Pfingsten bei Stefan Buß: Wenn „Offenheit“ alles ersetzt und „Wirken“ nichts beweist

Lesezeit: ~ 5 Min.

Kritik zum Impuls Stefan Buß: „Empfangt den Heiligen Geist – Hoffnung für unsere Welt“, veröffentlicht am 20.5.26 von osthessennews.de

Darum geht es

Stefan Buß‘ Pfingstimpuls verkauft universale menschliche Tugenden als Wirken des Heiligen Geistes, schützt diese Behauptung durch konsequente Unfalsifizierbarkeit und wertet en passant jene säkularen Verfahren ab, die nachweislich Fortschritt produzieren.

Einordnung

Pünktlich zu Pfingsten 2026 veröffentlicht Stadtpfarrer Stefan Buß bei Osthessen News einen Impuls mit dem Titel „Empfangt den Heiligen Geist – Hoffnung für unsere Welt“. Wer die bislang in dieser Serie analysierten Texte des Autors kennt – die Emmaus-Reflexion, die Abraham-Bundeserzählung, das Bäckergleichnis, den Cima-da-Conegliano-Bildimpuls – erkennt das Verfahren sofort wieder: Ein biblisches Motiv wird emotional ausgekostet, mit niedrigschwelligen Appellen unterlegt und in einer Sprache präsentiert, die jede Prüfbarkeit systematisch unterläuft. Pfingsten ist dafür der ideale Anlass, denn kein theologisches Konzept ist so unauffällig vage wie das des Heiligen Geistes.

1. Die Niedrigschwellenstrategie

„Der Heilige Geist wird nicht denen gegeben, die schon alles verstanden haben. Er wird denen geschenkt, die offen sind, die suchen, die sich nach Orientierung sehnen.“ Der Satz klingt zunächst sympathisch demütig. Strukturell ist er etwas anderes: Er senkt die Eintrittsbarriere auf null. Es wird nichts verlangt – keine Dogmenakzeptanz, kein Wahrheitsanspruch, keine intellektuelle Anstrengung. Was bleibt, ist eine vage emotionale Disposition („offen“, „suchend“, „sehnend“), die ohnehin so gut wie jeder Mensch in irgendeiner Form aufweist.

Diese Mechanik – in vorangegangenen Beiträgen als Niedrigschwellenstrategie benannt – dient der institutionellen Bindung in einer Phase massiver Mitgliederverluste. Wer nichts glauben muss, kann auch nicht beim Glauben scheitern. Wer nur „offen“ sein soll, hat keinen Grund, Distanz aufzubauen.

2. Der epistemologische Schutzschild

Buß beschreibt das Wirken des Heiligen Geistes mit auffallender Sorgfalt: „oft leise. Nicht immer spektakulär. Aber nachhaltig. Wie ein sanfter Wind, der etwas in Bewegung setzt.“ Diese Formulierungen sind keine bescheidene Rhetorik, sondern eine vollständige Immunisierung gegen jeden Prüfversuch.

Tritt eine subjektiv erlebte Veränderung ein, war es der Geist. Tritt keine ein, war man nicht „offen“ genug, oder der Geist wirkt eben „leise“ und unsichtbar. Geschieht etwas Gutes, war der Geist am Werk. Geschieht etwas Schlechtes, war es nicht der Geist, sondern menschliches Versagen. Das ist kein theologischer Befund, sondern ein hermetisch geschlossenes Erklärungssystem ohne Risiko. Wissenschaftstheoretisch gesprochen: eine Behauptung, die alles erklärt, erklärt nichts. Der Fachbegriff dafür lautet: Bullshit.

