Beschlossene Himmelfahrt: Wie ein Dogma von 1950 zum Fest der Hoffnung wird

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Stefan Buß feiert die leibliche Aufnahme Mariens als „Fest der Hoffnung“ – und verschweigt, dass es dafür keinen einzigen biblischen Beleg gibt und die Kirche das Ereignis erst 1950 per Dekret zur Glaubenspflicht erklärt hat. Und natürlich ist die versprochene Hoffnung nichts weiter als ein rein fiktiver (Selbst-)Betrug.

Zum katholischen Hochfest „Mariä Aufnahme in den Himmel“ liefert Stadtpfarrer Stefan Buß auf Osthessen|News einen neuen Impuls. Der Text klingt verführerisch warm und auf den ersten Blick rührend harmlos.

Er hat nur einen Schönheitsfehler: Das Ereignis, das er feiert, kommt in der Bibel nicht vor. Nicht angedeutet, nicht erwähnt, nicht behauptet. Der Grund: Es ist gar nicht Teil der biblischen Mythologie, weil es erst später ausgedacht und beschlossen worden war.

Das Fest, das die Frage beantwortet, die es selbst gestellt hat

Buß baut seinen Text auf einer rhetorischen Frage auf: „Manchmal fragen wir uns: Hat am Ende wirklich das Leben das letzte Wort? Das heutige Fest antwortet mit einem klaren Ja.“

Man beachte die Konstruktion. Die Frage ist empirisch – sie handelt davon, was mit Menschen nach dem Tod tatsächlich geschieht. Die Antwort ist ein Kalendereintrag. Ein Fest kann nichts beantworten; es kann eine Antwort nur behaupten und anschließend liturgisch bekräftigen.

Vorbereitet wird das durch eine Liste realer Nöte: „Menschen werden krank. Beziehungen zerbrechen. Kriege erschüttern ganze Länder.“ Zutreffend und ernst – nur wird darauf nichts geantwortet. Kranke werden durch Medizin gesund, zerbrochene Beziehungen durch verändertes Verhalten repariert oder ehrlich beendet, Kriege durch Diplomatie, Recht und Machtverhältnisse. An die Stelle dieser mühsamen Verfahren setzt der Impuls ein Datum.

1950: ein Dogma ohne Zeugen

Buß referiert die Aufnahme Mariens, als handle es sich um überliefertes Wissen. Der Sachstand ist ein anderer. Kein Evangelium, kein Brief, keine Apostelgeschichte erwähnt sie. Die ältesten Erzählungen stehen in apokryphen „Transitus“-Schriften, die üblicherweise zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert angesetzt werden – von der Kirche selbst als apokryph eingestuft.

Verbindliche Glaubenslehre wurde die Sache am 1. November 1950, als Pius XII. definierte, dass Maria „nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen“ wurde (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 966). Es ist bis heute die einzige Lehrentscheidung, die seit der Definition der angemaßten päpstlichen Unfehlbarkeit von 1870 ausdrücklich ex cathedra ergangen ist.

Womit wurde sie begründet? Nicht mit Quellen – die gab es naheliegenden Gründen nicht –, sondern mit dem Konsens der Bischöfe und dem „Glaubenssinn der Gläubigen“. Das ist die interessanteste Stelle des Vorgangs: Als Beweis dafür, dass etwas geschehen ist, gilt der Umstand, dass viele Menschen lange geglaubt haben, was sie von einer vermeintlichen Autorität erzählt bekommen hatten. Die Frömmigkeit erzeugt die Legende, die Legende das Fest, das Fest die Frömmigkeit – am Ende gilt der Kreisverkehr als Beleg für seinen eigenen Ausgangspunkt. Dass Dogmen bei Buß nie als Setzungen, sondern stets als Einsichten erscheinen, war schon an seinem Thomas-von-Aquin-Impuls zu sehen.

Die Formel „nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes“ ist übrigens kein Stilmittel, sondern eine bewusste Auslassung: Ob Maria überhaupt gestorben ist, ließ das Dogma offen, weil darüber keine Einigkeit bestand. Eine Wahrheit, die verbindlich zu glauben ist, aber im entscheidenden Punkt offenlässt, was eigentlich passiert sein soll.

Paulus als Kronzeuge – gegen den Impuls

Buß beruft sich ausdrücklich auf Paulus: „Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20). Das soll belegen, dass an Maria „bereits vollendet“ sei, was Christus begonnen habe. Wer drei Verse weiterliest, findet das Gegenteil. 1 Kor 15,23: „Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.“ Paulus kennt genau zwei Stationen – Christus jetzt, alle übrigen bei der Wiederkunft. Eine Zwischenstufe für eine einzelne Person sieht sein Schema nicht vor.

