualität gleichzusetzen mit Sodomie, Pädophilie, Päderastie und Zoophilie. Als „schwerwiegende Störung der sittlichen Ordnung“ fällt sie in die katholische Kategorie „himmelschreiende Sünde“ (nein, das habe nicht ich mir ausgedacht, das gibts dort wirklich).

Widerspruch?

Für mich passt dieser Hass nicht zum Christentum: Er ist der totale Widerspruch: Einerseits die Botschaft der Liebe verkünden und andererseits Menschen zur Lüge und Selbstverleugnung drängen. Diese Doppelmoral passt nicht zur Nachfolge des Juden Jesus von Nazareth.

Die 10bändige Kriminalgeschichte des Christentums belegt erschreckend eindrucksvoll, dass der Hass auf alles, was aus irgendwelchen Gründen nicht der christlichen Norm entspricht sehr wohl und sehr gut zum Christentum passt.

Doppelmoral ist quasi integraler Bestandteil dieses Glaubenskonstruktes. Bis heute.

Das Märchen vom liberalen Jesus

Und was den biblischen Jesus angeht, besteht auch hier kein Widerspruch.

Im Gegenteil: Die anonymen Verfasser lassen ihren Jesus persönlich zur Selbstverleugnung aufrufen (Mt 16,24, Mk 8,24, Lk 9,32).

Abgesehen davon zeugen viele Bibelstellen davon, dass Jesus eben keineswegs der liberale Freigeist war, als der er sich heute im christlichen Mainstream offenbar am besten verkaufen lässt. Die Bibel beschreibt Jesus als einen radikal-religiösen Fundamentalist. Der von sich selbst sagte, dass er nicht gekommen sei, um Friede zu bringen, sondern das Schwert (Mt 10,34).

Sein religiöser Wahn ging sogar so weit, dass er den Interessenten an seiner Heilslehre unmissverständlich klar machte, dass sie seiner nicht würdig seien, wenn sie ihre Eltern oder ihre Kinder mehr lieben würden als seinen Gott (Mt 10,37).

Mit Jesus wirds nicht besser, sondern noch schlimmer

Das Neue Testament wirkt nur bei sehr oberflächlicher und sehr selektiver Betrachtung harmloser und menschlicher als das Alte Testament, wo sich der liebe Gott persönlich noch von einem Wutanfall zum nächsten austobt und rächt, was das Zeug hält.

Im diesem zweiten Teil der Bibel wird die Bestrafung für Glaubensfreiheit oder den Glauben an andere Götter (und das ist das einzige Kriterium, das für diesen Gott tatsächlich relevant zu sein scheint) nur in ein abstraktes Jenseits verlegt und dort in maßloser Übersteigerung zur Chefsache gemacht (Röm 12,19).

Nicht ganz normal

Jesus hat sich gerade mit denen solidarisch erklärt, die die Gesellschaft als „schräg“ als „nicht ganz normal“ abgestempelt hat. Ihnen ist Jesus begegnet, von ihnen hat er sich berühren lassen. Jesus ist hier eindeutig: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ – und nicht „Liebe Deinen Nächsten nur dann, wenn er genauso tickt wie Du selbst“.

Jetzt müsste man freilich erstmal definieren, was hier konkret mit „ticken“ gemeint sein soll.

Meines Erachtens meint die Bezeichnung „Nächster“ genau das: Die Nächsten. Gemeint sind die, die – zumindest, was das Glaubensbekenntnis angeht – genauso ticken wie man selbst.

Diese Interpretation lässt sich jedenfalls biblisch wesentlich schlüssiger begründen als das notdürftig zusammengedichtete Narrativ vom liberalen und toleranten Jesus. Und vom Gott, der alle Menschen einfach so bedingungslos liebt.

Jesus hatte gar keine Botschaft für „normale“ Menschen

Der hatte, sollte er je gelebt haben, gar keine andere Wahl, als die Kundschaft für seine Weltuntergangssekte dort zu aquirieren, wo die Menschen noch nicht oder nicht mehr in ihren jeweiligen Glaubenssystemen, genauer: In ihreen jeweiligen Glaubensgemeinschaften fest verwurzelt waren, was damals vermutlich als „normal“ betrachtet wurde.

Quelle: Netzfund

Es liegt deshalb auf der Hand, dass gesellschaftliche Außenseiter, „Underdogs“ empfänglicher für seine Botschaften waren als alle anderen, die seine Lehre entweder für Blasphemie oder für lächerlichen Unsinn hielten.

Wenn sich Jesus in den biblischen Legenden mit „schrägen“ Menschen solidarisierte, dann spielte dabei stets der „richtige“ Glaube (oder die Bekehrung dazu) die zentrale Rolle: Es ist egal, wer oder was du bist, solange du nur an meinen Gott glaubst.