3. Die Vereinnahmung universaler Tugenden

Die konkreteste Passage des Textes lautet:

„Mut zu haben, wo du sonst schweigen würdest. Versöhnung zu suchen, wo Konflikt herrscht. Hoffnung weiterzugeben, wo andere resignieren. Geduld zu zeigen, wo Ungeduld regiert.“

Das ist eine schöne Aufzählung – aber sie hat mit dem Heiligen Geist exakt nichts zu tun. Mut, Versöhnungsbereitschaft, Hoffnung und Geduld sind anthropologische Grundausstattungen, die seit Jahrtausenden in jeder Kultur, in religiösen wie in entschieden nichtreligiösen Lebensentwürfen kultiviert werden. Sie sind Gegenstand der Tugendethik von Aristoteles, der humanistischen Bildungstradition, der psychotherapeutischen Praxis, der politischen Friedensforschung.

Was Buß hier vorführt, ist eine rhetorische Annexion: Universale menschliche Fähigkeiten werden einer theologischen Quelle zugeschrieben, die für ihre Existenz nicht weiter belegt wird. Wer die Tugenden lebt, soll sie als Wirken Gottes verstehen – und sich selbst entsprechend als Empfänger, nicht als Urheber.

4. Die stille Abwertung säkularer Verfahren

Eine der bemerkenswertesten Passagen ist diese: „Die Welt braucht nicht nur mehr Ideen, mehr Programme oder mehr Diskussionen. Sie braucht Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind.“ Das „nicht nur“ ist eine rhetorische Höflichkeit; der Subtext ist eindeutig. Ideen, Programme, Diskussionen werden als unzureichend markiert, das eigentlich Notwendige liege jenseits davon.

Genau diese drei Verfahren sind aber jene, denen die moderne Welt nachweislich ihren Fortschritt verdankt: durchdachte Ideen, evidenzbasierte Programme, offene Debatte. Die Reduktion der Kindersterblichkeit, die Bewältigung von Pandemien, die Eindämmung von Armut, die rechtliche Gleichstellung von Minderheiten – all das ist nicht durch eingebildete geistliche Erfüllung entstanden, sondern durch Forschung, politische Verhandlung und institutionellen Aufbau. Der Pfarrer sagt das natürlich nicht offen; aber wer die Welt diagnostiziert als Ort, an dem es zu „viel Wissen“ und zu „wenig Weisheit“ gebe, deutet implizit darauf hin, dass die Aufklärung ein Defizitprojekt sei.

Das ist die alte, leise Bewegung des religiösen Diskurses: nicht offen die Wissenschaft bekämpfen, sondern sie als zwar nützlich, aber spirituell flach markieren – und sich selbst als Hüter einer höheren Dimension positionieren.

Wer sich einen Überblick über die unzähligen Verbrechen verschaffen möchte, die Menschen verübt haben, weil sie sich vom Geist eben jenes Gottes erfüllt gefühlt hatten, dem sei die 10bändige Kriminalgeschichte des Christentums zur Lektüre empfohlen.

5. Werkzeuge statt Subjekte

„Wir bitten darum, verwandelt zu werden – zu Werkzeugen Gottes in dieser Welt.“ Das ist, gerade für einen Schönstatt-Anhänger wie Buß theologisch konsequent und anthropologisch problematisch. Die humanistische Tradition seit Kant insistiert darauf, dass Menschen Selbstzwecke sind – nicht Mittel, auch nicht Werkzeuge eines höheren Zwecks. Wer als Werkzeug fungiert, agiert nicht autonom, sondern instrumentell; gute Handlungen werden konsequent dem Werkzeugführer zugeschrieben, nicht dem Werkzeug selbst.

Hinzu kommt die Innerlichkeitswende: „Was hat sich verändert? Nicht die Welt um sie herum – sondern ihr Inneres.“ Das ist als Beobachtung psychologisch nicht falsch. Es ist aber als Programm gefährlich. Strukturelle Probleme – Konflikte, Spaltungen, Unsicherheit, die der Text selbst aufzählt – werden durch innere Affektregulation nicht gelöst. Wer auf reale Missstände mit innerer Verwandlung antwortet, hat die politische Dimension verlassen.

