Beim Namen gerufen – und drei Verse weiter zur Tauschmasse

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Darum geht es

Stefan Buß deutet das Fest Mariä Namen als Zusage persönlicher Zuwendung – und verschweigt dabei, dass das Fest an einen Schlachtsieg erinnert, dass der zitierte Jesaja-Vers drei Zeilen später ganze Völker zur Tauschmasse erklärt und dass die „Zugehörigkeit“, die in der Taufe begründet wird, nach eigener Lehre unkündbar ist.

Zum 12. September liefert Stadtpfarrer Stefan Buß auf Osthessen|News seinen Impuls zum Fest Mariä Namen. Der Text ist kurz, klingt unverfänglich und in seiner Grundaussage kaum angreifbar: Ein Name ist mehr als eine Bezeichnung, kein Mensch ist eine Nummer. Dem wird niemand widersprechen wollen.

Interessant wird er dort, wo er diese Grundaussage begründet. Drei Bausteine trägt der Impuls: das Fest, den Prophetenvers und die Taufe. Alle drei haben eine Vorgeschichte, die im Text nicht vorkommt.

Ein Fest, das keinen Namen feiert, sondern einen Sieg

„Am 12. September feiern wir das Fest Mariä Namen“, beginnt Buß. Warum am 12. September? Der Text sagt es nicht, und das ist schade, denn die Antwort ist bemerkenswert.

Ein Fest zu Ehren des Namens Mariens wurde ab 1513 zunächst regional im spanischen Bistum Cuenca gefeiert. Für die gesamte Kirche verbindlich machte es Innozenz XI., nachdem am 12. September 1683 die vereinigten christlichen Heere unter Johann III. Sobieski die zweite Wiener Türkenbelagerung mit der Schlacht am Kahlenberg beendet hatten. Pius X. verlegte das Fest, das zunächst am Sonntag nach Mariä Geburt begangen wurde, ausdrücklich auf den 12. September – den eigentlichen Siegestag. 1970 strich die Kalenderreform es als Doppelung zu Mariä Geburt; seit 2002 steht es wieder als nichtgebotener Gedenktag im Generalkalender.

Der 12. September ist also kein Namenstag. Er ist ein Schlachtdatum. Ein Dankfest für einen militärischen Sieg, dem eine Marienweihe zugeschrieben wurde – das ist die Geschichte, die dieses Datum trägt.

Man muss ein Fest nicht für seinen Ursprung haftbar machen; Bedeutungen wandeln sich, und aus einem Siegesgedenken kann ein stiller Gedenktag werden. Nur schreibt Buß eben einen Text darüber, dass mit einem Namen „unsere Geschichte“ verbunden sei. Wer die Geschichte zum Argument macht, sollte nicht ausgerechnet die des eigenen Festtags weglassen.

Jesaja 43,1 – und was drei Verse später steht

Der Kernbeleg des Impulses lautet: „Und genau das sagt Gott auch zu jedem von uns durch den Propheten Jesaja: ‚Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, mein bist du.‘ (Jes. 43,1).“

Der Vers sagt das nicht zu jedem von uns. Er hat einen im Text ausdrücklich benannten Adressaten. Jesaja 43,1 lautet vollständig: „Jetzt aber – so spricht der HERR, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ Angeredet ist ein Kollektiv im babylonischen Exil, nicht das Individuum, und schon gar nicht ein beliebiges. Es ist eine Erwählungszusage an ein Volk.

Was das konkret bedeutet, steht zwei und drei Verse weiter. Vers 3: „Ich habe Ägypten als Kaufpreis für dich gegeben, Kusch und Seba an deiner Stelle.“ Vers 4: „Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich Menschen für dich und für dein Leben ganze Völker.“

Buß schreibt: „Du bist keine Nummer. Du bist nicht austauschbar.“ Im selben Kapitel, aus dem er zitiert, sind andere Menschen exakt das: Verrechnungsposten, Kaufpreis, Gegenwert. Die Unvertretbarkeit gilt hier nicht dem Menschen als Menschen, sondern dem Erwählten – und sie wird finanziert, indem andere zur Masse werden. Wer den Vers als universale Würdezusage liest, liest gegen seinen Wortlaut.

Das Verfahren ist von früheren Impulsen bekannt: Der tröstliche Halbsatz wird zitiert, der Kontext, der ihn einschränkt, bleibt draußen – so wie beim Antonius-Impuls, wo „niemand ist endgültig verloren“ versprochen wurde, während der eigene Katechismus die ewige Trennung von Gott festhält.

„Mein bist du“ – Zuwendung oder Eigentumstitel

Auch sprachlich lohnt der Satz eine zweite Lektüre. „Mein bist du“ ist keine Beziehungs-, sondern eine Besitzaussage, und das Verb davor macht es deutlich: „ich habe dich ausgelöst“. Auslösen heißt freikaufen. Die Bildwelt stammt aus dem Sklaven- und Schuldrecht, und ein Loskauf ist kein Akt der Freilassung, sondern ein Eigentümerwechsel. Die Zusage lautet nicht: Du bist frei. Sie lautet: Du gehörst jetzt mir.

Der säkulare Gegenentwurf kommt ohne Eigentümer aus. Menschenwürde ist kein verliehener Status, der von der Zuwendung eines Höheren abhängt, sondern ein Anspruch, den Menschen einander zuerkennen und der einklagbar ist. Kants Formel, den Menschen niemals bloß als Mittel zu gebrauchen, verlangt gerade keinen Besitzer – sie verbietet ihn. Und Artikel 1 des Grundgesetzes bindet nicht Gott, sondern staatliche Gewalt. Das ist der praktische Unterschied: Gegen eine Behörde, die Würde verletzt, kann man klagen. Gegen einen Gott, der Völker verrechnet, nicht.

