Buß‘ „Herzzeit“: Kaffee, Kuchen und ein optionaler Gott

Lesezeit: ~ 3 Min.

Gedanken zum Video-Clip Stefan Buß: Bericht von der Hessentagsstraße – Herzzeit in der Severikirche, veröffentlicht am 17.6.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Buß‘ vierter „Im Herzen eins“-Beitrag ist kein Impuls mehr, sondern ein Werbespot für ein Kirchenangebot, der seinen eigenen Köder offenlegt: Ruhe, Kaffee und eine Kinderecke ziehen – „unabhängig davon, ob man aus religiöser Motivation kommt“ –, womit der Text selbst beweist, dass das Verbindende menschlich und das Religiöse verzichtbar ist.

Vom Impuls zum Werbespot – der vierte Akt

Vier Texte, eine Tonleiter abwärts. Am 6. Mai hat Stadtpfarrer Stefan Buß das Hessentags-Motto „Im Herzen eins“ noch theologisch grundiert; am 10. Juni hat er der Vorfreude eine sakrale Temperatur verpasst; am 13. Juni meldete er sich als Erlebnisbericht aus der „Hessentagskirche“. Nun, mitten im Fest, folgt der vierte Beitrag – und er argumentiert nicht mehr, er stimmt nicht mehr ein, er bewirbt. Aus dem Impuls ist ein Werbespot geworden.

Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern Genrebefund. Der Text beschreibt ein konkretes Angebot – die „Herzzeit“ in der Severikirche an der Hessentagsstraße – in der Sprache eines Prospekts: „wohltuende Ruhe“, „Atmosphäre des Ankommens“, ein „freundliches Welcome-Team“, dahinter das „Antonius-Café“ mit dem „Duft von frisch gebrühtem Kaffee“, Kuchen und einer „liebevoll gestalteten Kinderecke“. Verbreitet wird dieser Spot von Osthessen|News, das auf eigener Seite als „offizieller Medienpartner“ des Hessentags firmiert. Ein Medienpartner reicht das Produktvideo der Kirchen als redaktionellen „Impuls“ weiter – die Grenze zwischen Verkündigung und Werbung ist hier nicht mehr unscharf, sie ist aufgehoben.

„Unabhängig von religiöser Motivation“ – die offen deklarierte Niedrigschwelligkeit

Der entscheidende Satz steht beiläufig mitten im Text:

„Es sind kleine Gesten, ein Lächeln, ein leiser Hinweis, die dafür sorgen, dass sich jede und jeder willkommen fühlt. Unabhängig davon, ob man aus religiöser Motivation kommt oder einfach eine Pause sucht.“

Man lese das genau: Die religiöse Motivation wird nicht etwa vorausgesetzt, sondern ausdrücklich für entbehrlich erklärt. Wer „einfach eine Pause sucht“, ist genauso adressiert. Das ist Niedrigschwelligkeit in Reinform – und sie ist hier nicht versteckt, sondern wirbt mit sich selbst.

Nimmt man die Bestandteile des Angebots ernst, bleibt vom Religiösen wenig übrig. Was angepriesen wird, ist eine Liste profaner Annehmlichkeiten: durchatmen, sitzen, die Augen schließen, sanfte Klänge, ein Lächeln, Kaffee, Kuchen, ein Spielbereich für die Kinder. Das Gebet erscheint als eine Option unter mehreren – „andere verweilen im Gebet oder lassen einfach die besondere Stimmung auf sich wirken“. Eine Heilsbotschaft kommt nicht vor; sie wäre an dieser Schwelle auch hinderlich. Das Produkt heißt Ruhe und Gastfreundschaft, das Etikett heißt Kirche.

Die vereinnahmte Ruhe – und die Gegenwelt zum eigenen Fest

Stille, Innehalten, ein freundlicher Empfang, ein Ort für Familien: Das sind allgemein menschliche Güter. Der Text macht aus ihnen eine „Herzzeit“, eine „Auszeit fürs Herz“ – und verleibt damit einer universellen Erfahrung ein konfessionelles Markenzeichen ein. Es ist dasselbe Muster der Vereinnahmung, das die Achtsamkeits-Rhetorik schon kennt: ein menschliches Bedürfnis wird etikettiert, bis es wie ein religiöses Eigengewächs aussieht.

Im Glauben uneins - im Herzen eins

Dazu kommt eine geschickte Kontrastdramaturgie. Draußen herrschen „Musik, Stimmengewirr und bunte Eindrücke“, „Trubel“ und „Tempo“; drinnen wartet die Ruhe. Die Kirche inszeniert sich als Gegenwelt – als Refugium vor genau jenem Landesfest, das sie selbst mitgestaltet.

Dieselben Kirchen ziehen mit einem Wagen im Festzug mit, bespielen Bühnen und betreiben eine „Segensgondel“ im Riesenrad; sie sind also Teil des Trubels, von dem sie zugleich die Erholung verkaufen. Und die als „ganz bei sich“ angepriesene Echtheit ist eine durchgestaltete Kulisse: „sanfte Klänge“, „behutsame Wortkunst“, eine „liebevoll gestaltete Kinderecke“. Inszenierte Gelassenheit, die sich als Authentizität ausgibt.

Die säkular-humanistische Gegenposition

Der Werbetext liefert seine eigene Widerlegung mit. Wenn das Angebot ausdrücklich auch ohne jede religiöse Motivation „funktioniert“, dann ist damit gesagt: Was hier zieht, ist nicht das Christliche, sondern das Menschliche. Ruhe, ein freundliches Wort, ein Kaffee mit der Familie, ein Platz, an dem Kinder spielen können – dafür braucht es keine Heilsbotschaft und keine Konfession.

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Eine säkulare Gesellschaft schafft solche Räume längst und überall, ohne sie an ein Bekenntnis zu koppeln: in Bibliotheken und Parks, in Cafés und Nachbarschaftstreffs, in weltlichen Begegnungs- und Hospizdiensten. Niemand muss „sein Herz prüfen“, um eine halbe Stunde durchzuatmen. Der säkulare Humanismus bejaht die Güter, die hier angeboten werden – Stille, Gastfreundschaft, Zugewandtheit –, und verwirft nur die Verpackung, die sie einer Marke und einem Glaubensanspruch zuschlägt.

Bleibt der strukturelle Rahmen, der nüchtern zu benennen ist: Eine steuerlich und rechtlich privilegierte Institution wirbt auf einem öffentlich mitfinanzierten Landesfest mit niedrigschwelliger „Auszeit“. Als Gastfreundschaft ist das sympathisch; ehrlich wäre, es auch als das zu bezeichnen, was es zusätzlich ist – Relevanz- und Nachwuchswerbung. Diese Offenheit würde nichts kosten.

„Echtheit wiegt mehr als Perfektion“, hat Buß zwei Tage zuvor geschrieben. Echt wäre, das Angebot zu nennen, was es ist: ein freundlicher Ort der Ruhe, der ohne das Etikett genauso gut funktionieren würde. Genau das sagt dieser Text – nur ohne es sagen zu wollen.

Belege / Quellen

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