Kritik zum Impuls Stefan Buß: Gedanken zum Pfingstfestival in Hilders in der Rhön, veröffentlicht am 23.5.26 von Osthessennews
Darum geht es
Stadtpfarrer Stefan Buß bewirbt in seinem Pfingst-Impuls ein Festival, dessen Trägerorganisation in der Berichterstattung als „missionarisch und fundamental“ eingeordnet wird – und lässt dabei genau das aus, was Interessierte vor einer Anmeldung wissen sollten.Ein Impuls, der ein Werbetext ist
Der jüngste Beitrag von Stadtpfarrer Stefan Buß bei Osthessen News trägt die Überschrift „Gedanken zum Pfingstfestival in Hilders“ – und macht damit von Anfang an klar, dass es sich nicht um eine gewöhnliche geistliche Betrachtung handelt. Buß denkt nicht über Pfingsten nach (das hatte er im letzten Impuls getan), er bewirbt diesmal eine konkrete Veranstaltung. Sein Text mündet – gelogen, aber folgerichtig – in den Satz: „Gott spricht heute in Hilders.“
Dass ein Pfarrer für kirchliche Veranstaltungen wirbt, gehört zu seinem Berufsbild. Bemerkenswert ist die Form. Buß übernimmt nicht nur den Anlass, sondern die komplette Semantik der Veranstalter: das Festival als Ort, an dem „aus Angst Mut“ und „aus Stillstand Bewegung“ werde, das Leitwort „Siehe, ich mache alles neu!“, die Engführung von Pfingsten und Aufbruch. Wer die Festival-Website pfingsten.at danebenlegt, liest dort dieselbe Jahreslosung und dieselbe Erlebnis-Rhetorik. Verkündigung und Eventmarketing sind hier nicht mehr zu unterscheiden.
Auch der heutige Impuls liest sich wieder, als hätte Buß seine erzkatholisch-theologisch voreingestellte KI die Veranstalter-Seite inhaltlich zusammenfassen und sie daraus seinen Impuls stricken lassen. Praktisch für ihn: Wenn man eine KI anweist, bei solchen Tätigkeiten Sinnhaftigkeit und Wahrheit zu ignorieren, arbeitet sie nach dem BIBO-Prinzip: „Bullshit in – Bullshit out.“
Wer veranstaltet das Pfingstfest?
Auf der Veranstaltungsseite firmiert vor Ort der Poiema e.V. mit Sitz in Hilders. Im Kleingedruckten steht aber der entscheidende Hinweis: Das Pfingstfest ist „ein Projekt von“ der Loretto Gemeinschaft. Das Portal pfingsten.at bündelt deren „Pfingstfeste der Jugend“ an rund zwei Dutzend Standorten im deutschsprachigen Raum; Hilders ist einer davon.
Die Loretto Gemeinschaft wurde 1987 von Georg Mayr-Melnhof gegründet, der aus einer bekannten österreichischen Industriellenfamilie stammt. Die Bewegung führt sich selbst auf eine angebliche Marienbotschaft im bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje zurück – „Gründet Gebetskreise!“. Sie beschreibt ihre Spiritualität als „charismatisch, eucharistisch, marianisch, ökumenisch“ und ist seit 2017 von der Österreichischen Bischofskonferenz als private kirchliche Vereinigung anerkannt.
Schon der Ursprungsmythos verdient eine Anmerkung: Rom hat die Erscheinungen von Medjugorje bis heute nicht als übernatürlich anerkannt. Der Vatikan erlaubte 2024 zwar die Verehrung am Ort, stellte aber ausdrücklich klar, dass damit keine Aussage über die Echtheit der Erscheinungen getroffen sei. Eine Bewegung, die sich auf eine kirchlich gerade nicht beglaubigte Privatoffenbarung gründet, ist nichts Anrüchiges – aber es ist ein Punkt, den ein werbender Stadtpfarrer kennen und nennen sollte, ihn aber nicht erwähnt.
