Maske ab: Wie sich die Kirche selbst säkularisiert – und die Werte vereinnahmt, die gegen sie erkämpft wurden.

Lesezeit: ~ 4 Min.

Darum geht es

In seiner Hessentag-Nachlese lässt Stadtpfarrer Buß die Theologie fast ganz weg und spricht offen institutionell – und bestätigt damit selbst, was die Serie seit Mai zeigt: Getragen wird „Im Herzen eins“ vom Säkular-Menschlichen, das die Kirchen für ihre Zwecke vereinnahmen.

Sechs Texte, ein Bogen. Am 6. Mai hat Stadtpfarrer Stefan Buß das Hessentags-Motto „Im Herzen eins“ zunächst theologisch begründet, am 10. Juni der Vorfreude eine sakrale Temperatur gegeben, am 13. Juni aus der „Hessentagskirche“ berichtet, mitten im Fest die „Herzzeit“ beworben und sich am 20. Juni aus der „Segensgondel“ gemeldet. Nun, nach Festende, kommt die Nachlese: „Hessentag ist zu Ende, wie geht es weiter?“ Und sie ist von neuer Art. Buß argumentiert nicht mehr, er stimmt nicht mehr ein, er bewirbt nicht mehr – er bilanziert. Der Text liest sich wie eine Manöverkritik: nüchtern, strategisch, fast ohne ein religiöses Wort.

Der ehrlichste Text der Serie

Das ist bemerkenswert. Denn es ist der erste „Im Herzen eins“-Text, bei dem der Substituierbarkeitstest – streiche die Theologie, sieh nach, was stehen bleibt – fast nichts mehr zu streichen findet. Es ist kaum noch Theologie da. Buß nennt drei „Lehren“ des Hessentags:

Ökumene funktioniert besonders gut dort, wo Menschen gemeinsam handeln statt nur diskutieren.

Gemeinsame kulturelle und soziale Angebote erreichen auch Menschen, die kirchlich distanziert sind.

Öffentliche Präsenz stärkt beide Kirchen stärker als konfessionelle Abgrenzung.

Zwei dieser drei Sätze sind rein säkular, der dritte ist nackte Institutionenpolitik. Der erste sagt: Es funktioniert dort, wo man die Dogmatik weglässt und einfach gemeinsam etwas tut. Der zweite ist ein Reichweiten-Argument. Der dritte verrät den Zweck der ganzen Übung – die Stärkung „beider Kirchen“. Verkündigung sieht anders aus. Das hier ist ein Strategiepapier im Gewand eines Impulses.

Das „erstmals“ bleibt – und die Trennung auch

Im Aufmacher wiederholt Buß die Grundbehauptung der Serie: evangelische und katholische Kirche träten gemeinsam auf,

nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern mit einem gemeinsamen Kern.

Dass dieser „gemeinsame Kern“ nicht der theologische ist, hat schon der erste Kommentar gezeigt: Es gibt weiterhin keine reguläre Eucharistie- und Abendmahlsgemeinschaft, keine wechselseitige Anerkennung der Ämter, kein gemeinsames Eheverständnis (siehe Die Mechanik der weichgespülten Einheit). Neu ist, dass Buß nun selbst die Grenze markiert, an der die „Einheit“ endet. Wie es weitergehe?

Wahrscheinlich nicht über große neue Strukturreformen, sondern über konkrete gemeinsame Räume und Projekte.

Übersetzt: Die strukturellen Trennlinien bleiben; was weitergeht, ist das gemeinsame Programm. Genau das ist seit Mai der Befund – jetzt bestätigt vom Autor. Was „weitergeht“, ist das Marketing; was bleibt, ist die Spaltung.

Ein Lied mit genau einer Gott-Zeile

Eine Beobachtung, die Buß lobend einstreut, verdient besondere Aufmerksamkeit. Interessant sei,

dass selbst das Hessentagslied bewusst „weltlich anschlussfähig“ sein sollte, damit es über kirchliche Kreise hinaus gesungen werden kann.

Man sollte diesen Satz ernst nehmen, denn er ist ein Geständnis. Das preisgekrönte Hessentagslied „Im Herzen eins“ (Text und Melodie: Katja und Björn Simon) ist fast durchgängig humanistisch: Es besingt das Miteinander, das Füreinander-Einstehen, das einander Helfen und Verstehen, die Zusage, dass niemand allein sein soll. In vier Strophen und Refrain fällt das Wort „Gott“ genau einmal – in der Zeile „Gott schenkt uns Halt und Hoffnung“. Entfernt man diese eine Zeile, bleibt ein vollständiges, in sich schlüssiges säkulares Solidaritätslied übrig. Die Theologie ist hier nicht der Kern, sie ist ein Zusatz von einer Zeile Länge. „Weltlich anschlussfähig“ ist die werbliche Umschreibung dafür, dass man das Religiöse weglassen kann, ohne dass etwas fehlt.

