Gedanken zum Impuls Stefan Buß: „Komm, Heiliger Geist, der uns verbindet und Leben schafft“, veröffentlicht am 27.5.26 von Osthessennews
Darum geht es
Buß‘ Pfingst-Impuls beschreibt den Heiligen Geist so, dass sein Wirken grundsätzlich nicht überprüfbar ist – und schreibt zugleich ganz alltägliche menschliche Zuwendung einem übernatürlichen Akteur zu.Ein unverfänglich klingender Text – und seine blinden Flecken
Pünktlich zu Pfingsten greift Stadtpfarrer Stefan Buß bei Osthessen News das Motto der Renovabis-Novene auf: „Komm, Heiliger Geist, der uns verbindet und Leben schafft.“ Der Text klingt weichgespült, seelsorglich und über weite Strecken unverfänglich: Er wirbt für Versöhnung, Zuhören und das Aufeinander-Zugehen. Wer würde widersprechen wollen?
Gerade diese Zustimmungsfähigkeit ist jedoch der Grund, genauer hinzusehen. Denn die freundliche Oberfläche transportiert eine Reihe von Denkfiguren, die einer rationalen Prüfung nicht standhalten.
Der „leise“ Geist – eine unwiderlegbare Behauptung
Die zentrale Aussage des Textes lautet: Der Geist „drängt sich nicht auf, sondern wirkt leise – und doch kraftvoll“. Klingt demütig, ist aber erkenntnistheoretisch ein Problem. Denn diese Beschreibung immunisiert die Behauptung vollständig gegen jede Überprüfung.
Verändert sich etwas zum Guten, war es der Geist. Verändert sich nichts, hat er eben „leise“ gewirkt – oder man hat sich nicht „berühren lassen“. Es gibt keinen vorstellbaren Beobachtungsbefund, der die These widerlegen könnte. Eine Aussage, die mit jedem möglichen Ausgang vereinbar ist, erklärt jedoch nichts. Sie ist kein Erklärungsmodell, sondern eine nachträgliche Deutung, die sich an bereits Geschehenes anheftet.
Ein solcher „Geist“ wäre zudem nicht von allen beliebigen anderen „Geistern“ unterscheidbar, die man sich nur ausdenken und deren Existenz man behaupten kann.
Wenn Menschlichkeit zum Gottesbeweis wird
Eng damit verbunden ist eine zweite Figur: „Wo wir teilen, zuhören, uns einsetzen, dort wirkt der Geist Gottes.“ Hier wird alltägliches, zutiefst menschliches Verhalten – Hilfsbereitschaft, Empathie, Versöhnungswille – zum Wirken einer übernatürlichen Macht erklärt.
Das ist eine Vereinnahmung. Teilen, Zuhören und Einsatz für andere brauchen keine transzendente Quelle. Sie lassen sich als menschliche Fähigkeiten verstehen, die in sozialem Lernen, Erziehung und einer langen Evolutionsgeschichte kooperativer Lebewesen wurzeln. Säkulare Hilfsorganisationen leisten weltweit genau das, was Buß beschreibt – ohne den metaphysischen Überbau. Wer gute Taten zum Gottesbeweis erklärt, spricht den Menschen implizit ab, aus eigener Einsicht gut handeln zu können.
Eine Diagnose, die ihre eigene Lösung mitliefert
Der Text beginnt mit einer Zeitdiagnose: eine Welt „von Spannungen geprägt“, „Unterschiede werden schnell zu Gegensätzen“. Diese Beschreibung ist bewusst unscharf gehalten – und sie erfüllt einen rhetorischen Zweck. Sie erzeugt erst das Problem, dessen Lösung der Geist anschließend sein soll.
Aus säkularer Sicht ist diese Diagnose schon im Ansatz fragwürdig. Differenz und Interessenkonflikt sind in pluralen Gesellschaften kein Defekt, sondern Normalzustand. Sie werden nicht durch eine vereinigende Geistkraft bewältigt, sondern durch nüchterne, überprüfbare Mittel: Recht, Institutionen, Kompromiss, demokratische Aushandlung. Buß‘ Formel von der „Einheit in Vielfalt“ klingt versöhnlich, bleibt aber gerade dort vage, wo es konkret würde.
Das Eingeständnis im Gebet
Bemerkenswert ist eine Bitte fast am Ende: „Komm in unsere Kirche, damit sie glaubwürdig Zeugnis gibt.“ Das ist, kaum verhüllt, ein Eingeständnis der eigenen Glaubwürdigkeitskrise. Doch statt institutioneller Konsequenzen – Aufarbeitung, Strukturreform, Rechenschaft – wird die Lösung an einen übernatürlichen Akteur delegiert. Glaubwürdigkeit entsteht aber nicht durch Anrufung, sondern durch überprüfbares Handeln. Ein Gebet ersetzt keine Verantwortung.
Säkulares Fazit
Buß‘ Impuls endet mit einem klangvollen Dreischritt: Liebe stärker als Angst, Hoffnung stärker als Resignation, Gemeinschaft stärker als Spaltung. Das ist emotional ansprechend – aber es ist eine Affirmation, kein Argument. Es behauptet nur ein Ergebnis, ohne einen Weg dorthin zu zeigen.
Der humanistische Gegenentwurf ist unspektakulärer und ehrlicher: Brücken zwischen Menschen entstehen durch konkrete Arbeit – durch Zuhören, Kompromissbereitschaft, durch verlässliche Institutionen und durch Menschen, die füreinander einstehen.
Dafür ist kein „Heiliger Geist“ nötig. Es genügt der nüchterne Befund, dass wir aufeinander angewiesen sind – und die Bereitschaft, daraus selbst die Konsequenzen zu ziehen.

















Bitte beachte beim Kommentieren: