Wasser, Würde, Weihrauch: Wie ein Duschmobil zum Beleg für ein Dogma wird

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Magdalena Kiess erzählt im „Wort zum Sonntag“ von einem Duschmobil für obdachlose Frauen – und verwendet diese sehr konkrete, sehr weltliche Hilfe als Beleg für ein Dogma von 1950, das mit der Würde dieser Frauen nichts zu tun hat.

Magdalena Kiess, Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin und seit November 2024 Sprecherin im „Wort zum Sonntag“, hat für den 15. August eine schwierige Aufgabe: Mariä Aufnahme in den Himmel erklären, ohne dass es nach Legende klingt. Sie weiß das und sagt es gleich zu Beginn: „Klingt für viele nach Legende und bisschen zu viel Weihrauch. Kann ich sogar verstehen. Deshalb fange ich woanders an.“

Ehrlich gesagt und rhetorisch klug – und zugleich das Eingeständnis, dass der Feiertag aus eigener Kraft nichts mehr trägt. Was ihn tragen soll, ist ein Wohnmobil in Berlin.

Die Geschichte, die der Text nicht ganz erzählt

Das Projekt gibt es wirklich, und es ist gut. Das Duschmobil für Frauen fährt seit August 2019 durch Berlin, montags bis freitags an sieben wechselnden Standorten: Dusche, Handtücher, Hygieneartikel, Beratung – und tatsächlich eine abschließbare Tür. Der Leitspruch lautet, wie Kiess korrekt zitiert: „Wasser. Würde. Wohlbefinden.“

Zwei Angaben fehlen im Beitrag. Erstens: Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Berlin – ein katholisches Werk, also aus Kiess’ eigenem kirchlichen Umfeld. Sie erzählt es anonym: „Die Frauen, die das Duschmobil organisieren.“ Das ist bescheiden, verändert aber die Dramaturgie: Die Geschichte wirkt wie ein Fund aus der Welt, zu dem die Theologie erst hinzutritt – während die Kirche von Anfang an im Bild war.

Zweitens: Bezahlt wird das Ganze nicht vom Himmel. Gefördert wird das Duschmobil laut Träger von der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales, dazu kommen Mittel von Aktion Mensch, Spenden und Eigenmittel. Kiess schließt mit dem Satz: „Nichts blüht ohne Wasser, kein Kraut, keine Blume, kein Mensch.“ Richtig. Nur kommt dieses Wasser aus einem Sozialetat, den Steuerzahlende jeder und keiner Konfession finanzieren.

„In der Bibel finden wir ihn nicht direkt“

Die entscheidende Weichenstellung des Beitrags ist ein einziges Wort lang: „In der Bibel finden wir ihn nicht direkt.“ „Nicht direkt“ suggeriert indirekte Hinweise, Andeutungen, eine Spur. Die gibt es nicht. Kein Evangelium, kein Brief, keine Apostelgeschichte erwähnt eine Aufnahme Mariens in den Himmel. Die ältesten Erzählungen stehen in apokryphen „Transitus“-Schriften des 4. bis 6. Jahrhunderts. Verbindliche Glaubenslehre wurde die Sache am 1. November 1950, als Pius XII. definierte, Maria sei „nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen“ worden (Katechismus, Nr. 966) – die einzige Lehrentscheidung, die seit 1870 ausdrücklich ex cathedra ergangen ist. Die Einzelheiten dazu haben wir heute bereits am Impuls des Fuldaer Stadtpfarrers Stefan Buß durchgespielt.

Aufschlussreich ist, wie Kiess mit dem fehlenden Beleg umgeht. Sie benennt ihn – „eine Legende erzählt“ –, und im nächsten Satz arbeitet die Legende bereits als Argument: „Dieses Bild vom leeren Grab will sagen: Gott hat sie ganz zu sich genommen.“ Ein Bild kann nichts sagen wollen; sagen wollen es Menschen, die es erfunden haben. Zwischen „so wird erzählt“ und „das bedeutet“ liegt in diesem Text kein einziger Prüfschritt.

Der Fehler in der Mitte: eine Ausnahme, universalisiert

Das Scharnier des Beitrags ist der Satz: „Und was für Maria gilt, gilt für jeden Menschen.“ Hier bricht die Argumentation an ihrer wichtigsten Stelle zusammen. Das Dogma von 1950 ist nämlich eine Ausnahmebehauptung: Es sagt gerade nicht, dass Menschen leiblich in den Himmel aufgenommen werden, sondern dass eine einzige es wurde – deshalb ist es ein Fest für sie und nicht für alle. Entweder gilt die Aufnahme exklusiv für Maria, dann folgt aus ihr für die Frauen im Duschmobil exakt nichts. Oder sie gilt für jeden Menschen, dann war das Dogma überflüssig. Kiess nimmt beides gleichzeitig in Anspruch: die Feierlichkeit des Einmaligen und den Trost des Allgemeinen.

