Perspektive: Was Christen über Christen dächten, wenn sie keine Christen wären

~ 8 Minuten

Gastbeitrag von Jörn zum Thema Perspektive: Der Blick auf uns selbst – Was Christen über Christen dächten, wenn sie keine Christen wären.

Der Blick auf uns selbst ist schwierig. Viele alltägliche Dinge ist man gewohnt und hinterfragt sie deshalb nicht. Das ist auch in Ordnung. Trotzdem ist hin und wieder ein Wechsel der Perspektive interessant. Was lernen wir dabei über uns selbst und über die christliche Kultur?

Frankfurt PerspektiveIn meiner Heimatstadt Frankfurt begrüßen wir dank unseres Flughafens viele Besucher aus aller Welt. Im Sommer sind es besonders viele Chinesen, vermutlich weil sie in Frankfurt umsteigen. Dadurch wurde ich Zeuge einer amüsanten Begebenheit, die deutlich macht, wie unterschiedlich wir Frankfurter und die Chinesen den Alltag betrachten.

In der Frankfurter Innenstadt bog eine kleine Demonstration von Studenten um die Ecke, begleitet von ein paar Polizisten auf Motorrädern. Die Polizisten wollten die Studenten jedoch nicht bedrohen, sondern räumten ihnen im Gegenteil den Weg frei und stoppten sogar für ein paar Minuten den Verkehr. Eine chinesische Reisegruppe, die solche Demonstrationen nicht gewohnt war, konnte von dieser Szene gar nicht genug bekommen und fotografierte begeistert, bis der bunte Tross hinter der nächsten Kurve verschwunden war.

Die Autofahrer, die kurzzeitig anhalten mussten, blickten mürrisch. Aus ihrer Perspektive war es ein Verkehrshindernis. Aber aus der Perspektive der Chinesen waren die friedliche Demo und vor allem die dienstbaren Polizisten womöglich das Beste, was Europa zu bieten hat.

Das hat mich stolz gemacht. Durch die Perspektive der Chinesen erkannte ich die Großartigkeit der kleinen Demo. Ich nahm mir vor, nie wieder mürrisch zu sein, wenn ich dadurch selbst einmal aufgehalten würde.

Man sieht: Ein Wechsel der Perspektive kann lehrreich sein.

Perspektive

Wechseln wir also die Perspektive. Dabei möchte ich mich auf religiöse Aspekte konzentrieren: Wie sehen wir andere Religionen und Kulturen, und wie sehen sie uns? Was lernen wir dadurch über uns selbst?

Jesus am Kreuze

GipfelkreuzIn Europa verstehen wir die Darstellung von Jesus am Kreuz als ein Zeichen des Friedens und unserer Erlösung. Aber welchen Eindruck werden wohl die Chinesen haben, wenn sie es zum ersten Mal sehen?

Wechseln wir die Perspektive und stellen uns vor, wir würden als Besucher in ein Land kommen, in dem auf allen Türmen ein großer Galgen installiert wäre. Bei den besonders prachtvollen Exemplaren baumelte eine Person am Strick. Der Kopf hinge zur Seite.

Aus unserer Perspektive empfinden wir die Religionen längst vergangener Kulturen meist als barbarisch.

Aber ist eine solche Hinrichtungssymbolik nicht ebenso barbarisch? Sehen uns die Besucher aus anderen Ländern etwa als Barbaren?

Islam

MekkaVerlassen wir Europa und blicken auf die islamischen Länder. Wir schmunzeln gelegentlich über die berühmten 72 Jungfrauen, die den männlichen Moslems im Paradies versprochen werden.

Ein Jungfrauenkult ist albern, der Betrug ist offensichtlich. Warum merken die Moslems das nicht?

Wechseln wir die Perspektive und betrachten uns selbst. Auch das Christentum ist ein Jungfrauenkult. Es ist derart peinlich, dass es kurzerhand als tabu erklärt wurde, auf diese Peinlichkeit hinzuweisen.

Und so feiern viele katholische Gemeinden in Deutschland jedes Jahr ganz offiziell einen Gedenktag für unsere heilige Jungfrau Maria.

Ist das womöglich eine längst vergessene kleine Albernheit, die man heute nicht mehr so ernst nimmt?

Keineswegs: Laut Wikipedia pilgern jährlich bis zu eine halbe Million Menschen in einen kleinen bayrischen Ort namens „Maria Vesperbild“, um dort die Jungfräulichkeit zu preisen.

Sogar Markus Söder (CSU) nahm an der religiösen Raserei bereits teil, übrigens ausdrücklich als höchster Vertreter des bayrischen Staates. Nach dem Gottesdienst wurde die Bayern-Hymne gesungen. Na denn.

Wut und Verbote

BuchBleiben wir beim Islam. Die schäumende Wut der Moslems in den arabischen Ländern, die manchmal im TV zu sehen ist, macht mir Angst. Kleinigkeiten reichen offenbar bereits aus, um den Volkszorn zu entfachen. Beispielsweise, wenn gegen das Gebot verstoßen wird, Mohammed darzustellen.

Für uns ist das schwer verständlich: Warum sollte sich ein Gott oder ein Prophet mit derart lächerlichen Kleinigkeiten aufhalten? Ist das nicht ziemlich töricht? Aus unserer Perspektive ist es das.

Jedoch: Dieses Gebot gilt auch im Christentum. Es ist sogar gleich das zweite der Zehn Gebote: „Du sollst Dir kein Bildnis machen“. Genau auf dieses Gebot berufen sich die Moslems, die das Alte Testament ausdrücklich als heilig anerkennen.