Der Name in der Taufe – und wer ihn ausgesucht hat

„In der Taufe wurde unser Name ausgesprochen. Gott hat damals gleichsam gesagt: Du gehörst zu mir. Ich gehe deinen Weg mit dir.“

Bei den allermeisten Getauften bezeichnet „damals“ die ersten Lebenswochen. Can. 867 § 1 CIC verpflichtet die Eltern, „dafür zu sorgen, daß ihre Kinder innerhalb der ersten Wochen getauft werden“. Der Name, der dort ausgesprochen wird, stammt nicht von Gott, sondern von den Eltern – und er unterliegt einer Prüfung: Nach can. 855 haben „die Eltern, die Paten und der Pfarrer“ dafür zu sorgen, „daß kein Name gegeben wird, der christlichem Empfinden fremd ist“. Der Name, der laut Impuls für die unverwechselbare Persönlichkeit steht, ist kirchenrechtlich reguliert.

Entscheidend ist aber die Richtung der Aussage. „Du gehörst zu mir“ wird über einen Menschen gesagt, der weder zustimmen noch widersprechen kann – und die Aussage ist nach eigener Lehre nicht zurücknehmbar. Der Katechismus hält in Nr. 1272 fest: „Die Taufe bezeichnet den Christen mit einem unauslöschlichen geistlichen Siegel [character], einem Zeichen, daß er Christus angehört. Dieses Zeichen wird durch keine Sünde ausgelöscht … Weil die Taufe ein für allemal gespendet wird, kann sie nicht wiederholt werden.“

Damit ist die Zugehörigkeit einseitig: Sie wird ohne Einwilligung begründet und kann nach der Lehre nicht aufgelöst werden. Was man auflösen kann, ist die Mitgliedschaft in der Körperschaft – ein Behördengang mit Gebühr, den die Zahlen seit Jahren als Massenphänomen ausweisen. Das theologische „du gehörst mir“ bleibt davon unberührt.

Eine Zuwendung, die man nicht ausschlagen kann, ist keine Zuwendung mehr. Sie ist ein Anspruch.

Wenn Gott den Namen nicht kennt

„Er kennt meinen Namen“ – dieser Satz trägt den ganzen Trost des Impulses. In den Texten, auf die er sich beruft, ist das Namensmotiv allerdings zweiseitig. Es ist ein Register, und Register haben zwei Spalten.

Die Offenbarung beschreibt sie: „Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet“ (Offb 20,12). Und Vers 15: „Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen.“ Die exakte Umkehrung von Buß’ Satz steht bei Matthäus, gesprochen von Jesus über Menschen, die sich auf ihn berufen: „Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“ (Mt 7,23).

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Das gehört zur Sache, wenn man das Erkanntwerden zum Trost erklärt. Dass Gott Namen kennt, ist im Quelltext keine Zusage an alle, sondern eine Unterscheidung – und die Bedingung, nach der sortiert wird, nennt Markus 16,16 unmissverständlich. Im Impuls kommt diese Hälfte nicht vor. Die Auswahl ist konsequent: Im Verkündigungstext bleibt die Einladung, in der Lehre bleibt die Sanktion.

Die Nummer, der Fall, die Statistik

Bleibt die Kontrastfolie: „Vielleicht erleben wir heute oft das Gegenteil: Menschen werden zu einer Nummer, zu einem Fall, zu einer Statistik.“

Das ist als Gefühl verbreitet und als Diagnose ungenau. Dass Verwaltungen Menschen als Fälle behandeln, ist nicht der Gegensatz zur Würde, sondern ihre organisatorische Bedingung: Ein Rentenanspruch, eine Notaufnahme, ein Gerichtsverfahren funktionieren genau deshalb, weil sie nicht davon abhängen, ob die zuständige Person einen kennt und mag. Die historische Alternative zur Aktennummer war nicht die persönliche Zuwendung, sondern das Ansehen der Person – Stand, Beziehungen, Willkür. Gleichbehandlung ist unpersönlich, und das ist ihr Vorzug.

Hinzu kommt: Die Institution, die hier gegen die Statistik antritt, führt selbst Register. Das Taufbuch ist kirchenrechtlich vorgeschrieben, die Religionszugehörigkeit ist ein Datensatz beim Bundeszentralamt für Steuern, und der Kirchensteuerabzug funktioniert vollautomatisch über eine Kennziffer. Persönlich gemeint und aktenkundig erfasst zu sein, schließt sich offenbar nicht aus.

Was tatsächlich trägt

Der Kern des Impulses ist richtig: Menschen wollen beim Namen gerufen werden, und niemand ist ersetzbar. Nur braucht dieser Satz die Konstruktion nicht, die ihn hier stützen soll. Er braucht keinen Eigentümer, kein Dogma, kein Siegel und kein Buch des Lebens.

Wer gesehen werden will, wird von Menschen gesehen – von Freunden, Nachbarn, Kolleginnen, Pflegekräften, von denen, die den Namen tatsächlich sagen und die man zurückrufen kann. Das ist überprüfbar, erreichbar und, anders als der Trost des Impulses, an keine Bedingung geknüpft, die erst am Ende bekanntgegeben wird.

„Du bist nicht austauschbar“ ist ein guter Satz. Er wird nicht besser dadurch, dass man ihn aus einem Kapitel zitiert, in dem ganze Völker als Wechselgeld verbucht werden.

Quellen: Impuls, Osthessen|News, Mariä Namen (Wikipedia), Jesaja 43 (EU), KKK 1272, CIC Buch IV (can. 855, 867)

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