Darum geht es
Ein einzelner, historisch relativierter Levitikus-Vers wird zur „definitiven“ Erlaubnis für Tattoos erklärt, ohne dass das Auslegungsverfahren offengelegt wird.Auf fragen.evangelisch.de beantwortet die Theologin Anna Berting die Frage, ob sich ein Tattoo mit dem christlichen Glauben verträgt. Sie stützt ihre Antwort auf einen einzigen Vers aus dem dritten Buch Mose und kommt zu einem klaren Freispruch – der Weg dorthin verdient einen genaueren Blick.
Die Frage
Soraya Kunze schreibt: „Ich frage mich, ob es erlaubt ist im Christentum sich ein Tattoo stechen / Piercing stechen zu lassen? Ich bin nämlich total verunsichert jetzt, weil ich würde sehr gerne in naher Zukunft mir ein Tattoo stehen lassen, aber weiß gar nicht ob es vielleicht eine Sünde ist. Deswegen wollte ich mal fragen. Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort. LG Soraya Kunze“
Gefragt wird schlicht, ob ein Tattoo aus christlicher Sicht als Sünde gilt.
Die Antwort
Anna Berting verweist auf 3. Mose 19,28: „Ihr sollt um eines Toten willen an eurem Leibe keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einritzen; ich bin der HERR.“ Sie deutet den Vers historisch: Es habe sich um einen „heidnischen Brauch“ im Umfeld von Totenkulten gehandelt, der den Israeliten verboten wurde, weil er einem anderen Gott als JHWH galt. Aus diesem Kontext heraus folgert sie: „Aus der Bibelstelle lässt sich demnach kein allgemeines Verbot für Tattoos ableiten.“ Da Soraya Kunze keinem Totenkult nachgehe und keinem anderen Gott dienen wolle, sei ein Tattoo heute „definitiv keine Sünde“.
Die Kritik
Die historisierende Lesart wird selektiv angewendet. Direkt im Umfeld des zitierten Verses stehen weitere Vorschriften desselben Gesetzestextes, etwa gegen Wahrsagerei oder das Mischen von Stoffen, die heute ebenfalls kaum noch befolgt werden. Warum ausgerechnet der Tattoo-Vers historisch-kontextuell relativiert wird, andere Verse desselben Kapitels aber nicht grundsätzlich in gleicher Weise behandelt werden, bleibt unbegründet. Das Auslegungsverfahren richtet sich erkennbar nach dem gewünschten Ergebnis.
Die Übertragung des Bibelworts auf moderne Tattoos ist selbst eine Auslegungsentscheidung, wird aber als sichere Tatsache präsentiert. Der Vers spricht von „Einschnitten“ und „Zeichen einritzen“ im Zusammenhang mit Totentrauer – ob damit überhaupt dasselbe gemeint ist wie ein heutiges dekoratives Tattoo, ist eine Interpretationsfrage. Die Antwort behandelt diese Übersetzung als gegeben, statt sie offenzulegen.
Das angebotene Kriterium lässt sich nicht anwenden. Die Unbedenklichkeit wird daran geknüpft, dass die Fragestellerin „keinem heidnischen Totenkult“ nachgehe und „keinem anderen Gott dienen“ wolle. Wie genau geprüft werden soll, ob ein bestimmtes Motiv – ein Symbol, ein Schriftzug, ein Bild – diese Bedingung erfüllt, bleibt offen. Ein Kriterium, das niemand anwenden kann, entscheidet in der Praxis gar nichts.
Die Selbstsicherheit der Schlussformel steht in keinem Verhältnis zur schmalen Textbasis. Ein einzelner, unklar übertragbarer Vers aus einem Gesetzeskorpus der Bronzezeit trägt das Wort „definitiv“ nicht. Zwischen „aus diesem Vers folgt kein Verbot“ und „das ist definitiv keine Sünde“ liegt ein Sicherheitsgewinn, den die vorangegangene Argumentation nicht hergibt.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Ob ein Tattoo Sünde ist, stellt sich säkular gar nicht als Frage, weil der Begriff der Sünde ein religiöses Konzept ohne weltliche Entsprechung ist. Die Entscheidung für oder gegen ein Tattoo ist eine Frage der persönlichen Autonomie über den eigenen Körper – niemand außer Soraya Kunze selbst hat hier ein Mitspracherecht.
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(öffnet in neuem Tab)Sinnvoller als die Sündenfrage sind praktische Überlegungen: Ein Tattoo ist in aller Regel dauerhaft, deshalb lohnt es sich, ein Motiv zu wählen, mit dem man auch in zwanzig Jahren noch leben kann, statt einer spontanen Idee zu folgen. Wichtig ist außerdem die Wahl eines Studios mit nachweislich hygienischen Standards, da Tätowieren ein invasiver Eingriff in die Haut ist und Infektionsrisiken real sind.
Wer unsicher ist, ob religiöse oder familiäre Bedenken die eigentliche Quelle des Zögerns sind, kann sich fragen, wessen Maßstäbe hier eigentlich gelten sollen: die eigenen oder die einer Institution, deren Regeln, wie der vorliegende Fall zeigt, selbst mit beträchtlichem Interpretationsaufwand ausgelegt werden müssen, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Kurz gesagt: Ein Tattoo ist keine moralische, sondern eine persönliche und praktische Entscheidung. Wer sich gut informiert – über Motiv, Studio und Pflege – und die Entscheidung nicht aus Angst vor imaginierten Konsequenzen trifft, sondern aus eigenem Wunsch, braucht keine externe Erlaubnis dafür.
Quelle
„Ist ein Tattoo eine Sünde?“, Antwort von Anna Berting auf fragen.evangelisch.de














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