Der zweite Paulus-Bezug endet ähnlich. „Wir sind Christi Wohlgeruch“, zitiert Buß und wünscht sich, dass Menschen „Hoffnung riechen“. Die Stelle ist 2 Kor 2,15 und lautet vollständig: „Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen.“ Der nächste Vers präzisiert: „Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben bringt.“

Paulus schreibt nicht über Raumduft, sondern über einen römischen Triumphzug, in dem Besiegte mitgeführt werden. Genau die Hälfte, die im Original „verloren geht“, fehlt im Impuls – wie schon im Antonius-Text, wo „niemand ist endgültig verloren“ versprochen wurde, während der eigene Katechismus in Nr. 1035 die ewige Trennung von Gott festhält. Das Verfahren ist konstant wie rotzfrech dreist: Das Drohpotenzial bleibt in der Lehre, aus dem Impuls wird es herausgekürzt.

Der Dienst am Mitmenschen, den der Text nicht erzählt

„Der Weg Gottes beginnt immer mit dem Dienst am Mitmenschen“, schreibt Buß und belegt das mit dem Besuch bei Elisabeth: Maria gehe „dorthin, wo Hilfe gebraucht wird“.

Lukas 1,39-56 sagt davon kein Wort. Kein Grund für die Reise, kein Motiv, keine Hilfeleistung: Maria eilt ins Bergland, grüßt Elisabeth, das Kind hüpft, es folgen zwei Loblieder. Der Schlussvers ist für die Deutung als Hilfseinsatz zudem ausgesprochen unhandlich: „Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.“ Unmittelbar danach, in Vers 57, bringt Elisabeth ihr Kind zur Welt. Maria reist also exakt in dem Moment ab, in dem eine hochschwangere Verwandte Unterstützung tatsächlich gebraucht hätte. Das ist keine Auslegung mehr, sondern Hineinlegung – der moralische Appell leiht sich eine biblische Beglaubigung, die der Text nicht hergibt.

Das Magnificat und der Thron, der stehen bleibt

Beim Magnificat wird Buß fast kämpferisch: Maria singe „von einem Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht“, das Lied sei „ein mutiges Glaubensbekenntnis“. Lukas 1,52 ist tatsächlich starker Stoff. Nur sollte man fragen, wer ihn vorträgt: eine absolute Wahlmonarchie mit einem Souverän auf Lebenszeit, in der nach can. 1024 CIC gilt: „Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.“ Ein Text über die Erhöhung der Niedrigen, verlesen in einer Institution, die den Zugang zu Leitung und Weihe nach Geschlecht sortiert. Das Magnificat beschreibt diese Kirche nicht, es ist ihr Kontrastprogramm.

Hinzu kommt der literarische Befund: Das Magnificat ist keine spontane Äußerung einer galiläischen Jugendlichen, sondern eine kunstvolle griechische Komposition im Stil der Septuaginta, die dem Lobgesang der Hanna (1 Sam 2,1-10) bis in Motive und Satzbau folgt – verfasst von einem Autor, der Jahrzehnte später schrieb. Wer daraus Marias persönlichen Mut ableitet, verwechselt eine Figurenrede mit einem Protokoll.

Ein Himmel ohne Ort und ein Leib, der irgendwo sein muss

„Der Himmel ist keine ferne Welt hinter den Sternen. Der Himmel ist dort, wo Gott alles in allem ist.“ Diese Modernisierung ist theologisch bequem und logisch teuer. Denn das Dogma behauptet ausdrücklich eine Aufnahme „mit Leib und Seele“. Ein Leib ist ein ausgedehnter physischer Gegenstand; er befindet sich an einem Ort oder gar nicht. Wer den Himmel zum Beziehungszustand entmaterialisiert, kann keine Leiber mehr dorthin transportieren. Wer Leiber transportiert, braucht einen Ort. Beides zugleich geht nicht – dieselbe Doppelbuchung wie bei Christi Himmelfahrt.

Kräuter, Segen, Wirkung

Der Impuls beginnt mit der Kräuterweihe: Die Kräuter künden, „alles Leben kommt von Gott“, sei „auf Vollendung hin geschaffen“; Heilkräuter gälten „als Zeichen der heilenden Kraft Gottes“. Der Brauch ist alt, seine Legende bekannt: Die Apostel hätten im geöffneten Grab Mariens statt eines Leichnams Rosen und Lilien gefunden. Auch hier ersetzt eine Erzählung den fehlenden Bericht.

Heilkräuter wirken aber nicht als Zeichen, sondern durch Inhaltsstoffe. Weidenrinde hilft, weil sie Salicylverbindungen enthält, nicht weil sie gesegnet wurde. Der Unterschied ist überprüfbar – geweihte Kamille wirkt nicht besser als ungeweihte. Und die Aussage, alles Leben sei „auf Vollendung hin geschaffen“, ist keine Beobachtung, sondern eine Zielannahme. Evolutionäre Prozesse haben keine Richtung und kein Ziel, sie haben Bedingungen. Das ist weniger tröstlich und hat den Vorteil, zu stimmen.

