Mehr als ein bisschen Frieden – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 4 Min.

Mehr als ein bisschen Frieden – Das Wort zum Wort zum Sonntag von Johanna Vering, veröffentlicht am 16.5.26 von ARD/daserste.de

Darum geht es

Johanna Vering tarnt im „Wort zum Sonntag“ vom Würzburger Katholikentag eine kirchliche Verkündigungssendung als Eurovision-Vorschaltung, vergibt „12 Punkte“ für das eigene fremdfinanzierte Kirchenfrühlingsfest, stilisiert die Kirche als Friedensbringerin und vermeidet dabei konsequent jedes religiöse Wort – Niedrigschwelligkeit in Reinkultur, die sich selbst entlarvt.

Vorhang auf für die Eurovision-Verkündigung

Es gibt Worte zum Sonntag, die zumindest noch versuchen, ihre Herkunft kenntlich zu machen – mit einem Bibelvers, einem theologischen Begriff, einem Gottesnamen. Das aktuelle WzS von Johanna Vering, diesmal aus Würzburg, verzichtet auf all das. Anlass ist der Katholikentag in Würzburg, gesendet wird vor dem ESC-Finale, und Vering bedient genau jene Schnittstelle: Pop-Kontext, Wettbewerbsrhetorik, „12 Punkte“, weiße Gitarre. Was sie liefert, ist kein „Wort zum Sonntag“, sondern eine Vorschaltung zur Eurovision, in der die Marke „Katholikentag“ geschickt zwischengeschoben wird.

Wer Verings frühere Auftritte verfolgt hat, kennt das Muster: Beim Sechzger-Fußballstadion-Vergleich war es Bundesliga-Atmosphäre, beim Adventsbeitrag die private Schwangerschaftsfreude. Diesmal ist es der ESC. Andocken an säkulare Massenkultur, dann zwischen den Sätzen die kirchliche Veranstaltung mit Pluspunkten aufladen. Es ist immer dieselbe Methode, nur das Pop-Etikett wechselt.

Zwölf Punkte für – ja, wofür eigentlich?

„Wie in Wien kommen auch hier in Würzburg Leute zusammen, um zu feiern, wovon sie überzeugt sind. Ein friedliches Miteinander trotz aller Unterschiede. Und dafür gibt es von mir direkt mal 12 Punkte.“ Drei Sätze, in denen mehrere Operationen gleichzeitig ablaufen.

Erstens: Die Formel „zu feiern, wovon sie überzeugt sind“ ist tautologisch. Was genau Katholikentagsbesucher feiern – einen monotheistischen Schöpfungsmythos, eine Hierarchie aus zölibatären Männern, eine Institution mit ungeklärten Missbrauchsstrukturen, finanziert nicht zuletzt aus staatlich eingezogenen Kirchensteuern und Staatsleistungen – bleibt unsichtbar. Glaubensinhalte werden weichgezeichnet zu „Überzeugungen“, die jeder hat. Sie meint Christen, sagt aber „Leute“. Das ist nicht Versehentlichkeit, sondern Strategie.

Zweitens: Der Katholikentag wird mit dem ESC auf eine Ebene gestellt – „dafür gibt es von mir direkt mal 12 Punkte“. Eine kommerzielle Unterhaltungssendung und eine umfangreich öffentlich kofinanzierte Großveranstaltung einer Institution mit Wahrheitsanspruch werden rhetorisch egalisiert. Die strukturelle Asymmetrie – hier Unterhaltungsindustrie, dort eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Sonderprivilegien – verschwindet im Lichterglanz der ESC-Metapher.

Drittens: Vering vergibt die Punkte. Die Kirche bewertet sich selbst und gibt sich die Höchstwertung. Im ESC-Vokabular nennt man so etwas das Heimat-Voting – nur dass es hier kein zweites Land gibt, das auch abstimmen würde.

