Darum geht es
Der Missing-Link-Einwand gegen die Evolution: Warum Übergangsformen existieren und eine Lücke keinen Gott beweist.Unter den vermeintlichen Gottesbeweisen ist er der wohl populärste, der sich ein naturwissenschaftliches Kostüm anzieht: der Verweis auf das „fehlende Glied“. Er braucht keine Metaphysik, keinen Aristoteles und keinen ontologischen Kniff. Er braucht nur eine Frage, die im Gemeindesaal ebenso zieht wie im Kommentarbereich: Wenn der Mensch vom Affen abstammt – wo sind dann die Zwischenstufen?
Das Argument
In der Form, in der es in evangelikalen und kreationistischen Kreisen vorgetragen wird, hat das Argument vier Schritte:
- Wenn sich alle Lebewesen allmählich auseinander entwickelt hätten, müsste es unzählige Zwischenformen gegeben haben – halb Fisch, halb Landtier; halb Affe, halb Mensch.
- Solche Zwischenformen seien nie gefunden worden. Die Fossilien zeigten fertige, voneinander getrennte Arten, die plötzlich auftauchen.
- Also sei die Evolutionstheorie falsch. Das habe schon Darwin selbst befürchtet.
- Also bleibe nur die Schöpfung – und zwar durch den Gott der Bibel, der die Lebewesen „nach ihrer Art“ geschaffen habe (1. Mose 1,24).
So oder ähnlich steht es seit Jahrzehnten in der einschlägigen Literatur. Der amerikanische Kreationist Duane Gish gab seinem Standardwerk von 1972 gleich den Titel Evolution: The Fossils Say No! Das Institute for Creation Research, eines der größten kreationistischen Zentren der USA, schrieb zum Darwin-Jahr 2009: „Es gibt keinen einzigen unbestrittenen Übergang, aber echte Fossilien zeigen, dass Tiere von Anfang an voll ausgebildet waren.“
Im deutschsprachigen Raum argumentiert die evangelikale Studiengemeinschaft Wort und Wissen vorsichtiger im Ton, aber in derselben Richtung: Die Erklärung, die Fossilüberlieferung sei eben lückenhaft, sei „außer in besonderen Fällen“ nicht glaubhaft „angesichts von mindestens 250.000 gefundenen fossilen Arten und Milliarden fossiler Individuen“. Und als Kronzeuge wird fast immer Darwin selbst aufgerufen.
Das Argument hat also zwei Stockwerke: ein empirisches (es gibt keine Übergangsformen) und ein logisches (daraus folgt der Bibelgott). Beide tragen nicht.
Was Darwin tatsächlich schrieb
Beginnen wir beim Kronzeugen. Im neunten Kapitel der Entstehung der Arten fragt Darwin tatsächlich, warum nicht jede geologische Schicht voller Zwischenglieder sei, und nennt das „vielleicht den offenkundigsten und schwerwiegendsten Einwand, der gegen meine Theorie vorgebracht werden kann“. So weit wird er gern zitiert. Der nächste Satz lautet: „Die Erklärung liegt, wie ich glaube, in der äußersten Unvollständigkeit der geologischen Überlieferung.“ Das gesamte Kapitel trägt diese Unvollständigkeit im Titel.
Wer nur die erste Hälfte zitiert, lässt Darwin einen Zweifel gestehen, den er im selben Atemzug beantwortet. Das ist dieselbe Technik, die hier schon bei manchem Bibelvers zu besichtigen war: Man schneidet genau dort ab, wo der Text anfängt, dem eigenen Zweck zu widersprechen.
Noch deutlicher ist der Fall des Paläontologen Stephen Jay Gould, dessen Theorie des „unterbrochenen Gleichgewichts“ Kreationisten jahrzehntelang als Eingeständnis fehlender Übergänge ausgaben. Gould selbst schrieb 1981 in seinem Essay Evolution as Fact and Theory, es sei „zum Verrücktwerden“, immer wieder von Kreationisten zitiert zu werden – „ob aus Absicht oder Dummheit, weiß ich nicht“ –, als habe er zugegeben, dass es keine Übergangsformen gebe. Seine tatsächliche Aussage: Auf der Ebene einzelner Arten fehlten Übergangsformen oft, „zwischen größeren Gruppen aber sind sie reichlich vorhanden“.
Die Funde, die es angeblich nicht gibt
Und reichlich ist untertrieben. Eine kleine Auswahl:
Archaeopteryx: 1861, zwei Jahre nach Erscheinen der Entstehung der Arten, im Solnhofener Plattenkalk gefunden. Federn und Flügel wie ein Vogel, dazu Zähne, Krallen an den Fingern und ein langer knöcherner Schwanz wie ein Reptil. Seit den neunziger Jahren sind aus China zahlreiche gefiederte Dinosaurier hinzugekommen, die den Übergang weiter auffüllen.