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6. Die geschlossene Schleife

Zirkelschluss

Die argumentative Struktur des Textes ist zirkulär: Wer den Geist erbittet, wird verwandelt. Die Verwandlung gilt als Beleg des Geistes. Ausbleibende Verwandlung gilt als Beleg mangelnder Offenheit. An keiner Stelle existiert ein externer Prüfpunkt, der den Heiligen Geist von einer schlichten Selbstsuggestion, einer sozial vermittelten Erwartungshaltung, einer mehr oder weniger manifesten Wahnvorstellung oder einem ganz gewöhnlichen psychologischen Verarbeitungsprozess unterscheiden könnte. Das wäre dann zumindest theologisch unproblematisch, wenn der Text dies offen einräumte: dass es sich um eine Glaubensaussage handelt, die nicht den Anspruch erhebt, etwas über die Welt im überprüfbaren Sinne zu sagen. Buß tut das nicht. Er behandelt das Wirken des Geistes als Tatsachenbehauptung – und schützt sie zugleich vor jedem Tatsachenmaßstab.

Theologie ist die angemaßte Wissenschaft von den Stoffen und Schnitten von des Kaisers neuen Kleidern.

7. Was nicht gesagt wird

Pfingsten 2026 fällt in eine Phase, in der die katholische Kirche in Deutschland mit erheblichen Glaubwürdigkeitsdefiziten konfrontiert ist: die Erkenntnisse der MHG-Studie und nachfolgender Diözesangutachten zu sexualisierter Gewalt, ein anhaltender Mitgliederschwund, die laufende Debatte über Staatsleistungen und institutionelle Privilegien.

Wer in diesem Kontext den „Geist der Wahrheit“ beschwört, ohne mit einem einzigen Wort die eigenen institutionellen Wahrheitsdefizite zu benennen, betreibt selektive Wahrnehmung. Der Pfingstgeist soll Hoffnung gegen Spaltung bringen – nur jene Spaltungen, die die eigene Institution mitverantwortet hat, bleiben unerwähnt.

Eine säkular-humanistische Gegenposition

Die humanistisch-aufklärerische Antwort auf die im Text diagnostizierten Probleme – Orientierungslosigkeit, Konflikte, Mangel an Frieden – sieht nüchterner aus, aber nicht ärmer:

  • Mut ist eine trainierbare Disposition, die durch Vorbilder, Erfahrung und reflektierte Werte entsteht – nicht durch einen ungreifbaren Geist.
  • Versöhnung ist eine Praxis, die durch Mediation, ehrliche Kommunikation und das Anerkennen begangener Fehler funktioniert – einschließlich derer, die Institutionen begangen haben.
  • Hoffnung ist legitim, wenn sie sich auf nachvollziehbare Verbesserungsmöglichkeiten stützt; sie wird hohl, wenn sie auf unsichtbares Wirken vertraut.
  • Frieden entsteht durch Institutionen, Recht, demokratische Verfahren und ja, durch sehr viele Diskussionen – nicht durch innere Erfüllung allein.

Diese Antworten haben gegenüber der pfingstlichen Variante zwei Vorteile: Sie sind überprüfbar, und sie schreiben dem Menschen die Urheberschaft seiner guten Handlungen zu, ohne sie an eine ungreifbare Instanz abzutreten.

Fazit

Stefan Buß‘ Pfingstimpuls ist ein konsistentes Beispiel jener pastoralen Methode, die in dieser Serie inzwischen mehrfach analysiert wurde: anschlussfähig im Ton, niedrig in den Anforderungen, vereinnahmend bei den Tugenden, immunisiert gegen jede Prüfung. Was am Ende übrig bleibt, ist eine Einladung zur inneren Selbstdeutung, die ihre eigenen Voraussetzungen für unhinterfragbar erklärt und säkulare Verfahren als spirituell unzureichend markiert. Die Welt braucht – entgegen der Schlusspointe des Textes – tatsächlich vor allem mehr und bessere Ideen, klügere Programme und ernsthaftere Diskussionen. Geist, falls man das Wort verwenden möchte, entsteht genau dort.

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