Was Buß nicht sagt
Buß zeichnet ein freundlich-unverbindliches Bild: ein Festival, das „Junge und Alte, Suchende und Glaubende, Zweifelnde und Begeisterte“ zusammenbringe. Ein offener Marktplatz der Begegnung also, an dem für jeden etwas dabei sei.
Die Fremdwahrnehmung der Trägerorganisation fällt anders aus. Die österreichische Tageszeitung Der Standard charakterisierte die Loretto-Bewegung als „missionarisch und fundamental“ und kaum von einer evangelikalen Gruppierung zu unterscheiden. Ein Religionssoziologe sprach bei Domradio von einem mediengerecht inszenierten „Vintage-Katholizismus“, in dem Jüngerschaft als Lifestyle vermarktet werde; in der Sexualmoral vertritt die Bewegung die strikte kirchliche Linie und lehnt Sexualität vor und außerhalb der Ehe konsequent ab. Das Salzburger Hochschulmagazin Unipress ging weiter und nannte die Aktiven „Pop-Fundamentalisten“; an den mehrmonatigen „Jüngerschaftsschulen“ wurde kritisiert, dass dort auch soziale Kontakte einer institutionellen Kontrolle unterlägen.
Man muss diese Einordnungen nicht für das letzte Wort halten. Aber zwischen Buß’ „Festival für Suchende und Zweifelnde“ und einer Bewegung, die als konservativ, bibeltreu und elitär beschrieben wird, klafft eine Lücke. Wer ein Angebot bewirbt, übernimmt eine Mitverantwortung dafür, dass das beworbene Bild dem realen Profil entspricht. Buß’ Impuls erfüllt diese Verantwortung nicht – er ersetzt das Profil durch Stimmung.
Die Mechanik des Festivals
Wer das Programm liest, erkennt eine durchdachte emotionale Dramaturgie. Lobpreis-Blöcke, ein „Abend der Barmherzigkeit“ im Fuldaer Dom mit Kerzenschein und Stille, schließlich am Sonntag die „Lebensübergabe – Gebet um den Heiligen Geist“. Die Teilnehmerstimmen auf der Website beschreiben das Ergebnis: das Gefühl, „überschüttet“ zu werden, eine „Kraft wie nie zuvor“, das Verschwinden von Zweifeln.
Genau hier liegt der eigentliche Kritikpunkt. Diese Erfahrungen sind subjektiv real – niemand bestreitet, dass Musik, Gemeinschaft, Erschöpfung und ritualisierte Inszenierung intensive Gefühle erzeugen. Aber das Festival präsentiert diese Gefühle als Beweis: als unmittelbares Wirken Gottes. Affektive Überwältigung tritt an die Stelle von Argument. Wer am Ende eines emotional dichten Wochenendes zur „Lebensübergabe“ schreitet, trifft keine geprüfte Entscheidung, sondern reagiert auf einen sorgfältig erzeugten Zustand. Dass die Veranstalter selbst betonen, der Schritt solle „ohne Druck“ geschehen, ändert daran wenig: Der Druck eines solchen Settings ist kein verbaler, sondern ein atmosphärischer.
Besonders genau hinzusehen lohnt sich beim Adressatenkreis. Mehrere der veröffentlichten Zeugnisse stammen von Jugendlichen – eine 15-Jährige berichtet, wie beim „Abend der Barmherzigkeit“ alle Zweifel „plötzlich weg“ gewesen seien; eine 17-Jährige schildert, sie habe den Heiligen Geist körperlich gespürt und Jesus neben sich sitzen sehen. Dass das Festival eigene Einverständnisformulare für unter 16- und unter 18-Jährige bereithält, zeigt: Minderjährige sind eine Zielgruppe, nicht ein Zufall. Ein Veranstaltungsformat, das junge Menschen gezielt in emotionale Ausnahmezustände führt und diese Zustände dann als Gottesbegegnung deutet, sollte mindestens kritisch begleitet werden – nicht von einem Stadtpfarrer beworben werden, ohne ein Wort über diese Dynamik zu verlieren.
Warum wirbt ausgerechnet der Stadtpfarrer?