Die Moslems demonstrieren uns, wie fragwürdig und schädlich unsere eigenen Gebote wären, würden wir uns daran halten. Und das zweite Gebot ist sicherlich nicht das einzige Gebot, welches fragwürdig und schädlich ist.

Religionsfreiheit

Man könnte gleich mit dem ersten Gebot anfangen. Dort wird den Menschen die Religionsfreiheit aus der Hand geschlagen: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“.

Das ist religiöser Fanatismus. Wir kennen es ansonsten nur aus islamischen Staaten, die nach unserer westlichen Auffassung im Mittelalter haften geblieben sind.

Es soll hier keineswegs behauptet werden, die Christen würden weiterhin an diesem Gebot festhalten. Denn das tun sie nicht. Unser Staat garantiert die Religionsfreiheit. Aber hat sich die katholische Kirche je von den Zehn Geboten distanziert? Hat sie je gesagt: „Manches in der Bibel ist ganz schön blöde“? Tat es die evangelische Kirche? Jemals?

Die Zehn Gebote gelten deshalb weiterhin als Gipfel der Weisheit. Ihre Weisheit zu bestreiten ist schlechtes Benehmen. Doch gleich das erste Gebot wendet sich gegen unsere wichtigsten Werte. Die fanatischen islamischen Regime halten uns den Spiegel vor und zeigen uns die Horror-Gesellschaft, zu der uns die Bibel anstiften will.

Opfergaben

Gehen wir weiter zurück in der Zeit und besuchen gedanklich die Azteken. Wir alle haben von ihren grausamen Menschenopfern gehört.

Oft waren es die eigenen Kinder, die geopfert wurden. Tiefer kann der Mensch nicht fallen, größer könnte der Wahn nicht sein.

Und doch: Gerade das Christentum rankt sich um ein Menschenopfer. Es wurde sogar erhoben zum Zentrum des Glaubens, und das gilt bis heute:

Nichts wird im heutigen Christentum derart inbrünstig glorifiziert, innig besungen und begeistert gefeiert wie dieses Menschenopfer. Das Christentum ist vor allem ein Opferkult.

Aber gerade weil es so kultiviert wird, ist es für Christen schier unmöglich, den barbarischen Akt als das zu erkennen, was er ist.

Christen sind buchstäblich außerstande, die Primitivität dieses Menschenopfers zu sehen, obwohl sie sich bei anderen Religionen darüber entsetzen.

Das alte Ägypten

PharaoVerlassen wir die Azteken. Eine besonders faszinierende Epoche ist die der alten Ägypter.

Natürlich weiß heute jedes Kind, dass die damaligen Pharaonen keine Götter waren, sondern dass ihre kostbaren Gewänder und ihr goldener Schmuck nur dazu dienten, die Bevölkerung zu täuschen: Eindrucksvoll staffiert präsentierte sich der clevere Pharao an Feiertagen dem dummen Volk.

BischoefeGerade wie es heute die Bischöfe, Kardinäle und Päpste tun.

Der Papst erscheint wie ein König auf dem Balkon seines Palastes und winkt den jubelnden Untertanen zu. Ein feierliches Spektakel aus Gold, Purpur und Brokat.

Für Außenstehende ist schwer zu fassen, warum dieser Betrug noch immer gelingt.

Der Schwindel ist derart monströs, dass es von außen betrachtet unmöglich scheint, ihn zu übersehen.

Aber genau das ist der Trick: Je monströser es aufgeblasen wird, desto unglaublicher erscheint es den Gläubigen, dass alles nur Illusion sein könnte.

Es ist wie das Scheunentor, das man nicht sehen kann, weil man direkt davor steht. Auch hier ist es eine Frage der Perspektive.

Frieden

GazaKehren wir zurück in die Gegenwart. Soeben haben die Israelis eine neue Regierung gewählt. Üblicherweise kümmern sich unsere Medien kaum um die Wahlen winziger Länder.

Aber in dieser Region, an der Kante zwischen Judentum, Christentum und Islam, treffen religiöser Wahn und militärische Zerstörungskraft derart gefährlich aufeinander, dass die ganze Welt darum bangen muss.

Drei Weltreligionen, die alle für sich in Anspruch nehmen, gleichbedeutend zu sein mit dem Frieden, sind nicht in der Lage, untereinander Frieden zu schließen. Eher fliegt uns alles um die Ohren, bevor diese Leute Frieden schließen.

Der Grund dafür ist offensichtlich: Jeder sieht nur den Wahn des anderen. Den eigenen Wahn sieht er nicht. Den Preis dafür bezahlen wir alle.

Wenn Atheisten besorgt auf diesen Irrsinn hinweisen, zischt man sie an, sie wären militant und sollten gefälligst den Mund halten.

Fazit

KäfigWas zeigen uns diese Beispiele? Sie zeigen uns, dass den Gläubigen der Perspektivwechsel nicht gelingt, sobald es um ihre eigene Religion geht. Das hindert sie daran, wichtige Erkenntnisse zu gewinnen: Erkenntnisse über sich selbst und über die Welt.

Was Christen über Christen dächten, wenn sie keine Christen wären, ist recht simpel: Sie würden dann über Christen denken, was sie jetzt über die Azteken oder Hindus denken.

Sie würden dann über den Papst denken, was sie jetzt über den Weihnachtsmann denken (oder über Leute, die sich für den Weihnachtsmann halten).

Gläubige betrachten den Käfig der Religion nur von innen. Es bleibt ihnen deswegen verborgen, dass sie in einem Käfig sitzen. Die Türen des Käfigs öffnen sich jedoch nicht von innen, sondern nur von außen.

– Gastbeitrag von Jörn

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