Dazu passt der Übergang, der keiner ist: „Und da bin ich wieder bei diesem bisschen komplizierten Feiertag.“ Von der Dusche zum Dogma führt kein Argument, sondern eine Assoziation – Wasser, Blumen, Aufblühen. Man kann jeden Satz über die Würde obdachloser Frauen streichen, ohne dass das Dogma schwächer würde, und man kann das Dogma streichen, ohne dass die Frauen weniger Anspruch auf eine Dusche hätten.

Der Tempel, der einem nicht gehört

Als biblische Absicherung der Menschenwürde zitiert Kiess: „In der Bibel steht: Euer Leib ist ein Tempel.“ Daraus wird: „Da wohnt etwas Heiliges in dir, egal wie du aussiehst, egal ob du krank bist, egal wo du schläfst.“

Die Stelle ist 1 Kor 6,19, und sie steht in einem Kapitel über Sexualmoral. Vers 18 lautet: „Meidet die Unzucht!“ Der zitierte Vers geht vollständig so: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden.“

Der Satz ist keine Würdegarantie, sondern eine Verfügungsbeschränkung. Paulus begründet nicht, dass der eigene Körper unantastbar ist, sondern dass man mit ihm nicht machen darf, was man will, weil er einem anderen gehört. Aus genau dieser Leibtheologie leitet die katholische Kirche bis heute ihre Positionen zu Sexualität, Empfängnisverhütung und Selbstbestimmung am Lebensende ab. Kiess zitiert die erste Hälfte und lässt die Eigentumsklausel weg.

Der säkulare Gegenentwurf ist hier überlegen, weil er weniger voraussetzt. Artikel 1 des Grundgesetzes benötigt keinen einwohnenden Geist: Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil er Mensch ist – nicht verliehen, also auch nicht entziehbar, und einklagbar. „Da wohnt etwas Heiliges in dir“ ist ein schöner Satz, aber er hängt an einer Prämisse, die man erst glauben muss; wer sie nicht glaubt, stünde konsequenterweise ohne Würde da. Genau das will Kiess ersichtlich nicht sagen. Sie hat nur – berufsbedingt notgedrungen – die schwächere Begründung gewählt.

Das Magnificat und die Institution, die es vorträgt

„Ziemlich politisch“ nennt Kiess das Magnificat, in dem Gott „Mächtige vom Thron stürzt und Niedrige erhöht“. Das stimmt – nur sollte man fragen, wer den Text vorträgt: eine absolute Wahlmonarchie mit einem Souverän auf Lebenszeit, in der nach can. 1024 CIC gilt: „Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.“

Damit ergibt sich die Pointe des Festtags von selbst: Eine Frau wird mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen – an den Altar ihrer Kirche darf sie nicht. Kiess betont, Maria sei „jung, arm, ohne Einfluss“ gewesen, und ausgerechnet auf sie schaue Gott. Genau dieses Marienbild war jahrhundertelang das Programm, mit dem Frauen Demut und Zurückhaltung nahegelegt wurden. Eine Institution, die eine Frau in den Himmel erhebt und keine ins Amt, hat am Magnificat kein Vorbild, sondern ein Problem.

Was der Beitrag über Wohnungslosigkeit nicht sagt

Kiess beschreibt die Lage präzise: geschlossene Notunterkünfte, Hitze, zu wenig Wasser, kein Ort zum Waschen, „ohne dass jemand zuschaut“. Was fehlt, ist jeder Hinweis darauf, dass diese Lage hergestellt und damit auch abstellbar ist.

Zum Stichtag 31. Januar 2025 waren in Deutschland 474.700 wohnungslose Personen untergebracht, acht Prozent mehr als im Jahr zuvor; 42 Prozent davon weiblich, allein in Berlin 53.600 Menschen. Frauen sind überproportional verdeckt wohnungslos – rund 40 Prozent dieser Gruppe –, weil sie bei Bekannten unterkommen oder Zweckbeziehungen eingehen, um nicht auf der Straße zu schlafen. Die Bundesregierung hat am 24. April 2024 einen Nationalen Aktionsplan beschlossen, der Wohnungslosigkeit bis 2030 überwinden soll. Ob er das tut, entscheidet sich an Wohnungsbau, Mietrecht, Präventionsstellen und Gewaltschutz – nicht an Feiertagen.

