Kommentar zum Beitrag Stefan Buß: Erlebnisse aus der Hessentagskirche – Die Herzmitte, veröffentlicht am 13.6.26 von Osthessen-News
Darum geht es
Buß’ dritter „Im Herzen eins“-Impuls ersetzt Verkündigung vollständig durch Stimmung – und die als ökumenische „Einheit“ gefeierte Premiere ist in Wahrheit das Eingeständnis, dass ausgerechnet die Religion trennt, während das Verbindende – Musik, Nähe, Stille – zutiefst menschlich und gar nicht spezifisch christlich ist.Es ist der dritte Akt. Am 6. Mai hat Stadtpfarrer Stefan Buß das Hessentags-Motto „Im Herzen eins“ erstmals theologisch grundiert, am 10. Juni hat er der Vorfreude eine sakrale Temperatur verpasst, und nun, zur Eröffnung, meldet er sich aus der „Hessentagskirche“ selbst – als Erlebnisbericht. Die Entwicklung über die drei Texte ist bemerkenswert: Aus dem Argument ist erst Vorfreude geworden und jetzt reine Atmosphäre. Mit jedem Text gibt es weniger zu begründen und mehr zu fühlen.
Der jüngste Impuls lässt sich gut zusammen mit dem Eröffnungsbericht von Osthessen|News vom 12. Juni lesen, der die institutionelle Rahmung liefert, die Buß elegant ausspart. Beide Texte zusammen ergeben ein erstaunlich klares Bild – nur ein anderes, als es die Verfasser beabsichtigen.
„Erstmals gemeinsam“ – die Einheit als Eingeständnis der Spaltung
Der O|N-Bericht formuliert den entscheidenden Satz selbst, ganz ohne kritische Absicht: Erstmals trügen die katholische und die evangelische Kirche das Projekt gemeinsam. Hinter der Hessentagskirche stehen das Bistum Fulda, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau – zum ersten Mal mit einem gemeinsamen Programm.
Dieses „erstmals“ ist der eigentliche Befund. Man feiert nicht als Premiere, was immer schon eins war. Eine Einheit, die im Jahr 2026 zum ersten Mal als gemeinsames Festprogramm möglich wird, ist das Gegenteil eines Naturzustands: Sie ist die mühsam errungene Ausnahme von einer ansonsten fortbestehenden Trennung. Das gefeierte „eins“ ist nicht der Normalfall, sondern das seltene, offenbar erst jetzt nicht mehr länger vermeidbare Ereignis – und genau dadurch entlarvt es sich.
Wie tief diese Trennung reicht, lässt sich an der zentralsten Handlung beider Kirchen ablesen: dem Abendmahl. Katholiken und Protestanten können bis heute nicht gemeinsam Eucharistie und Abendmahl feiern; die offizielle katholische Lehre lehnt eine generelle Interkommunion ab. Es ist nicht etwa ein säkularer Kritiker, der das zuspitzt, sondern der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz selbst: Georg Bätzing nannte es im November 2024 das tiefste sichtbare Zeichen der Zerrissenheit, dass beide Kirchen bislang eben nicht gemeinsam an einen Tisch treten können.
Damit steht das Motto auf dem Kopf. Ausgerechnet am Herzstück des Glaubens sind die „im Herzen eins“ Vereinten demonstrativ nicht eins. Bischöfin Hofmann sagt in der Eröffnung, Menschen erlebten dort, wo sie einander zuhörten, dass sie im Herzen eins seien – aber Zuhören ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit, keine konfessionelle. Was die beiden Kirchen real verbindet, ist das Menschliche; was sie trennt, ist das Religiöse. Die Behauptung dreht beides um.
Die strukturelle Mechanik dieser „weichgespülten Einheit“ – die Vereinnahmung der Sehnsucht, die ausgeblendete Eucharistiefrage, die Delegation ans Gebet – habe ich im Mai-Beitrag ausführlich beleuchtet. Hier interessiert die nächste Stufe: Was passiert, wenn das Argument ganz wegfällt?
Vom Argument zur Atmosphäre: die Erlebnisreligion in der Hessentagskirche
Der aktuelle Impuls argumentiert nicht mehr – er choreografiert. „Klang, Licht und Emotion“, ein „pulsierendes Zentrum“, und ausdrücklich:
„Alles scheint darauf ausgerichtet, das Herz zu berühren.“
Bezeichnend ist die Rolle, die Buß der Musik zuweist. Ravels „Bolero“ steigere sich unaufhaltsam, bis er sich „in einen modernen Popsong verwandelt“ – „ein Moment, der unter die Haut geht“. Nur: Der „Bolero“ ist ein durch und durch weltliches Konzertstück, eine bewusst mechanische Studie über Wiederholung und ein langes Crescendo. Das, was hier „unter die Haut geht“, ist die Wirkung einer Orchestrierung und einer Tonanlage – nicht die Kraft einer theologischen Aussage. Die Ergriffenheit ist gemacht, und sie wäre in einem Konzertsaal exakt dieselbe.
