Bischof Gerber entdeckt Humanismus – und verschleiert die Quellen

Lesezeit: ~ 4 Min.

Gedanken zum Fundstück der Woche: Zwischen Krise und Gewissen – Welt in Schieflage: Bischof Gerber sieht moralische Ordnung massiv unter Druck von (pm/cb), veröffentlicht am 6.2.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Bischof Gerber verkauft aufklärerische Menschenrechtsideen als christliches Gedankengut, obwohl das Christentum mit seiner Heiligen Schrift nicht mal über eine brauchbare Moralquelle verfügt; säkulare Begründungen über Empathie, Vernunft und menschliches Leid wären ehrlicher und überzeugender – aber eben nicht christlich.

Bischof Dr. Michael Gerber hat bei der Hrabanus-Maurus-Akademie in Fulda eine bemerkenswerte Predigt gehalten. Bemerkenswert nicht etwa, weil sie originell wäre, sondern weil sie ein Paradebeispiel dafür liefert, wie kirchliche Würdenträger sich säkulare, aufklärerische Ideen aneignen – um sie dann als christliches Eigentum zu reklamieren. Schauen wir genauer hin.

Christliche Etiketten auf säkularen Flaschen

Gerber spricht von „moralischem Universalismus“, von Menschenwürde, von der Notwendigkeit, Perspektiven anderer einzunehmen. Er zitiert den Soziologen Hans Joas und warnt vor einer Welt, in der „die Starken tun können, was sie können, und die Schwachen leiden müssen, was sie müssen“. Alles richtig, alles wichtig.

Doch dann kommt die theologische Volte: Diese Menschenwürde sei „unverfügbar“, weil „der Mensch von Gott selbst mit dieser Würde ausgestattet“ sei. Hier liegt der Kardinalfehler – im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum das Christentum keine brauchbare Moralquelle bietet

Nächstenliebe - (c) Jacques Tilly
Nächstenliebe – © Jacques Tilly

1. Historische Amnesie

Gerber selbst räumt ein, dass die Entwicklung hin zu universalen Menschenrechten „ein historisch-kontingenter Prozess“ sei. Was er verschweigt: Dieser Prozess erfolgte gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen.

Die UN-Menschenrechtscharta von 1945[1]Tatsächlich hatte die Generalversammlung der UNO die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) nicht, wie im Beitrag angegeben, 1945, sondern am 10. Dezember 1948 verabschiedet. … Continue reading, auf die er sich beruft? Der Vatikan hat sie nicht unterzeichnet – unter anderem, weil sie Religionsfreiheit (also auch die Freiheit von Religion) und das Recht auf Scheidung garantiert. Der Vatikan war 1948 gar nicht Mitglied der UN und konnte die Erklärung somit formal gar nicht unterzeichnen.

A propos Vereinte Nationen: Der Vatikan genießt bei der UN einen Sonderstatus, den keine andere Religionsgemeinschaft hat. Die katholische Kirche sitzt damit faktisch als einzige Religion mit am Tisch der Weltpolitik – eine Privilegierung, die das Prinzip der Trennung von Religion und Politik untergräbt und die von NGOs in den 1990er Jahren heftig kritisiert wurde.

Die Liste lässt sich quasi beliebig fortführen: Die Würde der Frau? Jahrhundertelang biblisch bestritten. Sklaverei? Vom Papst bis ins 19. Jahrhundert legitimiert. Folter? Ein kirchliches Standardinstrument der Inquisition.

2. Biblische Widersprüche

Wenn Menschenwürde wirklich von Gott „ausgestattet“ wäre, müsste sie in der Bibel klar erkennbar sein. Stattdessen finden wir dort: Völkermord-Befehle (1. Samuel 15,3), Steinigungsgebote für Homosexuelle (Levitikus 20,13), die Unterordnung der Frau (1. Timotheus 2,12), Sklaverei-Regelungen (Epheser 6,5) und die Androhung ewiger Folter für Ungläubige. Welcher „moralische Universalismus“ lässt sich daraus ableiten? Die Bibel ist kein Menschenrechtskatalog, sondern ein Dokument ihrer Zeit – mit allen entsprechenden Grausamkeiten.

3. Autoritärer Kurzschluss

Die theologische Begründung „Gott sagt es“ ersetzt rationale Argumentation durch Autoritätshörigkeit. Sie macht Moral zur Gehorsamsübung statt zur Vernunftleistung. Wer fragt, warum Menschenwürde gilt, erhält keine Antwort, sondern einen Verweis auf göttliche Autorität. Das ist keine Ethik, das ist Befehlsempfang.