Das Duschmobil versorgt bis zu fünf Frauen am Tag – für diese fünf ist es sehr viel. Der Einwand richtet sich nicht gegen das Projekt, sondern gegen eine Erzählung, die eine Notversorgung zum Gleichnis erhebt, statt sie zu benennen als das, was sie ist: ein Behelf, den es nur braucht, weil das Eigentliche fehlt.

Anzeige
Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Männer Premium Bio Hoodie Taupe

Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Männer Premium Bio Hoodie Taupe

Zum Produkt
Theologie: Des Kaisers neue Kleider - Männer Slim Fit T-Shirt Rot

Theologie: Des Kaisers neue Kleider - Männer Slim Fit T-Shirt Rot

Zum Produkt
Du betest für mich - ich denke für dich - Kochschürze Weiß

Du betest für mich - ich denke für dich - Kochschürze Weiß

Zum Produkt

„Dann ohne das für einen Moment“

Am deutlichsten wird die Umleitung am Schluss. Eine Frau fühlt sich nach der Dusche „wie neugeboren“ – „für einen Moment“. Und dann: „Genau das hat Gott mit uns allen vor: Dass wir aufblühen, hier in diesem Leben und einmal ganz bei ihm. Dann ohne das für einen Moment.“

Die Struktur ist bemerkenswert. Das Problem – Würde nur auf Zeit, zwanzig Minuten hinter einer abschließbaren Tür – wird korrekt benannt, die dauerhafte Lösung angekündigt, aber ins Jenseits verlegt. Was auf Erden bleibt, ist die Wiederholung des Provisoriums: „Ab Montag ist es wieder für sie unterwegs.“ So erhält der Zustand, den man ändern müsste, eine Bedeutung, die ihn erträglicher macht.

Dazu kommt die Rollenverteilung. In der gesamten Geschichte handeln Menschen: Sie bauen ein Wohnmobil um, sie fahren es, sie legen Handtücher bereit, ein Senat überweist Geld. Gott „sieht, was in uns blühen kann“. Sehen ist die einzige Tätigkeit, die ihm im Text zugeschrieben wird – und sie ist folgenlos. Wer die Kausalkette dieser Geschichte aufschreibt, kann ihn streichen, ohne dass eine einzige Frau ungeduscht bliebe.

A propos sehen: Das Duschmobil verspricht den Frauen eine Tür, die sich von innen absperren lässt – zwanzig Minuten, in denen niemand zuschaut. Zwei Absätze später sieht Gott, „was in uns blühen kann“. Der Riegel hält Passanten ab, nicht den Allwissenden. Der einzige unbeobachtete Ort im Leben dieser Frauen wird ausgerechnet von dem Angebot wieder geöffnet, das ihn geschaffen hat.

Was übrig bleibt

Wahr ist der Kern: Ob und wie ein Mensch duschen kann, ist keine Kleinigkeit. Wasser, Würde und Wohlbefinden gehören zusammen. Das hat der Sozialdienst katholischer Frauen in drei Wörtern formuliert, und es braucht keine Ergänzung.

Überflüssig ist die Behauptung, dass dahinter eine leibliche Aufnahme Mariens stehen müsse, damit es gilt. Es gilt ohnehin. Die Würde dieser Frauen ist nicht 1950 in Rom definiert worden, sondern 1949 in Bonn – und, was mehr zählt, sie wird jeden Werktag in Berlin praktisch hergestellt, von Menschen mit einem Wasseranschluss.

„Da blüht uns was“, sagt Kiess am Ende, „das sagen wir sonst nur, wenn was Schlimmes kommt. Am Festtag heute ausnahmsweise nicht.“ Ein hübsches Wortspiel. Aber was den Frauen blüht, entscheidet sich nicht an einem Festtag. Es entscheidet sich an Wohnungen, Rechtsansprüchen und Etats – an Dingen, die überprüfbar sind, verbesserbar und einklagbar. Ein leeres Grab ist keines davon.

Sources: duschmobil.berlin · SkF Berlin · katholisch.de zu Kiess · Destatis, Wohnungslose Jan. 2025 · Bundestag hib zu wohnungslosen Frauen · Nationaler Aktionsplan · 1 Kor 6 (EU) · KKK 966 · can. 1024 CIC

KI
PDF Beitrag als PDF öffnen

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen (auch wenns manchmal schwer fällt...).
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wir haben, wenn nicht anders angegeben, keinen materiellen Nutzen von verlinkten oder eingebetteten Inhalten oder von Buchtipps.

Neuester Kommentar