Darum geht es
Der Beantworter räumt selbst ein, den Widerspruch zwischen Gottes Liebe und Gottes Duldung von Leid nicht auflösen zu können, hält aber an beiden Prämissen fest.Auf fragen.evangelisch.de antwortet Henning Kiene vom Fragen-Team auf eine der ältesten und ernstesten Fragen der Theologie: Wie lässt sich Leid mit einem allmächtigen, liebenden Gott vereinbaren? Kiene räumt selbst ein, mit seiner eigenen Antwort nicht zufrieden zu sein – ein bemerkenswert ehrliches Eingeständnis, das die folgende Analyse ernst nimmt.
Die Frage
Maria schreibt: „Damit komme ich nicht klar. Mir geht es gut, bin zufrieden mit meinem Leben. Aber was ist mit dem Kind im Krieg, was ist mit den Menschen, die hungern, was ist mit all dem Leid in der Welt? Ich möchte nicht die pauschalen Antwort, dass ist der Mensch der Krieg und Leid verbreitet. Das weiß ich selber. Nein, mir geht es darum, wie Jesus oder Gott das Leid zulassen kann. Wenn man jemanden liebt, dann will man, dass es demjenigen gut geht. Krass gesagt sehe ich das so: ‚Ich liebe dich Kind, aber lasse dich leiden, obwohl ich allmächtig bin.‘ Diese Widersprüche lassen mich am Glaube zweifeln. Sorry, wenn ich so direkt bin.“
Maria fragt gezielt nicht nach der Rolle menschlicher Schuld, sondern danach, wie sich ein handlungsfähiger, liebender und allmächtiger Gott mit der Duldung von Leid verträgt – und schließt Kriegsfolgen wie auch nicht unmittelbar menschengemachtes Leid wie Hunger ausdrücklich ein.
Die Antwort
Henning Kiene bestätigt zunächst die Berechtigung des Zweifels: „Ihr Zweifel ist berechtigt.“ Er verweist auf den freien Willen – der Mensch handle, wenn er Leid verbreite, „gegen Gottes Willen“ –, räumt aber ein, dass auch das den Widerspruch nicht auflöse: „Sie stehen […] vor einem Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt.“ Es folgen ein Verweis auf das eigene Gebetsleben, auf Martin Luthers Unterscheidung zwischen dem „offenbaren“ und dem „verborgenen Gott“ und schließlich auf die biblische Figur Hiob, der trotz Leid an Gott festhält. Am Ende zieht Kiene ein ungewöhnlich offenes Fazit: „Ich bin mir recht sicher, dass die Frage, die Sie stellen, immer noch unbeantwortet bleibt. Suchen wir weiter nach einer passenden Antwort.“
Die Kritik
Das Argument vom freien Willen erklärt nur einen Teil des von Maria genannten Leids. Dass Menschen einander Krieg zufügen, lässt sich mit menschlicher Entscheidungsfreiheit noch verknüpfen. Hunger jedoch ist häufig auch Folge von Dürren, Ernteausfällen oder struktureller Verteilung – Faktoren, an denen kein individueller böser Wille beteiligt sein muss. Maria nennt beides ausdrücklich, die Antwort deckt aber nur die eine Hälfte ab.
Der Verweis auf den „verborgenen Gott“ verdoppelt das Problem, statt es zu lösen. Wenn neben dem in Jesus Christus offenbaren, guten Gott ein zweiter, unberechenbarer Gott existiert, der „einen schweren Schatten auf den Glauben wirft“, dann ist die ursprüngliche Frage – warum lässt ein guter, allmächtiger Gott Leid zu – nicht beantwortet, sondern nur auf eine zweite, noch weniger fassbare Instanz verschoben.
Der Trostwert des Gebets wird mit seiner Erklärungskraft verwechselt. Dass Beten das Gefühl vermittelt, es wäre ohne das Gebet noch kälter in der Welt, ist eine Aussage über subjektives Erleben. Sie sagt nichts darüber aus, ob das Leid tatsächlich einen Sinn hat oder ob ein Gott tatsächlich eingreifen könnte. Ein psychologischer Nutzen ist kein Argument für eine metaphysische Behauptung.
Der Verweis auf Hiob bietet ein Vorbild des Aushaltens, keine Antwort auf die gestellte Frage. Hiob hält trotz Leid an Gott fest – das beschreibt eine mögliche Haltung, erklärt aber nicht, warum das Leid zugelassen wurde. Kiene selbst markiert diesen Unterschied redlich, indem er die Frage am Ende ausdrücklich offenlässt; die Antwort bietet damit Trost und Vorbilder, aber kein Argument gegen den eingangs formulierten Widerspruch.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Der Widerspruch, den Maria beschreibt, löst sich auf, sobald man auf die Prämisse eines gleichzeitig allmächtigen und liebenden Lenkers der Welt verzichtet. Leid – durch Krieg wie durch Hunger – ist dann nicht die Duldung eines untätigen Gottes, sondern die Folge menschlicher Entscheidungen einerseits und blinder Naturprozesse andererseits, die nicht auf das Wohlergehen Einzelner ausgerichtet sind. Das nimmt dem Leid nichts von seiner Schwere, aber es beseitigt den logischen Widerspruch, an dem Maria sich reibt.
(öffnet in neuem Tab)Diese Sicht ist nüchterner, aber nicht trostloser, als sie klingt. Wo kein kosmischer Plan hinter dem Leid steht, gibt es auch keine Rechtfertigung, die es erträglicher machen müsste, und keine Verzögerung, auf die man warten müsste. Die Verantwortung, Leid zu lindern, liegt dann vollständig bei den Menschen, die etwas dagegen tun können – und das ist eine Verantwortung, die real etwas bewirkt.
Konkret bedeutet das: Kindern im Krieg und hungernden Menschen hilft am ehesten, was messbar wirkt – Unterstützung für Organisationen, die vor Ort humanitäre Hilfe leisten, politisches Engagement gegen Rüstungsexporte in Krisenregionen, oder ganz einfach die eigene Bereitschaft, im näheren Umfeld Not zu sehen und zu lindern, statt sie zu erklären.
Wer wie Maria am Zustand der Welt verzweifelt, muss diesen Zweifel nicht als Glaubenskrise erleben, die eine theologische Lösung braucht. Er lässt sich ebenso gut als klare Erkenntnis lesen: Die Welt ist niemandes wohlwollendes Projekt, sondern das Ergebnis von Naturgeschichte und menschlichem Handeln – und genau deshalb zählt, was Menschen selbst tun.
Quelle
„Gott liebt uns und lässt uns leiden“, Antwort von Henning Kiene auf fragen.evangelisch.de
















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