Tiktaalik roseae: ein rund 375 Millionen Jahre alter Fisch mit Schuppen und Kiemen, aber auch mit Hals, Lunge und Flossen, in denen Knochen stecken, die Oberarm, Elle und Handgelenk entsprechen. Das Bemerkenswerte ist nicht nur der Fund, sondern wie er zustande kam. Das Team um Neil Shubin suchte gezielt in Gesteinen, deren Alter zwischen den bekannten Fischen und den bekannten frühen Vierbeinern lag, fand solche Schichten auf Ellesmere Island in der kanadischen Arktis und stieß dort 2004 nach mehrjähriger Suche auf das Tier (Daeschler, Shubin, Jenkins, Nature 2006). Das ist keine nachträgliche Deutung, sondern eine Vorhersage: Die Theorie sagte, wann und wo so etwas zu finden sein müsste – und dort war es.
Die Wale: Von Landsäugetieren wie Pakicetus über den amphibisch lebenden Ambulocetus – „der gehende Wal“, beschrieben 1994 in Science – bis zu Basilosaurus und Dorudon, vollständig im Wasser lebenden Tieren mit winzigen, funktionslosen Hinterbeinen. Eine Reihe, die innerhalb von rund zehn Millionen Jahren vom Ufer ins offene Meer führt.
Der Mensch: Australopithecus afarensis („Lucy“, 1974 in Äthiopien gefunden, etwa 3,2 Millionen Jahre alt) ging aufrecht, hatte aber ein Gehirn in Schimpansengröße. Dazu kommen Homo habilis, Homo erectus, Homo naledi und viele weitere. Die Frage ist längst nicht mehr, ob es menschenähnliche Vorfahren gab, sondern wie die vielen gefundenen Arten miteinander verwandt sind.
Warum die Lücke nie kleiner wird
Wie kann man angesichts dessen behaupten, es gebe keine Übergangsformen? Drei Mechanismen machen das Argument gegen jeden Fund immun.
Erstens: Jeder Fund erzeugt zwei neue Lücken. Wer zwischen A und C ein B findet, hat danach eine Lücke zwischen A und B und eine zwischen B und C. Das Argument lässt sich also mit jedem Fund verlängern, statt zu scheitern. Vollständig befriedigt wäre es erst mit einem lückenlosen Film vom Einzeller bis zur Kreationistin – von jeder Generation ein Fossil. Diesen Maßstab legt man an keine andere historische Wissenschaft an. Niemand bestreitet, dass Rom existiert hat, weil nicht jeder Einwohner begraben wurde.
Zweitens: „Unbestritten“ heißt „von uns unbestritten“. Die Formulierung des Institute for Creation Research, es gebe keinen „unbestrittenen“ Übergang, verschiebt die Beweislast ins Unerreichbare. Bestritten wird jeder Fund, und zwar von denselben Leuten, die anschließend auf das Bestreiten verweisen. Das Institut hat folgerichtig auch einen Beitrag über den „Tiktaalik-Missing-Link-Mythos“ veröffentlicht.
Drittens: Das Bild stimmt nicht. Der Begriff „Missing Link“ stammt aus einer Vorstellung, die älter ist als Darwin: der Stufenleiter der Natur, auf der alle Lebewesen in einer Reihe angeordnet sind und nur einzelne Sprossen fehlen. Evolution ist aber keine Kette, sondern ein verzweigter Stammbaum. Eine Übergangsform muss nicht der direkte Vorfahr heutiger Arten sein; sie zeigt, dass es Lebewesen mit genau der Merkmalskombination gab, die die Theorie erwartet. Als 2010 in Polen rund 395 Millionen Jahre alte Fußspuren von Vierbeinern auftauchten – älter als Tiktaalik –, feierten Kreationisten das als Widerlegung. Es zeigt nur, dass Tiktaalik ein später Vertreter einer Gruppe war, deren Anfänge noch weiter zurückreichen. Eine Tante ist auch dann ein Beleg für die Familie, wenn sie nicht die Großmutter ist.
Und die 250.000 fossilen Arten, die Wort und Wissen anführt? Allein die heute lebenden Arten von Pflanzen, Tieren und Pilzen werden auf rund 8,7 Millionen geschätzt, die ganz überwiegende Zahl aller Arten der Erdgeschichte ist ausgestorben. Fossil wird ein Lebewesen nur, wenn es schnell unter Sediment gerät, wenn es harte Teile hat, wenn das Gestein Hunderte Millionen Jahre übersteht und wenn es genau dort an die Oberfläche kommt, wo jemand sucht. Eine Viertelmillion Arten ist ein beeindruckender Bestand – und ein winziger Ausschnitt.
Evolution braucht die Fossilien nicht einmal
Das Missing-Link-Argument unterstellt, die Evolutionstheorie stehe und falle mit Knochenfunden. Tatsächlich ist die Paläontologie heute nur noch eine von mehreren unabhängigen Beweislinien, und nicht die stärkste. Die Genetik liefert Belege, die in jeder Körperzelle stecken.
