Fundbüro Himmel: Wie aus dem verlorenen Schlüssel der verlorene Mensch wird

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Darum geht es

Stefan Buß‘ Antonius-Impuls verwandelt den verlorenen Schlüssel per Wortspiel in den verlorenen Menschen und verkauft ein rhetorisches Gleitmittel als Trost.

Stadtpfarrer Stefan Buß hat sich in seinem jüngsten Impuls auf Osthessen|News den heiligen Antonius von Padua vorgenommen – jenen Heiligen, den Millionen Menschen anrufen, wenn die Autoschlüssel weg sind. Der Text beginnt harmlos und endet, wie er enden muss: beim „Weg zu Christus“. Dazwischen liegt ein rhetorisches Manöver, das sich lohnt, in Zeitlupe anzusehen.

Vom Schlüsselbund zum Sinn des Lebens: ein Wort, vier Bedeutungen

Der Einstieg ist Alltagsfolklore: „Wer von uns hat nicht schon einmal etwas verloren? Einen Schlüssel, ein wichtiges Dokument oder einen wertvollen Gegenstand.“ Jeder nickt. Zwei Sätze später steht die Liste dann so da: „verlorenes Vertrauen, verlorene Hoffnung, verlorene Freundschaften, verlorenen Glauben oder sogar den Sinn des Lebens.“

Hier passiert die eigentliche Arbeit des Textes, und sie passiert unbemerkt. Das Wort „verlieren“ bedeutet in jedem dieser Fälle etwas anderes. Ein Schlüssel ist ein Objekt, das sich an einem bestimmten Ort befindet und dort wiedergefunden werden kann. Vertrauen ist keine Sache, die unters Sofa rutscht – es wird durch Verhalten zerstört und durch Verhalten wieder aufgebaut. Eine Freundschaft „verliert“ man nicht wie ein Portemonnaie; sie endet, oft aus benennbaren Gründen. Und der „Sinn des Lebens“ ist überhaupt kein Fundstück, sondern etwas, das Menschen herstellen.

Die Logik nennt das eine Äquivokation: Ein Begriff wird im Verlauf einer Argumentation stillschweigend umbesetzt. Der Effekt ist beträchtlich. Wer die Alltagserfahrung „Schlüssel weg“ akzeptiert hat, akzeptiert die Struktur – und übernimmt sie dann kostenlos für die Sinnfrage mit. Am Ende steht der Mensch selbst als Fundsache: verlegt, unauffindbar, wartend auf einen Suchdienst.

Dass dieser Suchdienst ausgerechnet die Institution ist, die den Impuls schreibt, ist kein Zufall. Es ist dasselbe Muster, das wir hier schon mehrfach beschrieben haben: Eine universale menschliche Erfahrung wird zunächst als Mangel diagnostiziert – und anschließend exklusiv beliefert.

Der Dieb, der aus Angst zurückkam

Buß begründet das Patronat mit der bekannten Geschichte: „Eine alte Überlieferung erzählt, dass einem Mitbruder ein kostbares Psalmenbuch gestohlen wurde. Antonius betete inständig darum, und tatsächlich kehrte der Dieb um, brachte das Buch zurück und bereute seine Tat.“

Zwei Anmerkungen. Erstens ist die Quellenlage exakt so, wie Buß sie selbst benennt: eine Überlieferung. Kein Protokoll, kein Zeuge, kein Beleg – eine Ordenslegende, die Jahrhunderte später begründen soll, warum man diesen und nicht jenen Heiligen anruft. Aus einer Erzählung wird eine Zuständigkeit, aus der Zuständigkeit eine Praxis, aus der Praxis ein Beweis für die Erzählung. Der Kreis ist geschlossen und trägt sich selbst.

Zweitens ist die Nacherzählung geglättet. In der traditionellen Fassung, wie sie etwa das Ökumenische Heiligenlexikon wiedergibt, wird der Dieb nicht von Reue, sondern von Erscheinungen heimgesucht, bis er das Buch zurückbringt. Aus einer Spukgeschichte mit Einschüchterungscharakter wird bei Buß ein Herzensvorgang. Genau diese Umetikettierung – Drohung wird zu Liebe umerzählt – haben wir in „Big Father is watching you“ bereits an seinem Umgang mit dem allsehenden Auge Gottes gezeigt. Das Verfahren ist dasselbe, nur das Requisit hat gewechselt.

Eine Suchmaschine ohne Trefferquote

Wenn Antonius wirkt, müsste sich das zeigen lassen. Tatsächlich funktioniert die Alltagspraxis nach einem gut untersuchten psychologischen Muster: Wer betet und findet, erinnert sich an den Treffer. Wer betet und nicht findet, hat eben „nicht genug vertraut“, es war „nicht Gottes Wille“, oder die Sache tauchte drei Wochen später auf und zählt trotzdem. Ein System, das jeden Ausgang als Bestätigung verbucht, sagt nichts über die Welt aus – es ist unwiderlegbar, und deshalb wertlos als Erklärung.

Wo man Fürbitte tatsächlich kontrolliert getestet hat, fiel das Ergebnis eindeutig aus. Die bislang größte Studie dazu (Benson et al., American Heart Journal 151/2006) begleitete 1.802 Bypass-Patienten in drei randomisierten Gruppen. Ergebnis: keine Verbesserung durch Fürbitte. Die Gruppe, die sicher wusste, dass für sie gebetet wurde, hatte sogar mehr Komplikationen als die Vergleichsgruppe (rund 59 gegenüber 52 Prozent). Das widerlegt keinen Glauben – aber es widerlegt die Behauptung, Fürbitte sei eine kausal wirksame Intervention.