Frieden als Container

Den größten Teil des Beitrags trägt der Friedensbegriff. „Ein bisschen Frieden“ von Nicole, der ESC-Sieg 1982 mitten im Kalten Krieg. „Heute, so viele Jahre später, ist das Lied leider wieder total aktuell.“ Dann zwei Sätze, die ohne Übergang aus dem Pop-Kapitel in die politische Lagebeschreibung wechseln: „Bei all den Despoten, die meinen, dass es miteinander nicht geht und über andere herfallen. Bei all den Populisten, die Ängste schüren und mit scheinbar einfachen Lösungen die Menschen auseinanderbringen, statt zusammen.“

Inhaltlich kann man dem schwer widersprechen – Despoten überfallen tatsächlich Länder, Populisten schüren tatsächlich Ängste. Genau deshalb funktioniert die rhetorische Figur so glatt: Sie holt den Zuschauer in einem Konsens ab, der ohne Kirche existiert, und nutzt diesen Konsens als Gleitcreme für das eigentliche Anliegen. Das eigentliche Anliegen ist nicht Friedenspolitik. Es ist die Selbstpositionierung der Institution Kirche als naturgegebene Gegenkraft zu Despoten und Populisten.

Diese Positionierung verdient eine historische Nachfrage. Eine Institution, die jahrhundertelang mit Höllendrohung, Sündenangst und Anti-Modernismus operiert hat, deren Ortskirche in Fulda im Mittelalter mit Hexenprozessen und im Nationalsozialismus mit Hirtenbriefen zur Verteidigung des Vaterlands aufgefallen ist, präsentiert sich nun als institutioneller Hort der „reflektierten politischen Meinungsbildung statt Populismus“. Das ist nicht unmöglich – Institutionen können sich wandeln – aber es ist eine Behauptung, die Belege braucht und nicht einfach mit einem ESC-Jingle untergebracht werden sollte. Die strukturelle Schwäche solcher Selbstinszenierungen haben wir hier bereits mehrfach gezeigt.

Singen statt handeln

Verings Schlüsselanekdote ist der Flashmob auf einem früheren Katholikentag: Zettel verteilt, 13 Uhr, alle treffen sich, singen „Ein bisschen Frieden“, gehen wieder auseinander. „Aber es war etwas passiert. Für einen kurzen Moment lang waren wir verbunden durch die Musik und vereint im Wunsch nach Frieden. Das ist es.“

Es ist nicht etwa der ironische Tiefpunkt der Predigt – es ist ihre Schlusspointe. Friedenspolitik wird hier auf das Niveau eines spontanen Mitsingmoments reduziert. „Wir müssen unsere Stimmen für den Frieden erheben“ – buchstäblich verstanden als gemeinsames Singen. Dass kollektives Singen weder Putin aus der Ukraine vertreibt noch Rüstungspolitik gestaltet noch Geflüchtete versorgt, bleibt unausgesprochen.

Diese Verwechslung von Gefühl mit Politik ist kein Ausrutscher. Wir haben sie hier in Variationen schon mehrfach gesehen: bei Behnkens „Welt mit Liebe fluten“, bei Becks selektiver Pazifismus-Bibelei, bei Buß‘ „Innerem Frieden durch Kontrollverlust“. Das Muster: Komplexe politische Probleme werden in die Sphäre des persönlichen Gefühls oder spirituellen Erlebens überführt, dort emotional bewirtschaftet und damit der eigentlichen Diskussion entzogen.

Die unfreiwillige Pointe

Verings stärkstes Argument ist eines, das sie ungewollt liefert. Ihre Flashmob-Geschichte handelt von wildfremden Menschen, die für einen Moment durch Musik verbunden sind und im Wunsch nach Frieden vereint. Das ist eine wunderschöne, säkulare Erfahrung. Sie braucht keinen Gott, keine Liturgie, keinen Bischof. Sie funktioniert auf einem Stadtplatz, in einem Konzertsaal, beim ESC-Public-Viewing – und eben auch zufällig auf einem Katholikentag, weil die zugrundeliegende menschliche Disposition zur emotionalen Verbundenheit durch Musik universell ist.