Buß räumt den Mechanismus sogar selbst ein. Über die biblischen Inszenierungen schreibt er:
„Es sind keine fernen biblischen Erzählungen mehr – sie wirken lebendig, greifbar und irgendwie ganz persönlich.“
Das ist ein erstaunliches Geständnis. Die Erzählungen waren fern; erst die multimediale Inszenierung macht sie „greifbar“. Das Medium leistet, was die Botschaft aus eigener Kraft nicht mehr leistet. Die Überzeugungsarbeit ist von der Wahrheitsbehauptung in die Produktionstechnik abgewandert.
Damit setzt sich eine Linie fort, die sich quer durch die Impuls-Serie zieht. Beim Mai-Text griff der Test „Streiche die Theologie – bleibt der Text stehen?“. Beim Vorfreude-Impuls vom 10. Juni griff die schärfere Variante: „Streiche den Anlass.“ Hier greift die nächste: Streiche das Etikett.
Der Austauschbarkeitstest
Man nehme das von Buß beschriebene Programm und entferne die wenigen sakralen Vokabeln. Übrig bleibt: eine immersive Lichtinstallation, eine Live-Performance, ein Orgelkonzert „von barock bis modern“, eine Bläserserenade unter freiem Himmel, ein ruhiger Ausklang mit Musik und Worten. Das ist – Wort für Wort – die Beschreibung einer erstklassigen säkularen Kulturveranstaltung: einer Langen Nacht der Museen, einer immersiven Lichtkunst-Schau, eines Konzertabends.
Auch die „Früchte“, die Buß ernten will, sind durchweg allgemein menschlich. „Loslassen, reflektieren, einfach sein“, ein „Gefühl von Verbundenheit“, ein „ruhiges, weites Herz“: All das setzt keine Konfession voraus, keine Taufe und keinen Glaubenssatz. Es sind Erfahrungen, die Menschen in Konzerten, in Wäldern, in der Meditation oder am Meer ebenso machen. Sie als spezifisch religiösen Ertrag zu verbuchen, ist genau jene Vereinnahmung, die auf diesem Blog wiederholt benannt wurde: Universal Menschliches wird als christliche Gabe etikettiert.
Am deutlichsten wird es in Buß’ eigener Formulierung über die Posaunenserenade: Für einen Augenblick entstehe Gemeinschaft –
„ganz ohne Worte.“
Eben. Ohne Worte, ohne Dogma, ohne Bekenntnis. Die Gemeinschaft bildet sich um die Musik, um das gemeinsame Innehalten, um die schlichte Tatsache, dass Menschen beieinanderstehen. Das ist der säkulare Untergrund, der die Arbeit verrichtet – nicht der theologische Überbau, der ihm im Nachhinein zugeschrieben wird.
Werbung statt Verkündigung – und eine leise politische Behauptung
Der Impuls endet, wie eine Anzeige endet:
„Komm doch einfach Mal vorbei!“
Das ist kein Zufall des Tonfalls. Der Text erscheint auf der Hessentags-Sonderseite von Osthessen|News, dem „offiziellen Medienpartner“ des Landesfests, eingerahmt von Sponsorenlogos. Die offizielle Kampagnenseite der Kirchen schließt mit derselben Geste – „Kommen Sie vorbei … erleben Sie“. Und der O|N-Eröffnungsbericht selbst ist reine Hochglanz-PR: Politiker zeigen sich „tief beeindruckt“, der Abend „berührt“, eine kritische Stimme kommt nicht vor. Was hier als geistlicher Impuls auftritt, ist der Form nach Eventmarketing.
Interessanter als das Werbliche ist eine Behauptung, die sich unter dem guten Gefühl versteckt. Ministerpräsident Rhein (CDU) adelt die kirchliche Kooperation als gesellschaftliches Vorbild, und Bischof Gerber erklärt das „gemeinsame Fundament“ der Kirchen zu der Botschaft, „die unsere Gesellschaft aktuell braucht“. Das ist alles andere als selbstverständlich. Das tragfähige gemeinsame Fundament einer pluralen Gesellschaft sind das Grundgesetz und geteilte humanistische Werte – nicht ein konfessionelles Bekenntnis. Diese Gleichsetzung als feel-good-Konsens zu servieren, überspringt genau die Frage, um die es eigentlich ginge.
