Der falsche Schweizer und das vereinnahmte Licht

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Darum geht es

Stadtpfarrer Stefan Buß macht Albert Schweitzer zum Kronzeugen für ein Licht, das angeblich aus der „Liebe zu Jesus Christus“ erwächst – dabei stimmt schon die Herkunftsangabe nicht, und Schweitzers eigene Theologie widerspricht der Vereinnahmung so gründlich wie kaum eine andere.

Religiöse Vereinnahmung wie gewohnt

Am 8. August 2026 erschien bei Osthessen|News der Impuls „Das Licht in uns!“ von Stadtpfarrer Stefan Buß. Der Aufbau ist vertraut: ein Zitat einer moralisch unangreifbaren Autorität, eine Alltagsbeobachtung, eine theologische Deutung, ein Segenswunsch. Buß beschreibt Menschen, die „lebensfroh“ wirken und in deren Nähe man gern ist, und beantwortet die Frage nach der Quelle dieser Ausstrahlung so: spürbar werde dieses Licht, wenn man „die Verbindung zu Gott, die Liebe zu Jesus Christus“ halte.

Der Text ist kurz, klingt freundlich und ist auf den ersten Blick unverfänglich und harmlos formuliert. Genau deshalb lohnt der zweite Blick – denn in vier Absätzen stecken ein Faktenfehler, eine argumentative Umkehrung und eine Behauptung, die sich jeder Überprüfung entzieht.

Ein Elsässer wird zum Schweizer

Der Impuls beginnt mit der Einführung: „Der Schweizer Arzt und Theologe Albert Schweitzer“. Das ist schlicht falsch. Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Oberelsass geboren, damals Reichsland Elsaß-Lothringen und Teil des Deutschen Reiches. Er wuchs in Gunsbach auf, studierte in Straßburg, nahm nach 1918 die französische Staatsbürgerschaft an und starb am 4. September 1965 in Lambaréné im heutigen Gabun. Schweizer war er nie – weder von Geburt noch von Staatsangehörigkeit noch von Selbstverständnis. Er bezeichnete sich als Elsässer.

Man könnte das für eine Petitesse halten. Nur: Es ist keine Woche her, dass an dieser Stelle derselbe Mechanismus beschrieben wurde. Am 1. August schrieb Buß einen Sinnspruch Philipp Neri zu, der von Johannes Bosco stammt, und machte den Ordensgründer Neri nebenbei zum „Theologen“ (siehe „Wer Kritik für Gezwitscher hält, prüft auch keine Zitate“). Zwei Fehlzuschreibungen in acht Tagen ergeben kein Versehen mehr, sondern ein Arbeitsverfahren: Das Zitat wird gebraucht, nicht geprüft. Wer zweimal wöchentlich mit dem Anspruch auftritt, Orientierung zu geben, sollte den Namen unter dem Zitat wenigstens einmal nachschlagen. Es dauert dreißig Sekunden.

Der Kronzeuge widerspricht

Zitat Victor Hugo Fackel Lehrer Pfarrer

Gravierender als die Herkunftsangabe ist, wofür Schweitzer hier in Anspruch genommen wird. Buß zitiert ihn mit dem Satz: „Wir Menschen müssen immer darum ringen, dass genug Licht in uns ist.“ Dieser Satz ist durch und durch humanistisch. Er benennt eine Anstrengung, kein Geschenk; ein Ringen des Menschen, keine Gnade von außen. Von Gott, Christus oder Kirche ist in ihm keine Rede.

Zwei Absätze später ist daraus etwas anderes geworden: Das Licht sei spürbar, wenn man den Glauben und „die Liebe zu Jesus Christus“ halte. Aus dem Ringen wird Bindung, aus der menschlichen Leistung eine konfessionelle Voraussetzung.

Ausgerechnet Schweitzer eignet sich dafür denkbar schlecht. Er war der Theologe, der 1906 mit „Von Reimarus zu Wrede“ – später unter dem Titel „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ bekannt – die liberale Jesusdeutung seiner Zeit zerlegte und die These der konsequenten Eschatologie begründete: Der historische Jesus sei ein apokalyptischer Prediger gewesen, der das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt und den Anbruch des Gottesreiches erwartete. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Schweitzers Pointe war, dass zwischen der Welt Jesu und der modernen Welt ein Abgrund liegt und dass jede Rekonstruktion, die einen zeitgemäßen, gemütlichen Jesus liefert, ein Selbstporträt des Forschers ist.

Schweitzer hat Jesus nicht verachtet – im Gegenteil, er bezog seine Ethik aus dessen Willen. Aber er tat es ausdrücklich unter Verzicht auf Dogma, Kult und kirchliche Lehrautorität. Seine liberale Theologie war der Pariser Missionsgesellschaft derart suspekt, dass sie ihn 1905 nur als Arzt akzeptierte, nicht als Verkündiger. Sein ethisches Grundprinzip, die „Ehrfurcht vor dem Leben“, begründete er 1915 nicht mit Offenbarung, sondern mit einem einzigen Reflexionsschritt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Daraus folgt eine Ethik, die keine Konfession voraussetzt – und die konsequenterweise auch Tiere einschließt.