Dass Buß dieses Festival nicht nur erwähnt, sondern ihm einen ganzen Impuls widmet und am Samstag selbst die Messe zelebriert, ist kein persönlicher Spleen, sondern institutionelle Logik.
Das Bistum Fulda ist unter Bischof Michael Gerber strukturell auf neue geistliche Bewegungen ausgerichtet. Gerbers gesamte kirchliche Laufbahn steht dafür: Er ist seit Kindheit in der Schönstattbewegung verwurzelt, war im Erzbistum Freiburg eigens Bischofsvikar für geistliche Gemeinschaften und Bewegungen, sein Wahlspruch lautet „Tecum in foedere“ – „Mit dir im Bund“. Loretto ist dabei die kirchlich anerkannte Variante solcher Bewegungen; unanerkannte Gemeinschaften behandelt dieselbe Diözesanleitung deutlich strenger, wie das Dekret gegen die Gemeinschaft „Geist und Sendung“ 2025 gezeigt hat. Dass der „Abend der Barmherzigkeit“ im Dom zu Fulda stattfindet, ist insofern Programm: Die Veranstaltung wird vom diözesanen Apparat getragen, nicht bloß geduldet.
Dahinter steht ein nüchtern benennbares Interesse. Eine Kirche mit anhaltendem Mitgliederschwund sucht nach Formaten, die junge Menschen emotional binden. Niedrigschwelligkeit – „Komm, wie du bist“ – ist dabei kein Widerspruch zu einem konservativen Kern, sondern die Eingangstür zu ihm. Buß’ Impuls ist ein Baustein dieser Strategie: ein vertrauter regionaler Absender, der eine überregionale Bewegung ins Wohnzimmer der O|N-Leserschaft trägt.
Eine säkular-humanistische Gegenüberstellung
Buß’ Grundbild lautet: Aufbruch, Neuanfang, Mut und Heilung seien Gaben einer „Gegenwartskraft“ namens Heiliger Geist. Eine säkular-humanistische Sicht widerspricht nicht den Erfahrungen, sondern ihrer Deutung.
Menschen brechen auf, finden Mut und beginnen neu – täglich, weltweit, in jeder Weltanschauung. Dafür braucht es keine übernatürliche Instanz, sondern Gemeinschaft, Zuspruch, Anlässe und die schlichte Tatsache, dass Veränderung möglich ist. Ein Festival, das Menschen zusammenbringt, leistet real etwas Gutes – die Erklärung dieses Guten als göttliches Eingreifen ist ein zusätzlicher, unbelegter Schritt, mit höchst problematischen bis hin zu lebensgefährlichen Implikationen.
Der zentrale Unterschied betrifft die Mündigkeit. Das Festival lädt zur „Lebensübergabe“ – zur Übergabe der Entscheidungshoheit an eine höhere Macht, vermittelt durch eine konkrete Organisation. Eine humanistische Haltung setzt umgekehrt auf das Behalten dieser Hoheit: Die schwierige, lebenslange Arbeit, die eigenen Überzeugungen selbst zu prüfen, ist anstrengender als ein Wochenende inszenierter Gewissheit – aber sie überlässt niemandem die Deutungshoheit über das eigene Leben. Und gerade Jugendliche verdienen Räume, die ihre Zweifel aushalten und ernst nehmen, statt sie in einer kerzenbeschienenen Nacht „plötzlich weg“ zu beten.
Fazit
„Siehe“, schreibt Buß am Ende, das heiße: „Schau hin. Achte darauf. Überseh es nicht.“ Der Rat ist gut – nur sollte er auch für die Veranstalter gelten. Wer ein Festival bewirbt, sollte hinschauen, wer dahintersteht, und es nicht übersehen.
Buß’ Impuls tut das Gegenteil: Er ersetzt das überprüfbare Profil einer konservativ-charismatischen Bewegung durch ein warmes, konturloses Bild von Aufbruch. Das ist keine geistliche Betrachtung. Das ist Werbung – für einen Anbieter hoffnungsvoller Illusionen auf Jugendfang.


















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