Im Glauben uneins - im Herzen eins

Die Segensgondel, in Zahlen

Wie weit Inszenierung und Resonanz auseinanderliegen, zeigt das Flaggschiff der sakralen Aufladung. Der „Segensgondel“ – dem Riesenrad-Erlebnis, das Buß zum „Segen von etwas Größerem“ überhöhte (siehe Gnade mit Öffnungszeiten) – war ein ganzer Serienteil gewidmet. In der Bilanz der Kirchen firmiert der Hessentag als Großerfolg: über 115.000 Besuche an den vier Standorten. Die Zahl meint Besuche, nicht Besucher; rechnerisch entfiel, so die EKKW, gut jeder zehnte Hessentagsbesuch auf das kirchliche Angebot.

Die Segensgondel selbst aber zählte nach dem Zwischenfazit des Bistums bis zum 18. Juni rund 200 Personen, die sich segnen ließen – gegenüber zehntausenden in Stadtpfarrkirche, Severikirche und auf der Himmelsbühne. Das ist keine Schande: Ein ruhiges Höhenerlebnis mit Zuspruch für ein paar hundert Menschen ist ein nettes Angebot. Es ist nur das Gegenteil dessen, was die wochenlange Aufladung suggerierte. Die Inszenierung war groß, die Resonanz klein.

Die eigentliche Pointe: eine Selbst-Säkularisierung als Vereinnahmung

Hier liegt der wunde Punkt, und er wiegt schwerer als jede einzelne rhetorische Schwäche. Was sich über sechs Texte als freundliche, fortschrittliche Selbst-Säkularisierung präsentiert, ist der Sache nach eine Vereinnahmung. Die Werte, die diese Nachlese feiert – Gemeinsinn, Hilfsbereitschaft, Offenheit, das Miteinander über Grenzen hinweg –, sind säkular-humanistische Errungenschaften. Sie mussten historisch gegen den Widerstand eben jener Kirchen erkämpft werden, die sie heute als ihr „Herzensprogramm“ ausstellen: Gewissens- und Glaubensfreiheit, Toleranz, die Gleichheit der Menschen unabhängig vom Bekenntnis.

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Wenn die Kirchen dieses Erkämpfte nun einsetzen, um sich selbst zu bewerben, dann nutzen sie es zur Stützung einer Ideologie, die ihren Grundprinzipien – Offenbarungsanspruch, Heilsexklusivität, die Bindung der Ethik an einen Gott – im Kern entgegensteht. Was harmlos und modern aussieht, dient am Ende auch jenen christlichen Fundamentalisten, die genau diese Werte verachten: Das „weltlich anschlussfähige“ Lächeln öffnet die Tür, hinter der dieselbe Lehre wartet.

Damit ist nichts gegen religiöse Menschen gesagt. Sie sind in der Säkulargesellschaft selbstverständlich willkommen. Und wer beim Hessentag gespürt hat, dass das eigentlich Verbindende die Menschlichkeit ist – und nicht das religiöse Bekenntnis, das die Konfessionen bis heute trennt –, der ist weiter, als man es vor wenigen Jahren erwarten durfte. Buß‘ Text steht selbst an dieser Schwelle: Er beschreibt, ohne es zu wollen, eine Ökumene, die funktioniert, weil sie das Trennende – die Theologie – im Hintergrund lässt und das Verbindende – das Menschliche – nach vorn stellt.

Nur bleibt diese Einsicht folgenlos. Solange das gemeinsam Erlebte am Ende doch wieder „Gott“ zugeschrieben wird, solange humanistische Ethik als christliche Gabe verbucht wird, ist der wichtigste Schritt noch nicht getan. Er bestünde darin, das Menschliche als das zu nehmen, was es ist: menschlich. Errungen, nicht geschenkt – schon gar nicht vom Wüstengott aus der biblisch-christlichen Mythologie. Begründbar ohne Offenbarung.

Erst dann wäre „Im Herzen eins“ mehr als ein Motto gewesen – nur eben anders, als der Stadtpfarrer es meint.

KI

Belege und Quellen

Die Serie „Im Herzen eins“:

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