Wer diesen Mann als Beleg dafür anführt, dass inneres Licht aus der Liebe zu Jesus Christus stamme, hat entweder nur den Kalenderspruch gelesen oder rechnet damit, dass die Leserschaft es tut.

Der Zirkel im Zentrum

Bemerkenswert ist, dass Buß die entscheidende Lücke selbst benennt. Über die Menschen, deren Ausstrahlung er beschreibt, schreibt er: „Ich weiß nicht, ob die alle irgendwann einmal darum gerungen haben.“ Er kennt also weder ihre Biografie noch ihre Weltanschauung. Er beobachtet ein Phänomen – Lebensfreude, Zugewandtheit, Verlässlichkeit in der Krise – und liefert unmittelbar danach eine Ursache nach, die er in keinem einzigen Fall geprüft hat.

Das ist die klassische unbelegte Kausalzuschreibung. Die Beobachtung ist allgemein zugänglich, die Erklärung ist konfessionell. Wenn die Prämisse stimmte, müssten Nichtglaubende systematisch weniger von diesem Licht besitzen – eine Behauptung, die Buß nicht ausspricht, die aber logisch in seinem Satz steckt. Ausgesprochen wäre sie empirisch überprüfbar. Unausgesprochen wirkt sie als leise Abwertung.

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Hinzu kommt die Zirkularität. Das Licht entsteht laut Buß durch Glauben – und was fordert es? „Glauben, Vertrauen, Zuversicht, Zeit für Gott“. Ursache und Bedingung sind identisch. Wer das Licht nicht spürt, dem fehlt der Glaube; wer glaubt und es dennoch nicht spürt, hat zu wenig Zeit für Gott investiert. Das Modell kann, isoliert betrachtet, nicht scheitern, weil jedes Ergebnis es bestätigt. Dieselbe Konstruktion war schon im Pfingstimpuls zu besichtigen („Wenn ‚Offenheit‘ alles ersetzt“): Ein Wirken wird behauptet, dessen Ausbleiben stets dem Empfänger angelastet wird.

Was tatsächlich hilft

Die Beobachtung, von der Buß ausgeht, ist richtig und wichtig: Menschen, die Zuversicht ausstrahlen, tun anderen gut, besonders in Krisen. Nur braucht es dafür keine Metaphysik oder religiösen Aberglauben.

  • Soziale Einbindung statt Gnade. Die psychologische Forschung zum Zusammenhang von Religiosität und Wohlbefinden zeigt seit langem, dass der messbare Effekt weitgehend über soziale Unterstützung, Gemeinschaft und Sinnstiftung vermittelt ist – und dass er in Gesellschaften mit guten Lebensbedingungen weitgehend verschwindet (Diener, Tay & Myers, „The Religion Paradox“, 2011). Nicht der Glaubensinhalt trägt, sondern der Zusammenhalt. Den kann jede Nachbarschaft, jeder Verein, jeder Freundeskreis herstellen.
  • Ethik aus Einsicht statt aus Bindung. Schweitzers eigener Weg ist das beste Gegenbeispiel im Text: Er kommt ohne Offenbarung aus, ist für jeden nachvollziehbar und verpflichtet gerade deshalb.
  • Zuversicht ohne Garantie. Wer nicht auf eine höhere Führung vertraut, muss Unsicherheit aushalten – und lernt dabei etwas, das Buß‘ Modell nicht vorsieht: dass Dunkelheit nicht auf ein Glaubensdefizit hindeutet, sondern manchmal einfach eine schwere Lebenslage ist, die Hilfe braucht, keine Deutung.

Der Satz, mit dem Buß schließt, ist im Übrigen der beste des Textes: Man könne „für andere zum Licht in der Dunkelheit werden“. Genau. Das ist eine Aufforderung an Menschen, gerichtet an Menschen, wirksam durch Menschen. Sie funktioniert exakt so gut oder sogar noch besser, wenn man den ganzen theologischen Überbau streicht.

Fazit

Ende 2025 gehörten noch 43,8 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einer der beiden ehemals großen Kirchen an – Tendenz weiter fallend. Die Mehrheit lebt also ohne kirchliche Bindung, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass ihr das von Buß beschriebene Licht fehlte. Ein Impuls, der Lebensfreude an die „Liebe zu Jesus Christus“ koppelt, redet damit an der Lebenswirklichkeit der meisten Leserinnen und Leser vorbei.

Bleibt der handwerkliche Teil. Ein Autor, der wöchentlich zwei Kolumnen mit Orientierungsanspruch veröffentlicht, sollte nachprüfen, wen er zitiert, woher dieser Mensch stammt und wofür er stand. Bei Albert Schweitzer wäre der Ertrag beträchtlich gewesen: Man hätte dann nämlich gemerkt, dass der Kronzeuge in die andere Richtung aussagt.

KI

Quellen

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