Zumal die Mehrheitsverhältnisse längst gekippt sind. Ende 2025 gehörten nur noch 43,8 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen an – 23,0 Prozent katholisch, 20,8 Prozent evangelisch. Bereits 2024 stellten die Konfessionsfreien erstmals einen größeren Anteil als beide Kirchen zusammen; 2025 traten rund 657.000 Menschen aus. Vor diesem Hintergrund erscheint die „Herzmitte“ in einem nüchternen Licht: Wo die überzeugungsbasierte Bindung erodiert, tritt das inszenierte Erlebnis an ihre Stelle. Der „Erlebnisraum“ ist, strukturell betrachtet, eine Antwort auf leere Bänke – Stimmung als Ersatz für Zustimmung.
Was tatsächlich verbindet
Die schönste Pointe liefert der O|N-Bericht zum Schluss selbst. Eine Besucherin bringe die Botschaft des Abends auf den Punkt:
„Uns verbindet mehr als uns trennt.“
Das ist ein zutiefst humanistischer Satz – nur trifft er das Gegenteil dessen, was er belegen soll. Was die Menschen an diesem Abend verbindet, ist das Menschliche: die gemeinsame Freude, die Musik, die Region, der Wunsch nach Frieden, das Beieinanderstehen ohne Worte. Was sie als Katholiken und Protestanten trennt, ist das Religiöse: das Sakrament, die Lehre, die Wahrheitsansprüche. „Mehr verbindet als trennt“ stimmt – aber nur, weil das Verbindende eben nicht das Konfessionelle ist.

Diese Haltung ist auch keine Minderheitenposition. Eine repräsentative fowid-Befragung von 2025 zeigt: 76 Prozent der Befragten finden, moralische Entscheidungen sollten auf Vernunft und Mitgefühl beruhen – nicht auf göttlichen Geboten. Das „weite Herz“, das Buß herbeisehnt, ist längst die ethische Voreinstellung einer säkularen Mehrheit, ganz ohne theologischen Apparat.
Ein wirklich umfassendes „Im Herzen eins“ wäre deshalb ein säkulares. Es würde Katholiken, Protestanten, Muslime, Pastafari und die rund die Hälfte der Hessen, die keiner Kirche angehören, auf dem einzigen Boden vereinen, der allen gemeinsam ist: dem Menschsein. Genau das aber kann Buß’ Version nicht leisten. Sie führt die Einheit, wie schon der Mai-Text zeigte, über die Bedingung „wenn wir uns von Christus berühren lassen“ – und schließt damit per Definition die Mehrheit der Festbesucher aus. Das Motto verspricht Offenheit für alle und liefert die Selbstvergewisserung einer Gruppe.
Die Herzmitte ist ein schöner Raum, und die Musik dürfte hervorragend sein. Man darf das alles genießen. Nur: Was dort bewegt, ist menschlich – und es würde keinen Deut weniger bewegen ohne die Behauptung, ein bestimmter Gott sei seine Quelle. Die ehrliche Fassung des Mottos streicht das „im Glauben“. Übrig bleibt dann etwas viel Größeres: Menschen, die einander zuhören.
Belege
- Stefan Buß: „Erlebnisse aus der Hessentagskirche – Die Herzmitte“, Impuls vom 13. Juni 2026, Osthessen|News. [URL ergänzen]
- Constantin von Butler: „‚Im Herzen eins‘: Hessentagskirche feierlich gestartet – Ein Zeichen der Einheit“, Osthessen|News, 12. Juni 2026: hessentag.osthessen-news.de
- Stefan Buß: „Im Herzen eins“, Impuls vom 6. Mai 2026, Osthessen|News: osthessen-news.de
- Offizielle Kampagnenseite der Kirchen: im-herzen-eins.info
- Zur fehlenden Abendmahls-/Eucharistiegemeinschaft und zur Position von DBK-Vorsitzendem Georg Bätzing (November 2024): katholisch.de
- Kirchenmitgliedschaft Ende 2025 (43,8 %; 23,0 % kath., 20,8 % ev.; rd. 657.000 Austritte), fowid – Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland: fowid.de
- fowid-Studie „Elf Fragen zu Staat – Gesellschaft – Weltanschauung 2025“ (76 % für Vernunft und Mitgefühl statt göttlicher Gebote): hpd.de
- Eigener Beitrag zum Mai-Impuls: „Im Herzen eins“ – Buß und die Mechanik der weichgespülten Einheit
- Eigener Beitrag zum Vorfreude-Impuls (10. Juni): Buß fiebert – über die sakrale Aufladung des Belanglosen

















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