Das war natürlich sicher eine verlockende Vorstellung für alle Außenseiter: Es genügt, den Glauben dieses Endzeitsektenpredigers anzunehmen, um endlich auch irgendwo dazu zu gehören.

War Jesus schwul?

Darüber, was der biblische (oder auch der historische) Jesus zum Thema queer dachte oder sagte, macht die Bibel keine Angaben.

Wie schon angedeutet, könnte man aber, eine entsprechende theologische Kreativität und Flexibilität vorausgesetzt (Stichwort: Theologie am Puls der Zeit oder auch: Mir doch egal, was in der Bibel steht), aus der Konstellation von Jesus und seinen durchweg männlichen und ja offenbar mit ihm eng befreundeten Jüngern (inkl. Lieblingsjünger) einen schwulen Gottessohn konstruieren.

Diese Idee ist freilich nicht neu, sondern sogar viel diskutiert und in Büchern, Interviews und Filmen rezipiert. Bei fragen.evangelisch.de ist man jedenfalls froh, hierzu nichts Verbindliches in der Bibel zu finden. Weil sich so alle ihren Jesus so vorstellen können, wie sie ihn gerne hätten.

Der biblische Jesus „sagt“ also nichts über sexuelle Orientierung – weder über seine eigene, noch allgemein. Aber:

…und sollen des Todes sterben

Sehr wohl aber lassen die Autoren ihren Jesus die Lehren des Alten Testaments nicht etwa aufheben, sondern sogar noch verstärken (Mt 5,18).

Und die besagen nun mal eindeutig:

  • Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel. (Lev 18,22 LUT)
  • […]  Denn alle, die solche Gräuel tun, werden ausgerottet werden aus ihrem Volk. (Lev 18, 29 LUT)
  • Wenn jemand bei einem Manne schläft wie bei einer Frau, so haben sie beide getan, was ein Gräuel ist, und sollen des Todes sterben; ihre Blutschuld komme über sie. (3. Mose 20,13 LUT)

Einmal mehr sei an dieser Stelle das sehr lesenswerte Buch „Jesus ohne Kitsch – Irrtümer und Widersprüche eines Gottessohns“ von Heinz-Werner Kubitza zur Lektüre empfohlen.

Nein, Toleranz gehört ganz sicher nicht zu den Kernkompetenzen oder gar „Unique Selling Points“ des Christentums. Und schon gar nicht der katholischen Kirche. In keiner Hinsicht.

Im Gegenteil: Je stärker der christliche Einfluss, desto größer der Hass und die Ablehnung gegenüber queeren Menschen, aber auch gegenüber Glaubensfreien oder Andersgläubigen.

Längst Geschichte? Von wegen…

Wer meint, das sei doch längst überwunden, braucht nur nach Polen, Ungarn, Bolivien oder in die amerikanischen und afrikanischen „Bible Belts“ zu schauen, um nur einige Länder und Regionen zu nennen, in denen queere Menschen wegen christlicher Spinner nicht nur um ihren Job, sondern schlimmstenfalls um ihr Leben bangen müssten, wenn sie sich outen würden.

Wenn sich zumindest hierzulande daran jetzt etwas ändert: Prima! Wobei mir freilich nach wie vor völlig rätselhaft ist, was Leute, abgesehen vielleicht von beruflichen Gründen generell noch davon abhält, die katholische Kirche besser heute als morgen zu verlassen.

Nichts ändern wird sich jedoch an den gerade genannten Bibelstellen. Die all jene auch weiterhin zur „göttlichen“ Legitimierung ihres Hasses auf queere Menschen anführen können, die meinen, die sexuelle Orientierung ihrer Mitmenschen gehe sie irgendetwas an und es stünde ihnen zu, darüber zu urteilen.

Wie oben schon geschrieben: Das ist halt das Elend, wenn man seine Ideologie auf „Heiligen Schriften“ aufbaut – die wird man so schnell nicht los. Und wenn doch, dann bleibt am Ende nichts mehr übrig, was noch ohne Verlust der eigenen intellektuellen Redlichkeit irgendwie zu retten wäre…

Fazit

In ihrem Wort-zum-Sonntag-Debut präsentiert Frau Prof. Dr. Enxing ein weiteres Musterbeispiel dafür, wie heute krampfhaft (und meines Erachtens wenig überzeugend) versucht wird, die Weltanschauung, Werte und Normen eines halbnomadischen Wüstenvolkes und des daraus in der Folge entstandenen Glaubenskonstruktes so umzuinterpretieren, dass diese nicht nur irgendwie halbwegs kompatibel, sondern gar richtungsweisend für moderne ethischen Standards, Werte und Konventionen erscheinen sollen.

Dann frage ich mich doch, wieso erst rund zwei Jahrtausende Christentum vergehen mussten, bis es queere Kirchenangehörige erstmals wagen konnten, sich mit #OutInChurch zu outen?