Anzeige

Du betest für mich - ich denke für dich - Stanley/Stella Unisex Bio-T-Shirt CRAFTER Pastelltürkis

Zum Produkt

jesus liebt dich nicht! - Tasse zweifarbig Weiß/Dunkelgrün

Zum Produkt

Du betest für mich - ich denke für dich - Stanley/Stella Unisex Bio-T-Shirt CRAFTER Tieforange

Zum Produkt

Die Pointe: Vering belegt mit ihrem eigenen Beispiel, dass das, was sie als kirchliches Pfund präsentiert, gar nichts spezifisch Religiöses hat. Die Geschichte würde mit einer Gewerkschaftskundgebung, einem Pride-Marsch oder einer Klima-Demo genauso funktionieren. Was die kirchliche Klammer beiträgt, ist nichts. Sie steht buchstäblich nur drum herum.

Das ist auch der entscheidende Unterschied zur säkular-humanistischen Position. Diese muss nicht behaupten, dass Frieden, Verbundenheit oder kollektives Singen ein religiöses Erbe oder eine kirchliche Spezialität wären. Sie kann offen sagen: Diese Bedürfnisse sind menschlich. Sie entstehen in religiösen wie in nicht-religiösen Kontexten. Und sie lassen sich ohne metaphysischen Überbau organisieren – etwa in Konzerten, Bürgerinitiativen, Demonstrationen, Kunstevents.

Was im Beitrag fehlt

Was in 90 Sekunden zum Katholikentag noch unterzubringen gewesen wäre, wenn man ehrlich kommunizieren wollte: dass die katholische Kirche in Deutschland seit Jahren Mitglieder im sechsstelligen Bereich pro Jahr verliert. Dass der Missbrauchsskandal – Stichwort MHG-Studie – nicht annähernd aufgearbeitet ist und die Opfer weiterhin mit billigen Abspeisungen verhöhnt werden. Dass die strukturellen Privilegien (Staatsleistungen, staatlich kofinanzierte theologische Fakultäten, Sonderarbeitsrecht) zunehmend in der Kritik stehen. Dass ein Katholikentag eine Großveranstaltung einer Institution in tiefer Legitimationskrise ist – und nicht einfach ein „friedliches Miteinander trotz aller Unterschiede“.

Stattdessen vergibt Vering 12 Punkte, lobt Vielfalt und Diversität, schickt einen Gruß an Barbara Schöneberger und reicht weiter nach Wien. Es ist ein perfekt zubereitetes weichgespültes Selbstvergewisserungsprogramm, das nach kirchlicher Großveranstaltung schmeckt, aber jeden religiösen Anspruch unter der Eurovision-Glasur versteckt.

Fazit

Verings ESC-Wort ist nicht etwa ein besonders schlechtes „Wort zum Sonntag“ – sondern ein besonders ehrliches. Es zeigt, wozu die Niedrigschwelligkeitsstrategie inzwischen führt: zu einer Verkündigungssendung, die auf Verkündigung verzichtet, weil sie weiß, dass die ehemals selbstverständliche religiöse Sprache beim Publikum nicht mehr trägt. Übrig bleibt eine Marketing-Vorschaltung, in der Kirche und Pop ineinander aufgelöst werden – mit dem Effekt, dass die Kirche kaum noch sichtbar ist und der Pop sie auch nicht braucht.

Wer eine säkular-humanistische Alternative sucht, findet sie ironischerweise in Verings eigener Anekdote. Wildfremde Menschen, ein Platz, ein Lied, ein gemeinsamer Wunsch nach Frieden, dann gehen alle wieder auseinander, „als wäre nichts gewesen“. Aber es war etwas passiert. Genau. Und es bedurfte keiner Kirche, keines Gottes und keiner zwölf Punkte dafür.

KI
PDF Beitrag als PDF öffnen

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wir haben, wenn nicht anders angegeben, keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

Neuester Kommentar