Darum geht es
Pastor Henning Kiene gesteht ein, dass Beten bei einem allwissenden Gott logisch überflüssig wäre, und widerlegt diese eigene Einsicht anschließend nur mit einer hinkenden Analogie statt mit einem Argument.Auf fragen.evangelisch.de beantwortet Pastor Henning Kiene die Frage von Annegret Pelka, warum man überhaupt noch beten solle, wenn Gott ohnehin alles im Voraus weiß. Kiene räumt die Prämisse der Frage zunächst ausdrücklich ein, um sie anschließend mit einer Analogie zur zwischenmenschlichen Kommunikation zu entkräften.
Die Frage
Annegret Pelka formuliert ihre Frage so: „Wenn unser Vater schon genau weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten, warum muss ich ihn dann überhaupt noch beten?“
Gefragt ist damit, welchen Sinn eine Bitte an ein Wesen haben soll, dem gegenüber sie überflüssig ist, weil es den Bedarf bereits kennt – eine klassische Spannung zwischen der postulierten Allwissenheit Gottes und der religiösen Praxis des Bittgebets.
Die Antwort
Henning Kiene bestätigt die Logik der Frage, bevor er sie relativiert: „Tatsächlich wäre die Antwort korrekt: Du musst nicht mehr beten, dein Vater weiß, bevor du es sagst, was du brauchst.“ Er vergleicht das Verhältnis zu Gott mit vertrauten zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen manches wortlos verstanden werde, und schreibt: „Im Gebet trage ich Gott vor, was der schon viel besser weiß.“ Trotzdem brauche auch das Selbstverständliche Worte, „damit die Atmosphäre voller Vertrauen sich aufbaut und erhalten bleibt“. Kiene verweist zudem auf den größeren Kontext der Bergpredigt (Matthäus 6,5-15), aus der der zitierte Gedanke stamme, sowie auf das Vaterunser als knappste Zusammenfassung dessen, was ein Mensch zum Leben brauche.
Die Kritik
Die Antwort widerlegt die eigene Zustimmung, ohne die Widerlegung zu begründen. Kiene bestätigt zunächst explizit, dass die Schlussfolgerung der Fragestellerin korrekt wäre – Beten sei bei einem allwissenden Gegenüber logisch überflüssig. Anschließend kehrt er die Konklusion einfach um, ohne den logischen Bruch zu erklären. Ein „trotzdem“ ersetzt hier ein Argument.
Die zentrale Analogie hinkt an der entscheidenden Stelle. Kiene vergleicht das Gebet mit wortloser Verständigung zwischen vertrauten Menschen. Menschliche Vertrautheit beruht aber gerade darauf, dass keiner der Partner wirklich alles über den anderen weiß – Worte bleiben notwendig, weil das Wissen begrenzt ist. Bei einem als allwissend vorausgesetzten Gott entfällt exakt diese Bedingung, auf der die Analogie beruht.
Der Verweis auf die „Beziehung“ setzt voraus, was erst zu zeigen wäre. Dass das Gebet den Status der Beziehung zu Gott kläre, unterstellt bereits eine reale, wechselseitige Beziehung zu einem existierenden Gesprächspartner. Genau diese Existenz und Wechselseitigkeit steht zur Debatte und wird durch die Antwort nicht gestützt, sondern stillschweigend vorausgesetzt.
Der Bibelverweis beantwortet die Frage nicht, er vertagt sie. Der Hinweis auf die Bergpredigt und das Vaterunser erklärt, in welchem Kontext ein Vers steht – er erklärt nicht, warum ein allwissendes Wesen auf ausgesprochene Bitten angewiesen sein soll. Ein Textverweis ersetzt hier die inhaltliche Begründung.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Die ehrliche Antwort auf Annegret Pelkas Frage lautet: Wenn niemand zuhört, der vorher schon alles wusste, dann ändert das Aussprechen einer Bitte nichts an der Welt außerhalb des eigenen Kopfes. Insofern hatte ihre Vermutung recht. Das bedeutet aber nicht, dass das Formulieren von Bedürfnissen wertlos wäre.
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(öffnet in neuem Tab)Psychologisch ist gut belegt, dass das Aussprechen oder Aufschreiben von Sorgen und Wünschen beim Formulieren selbst hilft: Vages wird konkret, Prioritäten werden sichtbar, Gefühle lassen sich benennen. Diese Funktion braucht kein göttliches Gegenüber – ein Tagebuch, ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder auch nur das laute Nachdenken für sich leisten dasselbe.
Was Kiene als „Atmosphäre voller Vertrauen“ beschreibt, lässt sich säkular als Ritual verstehen: wiederkehrende Formen, die Halt geben, weil sie vertraut sind, nicht weil sie einen unsichtbaren Empfänger erreichen. Wer diesen Halt sucht, kann ihn in Meditation, in festen Gesprächsritualen mit anderen Menschen oder in einer regelmäßigen Reflexionspraxis finden – ohne die Voraussetzung, dass am anderen Ende jemand zuhört, der es ohnehin schon wusste.
Der entscheidende Unterschied zur religiösen Praxis ist die Ehrlichkeit über die Adressierung: Wer mit sich selbst spricht, um Klarheit zu gewinnen, muss diesem Prozess keinen Empfänger unterstellen, den es nicht nachweisbar gibt. Das macht die Übung nicht wertloser, sondern nur redlicher.
Quelle
„Warum beten, wenn Gott doch schon alles weiß?“, Antwort von Henning Kiene auf fragen.evangelisch.de














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