Mehr zum Thema #OutInChurch

  • hpd.de: Joscha Wölbert: Das größte öffentliche „Coming Out“ in der katholischen Kirche
  • queer.de: Programmänderung – ARD hievt #OutInChurch-Doku in die Primetime
  • sueddeutsche.de: Outing in der katholischen Kirche: Ein starker Film, der sich nicht an alle Fragen traut
  • deutschlandfunkkultur.de: Queere Initiative #OutInChurch – „Es ist für viele ein Befreiungsschlag“
  • OutInChurch.de – offizielle Webseite der Petition
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5 Gedanken zu „#OutInChurch – Das Wort zum „Wort zum Sonntag“ von Julia Enxing“

  1. Es passt wie die Faust aufs Auge – darum zitiere ich mich ausnahmsweise selbst:

    „Meine Prognose: Man wird auch weiterhin die Haltung zu Homosexualität und Scheidung in der Praxis Schritt für Schritt aufweichen und immer wieder in offiziellen kirchlichen Gremien wie Synoden kontrovers diskutieren. Und dann wird es in einigen Jahrzehnten die ersten von „fortschrittlichen“ Theologieprofessoren verfassten Gesamtdarstellungen geben, die (auf mindesten 1200 Seiten) den Nachweis erbringen, dass das Christentum und speziell dessen katholischer Zweig im Grunde schon immer Vorkämpfer für Homosexualität und Scheidung waren.“ (Die Legende von der christlichen Moral. Marburg, 2015.)

    Betrachten wir die Argumentationslage:

    – Die ganz große Mehrheit der christlichen Kirchenväter, Theologen, Päpste, Priester und Gläubigen haben ihre strikte Ablehnung der Homosexualität und anderer „unnormaler“ Spielarten menschlicher Sexualität (LSBT) als höchst verwerflich über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten ausführlich und facettenreich auf Basis der Bibel begründet.

    – Diese enorm umfangreiche und detaillierte Argumentation wird bis heute konsequent in Zurückweisung, Diskriminierung und Verfolgung umgesetzt.

    – Jetzt kommt auf einmal Frau Enxing angefedert und will uns gegen diese ganzen Heerscharen christlicher Autoritäten zu Glaubens- und Moralfragen erzählen, dass eigentlich doch irgendwie alles ganz anders ist: Die Norm Gottes akzeptiere jede Form der Sexualität und nehme sie als gleichwertig an.

    – Aus naheliegenden Gründen kriegen wir zu Pädophilie und Missbrauch von Kindern nichts zu hören. Warten wir mal ab, wie lange das noch dauern wird …

    Das Fazit: Frau Enxing liefert ein Musterbeispiel für meine These, dass das Christentum nicht einmal ansatzweise so etwas wie eine begründbare Morallehre anzubieten hat: Jeder darf und kann alles behaupten – anything goes. Beliebigkeit regiert in allen Fragen zu Moral und Gerechtigkeit. Mit allen Konsequenzen und Risiken dieses moralischen Vakkuums …

    Antworten
    • Superbe Antwort, Herr Edmüller.

      Ich könnte Ihren Ausführungen stundenlang zuhören.

      Was für ein göttlicher Zufall, dass die Ablenkung des „coming-out“ der queeren Katholiken gerade im Moment des nächsten Skandals durch das Gutachten zu den Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum München und Freising auftaucht…

      Liebe Grüße

      Antworten
    • Danke Dr. Edmüller, besser kann man nicht erwidern.
      Wenn die religiösen Schwafler so weiter machen, wird’s noch wie im Swingerclub: „Alles kann, nichts muss“
      :))

      Antworten
  2. Zitat: „Diese Woche ist ein kleines Erdbeben durch die Kirche gegangen. Da wurde die Kirche mal wieder von der Realität eingeholt und war ganz überrascht.“ Zitat Ende.

    Ist ja witzig, immer wenn die Kirche von der Realität eingeholt wird, ist sie also überrascht und es löst bei ihr ein Erdbeben aus.
    Was sagt und das? Schnell wieder zurück in die schöne religiöse Scheinwelt.

    Merke: Die Kirche ist wie die Titanic und die Realität ist der Eisberg.

    Tuuuut – volle Kraft voraus! :))
    ——————————————————–
    Oh man, immer diese blöde Gefasel von der „Nächstenliebe“, bitte bitte bitte aufhören, das verursacht bei uns (zukünftigen Höllenbewohnern) schon
    Kopfschmerzen und Ohrensausen.

    Der reale Blick (OMG Realität – Erdbebengefahr!) in die (un-) heilige Schrift zeigt deutlich, dass es in der Bibel ausschließlich um Fernstenhass (Ungläubige, Anhänger andere Götter, Schwule….) und nicht um Nächstenliebe geht. (Danke Dr. Schmidt-Salomon für diesen Satz)

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