4. Partikularismus statt Universalismus

Ausgerechnet das Christentum beruft sich auf Universalismus – jene Religion, die jahrhundertelang Menschen in Gläubige und Heiden, Erwählte und Verdammte einteilte? Die bis heute zwischen „Seelen retten“ und „verloren gehen“ unterscheidet? Echter moralischer Universalismus kennt keine Glaubenshürden. Die christliche Variante schon: Wer nicht glaubt, dem droht laut Jesus selbst die Hölle (Markus 16,16).

Die säkularen Grundlagen, die Gerber verschweigt

Was Gerber als christliche Einsicht verkauft, sind in Wahrheit Errungenschaften der Aufklärung:

  • Kant’scher Imperativ: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Keine Götter nötig.
  • Empathie als evolutionäre Fähigkeit: Die Perspektivenübernahme, von der Joas spricht, ist eine biologisch verankerte menschliche Kapazität – kein göttliches Geschenk.
  • Gesellschaftsvertrag: Von Hobbes über Locke bis Rawls entwickelten säkulare Denker Konzepte, wie Menschen ohne religiöse Prämissen zu gerechten Gesellschaften kommen.
  • UN-Menschenrechtscharta: Entstanden als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, getragen von einem internationalen Konsens, der alle Religionen einschloss – aber auf keiner basierte.

Wie Gerber seine Anliegen besser begründen könnte

Die Ironie ist: Gerbers Anliegen – Solidarität, Entwicklungshilfe, Schutz der Schwachen – sind absolut berechtigt. Aber: Ginge es ihm wirklich um diese Anliegen und nicht um einen weiteren erfolglosen Versuch, dem Christentum noch einen inhaltlich bedeutsamen Wert anzudichten, könnte und müsste er bessere Argumente bringen:

Statt „Gott gibt Würde“: „Alle Menschen sind empfindungsfähig, können leiden und Freude empfinden. Daraus folgt ihre Würde – überprüfbar, nachvollziehbar, universal.“

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Statt „christlicher Auftrag“: „Als Teil der menschlichen Gemeinschaft tragen wir Verantwortung füreinander. Globale Probleme erfordern globale Solidarität – aus rationalem Eigeninteresse und moralischer Konsistenz.“

Statt „biblisches Salz der Erde“: „Demokratische Gesellschaften leben von Bürgerinnen und Bürgern, die sich einmischen. Zivilcourage und politisches Engagement sind keine religiösen Tugenden, sondern demokratische Notwendigkeiten.“

Statt theologischer Kontingenz-Akrobatik: „Menschenrechte sind das Ergebnis historischer Lernprozesse. Wir haben aus Fehlern gelernt – aus Sklaverei, Kolonialismus, Weltkriegen. Diese Erkenntnisse zu bewahren ist eine praktische, keine metaphysische Aufgabe.“

Der eigentliche Skandal

Der Skandal liegt natürlich nicht darin, dass Gerber sich für Menschenrechte einsetzt. Der Skandal liegt darin, dass er dafür ausgerechnet jene Institution bemüht, die historisch am meisten zu deren Verhinderung beigetragen hat. Es ist, als würde ein ehemaliger Brandstifter eine Medaille für Feuerschutz verlangen.

Den für die Weltbevölkerung wichtigen Zielen erweist er durch seine Vereinnahmung zur Glaubensreklame einen Bärendienst, weil religiöse Argumente allesamt problemlos widerlegt werden können. Dazu genügen mitunter schon zwei Worte: „Definiere Gott.“

Gerber beklagt die „begrenzte öffentliche Sichtbarkeit von Theologie und Kirche“. Vielleicht liegt das daran, dass aufgeklärte Gesellschaften erkannt haben: Für Moral brauchen wir keine Bronze­zeit­mythen. Im Gegenteil: Wir brauchen Vernunft, Empathie, Evidenz und den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen.

Humanismus bedeutet: Den Menschen ernst nehmen, weil er Mensch ist – nicht weil irgendein Gott ihn angeblich erschaffen hat. Diese Einsicht ist die Grundlage jeder modernen Ethik. Dass Kirchenvertreter sie sich nun auf die Fahnen schreiben, beweist nur eines: Die Aufklärung hat gesiegt. Auch wenn manche das bis heute nicht zugeben wollen – oder berufsbedingt können.

KI

Fußnoten

Fußnoten
1 Tatsächlich hatte die Generalversammlung der UNO die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) nicht, wie im Beitrag angegeben, 1945, sondern am 10. Dezember 1948 verabschiedet. (Quelle)

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