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(öffnet in neuem Tab)Menschen haben 23 Chromosomenpaare, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans 24. Wenn wir gemeinsame Vorfahren haben, muss irgendwo ein Paar verschwunden sein – und es ist gefunden: Das menschliche Chromosom 2 trägt in seiner Mitte die Überreste zweier Chromosomenenden, die miteinander verschmolzen sind, und ein zweites, stillgelegtes Zentromer (Ijdo et al., PNAS 1991). Dazu kommen defekte Gene, die wir mit anderen Primaten an exakt denselben Stellen teilen, etwa das Gen zur Herstellung von Vitamin C, und Tausende Einbauten uralter Retroviren im Erbgut, die ebenfalls an denselben Positionen sitzen. Ein Schöpfer, der seine Geschöpfe getrennt „nach ihrer Art“ erschaffen hat, hätte ihnen dieselben Fehler an dieselben Stellen kopiert. Man kann das glauben. Erklären tut es nichts.
Der zweite Fehlschluss: von der Lücke zum Bibelgott
Nehmen wir für einen Moment an, das alles gäbe es nicht. Die Fossilüberlieferung wäre tatsächlich ein Scherbenhaufen, die Genetik schwiege. Was folgte daraus?
Zunächst nur, dass eine Theorie ein Problem hätte. Eine Theorie, die Probleme hat, wird verbessert oder durch eine bessere ersetzt. Aus „Die Erklärung A ist unvollständig“ folgt nicht „Also stimmt Erklärung B“. Das ist ein falsches Dilemma, und es wird durch eine zweite Unterstellung gestützt: dass es überhaupt nur zwei Möglichkeiten gebe, Darwin oder Genesis. Es gibt beliebig viele Schöpfungsmythen, von Brahma bis zum Weltenei. Warum sollte die Schwäche einer biologischen Theorie ausgerechnet für das erste Buch Mose sprechen und nicht für den babylonischen Marduk?
Hinzu kommt, dass die Bibel selbst sich nicht einig ist, wie die Schöpfung ablief. In 1. Mose 1 entstehen erst die Pflanzen, dann die Tiere, zuletzt Mann und Frau gemeinsam. In 1. Mose 2 wird zuerst der Mann gebildet, dann wachsen die Pflanzen im Garten, dann werden die Tiere geschaffen, damit er nicht allein ist, und zuletzt die Frau aus seiner Rippe. Wer die Evolution wegen angeblicher Lücken verwirft, muss erklären, welche der beiden biblischen Reihenfolgen er stattdessen für belegt hält.
Vor allem aber ist eine Lücke kein Beleg. Die Schöpfungslehre hätte ihre eigenen, positiven Vorhersagen zu liefern: Fossilien, die in der falschen Schicht liegen, ein Kaninchen im Präkambrium, Arten ohne jede genetische Verwandtschaft. Nichts davon gibt es. Was bleibt, ist der Lückenbüßer-Gott: ein Gott, der dort wohnt, wo das Wissen gerade aufhört, und der mit jeder neuen Entdeckung umziehen muss. Im Fall der Übergangsformen ist er seit 1861 ziemlich oft umgezogen.
Kein Randthema – auch nicht in Hessen
Man könnte das für eine amerikanische Folklore halten. Aber 2007 schlug die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU), eine frühere Religionslehrerin, vor, die biblische Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht zu behandeln, und sprach von einer „erstaunlichen Übereinstimmung“ zwischen der Sieben-Tage-Erzählung und der wissenschaftlichen Theorie. Mit Kreationismus habe sie „überhaupt nichts am Hut“. Im selben Jahr sah sich die Parlamentarische Versammlung des Europarats veranlasst, eine eigene Resolution über „Die Gefahren des Kreationismus in der Bildung“ zu verabschieden. Die Missing-Link-Frage ist dabei regelmäßig der Türöffner: Sie klingt nach berechtigter Skepsis, und wer sie nicht beantworten kann, hält sie für unbeantwortbar.
Fazit
Der Missing-Link-Gottesbeweis scheitert zweimal. Empirisch, weil die Übergangsformen, die es angeblich nicht gibt, in Museen ausgestellt sind, zum Teil sogar vorhergesagt wurden und durch die Genetik unabhängig bestätigt werden. Logisch, weil selbst eine echte Lücke keinen Schöpfer beweisen würde, und schon gar nicht den einen, dessen Buch zwei unterschiedliche Schöpfungsreihenfolgen enthält.
Die säkular-humanistische Alternative ist dabei keine Gegenbehauptung, sondern eine Haltung: Wo das Wissen aufhört, sagt man „wir wissen es noch nicht“ und sucht weiter – so wie Neil Shubins Team über mehrere Expeditionssommer in der Arktis gesucht hat. Diese Haltung hat einen Vorteil, den der Lückenbüßer-Gott nie hatte: Sie wird mit jeder Entdeckung stärker statt schwächer. Und sie bietet ein Bild, das mindestens so erstaunlich ist wie jede Schöpfungsgeschichte: dass wir mit jedem Lebewesen auf diesem Planeten verwandt sind, und dass sich das in unseren Knochen und in unseren Genen nachlesen lässt.














Klasse! Da hat man die wichtigsten Antworten auf die kreationistischen Scheinargumente direkt beieinander, sodass man es direkt verlinken kann. Die nächste Foren-Schlacht kann kommen! 🙂