Erwähnenswert ist auch, was der Impuls nicht erwähnt: Zur Antonius-Frömmigkeit gehört traditionell das „Antoniusbrot“ – ein Almosen, das man für den Fall des Wiederfindens gelobt. Der Fürsprecher für Verlorenes arbeitet, historisch betrachtet, auf Erfolgsprovision.

Der Vater, der nicht suchte

Buß schreibt: „Jesus erzählt im Evangelium vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und vom verlorenen Sohn. In jeder dieser Geschichten sucht Gott den Menschen mit unermüdlicher Liebe.“

In jeder? Man muss Lukas 15 nur aufschlagen. Der Hirte geht dem Schaf nach, die Frau kehrt das Haus nach der Münze – im dritten Gleichnis aber sucht der Vater gerade nicht. Er bleibt zu Hause. Der Sohn kehrt aus eigenem Antrieb um, und zwar, wie der Text unmissverständlich sagt, weil er Hunger hat und bei den Schweinen nichts abbekommt. Der Vater läuft ihm erst entgegen, als er ihn von weitem kommen sieht. Ausgerechnet die berühmteste der drei Geschichten belegt das Gegenteil dessen, wofür Buß sie zitiert.

Aufschlussreich sind auch die beiden anderen: Schaf und Münze sind Besitz. Gesucht wird, was jemandem gehört und ihm einen Wert darstellt. Wer diese Bilder als Trostangebot verteilt, sollte mitliefern, welche Rolle sie dem Menschen zuweisen – die des Inventars.

„Niemand ist endgültig verloren“ – außer im Katechismus

Der Satz „Niemand ist für ihn vergessen. Niemand ist endgültig verloren.“ klingt umfassend. Die Lehre der Institution, in deren Auftrag Buß schreibt, sagt etwas anderes. Der Katechismus der Katholischen Kirche hält in Nr. 1035 fest, dass die Hölle existiert und ewig dauert; die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, erleiden „die Qualen der Hölle“, die schlimmste davon sei „die ewige Trennung von Gott“.

„Ewige Trennung“ ist die präzise Definition von „endgültig verloren“. Ein Impuls, der das Gegenteil verspricht, ist damit entweder ein stiller Widerspruch zur eigenen Lehre – oder eine Marketingfassung davon. Dasselbe gilt für den guten Hirten, der laut Buß „keinem Menschen nachläuft, um ihn zu verurteilen“: Das Gericht wird nicht abgeschafft, es wird nur aus dem Impuls herausgekürzt.

Warum braucht ein allwissender Gott einen Fürsprecher?

Der Text bittet Antonius, „dass er unsere Anliegen vor Gott trägt“. Man darf fragen, wozu. Ein Gott, der allwissend ist, kennt das Anliegen bereits; ein Gott, der vollkommen gütig ist, braucht keine Empfehlung; ein Gott, der unveränderlich ist, lässt sich nicht umstimmen. Fürbitte setzt eine Instanz voraus, die überzeugt werden muss – also entweder nicht allwissend, nicht allgütig oder nicht unveränderlich ist. Die Heiligenverehrung schiebt eine himmlische Vermittlungsebene zwischen Mensch und Allmacht, für die es in der eigenen Gotteslehre keinen Platz gibt.

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Was übrig bleibt, wenn man den Überbau wegräumt

Das Bemerkenswerte an diesem Impuls: Sein bester Absatz kommt ohne Metaphysik aus. Buß lädt ein, „selbst Suchende zu werden: nach dem Menschen, der Trost braucht; nach dem Nachbarn, der einsam ist; nach dem Kind, das Orientierung sucht“. Das ist richtig, und es ist vollständig säkular begründbar. Einsamkeit ist ein messbares Gesundheitsrisiko, Zuwendung eine wirksame Intervention. Dafür braucht es keinen Heiligen, sondern Zeit, Aufmerksamkeit und funktionierende soziale Strukturen – dieselbe Beobachtung, die wir in „Trost ohne Theologie“ schon an seinem eigenen Material belegt haben.

Und die konkreten Verluste? Verlorene Gegenstände findet man mit Ordnung, festen Ablageplätzen und systematischem Absuchen wieder – nicht mit Gebet. Zerstörtes Vertrauen wird durch verändertes Verhalten und, wo nötig, durch Mediation oder Therapie repariert, nicht durch Fürsprache. Zerbrochene Familien brauchen Gespräche, manchmal professionelle Begleitung, manchmal die Einsicht, dass eine Beziehung zu Recht endet. Für all das gibt es Verfahren, deren Wirksamkeit man überprüfen kann – der entscheidende Unterschied zum Fundbüro im Himmel.

Bleibt der „verlorene Glaube“, den Buß in einer Reihe mit verlorener Hoffnung und verlorenem Lebenssinn nennt. Diese Zuordnung ist keine Beschreibung, sondern eine Wertung.

Wer eine religiöse Überzeugung ablegt, hat in aller Regel nichts verlegt, sondern etwas geprüft und für unzureichend befunden.

Das ist kein Defekt, der behoben werden müsste, sondern ein Ergebnis. Millionen Menschen führen ein sinnvolles, zugewandtes und moralisch anspruchsvolles Leben ohne jedes Fundbüro – Sinn ist nichts, was man findet, sondern etwas, das man macht.

Fazit

Der Impuls ist handwerklich geschickt und inhaltlich gewohnt brüchig: eine Äquivokation als Fundament, eine geglättete Legende als Beleg, ein Bibelbezug, der bei Nachprüfung das Gegenteil aussagt, und ein Trostversprechen, das der eigene Katechismus zurücknimmt. Was übrig bleibt, ist ein guter Rat – nach dem einsamen Nachbarn zu sehen –, den niemand von einem Heiligen des 13. Jahrhunderts lizenzieren muss.

Wer etwas verloren hat, sollte suchen. Am besten dort, wo es liegen könnte.

KI

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