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Aufnahme Mariens in den Himmel: Der Feiertag, den auch die tragen, die ihn nicht glauben

Ein Detail, das im Impuls fehlt, gehört zur Sache: Der 15. August ist in Bayern gesetzlicher Feiertag – aber nur dort, wo laut Feiertagsgesetz mehr katholische als evangelische Einwohner gemeldet sind. Nach dem Zensus 2022 sind das 1.708 der 2.056 bayerischen Gemeinden. Bemerkenswert ist der Maßstab: Verglichen werden ausschließlich zwei Konfessionen. Konfessionslose zählen bei dieser Rechnung überhaupt nicht mit – auch dann nicht, wenn sie am Ort die größte Gruppe stellen. Ein Dogma von 1950 bestimmt so den Arbeitskalender von Menschen, die es nicht teilen, ermittelt nach einem Schlüssel, der sie gar nicht erst erfasst.

Was bleibt, wenn man die Aufnahme streicht

„Unser Ziel ist nicht das Grab“, schreibt Buß. Hier lohnt eine Unterscheidung. Das Grab ist der Endpunkt jedes Lebens – das ist keine Behauptung, sondern der Befund, und daran ändert kein Fest etwas. Ein Ziel im Sinne eines Zwecks, auf den hin man lebt, ist es damit aber nicht.

Dass manche Menschen unter bestimmten Bedingungen den Tod herbeisehnen können, mitunter über Jahre, widerspricht dem nicht: Ersehnt wird dann in aller Regel das Ende eines unerträglichen Zustands, nicht der Tod als Gewinn oder als Übergang in ein nächstes Level. Was man sich vornimmt, liegt diesseits des Endpunkts – in dem, was man in der verfügbaren Zeit tut, aufbaut und für andere hinterlässt.

Buß‘ Satz stimmt insofern, nur nicht in seinem Sinn: Das Grab ist kein Ziel, aber nicht, weil danach noch etwas käme, sondern weil alles, was zählt, davor liegt. Diese Auskunft ist – insbesondere für Anhänger von Jenseitsmythologien – unangenehm, aber nicht trostlos. Wer akzeptiert, dass sein Leben endlich ist, hat einen sehr guten Grund, es nicht zu vertagen. Endlichkeit ist kein Argument gegen den Wert eines Lebens, sondern das, was ihm Dringlichkeit gibt.

Und die Hoffnung?

Sie muss dafür nicht ins Jenseits ausgelagert werden. Trauernde brauchen Menschen, die bleiben, keine Auskunft über den Verbleib von Leibern. Kranke brauchen Medizin und Pflege. Wer sich um die Zukunft sorgt, braucht funktionierende Institutionen, verlässliches Recht und Nachbarn, die zupacken. Das alles ist herstellbar, überprüfbar und verbesserbar – anders als eine Himmelfahrt, die man 1950 beschließen musste, weil sie sich nirgends nachlesen ließ.

Bleibt der Satz, der aus dem Impuls herausragt: „Glaube zeigt sich nicht zuerst in großen Worten, sondern in offenen Augen, helfenden Händen und einem liebenden Herzen.“

So, wie er dasteht, stimmt er nicht. Offene Augen, helfende Hände und ein liebendes Herz sind keine Erscheinungsform des Glaubens – sie sind Menschlichkeit, und die kommt ohne religiösen Glauben aus. Es genügt auch nicht, das erste Wort zu streichen; man muss es ersetzen. Dann wird der Satz wahr: Menschlichkeit zeigt sich nicht zuerst in großen Worten, sondern in offenen Augen, helfenden Händen und einem liebenden Herzen.

Wozu der Glaube an dieser Stelle tatsächlich gebraucht wird, zeigt der Impuls selbst: für die großen Worte, die übertünchen sollen, dass es um den Mitmenschen nur der Form nach geht. Der Dienst am Nächsten steht hier nicht für sich, er ist Durchgangsstation – „Maria will uns den Weg zu Christus zeigen. […] Sie möchte, dass wir ihren Sohn finden.“ Die Zuwendung ist die Verpackung, die Botschaft ist die Ware. Wer Menschen wirklich meint, muss ihnen nichts mitliefern.

Quellen: Osthessen|News – Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel, Katechismus Nr. 966, can. 1024 CIC, Landesamt für Statistik Bayern, katholisch.de zur Dogmenverkündung 1950, Wikipedia: Munificentissimus Deus, Wikipedia: Transitus Mariae

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